Das
innovative Unternehmen
Hrsg.: Barske, Gerybadze,
Hünninghausen, Sommerlatte
Digitale Fachbibliothek
auf CD-ROM
über 2.800 Seiten
ISBN 3-936608-39-3
EUR 196,04 (inkl. MwSt. und Versandkosten)
4 Ergänzungen jährlich
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196,04
Risiken bei der Erschließung neuer Zielgruppen
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Risiken bei der Erschließung neuer Zielgruppen Markus Koch, Marcus Schögel, Torsten Tomczak
»Ethnomarketing«, »Seniorenmarketing«, »Gaymarketing«.
Dies sind die prominentesten Themen, die die Relevanz neuer Zielgruppen für
das Marketing propagieren. Angesichts der wirtschaftlichen Attraktivität
solcher Zielgruppen gilt es jedoch, Wechselwirkungen zwischen diesen neuen
Segmenten und der Kernzielgruppe in der Marketingplanung zu berücksichtigen.
In diesem Beitrag erfahren Sie:
n warum die Aquisition neuer Zielgruppen
attraktiv sein kann, n
welche Wechselwirkungen durch die Aquisition neuer Zielgruppen auf die
Kernzielgruppe entstehen können, n
wie Minderheiten angesprochen werden können.
Marketingtrends
Derzeit stellen neue Zielgruppen
einen wesentlichen Bestandteil aktuell diskutierter Marketingtrends dar: »Ethnic
Minorities«, »Silver Generation«, »Generation Mobile«, »(Eve)olution«
oder »Gays«, um nur die bekanntesten zu nennen. Dieser Beitrag zeigt auf,
wieso die isolierte Betrachtung einer solchen Zielgruppe zu kurz greift. Vor
dem Hintergrund einer sich nachhaltig verändernden Gesellschaft mit einer
zunehmenden Vielfalt gilt es, frühzeitig die Fähigkeit zur Akquisition
neuer Zielgruppen aufzubauen. Hierfür grundlegend ist das Verständnis,
welche potenziellen Wechselwirkungen zwischen einer neu zu akquirierenden
Zielgruppe und der Kernzielgruppe auftreten und wie negative
Spill-Over-Effekte der Neuakquisition vermieden werden können.
Neue Zielgruppen im Visier
Die zahlreichen Publikationen,
die sowohl die Relevanz wie auch den professionellen Umgang mit neuen
Zielgruppen erörtern, kommen nicht von ungefähr. Angesichts hart umkämpfter
Märkte erscheint die Hinwendung zu neu entstehenden Zielgruppen als
probates Mittel, um die Wachstums- und Ertragsziele zu erfüllen. Während
in herkömmlichen Märkten ein zusätzlicher Kunde nur mit enormem
finanziellem Aufwand gewonnen werden kann, sind die Grenzkosten der
Kundenakquisition bei den neuen – oftmals noch im Wachstum begriffenen –
Zielgruppen ungleich kleiner. Hinzu kommt, dass sich die Unternehmen durch
ein frühzeitiges Besetzen dieser Segmente darin langfristig etablieren können.
Aufgrund dessen sind heute
zahlreiche Bestrebungen im Gang, die auf die Akquisition solcher neuen
Segmente abzielen. In Deutschland macht Mercedes-Benz durch seine
erfolgreiche Kundenakquisition innerhalb des deutschtürkischen Segments von
sich reden, und Ford wendet sich anlässlich des Christopher-Street-Days
2002 in Köln an die homosexuelle Zielgruppe. In den USA werben Anbieter
seit Jahren mit spezifischem Marketing für Hispanics, Asians, Blacks oder
Gays. So haben die Unternehmen in den Vereinigten Staaten allein im Jahr
2000 rund USD vier Milliarden für Minderheitenwerbung aufgewendet [9].
General Motors gründete jüngst ein so genanntes »Centre for Expertise on
Diversity«. Diese Organisationseinheit befasst sich ausschließlich mit
Marketing für Minderheiten und neue Zielgruppen [8].
