Structured Inventive Thinking (SIT) ist eine
auf TRIZ basierende Methode zur Entwicklung erfinderischer Konzeptlösungen
für technische Probleme. Die Autoren schildern hier ihre Erfahrungen während
der Schulung, Anwendung und Weiterentwicklung von SIT bei der Ford Motor
Company.
In diesem Beitrag erfahren Sie:
n wie man mit SIT Innovationen im
industriellen Umfeld fördern kann,
n wie SIT funktioniert und wie die Autoren
die Methode für ihr Unternehmen modifizierten,
n wie SIT bei Ford auf Expertenebene und in
anderen Bereichen eingesetzt wird.
Einführung
Konträr zu der häufig vermuteten Auffassung
sind bahnbrechende Erfindungen im industriellen Umfeld nicht immer direkt
gewünscht oder geeignet. Diese Wahrheit findet sich in vielen
Fallbeispielen wieder, in denen eine bestehende Technologie durch eine neue
ersetzt wurde, zum Beispiel Transistoren, Lasertechnologie etc. Sicherlich
ist es klar, dass langfristig nur dieser Typ von Erfindungen dem technischen
Fortschritt dient. Allerdings ist es ebenso offensichtlich, dass eine
erfolgreich eingeführte Technologie nicht direkt in dem Moment verworfen
werden kann, wenn eine neue vielversprechende Idee entwickelt wurde.
Bahnbrechende Erfindungen sind in diesem Zusammenhang exakt »bahnbrechend«,
das heißt, sie beinhalten ein großes Risikopotenzial und können ein
Unternehmen je nach Erfolgslage zurück oder gar aus der Bahn werfen. Als
Ergebnis dieser Beobachtungen gibt es häufig gute Gründe, neue
Technologien nicht sofort zu vermarkten. Dies gilt insbesondere in der
Automobilindustrie, die technologisch gesehen in den letzten 100 Jahren
relativ moderat gereift ist. Das Produkt (Automobil) erfordert eine sehr
hohe unternehmerische Verantwortung bezüglich des eingesetzten Kapitals
(Kosten) und den Kundenversprechen innerhalb des sehr langen
Nutzungszeitraums (Qualität). Ein neues Waschmittel oder auch ein neues
elektronisches Spielzeug kann beispielsweise sehr schnell abgeändert oder
wieder vom Markt genommen werden, ohne das gravierende Konsequenzen zu
erwarten sind. Vergleichen wir dies allerdings mit einem Automobil, in das
der Kunde mehrere zehntausend Euro investiert, das Jahrzehnte zuverlässig
seine Funktion erfüllen soll und das hilft, die Sicherheit des Fahrers und
seiner Familie zu gewährleisten, so ist die Sache eindeutig anders
gelagert. Es gibt also ein gewisses Maß an geschäftlichen Hintergründen,
warum Automobilunternehmen häufig nicht in jede Technologie investieren
das kalkulierbare Risiko und die Gewinnerwartungen müssen in jedem Fall im
Auge behalten werden. Als jüngstes Beispiel lässt sich hier die
Brennstoffzellentechnologie nennen. Diese für den Automobilsektor »bahnbrechende«
Technologie hat durchaus das Potenzial, die gesamte Industrie zu
transformieren, doch selbst wenn innerhalb des Automobils die technischen
Probleme gelöst wären und signifikante Kostenreduzierungen einfließen würden,
bestünde nach wie vor Unklarheit, wie in der heutigen Infrastruktur der
Wasserstoff ökologisch sinnvoll hergestellt, gespeichert und verteilt
werden soll. Obwohl unser und andere Unternehmen an diesem Problem arbeiten,
werden in der Zwischenzeit noch zahlreiche klassische Verbesserungen bis hin
zu Hybrid-Systemen eingeführt, um die Verbrennungskraftmaschine
hinsichtlich ihrer Effizienz zu optimieren.
