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Produktpiraterie abwehren mit der PPC-Matrix
 
Günther Schuh; Christoph Haag; Jennifer Kreysa
 

Produkt- und Markenpiraterie belastet die deutsche Wirtschaft immer stärker und verursacht erhebliche Umsatzeinbußen. Zur Abwehr hat sich ein neuer, TRIZ-basierter Ansatz entwickelt: die Product Piracy Conflict Matrix. Sie hilft Unternehmen, effektive Schutzkonzepte zu identifizieren und umzusetzen.


In diesem Beitrag erfahren Sie:

  • warum Produktpiraterie ein immer dringlicheres Problem für Unternehmen ist,
  • wie die Product Piracy Conflict Matrix (PPC-Matrix) aufgebaut ist,
  • wie Unternehmen die PPC-Matrix zur Abwehr von Produktpiraterie anwenden können.

 

Produktpiraterie eine neue Herausforderung für Unternehmen

In den letzten Jahren hat das Problem der Produkt- und Markenpiraterie stark an Bedeutung gewonnen und sich zu einem weltweiten Massenphänomen entwickelt [1] [2] [3]. Laut einer Studie der OECD überschreitet das jährliche Geschäftsvolumen mit imitierten Waren schon heute mehrere hundert Milliarden Euro. Die betroffenen Unternehmen leiden nicht nur unter Umsatzeinbußen: Auch sinkende Produktpreise, Verluste bei Lizenzeinnahmen, schwindende Markenwerte und Firmenreputationen sind direkte Folgen dieses Problems. Und nicht zuletzt müssen Unternehmen nicht unerheblichen Aufwand betreiben, um sich gegen Imitationsfälle zu wehren [4].

Neue Ansätze zur Abwehr von Produktpiraterie

Unternehmen stellen sich zunehmend der neuen Herausforderung und ergreifen geeignete Gegenmaßnahmen. Über gewerbliche Schutzrechte hinaus reagieren Firmen mehr und mehr auch mit organisatorischen und produktnahen Aktivitäten [5] [6]. Dieser Trend wird durch eine Studie des Fraunhofer-Instituts für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik IPK bestätigt, die besagt, dass Unternehmen den nicht-rechtlichen, also strategischen und technischen Maßnahmen, die größte Erfolgswahrscheinlichkeit im Kampf gegen Produktpiraterie beimessen [7]. Dennoch wird das Potenzial solcher Ansätze bisher nur zu einem geringen Teil ausgeschöpft. Dies ist in der Praxis in erster Linie auf fehlende Kenntnisse in Bezug auf die Leistungsfähigkeit, die spezifischen Vorteile sowie die systematische Anwendung solcher Ansätze zurückzuführen [7].

Durch Neemann [6] wurde ein neuer, ganzheitlicher Ansatz zum produktnahen Schutz vor Imitationen vorgestellt. Die Methodik basiert auf einem Set an technischen, organisatorischen, strategischen und rechtlichen Schutzmaßnahmen. Die einzelnen Maßnahmen werden anhand eines Kriterienkataloges bewertet und schließlich ausgewählt. Die Arbeit von Neemann stellt einen sehr umfangreichen Ansatz innerhalb der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Produktpiraterie dar, der betroffenen Unternehmen eine praxisgerechte Orientierung insbesondere bezogen auf die Maßnahmenauswahl bietet. Darüber hinaus haben auch Arbeiten anderer deutscher und internationaler Autoren zur Erschließung des Themas beigetragen siehe zum Beispiel [8], [9], [10], [11], [12], [13].

Aktueller Handlungsbedarf

Sobald Unternehmen vor der Aufgabe stehen, eine konkrete Maßnahme für die Umsetzung im eigenen Unternehmen auszuwählen, sehen sie sich häufig mit einem scheinbar unüberwindbaren Konflikt konfrontiert: Einerseits wird ein möglichst effektiver Schutz für Produkte und Marken angestrebt. Aber andererseits sind viele Firmen oft nur ungern bereit, zu diesem Zweck drastische Veränderungen an ihren Produkten oder Wertschöpfungsketten zuzulassen. Beispielsweise ist es aus Unternehmenssicht in der Regel inakzeptabel, wenn eine Schutzfunktion die eigentliche Produktfunktion einschränkt. In anderen Fällen sprechen etwa finanzielle Gründe, Service-Anforderungen oder auch gesetzliche Bestimmungen gegen die Eignung einer prinzipiell angemessenen Maßnahme. Bei dem Versuch, leistungsfähige Schutzmaßnahmen gegen Produkt- und Markenpiraterie umzusetzen, finden sich Unternehmen daher häufig in einer »Sackgasse« wieder.

