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Moderne Maßarbeit im Schuhmacherhandwerk
Wie aus einer Punktwolke ein virtueller Leisten und dann ein Maßschuh wird
von Stefan
Steinhäuser
"Footwear" steht auf der
Visitenkarte des Schuhmachermeisters Rolf Rainer
aus Mettmann. An dem Fünf-Personen-Betrieb ist aber nicht nur der Name modern der
kleine Handwerksbetrieb setzt auf Innovation und die Optimierung seiner
Produktionstechniken. Jüngste Errungenschaft in der Werkstatt: ein Scanner, mit dessen
Hilfe die Füße der Kunden vermessen werden.
Schuhe nach Maß, Einlagen, Lederarbeiten, "Was wir anbieten,
muß eine Rundumdienstleistung sein", so Rolf Rainer. Die Schuhmacherwerkstatt sitzt
seit über 70 Jahren in Mettmann und wird in der dritten Generation vom Inhaber geführt.
Das Sortiment umfaßt auch eine Auswahl von Konfektionsschuhen, aber das Herz des
Schuhmachermeisters hängt am Maßschuh: "Konfektion orientiert sich an ästhetischen
Gesichtspunkten kann aber nicht die individuelle Fußform berücksichtigen. Es gibt
Leute mit langen Armen und langen Fingern. Genauso gibt es das an den Füßen. Deswegen
ist nach meinem Dafürhalten die Konfektion völlig vernachlässigbar: Der Fuß ist das
Maß aller Dinge".
Die Schuhindustrie hat verschiedentlich versucht, auf die körperlichen
Eigenheiten der Kunden einzugehen es hat sich aber herausgestellt, daß sich die
Serienherstellung solch kleiner Stückzahlen einfach nicht rentiert. Auch im
Versandhandel, etwa bei der Firma "Manufaktum", ist versucht worden, Maßschuhe
zu verkaufen. Die Auswahl der Modelle ist aber sehr begrenzt und zudem muß der Kunde die
Maße auch noch selber abnehmen. Rainer steht solcher Ware eher skeptisch gegenüber:
"Maßschuh heißt: Fuß angesehen, angefaßt, vermessen, Fußdruckanalyse gemacht,
Trittspur abgenommen und natürlich mit dem Kunden abgesprochen, welches Modell er
haben will."
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Ein
Kleinstbetrieb in dritter Generation
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1927 Gründung der Schuhmacherei in Mettmann
von Xavier Rainer (1 Meister, 2 Gesellen); Herstellung von Maßschuhen und Reparaturen.
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1955 Übernahme des Betriebes durch den Sohn
Max Rainer (1 Meister, 2 Gesellen); Verringerung der Maßschuhfertigung wegen
industrieller Konkurrenz.
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1986 Weiterführung des Betriebes durch den
Sohn Rolf Rainer (2 Meister, 1 Geselle, 1 Lehrling); Verstärkung der Maßschuhproduktion.
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1989 40 Paar Maßschuhe Jahresproduktion.
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1990 Goldmedaille im Bereich modische
Maßschuhe vom Bundesinnungsverband.
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1993 50 Paar Maßschuhe Jahresproduktion.
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1994 Projekt "Handwerk und Design"
mit der HWK Köln.
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1998 Intensive Beteiligung am Projekt
"Maßproduktion statt.Massenproduktion" mit Test des Scanners in der eigenen
Werkstatt.