Der US-Markt ist hinsichtlich der Akquisition so genannter neuer Zielgruppen
sicherlich in einer Vorreiterrolle.
Es darf hierbei jedoch nicht vernachlässigt werden, dass sich die
Bewirtschaftung solcher neuen Segmente in den USA alleine schon aufgrund der
Segmentgröße schneller lohnt als in Europa, geschweige denn in der
Schweiz. Doch ungeachtet der quantitativen Betrachtung dieser Segmente ist
die für das Aufkommen neuer Zielgruppen ursächliche soziodemografische
Dynamik in sämtlichen westlichen Industrienationen zu beobachten.
Soziodemografische Dynamik
Am meisten Aufmerksamkeit erhält
derzeit das Thema der Überalterung der Gesellschaft. Während sich viele
Regierungen Sorgen um die Sicherung der staatlichen Rentensysteme machen, müssen
sich auch die Unternehmen fragen, inwieweit sie von dieser nachhaltigen
demografischen Veränderung betroffen sind. Was dies beispielsweise für die
Automobilbranche bedeutet, illustrieren folgende Zahlen: Heute kommen in
Deutschland 40 60-Jährige und Ältere auf 100 Personen zwischen 20 und 59
Jahren, im Jahr 2050 etwa 80 [6, S. 15]. Dies würde bedeuten, dass 2050
rund 45 Prozent der potenziellen Kundschaft über 60 Jahre alt ist.
Eng mit der Überalterung verknüpft
ist das Thema Migration. Während bereits heute in den Industrienationen
namhafte relative und absolute Bevölkerungsanteile ausländischer Herkunft
leben, dürfte die Zuwanderung gerade vor dem Hintergrund der
fortschreitenden Überalterung mittel- bis langfristig nochmals zunehmen (Replacement
Migration).
Neben den demografischen Entwicklungstrends ist aber auch die zunehmende
Vielfalt an Lebensformen, Communities und Lifestyles evident.
Patchworkfamilien, homosexuelle Partnerschaften, aber auch die Auflösung
traditioneller Rollenbilder und die zunehmende Bedeutung der Frau in
Wirtschaft und Politik sind Ausdruck dieser Vielfalt. »Der
Heterogenisierung von Lebensstilen und dem Mix von Lebensstilen aus
heterogenen Elementen sind keine Grenzen gesetzt« [2, S. 59].
Zunahme der gelebten Vielfalt
Die Auflösung dieser Grenzen ist
konstitutiv für die Autonomie des Konsumenten und in der Folge für die
Existenz neuer Zielgruppen. Frei von gesellschaftlichen Zwängen steht das
Individuum derzeit einer Vielzahl an möglichen Lebensformen gegenüber, die
dieses heute – im Unterschied zu früher – demonstrativ ausleben kann.
Es findet eine Fragmentierung der Gesellschaft statt. Der Konsument
definiert sich selbst über die Zugehörigkeit zu verschiedenen Communities:
»The individual who has finally
managed to liberate them from
archaic or modern social links is embarking on a reverse movement to recompose
their social universe on the basis of an emotional free choice« [1, S. 300].
So definiert beispielsweise auch der Deutschtürke, in welcher Lebenssituation
er sich an der deutschen oder türkischen Community orientiert. Die
Zielgruppenvielfalt ist daher in zunehmendem Maße abhängig von den
Konsumenten und für den Anbieter immer weniger vorhersehbar.