Um solche Konfliktsituation von vornherein zu vermeiden, brauchen Unternehmen methodische Unterstützung bei der Suche nach geeigneten Maßnahmen, die ihre Wertschöpfungsprozesse nicht auf negative Weise beeinflussen. Gemäß dieser Forderung wird im Folgenden die so genannte Product Piracy Conflict Matrix PPC-Matrix vorgestellt. Basierend auf den Vorarbeiten von Neemann sowie auf branchenübergreifenden Erfahrungen bei der Beratung von Unternehmen im Kampf gegen Produkt- und Markenpiraterie, hat das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie IPT die PPC-Matrix als neuen Ansatz zur systematischen Suche nach Schutzlösungen entwickelt.

Vorstellung der PPC-Matrix

Mit der PPC-Matrix wurde ein methodischer Leitfaden für Unternehmen geschaffen, um die richtigen Schutzmaßnahmen gegen Produkt- und Markenpiraterie auszuwählen. Besondere Berücksichtigung erfahren dabei die unternehmensspezifischen Randbedingungen, die durch die Wertschöpfungsprozesse gesetzt sind und die durch die Umsetzung von Schutzmechanismen nicht beeinträchtigt werden dürfen.

Die Methodik richtet sich primär an Entwicklungsingenieure und Innovationsmanager von betroffenen oder gefährdeten Unternehmen. Eine besondere Eignung ist dann gegeben, wenn eine effektive Schutzstrategie für Produkte gesucht wird, aber noch keine feste Vorstellung darüber besteht, welche Stellhebel und Handlungsoptionen dafür grundsätzlich in Frage kommen. Die Methodik ist jedoch auch für Experten geeignet, die bereits Erfahrungen in diesem Thema gesammelt haben und ihr Wissen vertiefen beziehungsweise eine bereits getroffene Auswahl an Schutzmaßnahmen überprüfen wollen.

Die TRIZ-Widerspruchsmatrix als methodischer Rahmen

Das der PPC-Matrix zugrunde liegende Konzept wurde abgeleitet von der so genannten Widerspruchsmatrix, die als etabliertes TRIZ-Werkzeug schon breite Anwendung bei der Suche nach technischen Problemlösungen gefunden hat zur Beschreibung der methodischen Grundlagen siehe [14] [15], zur Anwendungsbeschreibung siehe [16] [17] [18], für die überarbeitete Fassung siehe [19]. Es werden technische Problemstellungen als technische oder physikalische Widersprüche formuliert, für die systematisch, also unter Nutzung von innovativen Prinzipien, nach Lösungen gesucht wird. Ein technischer Widerspruch existiert immer dann, wenn die Verbesserung eines Parameters »A« eines technischen Systems mit einer Verschlechterung eines anderen Parameters »B« einhergeht. Hingegen liegt ein physikalischer Widerspruch vor, wenn ein Aspekt eines Produktes oder einer Dienstleistung zeitgleich zwei unterschiedliche Zustände annehmen muss. Die Grundvoraussetzung zur Anwendung der Widerspruchsmatrix besteht folglich darin, ein gegebenes Problem auf einen technischen oder physikalischen Widerspruch zurückführen zu können [20]. Dies erfolgt dadurch, indem der dem Problem entsprechende Widerspruch innerhalb einer anhand von 39 Parametern aufgespannten Widerspruchsmatrix klassifiziert wird. Jedem Widerspruch ist eine begrenzte Anzahl an innovativen Prinzipien zugeordnet, die sich in der Vergangenheit als effektive Lösungshilfen zur Aufhebung des betrachteten Widerspruchs herausgestellt haben. Insgesamt liegen der Matrix vierzig solcher Prinzipien zugrunde. So betrachtet ist die Widerspruchsmatrix als eine umfangreiche Zusammenstellung von Expertenwissen bezogen auf die Anwendung von innovativen Prinzipien zur Lösung technischer Probleme.

In gewissen Fällen lässt sich die Widerspruchsmatrix auch unmittelbar zur Lösung von Problemen im Kontext der Produkt- und Markenpiraterie anwenden. Untersuchungen des Fraunhofer IPT haben jedoch gezeigt, dass ihre direkte Anwendbarkeit in diesem Problemfeld limitiert ist. Dies ist vornehmlich auf zwei Gründe zurückzuführen:

  • Anwendern gelingt es häufig nicht, Problemstellungen innerhalb dieses speziellen Kontexts als rein technische oder physikalische Widersprüche zu formulieren. Eine problemspezifischere Herangehensweise ist erforderlich.
  • Mögliche Schutzlösungen beschränken sich nicht nur auf technische Prinzipien. Daher ist der Lösungsraum, der durch die 40 innovativen Prinzipien aufgespannt wird, zu eingeschränkt.