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Seit Mitte letzten Jahres setzt Rainer einen speziell entwickelten Scanner
ein, um die Füße seiner Maßschuhkunden zu vermessen. "Es gibt viele verschiedene
Techniken des Maßnehmens. Wir haben bisher mit dem Maßband gearbeitet. Bei dem Scanner
wird druckfrei gearbeitet und der Kunde kann sicher sein, nach fünf Minuten den Fuß
optimal vermessen zu haben. Wir sind von dem Ergebnis überrascht." Bisher war es
ohne den Einsatz von Computern nicht möglich, optische Messungen handwerklich
weiterzuverarbeiten. Mit Hilfe der Daten, die der Scanner liefert, wird der Leisten, das
heißt, das hölzerne Fußmodell, angefertigt. "Bisher haben wir die Leisten als
Rohlinge aus einer Konfektion bekommen und mußten ihn umarbeiten. Das alles fällt dank
dieses Gerätes jetzt weg. Der Scanner produziert einen virtuellen Leisten anhand einer
Punktwolke. Diese Punktwolke wird per Email dann nach Flensburg geschickt." In
Flensburg hat die Firma Ortops
ihren Sitz. Dort wird automatisch an der Fräsmaschine der
virtuelle Leisten 1:1 in Buchenholz gedreht. Auf dem Leisten wird schließlich in der
Werkstatt des Schuhmachermeisters der Schuh paßgenau angefertigt. Der Leisten bleibt in
der Werkstatt und dient als hervorragendes Instrument der Kundenbindung: Muß der
Schuh repariert werden, kann der Kunde auch Jahre später darauf vertrauen, daß sein
Leisten auf Lager liegt.
Rainer ist mit seinem Fußscanner Teilnehmer des bundesweiten Projekts
"Maßproduktion statt Massenproduktion", das von der Handwerkskammer Hamburg aus koordiniert wird. Auf
einer Messe lernte er den Schuhmacher-Kollegen Benjamin Klemann aus Hamburg kennen, der
auf der Suche war nach jemandem, "der vorwiegend fertigt, nicht in Hamburg sitzt
damit die Projektteilnehmer einigermaßen verteilt sind - und der bereit ist, so
eine Innovation mitzumachen. Er hat dann die Projektleitung gebeten, mich anzusprechen.
Ich hab bald festgestellt: Das paßt wie die Faust aufs Auge und ist das i-Tüpfelchen
meiner beruflichen Entwicklung." Nachdem die Entscheidung gefallen war, an dem
bundesweiten Projekt teilzunehmen und den Scanner im Betrieb einzusetzen, wurde eigens ein
Raum umgebaut und der PC aufgerüstet.
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Die
Zukunftswerkstatt der Handwerkskammer Hamburg
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An der
Handwerkskammer Hamburg befaßt sich die sogenannte "Zukunftswerkstatt"
mit der Entwicklung innovativer Arbeitsstrukturen.
Seit 1996 wendet sie sich verstärkt dem
Schuhmacherhandwerk und Orthopädieschuhmacherhandwerk zu. Seit Oktober 1998 fördert das
Bundesforschungsministerium das Projekt "Maßproduktion statt Massenproduktion";
in der Folge stellte die Zukunftswerkstatt ihr Projekt bundesweit vor und suchte nach
Partnern. Ziel: Durch moderne Fertigunstechniken und den Einsatz von Computern
Maßproduktion gegenüber der Industrie wieder wettbewerbsfähig zu machen und das
Handwerk als ökologisch sinnvolle Alternative zu stärken.
Ansprechpartner Handwerkskammer Hamburg:
Matthias Hartmann und Christine Ax, Tel.: 040 - 35 905 753/376
Buch: Christine Ax: Das Handwerk der Zukunft. Leitbilder für nachhaltiges Wirtschaften.
Basel: Birkhäuser 1997 |
Für den Schuhmacher bringt die Technik doppelte Zeitersparnis: Zum einen
verkürzt sich der Meßvorgang, zum anderen fällt das aufwendige Umarbeiten
vorgefertigter Leisten weg. Für den Kunden bedeutet dies wiederum, daß er ganz sicher
sein kann, daß der Schuh seinen Wünschen und seiner Fußform entspricht: "Mit dem
Scanner habe ich als Schuhmacher die Möglichkeit, etwas ganz klar nach Maßgabe der
Füße entstehen zu lassen das heißt, wir können uns damit ganz klar am Kunden
orientieren. Wir kommen weg davon, daß man wegen der Produktionstechnik dem Kunden etwas
verkaufen muß, das eigentlich nicht seinen Wünschen entspricht."