Welchen Trainingskurs sollte ein Mitarbeiter
besuchen, um im industriellen Umfeld an bestehenden Produkten und Prozessen
Verbesserungen zu gestalten? In diesem Beitrag soll die Arbeit der letzten
Jahre mit der SIT-Methode zum strukturiert-erfinderischen Denken (Structured
Inventive Thinking) dargestellt werden. SIT wurde 1995 durch unseren
ehemaligen Kollegen Dr. Ed Sickafus innerhalb der Ford Motor Company eingeführt.
Ed Sickafus hat bis zu seinem Ruhestand und darüber hinaus die Methode
permanent weiterentwickelt und seine SIT-Variation Unified Structured
Inventive Thinking (USIT) genannt [3]. Zurzeit gibt es verschiedene
SIT-Variationen. Die ursprüngliche Methode wurde, wie später erläutert,
Systematic Inventive Thinking genannt. Einer der Originalentwickler (Roni
Horowitz) nennt seine Methode Advanced Structured Inventive Thinking (ASIT).
Die Ford-Version nennt sich Structured Inventive Thinking (ebenfalls SIT).
Im weiteren Verlauf des Beitrags werden wir die Bezeichnung SIT generell für
alle diese Methoden verwenden, es sei denn, es wird speziell darauf
hingewiesen, um die feinen Unterschiede herauszustellen.
Zusammen haben wir einen weltweiten SIT-Kurs
entwickelt und tausende unserer Ingenieure und Wissenschaftler trainiert.
Ebenfalls wurde ein Team von Experten gebildet, das in den letzten Jahren
mit diversen Gruppen Produkt- und Fertigungsprobleme gelöst hat.
Unser Gefühl zu Beginn wurde später durch
Erfahrungen bestätigt: Die Methode sollte schnell und effizient erlernt
werden können und kein Experten-Know-how bezüglich der Anwendung
erfordern. Der erste Kurs innerhalb des Unternehmens Ford (gehalten durch
Roni Horowitz) dauerte fünf Tage. Die Kursdauer wurde von uns auf drei Tage
reduziert und häufig ist es für die teilnehmenden Ingenieure immer noch
schwierig, das Training im knappen Zeitplan unterzubringen. Im weiteren
Verlauf möchten wir auf den folgenden Seiten unsere Motivation für den
SIT-Ansatz und eine kurze Beschreibung der Methode mit Blick auf unsere
Adaptionen und Beobachtungen innerhalb der Ford Motor Company darstellen.
Motivation für den SIT-Ansatz
Die ursprüngliche Methode des Systematic
Inventive Thinking wurde von Genadi Filkovsky, Roni Horowitz, Jacob
Goldenberg und anderen an der Open University of Israel entwickelt [2]. Sie
basiert auf TRIZ und besitzt zwei Eigenschaften, die unserer Meinung nach
besonders für ein Industrieunternehmen wie die Ford Motor Company relevant
sind:
-
Die Methode ist für den
Anfänger nicht so komplex wie TRIZ, beispielsweise gibt es statt der 40+
nur ein Zehntel der Prinzipien (vier Grundprinzipien). Dadurch kann die
Methode schneller verstanden und demzufolge auch erlernt werden. Die Zeit für
das Erlernen ist für den Ingenieur von entscheidender Bedeutung, wenn er in
erster Linie nicht ein Voll-Profi auf dem Gebiet der Problemlösungstechniken
werden möchte. Aus Sicht des Anwenders steht ein einfaches Werkzeug, das
ihn bei der Suche nach kurzfristigen Lösungsideen unterstützt, im
Vordergrund.
-
Ein weiterer Vorteil ist
die Unterscheidung von separaten Lösungswegen für zwei unterschiedliche
Arten von Problemen. Ein Typ befasst sich ausschließlich mit der Lösung
von neuen Problemstellungen. Entweder es wurde bisher noch keine Lösung
gefunden oder höchstwahrscheinlich wurden Lösungsvorschläge
gemacht und entschieden, sie nicht weiterzuverfolgen. In jedem Fall besteht
aber bei diesem Typ von Problemstellung noch kein technologisches Konzept.