In der Gesamtschau können die eingangs beschriebenen Konflikte, die sich bei der praktischen Umsetzung von Schutzmaßnahmen ergeben, als physikalischer Widerspruch betrachtet werden: Einerseits werden Mechanismen verlangt, die eine Verhinderung von Produkt- und Markenpiraterie bewirken sollen, andererseits sind die Entscheidungsträger nicht willens, negative Modifikationen innerhalb der Wertschöpfungskette oder der Produktgestaltung in Kauf zu nehmen. In vielen Workshops, die das Fraunhofer IPT mit Unternehmen unterschiedlicher Branchen durchgeführt hat, zeigte sich dieser Konflikt als wesentlicher, einschränkender Faktor, der einer Umsetzung von Maßnahmen im Wege stand. Die Idee einer problemspezifischen Widerspruchsanalyse entstand aus dieser Erkenntnis.

Die Analogie zwischen der TRIZ-Widerspruchsmatrix und der PPC-Matrix

Der grundlegenden Idee des TRIZ-Ansatzes folgend wurde die PPC-Matrix entwickelt, um konkrete Problemstellungen zu abstrahieren und um somit Standardlösungsprinzipien zuordnen zu können.

Abb. 1:

Konzept der PPC-Matrix

In den Zeilen der PPC-Matrix sind Stellparameter aufgelistet, deren Modifikation einen Schutz vor Produkt- und Markenpiraterie bewirken kann. Die Spalten werden durch eine Aufzählung an reaktiven Parameter gebildet, die durch die Modifikation der Stellparameter beeinflusst werden können Abb. 1.

Die zentralen Analogien zwischen Widerspruchsmatrix und PPC-Matrix lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Konflikte zwischen Stellparametern und reaktiven Parametern werden an den Schnittstellen innerhalb der Matrix definiert.

[Die Leseprobe endet hier]
PDFProduktpiraterie abwehren mit der PPC-Matrix
20 S. € 10,00

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Prof. Dr. Günther Schuh

Univ.-Prof. Dr.-Ing. Dipl.-Wirt. Ing. Günther Schuh wurde 1958 in Köln geboren. 1978 bis 1985 studierte er Maschinenbau und Betriebswirtschaftslehre an der RWTH Aachen. Er promovierte 1988 nach einer Assistentenzeit am WZL bei Prof. Eversheim, wo er bis 1990 als Oberingenieur tätig war. Von 1990 an war er vollamtlicher Dozent für Fertigungswirtschaft und Industriebetriebslehre an der Universität St. Gallen (HSG). 1993 wurde er dort Professor für betriebswirtschaftliches Produktionsmanagement und zugleich Mitglied des Direktoriums am Institut für Technologiemanagement. Im September 2002 übernahm er - als Nachfolger von Prof. Walter Eversheim - den Lehrstuhl für Produktionssystematik der RWTH Aachen und wurde gleichzeitig Mitglied des Direktoriums des Werkzeugmaschinenlabors (WZL) der RWTH Aachen und des Fraunhofer IPT in Aachen. Seit Oktober 2004 ist er ebenfalls Direktor des Forschungsinstituts für Rationalisierung e.V. (FIR) an der RWTH Aachen; seit 09/2008 Prorektor für Wirtschaft und Industrie an der RWTH Aachen. Er ist in mehreren Aufsichts- und Verwaltungsräten tätig.
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Dipl.-Wirt.-Ing. Christoph Haag

Christoph Haag studierte Wirtschaftsingenieurwesen mit der Ausrichtung Maschinenbau an der Universität Paderborn. Seit November 2005 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Technologiemanagement am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie IPT. Seit Oktober 2008 leitet er dort die Gruppe Technologieeinkauf. Im Rahmen seiner Forschungs- und Beratungstätigkeit beschäftigt er sich neben dem Produkt- und Technologieschutz auch mit der Technologie- und Unternehmensbewertung und mit dem Einkaufsmanagement.
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Dipl.-Ing. Jennifer Kreysa

Jennifer Kreysa studierte Maschinenbau mit der Ausrichtung Fertigungstechnik an der RWTH Aachen. Seit Januar 2007 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung Technologiemanagement am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie IPT. Im Rahmen ihrer Forschungs- und Beratungstätigkeit beschäftigt sie sich neben dem Produkt- und Technologieschutz auch mit dem technologieorientierten Einkaufsmanagement.
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