Die Idee, Maßproduktion durch den Einsatz moderner Technik für das
Handwerk wieder attraktiver zu machen, ist nicht neu. Doch bisherige Scannertypen zur
Körpervermessung arbeiteten mit Lasertechnik und waren zu teuer für kleinere
Handwerksbetriebe. Die Technik und Software, die nun auch im Betrieb von Rolf Rainer
benutzt wird, wurde eigens von der Firma GeBioM
aus
Münster entwickelt. Äußerlich macht der Scanner keinen
spektakulären Eindruck: In einen etwas sperrigen hölzernen Kasten ist eine Glasplatte
eingelassen, auf die der Kunde seinen Fuß setzen kann. Statt einer Laserabtastung
arbeitet das Gerät mit zwei Kameras, die Bilder aus unterschiedlichen Blickwinkeln
liefern und nach dem Meßvorgang den entsprechenden Leisten sofort dreidimensional auf den
Monitor bringen. Je nach gewünschtem Schuhmodell kann der Schuhmacher die Maße danach
noch manuell verändern.
Ein paar Maßschuhe aus der Hand des Schuhmachermeisters kosten um die
1200 Mark. Durch die Verbindung von altbewährtem Handwerk und moderner Technik lassen
sich teilweise auch Stammkunden, die bisher nur zur Konfektionsware gegriffen haben, dazu
bewegen, sich einen Maßschuh anfertigen zu lassen. Bei aller High-Tech gibt Rainer aber
zu bedenken: "Man muß sich trotzdem als Verbraucher darauf einlassen, daß weiterhin
handwerklich gefertigt werden muß. Wenn eine Kuh an einer bestimmten Stelle weicher
wächst, kann das Leder auch schon mal eine Falte werfen."
Nachdem das Handwerk des Maßschuhmachers nach dem Krieg durch die
Industrie immer weiter verdrängt wurde und der Vater von Rolf Rainer über lange Zeit nur
Reparaturarbeiten ausführte, werden seit Mitte der 80er Jahre wieder auch verstärkt
Maßschuhe hergestellt; zur Zeit entstehen im Jahr etwa 50 Paar. Die Herangehensweise,
sich auf moderne Techniken einzulassen, bestimmt dabei die Arbeitsorganisation von Rolf
Rainer "Man muß nicht nur an der alten Technik festhalten, wie sie in unserem
Lehrbuch von 1958 dargestellt wird. Werden Schuhe so hergestellt, kosten die heute 2000
Mark. Meine Meinung ist, daß man dem Verbraucher entgegenkommen muß, indem man auch
vorgefertigte Teile verwendet die ja nicht schlechter sind." Wenn es das
gewünschte Schuhmodell erfordert, werden daher die Daten per Email gleichzeitig zum
Leistenhersteller und zu einem Zulieferer geschickt, der ein Schuhoberteil, den
sogenannten Schaft, fertig anliefert.
Rainer will zukünftig verstärkt Überzeugungsarbeit unter seinen
Kollegen betreiben, um die Scanner-Meßtechnik zu verbreiten: "Wir sind jetzt dabei,
mit einer Arbeitsgruppe in Nordrhein-Westfalen dabei, die Kooperation zwischen
Handwerksbetrieben zu fördern. Eine Handvoll Betriebe wird dann dieses System vorstellen,
nahebringen, umsetzen und damit an die Öffentlichkeit gehen." (Ansprechpartner
für die Koordinationsgruppe in NRW ist der Landesinnungsverband, Hr. Neises, Tel.: 30 82
36.) Was die weitere Entwicklung des Systems angeht, freut sich Rainer auf neue
Features in der Software: Schon bald sollen nicht nur die Leisten auf dem Monitor
erscheinen, sondern verschiedene Schuhmodelle direkt auf den virtuellen Fuß aufgesetzt,
bearbeitet und angepaßt werden können. Alles im Sinne des Kunden, versteht sich.
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