Die zu Beginn des Beitrags erwähnten bahnbrechenden Erfindungen fallen in
diese Kategorie. Der zweite und häufige Typ, den die SIT-Methode separat
adressiert, liegt immer dann vor, wenn eine technische Lösung für ein
Problem bereits existiert, allerdings in diesem Zusammenhang gravierende
Nachteile auftreten. Wie man erwarten kann, ist dieser Problemtyp in den
meisten etablierten Industriezweigen der Anwendungsfall.
Im SIT-Ansatz ist es gerade der Umgang mit
dem zweiten Typ von Problemstellungen, der sich am stärksten vom
klassischen TRIZ-Ansatz unterscheidet und unserer Meinung nach am
geeignetsten für unser Anwendungsspektrum ist. Wie bereits zu Beginn erwähnt
gibt es häufig berechtigte Gründe, eine Technologie mit Blick auf die
Kosten und Risiken einer neuen Technologie beizubehalten. Eine grundlegende
Prämisse innerhalb von SIT ist es, dass eine bessere Lösung nicht
notwendigerweise eine neue Technologie erfordert, um als »kreativ«
bezeichnet zu werden. Die Methode der geschlossenen Welt (Closed World) wird
für diese Art von Problemen genutzt und sucht nach Lösungen die:
-
das ursprüngliche
technologische Konzept beibehalten und
-
keine neuen Objekte einführen,
aber stattdessen existierende Objekte innerhalb der »geschlossenen Welt«
nutzen.
Bevor wir tiefer in die Thematik einsteigen,
sollte eine kurze Klärung der verwendeten Terminologie erfolgen.
Mit dem technologischen Konzept ist das
fundamentale Konzept gemeint, auf dem die Lösung basiert. Zum Beispiel
besteht das technologische Konzept einer gewöhnlichen Glühlampe in einem
hitzeresistenten Heizdraht, der mit elektrischem Strom auf eine ausreichend
hohe Temperatur gebracht wird, um Licht im sichtbaren Bereich abzustrahlen.
Die Einführung der Quarz-Halogenlampe, die heute in den Scheinwerfern der
Fahrzeuge verbaut wird, ist gegenüber der konventionellen Glühlampe eine Lösung,
die auf dem gleichen technologischen Konzept basiert. Die Verwendung von
Gasentladungslampen ist in dieser Definition eine Lösung, die auf einem
anderen technologischen Konzept basiert.
Die geschlossene Welt (Closed World) besteht
aus allen Objekten, die dem Problemlöser ohne die Einführung neuer Objekte
zur Verfügung stehen. Diese Objekte sind
-
Objekte, die in der
bestehenden Lösung existent sind,
-
Objekte von anderen
naheliegenden Systemen (Nachbarsystemen), zum Beispiel kann das Kühlsystem
des Verbrennungsmotors genutzt werden, um die elektronischen Baugruppen in
Hybrid-Fahrzeugen zu kühlen,
-
Objekte in der
Umgebung/Umwelt, zum Beispiel die Strömung der umgebenden Luft kann als
Alternative zur Kühlung der Elektronik dienen.
Als Beispiel für die erfolgreiche
Entwicklung einer genialen Lösung unter extrem abgeschlossenen Bedingungen
lässt sich die Entwicklung des Luftaufbereitungssystems durch die
Boden-Crew während der Apollo-13-Mission nennen. Als während der Mission
die Luftaufbereitung an Bord des Raumschiffs versagte, entwickelte die
Boden-Crew mit Duplikaten aus der geschlossenen Welt sehr schnell eine
effektive Lösung, die glücklicherweise durch den erfolgreichen Abschluss
der Mission bestätigt wurde.
Wir sind der Auffassung, dass der Schwerpunkt
der SIT-Ausrichtung mit Hinblick auf eine geringe technologische Änderung
wichtig ist, um Lösungen zu entwickeln, die ein Minimum an Kosten und Zeit
erfordern.