Implikationen für das Marketing
Für das Marketing bedeuten die
dargelegten Entwicklungslinien, dass sich die »Segment-Landschaft« sowohl
hinsichtlich der Größe ihrer einzelnen Segmente wie auch bezogen auf ihre
Zusammensetzung verändern wird. Beispielsweise schrumpft das Segment der
Jugendlichen im Vergleich zu den Älteren, neue Zielgruppen wie die
Homosexuellen entstehen und bestehende (Mainstream-)Segmente fragmentieren
sich zusehends. Der Anbieter muss daher künftig flexibler auf solche Veränderungen
im Markt reagieren können. Insbesondere benötigt er die Fähigkeit, neue
Zielgruppen erfolgreich zu erschließen, dabei aber – und dies ist
entscheidend – seine bestehenden Kunden nicht aus den Augen zu verlieren.
Zahlreiche Publikationen zu den
bereits mehrfach erwähnten Zielgruppen zeigen ausführlich, weshalb, vor
allem aber wie dieses neue Kundenpotenzial erschlossen werden kann. Dabei
liegt der Fokus ausschließlich auf der Kundenakquisition. Ein
ganzheitliches Management der Kundenpotenziale umfasst jedoch sowohl die
Kundenakquisition wie auch die Kundenbindung [7]. Für den Anbieter ist
daher die Ansprache einer neuen Zielgruppe nur dann erfolgreich, wenn durch
die Neukundenakquisition nicht mehr langjährige Kunden abwandern als neue
Kunden hinzugewonnen werden. Ein Beispiel: Für Jaguar wird die aktuelle
Gay-Kampagne in den USA unter dem Strich nur dann gewinnbringend sein, wenn
dadurch nicht mehr bestehende Kunden verloren als Neukunden hinzugewonnen
werden.
Durch die offensichtliche Attraktivität
neuer Zielgruppen und die zunehmende gesellschaftliche Dynamik besteht die
Gefahr, dass dieser Zusammenhang marginalisiert wird und Anbieter sich in
einem beinahe blinden Aktivismus auf die neuen Segmente stürzen. Es gilt
daher, diese potenziellen Spill-Over-Effekte zwischen den Zielgruppen zu
verstehen und in die Marketingplanung zu integrieren.
Strategische Relevanz der Interdependenzen
Der zielgruppenorientierten
Ausrichtung des Marketing liegt der so genannte STP-Ansatz (Segmenting-Targeting-Positioning)
zugrunde [3, S. 415ff]: Will ein Anbieter eine Zielgruppe erfolgreich
ansprechen, so muss er diese vorerst identifizieren und abgrenzen. Dieser
Zielmarkt bestimmt danach die Ausgestaltung der Positionierung, die
ihrerseits wiederum die Grundlage für die Konzeption des Marketing-Mixes
darstellt. Über die Ausgestaltung der einzelnen Instrumente soll dann die
Zielgruppe erreicht werden. Streng genommen impliziert die Ausrichtung auf
eine neue Zielgruppe somit marginale bis weitreichende Änderungen der
Instrumente und/oder der Positionierung.
Bei der Betrachtung der
Wechselwirkungen zwischen einem neu zu akquirierenden Segment und der
Kernzielgruppe wird davon ausgegangen, dass Letztere die Ansprache einer
neuen Zielgruppe in irgendeiner Form wahrnimmt (vgl. Abbildung 1). Dies kann
zum Beispiel dadurch geschehen, dass der Kunde die auf die neue Zielgruppe
ausgerichteten Marketinginstrumente des Anbieters erkennt (zum Beispiel
Anzeigenkampagne). In der Folge kann diese Wahrnehmung die Einstellung des
Kunden gegenüber dem Produkt oder der Marke – und damit die
psychologische Bindungswirkung – beeinflussen (Spill-Over-Effekt). Ein
Beispiel: Die US-Supermarktkette Publix versuchte in Florida mehr ältere
Kunden zu gewinnen, indem sie die Einrichtungen auf die betagte Kundschaft
ausrichtete. Beispielsweise stellte man motorisierte Rollstühle zur Verfügung.
Der Händler verlor dadurch aber einen großen Anteil seiner jungen
Kundschaft, weil diese nicht in einem geriatrischen Supermarkt einkaufen
wollte [4, S. 284].
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