Alternativen zu einem Trainingskurs in
Problemlösungstechniken sind die zahlreichen auf TRIZ basierenden
kommerziell verfügbaren Softwarepakete. Unserer Meinung nach kann eine
Softwareunterstützung eine nützliche Ergänzung zu SIT- oder TRIZ sein,
aber kein Ersatz für das fundamentale Verständnis der Methode. Ein
Vorteil, der immer wieder zur Diskussion steht, ist die Wissensbasis, die in
den Softwarepaketen implementiert wurde. Zusammengetragen aus einem weiten
Spektrum von Technologiefeldern werden Lösungen inspiriert, die vielleicht
außerhalb der Expertise des Anwenders liegen. Dies ist zweifelsfrei richtig
und kann zu genialen Lösungskonzepten führen. Mit Blick auf die
kurzfristig »beste« Lösung (das heißt die mit der höchsten
Wahrscheinlichkeit der Einführung) ist es häufig jedoch sinnvoll, die
bestehende Technologie so wenig wie möglich zu ändern. Unsere Erfahrung
zeigt, dass in den meisten Fällen die Ingenieure bereits über das
notwendige Wissen verfügen oder es kurzfristig verfügbar machen können.
Die wahre Herausforderung ist es, dieses Wissen in einer kreativen Art und
Weise zu nutzen.
Das Entscheidungskriterium für den Einsatz
von SIT oder jede andere Problemlösungsmethode muss in der abschließenden
Analyse bezüglich der Effizienz liegen. Keine Problemlösungsmethode kann
eine Lösung finden, die langfristig nicht auch durch eine andere Technik
gefunden werden könnte. Teilnehmer in unseren Trainingskursen bringen
manchmal zu Übungszwecken Problemstellungen mit, die seit langem ungelöst
sind und zum Teil seit Ursprung des Automobils bestehen. Es wird erwartet,
dass nach einer einstündigen Übung mittels SIT die bahnbrechende Erfindung
gemacht wird, die alle bisherigen Lösungsversuche in den Schatten stellt.
Nach einer kurzen Phase der Desillusion wird dann sehr schnell festgestellt,
dass Lösungen, die andere in vielen Monaten und Jahren gefunden haben,
mittels SIT in wenigen Stunden gefunden werden.
Die Methode der geschlossenen Welt
Unser Ziel ist es nicht, in diesem Beitrag
eine Trainingsanleitung zum Erlernen der Methode zu geben. Veröffentlichungen
und Bücher sind zu diesem Thema erschienen, auf die wir den interessierten
Leser gerne verweisen möchten [1; 3]. Vielmehr ist es unser Anliegen, die
verschiedenen Schritte im generellen Kontext zu diskutieren und besonders
die Änderungen und Adaption der Struktur als Ergebnis der
Funktionsverbesserung im industriellen Umfeld zu beleuchten.
Verstehen des existierenden Systems
Die SIT-Methode kann in drei Hauptblöcke mit
jeweils unterschiedlicher Zielsetzung unterteilt werden. Der erste Block
beinhaltet die Schritte zur Informationssammlung, Objektauswahl und
Erstellung eines Modells der geschlossenen Welt. Die Zielsetzung liegt hier
auf dem sorgfältigen Verständnis des existierenden Systems, bevor man sich
mit der Lösungssuche beschäftigt.
Der erste Teilschritt (Informationssammlung)
ist selbstverständlich, vielleicht so selbstverständlich, dass er oft übersehen
wird. Das Hauptziel der Informationssammlung ist es, die Informationen so zu
verstehen, dass die Grundursache des Problems erklärt und das Problem in
ein bis zwei Sätzen beschrieben werden kann. So einfach, wie dies auf den
ersten Blick erscheint, ist es in der Praxis meistens nicht. Unseren
Erfahrungen nach handelt es sich hierbei um den kritischsten Schritt im
gesamten Problemlösungsprozess. In unseren Brainstorming-, SIT- und
TRIZ-Aktivitäten hat sich immer wieder gezeigt, dass als Ergebnis der
mangelnden Aufmerksamkeit bezüglich dieses Teilschritts das »wahre«
Problem erst sehr spät erkannt wurde. Auf der anderen Seite hat sich auch
gezeigt: Wenn dieser Schritt bewusst und sorgfältig durchgeführt wird,
werden die wahren Hintergründe zum Problem sehr effektiv und schnell
erkannt.