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Wissenmanagement und Innovation
Wissen entwickeln
von Gilbert Probst, Steffen
Raub und Kai Romhardt
Stichworte: Praxisstimmen,
Bedeutung der Wissensentwicklung,
Neues entsteht nicht nur in
Forschungslabors, Barrieren der
Wissensentwicklung, Individuelle
Wissensentwicklung, Kreativität
vs systematisches Problemlösen, Kontexte, welche
Neues ermöglichen, Geburtshelfer des Neuen,
Fallbeispiel: Mettler Toledo.
Praxisstimmen
"Die größten Wachstumschancen liegen für uns dort, wo durch die Erweiterung des
Wissens neue Verfahren und Produkte erschlossen werden. Neues Wissen schafft die Basis
für innovative Produkte und damit für eine wachsende Wertschöpfung."
(Vorstandsvorsitzender eines Chemieunternehmens)
"Wir haben eine Anzahl exzellenter Wissenschaftler zu Partnern gemacht, welche nun
von uns bezahlt werden, aber in ihrer Grundlagenforschung völlig frei agieren können.
Die Entwicklung dieser Forschungsfelder ist sehr ungewiß, aber wir hoffen, durch diese
Maßnahmen direkt auf bahnbrechende Erkenntnisse zugreifen zu können."
(Manager eines Computerherstellers)
"Neues Wissen entsteht im Dialog zwischen allen Beteiligten. In unserer
dezentralen Organisation konnten nie alle Involvierten an der Vorbereitung wichtiger
Entscheidungen mitwirken und ihr Wissen einbringen. Daher haben wir für wichtige
Entscheidungen spezielle Workshops eingeführt. Hier sind alle potentiellen Wissensträger
dabei und können vor der Entscheidung der verantwortlichen Führungskräfte am
kollektiven Prozeß der Wissensentwicklung teilnehmen."
(Manager eines Energieversorgers)
Bedeutung
der Wissensentwicklung
Der Baustein Wissensentwicklung ist für das Konzept des Wissensmanagements von besonderer
Bedeutung. Im Mittelpunkt steht die Entwicklung neuer Fähigkeiten, neuer Produkte,
besserer Ideen und leistungsfähigerer Prozesse. Es geht uns hierbei um all die
Managemenanstrengungen, mit denen die Organisation sich bewußt um die Produktion bisher
intern noch nicht bestehender oder gar um die Kreierung intern und extern noch nicht
existierender Fähigkeiten bemüht. Wird Wissen trotz externer Erwerbsmöglichkeiten
intern entwickelt, so müssen hierfür sehr gute ökonomische oder strategische Gründe
gefunden werden. Ökonomisch macht die Eigenentwicklung Sinn, wenn man die Fähigkeit
intern günstiger erstellen kann als sie über den Markt zu beziehen ist oder man sich aus
strategischen Gründen um jeden Preis die Kontrolle über gewisse zentrale Fähigkeiten
erhalten muß.
Neues entsteht nicht nur in
Forschungslabors
Forschung und
Entwicklung
In einer traditionellen Perspektive ist Wissensentwicklung Aufgabe der Forschungs- und
Entwicklungsabteilung. So entstehen in den Laboratorien der Pharmaindustrie immer
wirkungsvollere Medikamente oder wird in den Entwicklungsschmieden der Computerhersteller
die nächste - noch leistungsfähigere - Chipgeneration entworfen. In der Realität kann
die Forschungs- und Entwicklungsabteilung (sofern sie überhaupt existiert) die
Entwicklung neuer Fähigkeiten nicht mehr aus eigener Kraft leisten. Sie ist in der Regel
auf kompetente externe Partner angewiesen, welche in Kooperation oder in völliger
Unabhängigkeit Teile des Wissensentwicklungsprozesses übernehmen (siehe Abbildung 26).
Arten von
Forschungskooperation
Das Spektrum möglicher Kooperationsformen ist weit. Die Entwicklungsaktivitäten reichen
von der Gemeinschaftsforschung mit der Konkurrenz [2] bis hin zur reinen Auftragsforschung
[3]. Immer mehr Unternehmen suchen den Zugang zu externen Ideenschmieden, eine
Entwicklung, von der insbesondere Universitäten und Forschungsinstitute mit einem
exzellenten Ruf profitieren. So werden am Massachusetts Institute of Technology (MIT)
über 50 High-Tech Lehrstühle von der Industrie gefördert. Allein japanische
Unternehmen, die rund ein Drittel aller Stellen fördern, zahlen jährlich 40 Millionen
DM, um so den Anschluß an die technologische Weltspitze zu halten [4]. So hat
beispielsweise Nèstle ein Netzwerk von etwa 20 Forschungszentren aufgebaut, welche auf
der ganzen Welt verstreut liegen und in enger Kooperation mit externen Experten des
jeweiligen Forschungsfeldes arbeiten.
Dominanz der Forschungs- und Entwicklungsperspektiven
Doch Neues entsteht nicht nur in den Laboratorien. Organisationen können ihre
Fähigkeiten nicht allein durch die Entwicklung und Anwendung neuer natur- und
ingenieurwissenschaftlicher Erkenntnisse verbessern. Aus einer Perspektive des
Wissensmanagements müssen auch andere Unternehmenstätigkeiten und Innovationsprozesse
analysiert werden, welche kritisches neues Wissen für die Gesamtorganisation entwickeln.
Innovationsarten
Eine Unterscheidung in Produkt-, Prozeß- und Sozialinnovationen hilft hier weiter und
verdeutlicht, wie vielfältig die Erscheinungsformen von Innovationen innerhalb von
Organisationen sein können. Während ein Chiphersteller völlig von der Entwicklung der
nächsten Produktgeneration (Produktinnovation) abhängt, könnte eine Restaurantkette
durch eine Sozialinnovation, wie die Einführung eines neuen Enflohnungssystenis die
Leistungsbereitschaft ihrer Mitarbeiter entscheidend beeinflussen.
Forschungsarten
Oft konzentrieren sich Organisationen allerdings auf eine Erscheinungsform der Innovation
(zum Beispiel das Produkt) und werten andere Innovationsformen ab. Für die klassische
Forschung und Entwicklung, deren Ziel in der Regel in einer Produktinnovation besteht,
ist eine klare Trennung von Grundlagenforschung, angewandter Forschung und Entwicklung
etabliert [5]. Hingegen wird der Entwicklung von neuen Erkenntnissen über Prozesse und
soziale Phänomene häufig wesentlich geringere Aufmerksamkeit gewidmet. Die
Berücksichtigung unterschiedlicher Formen der Wissensentwicklung (zu deren
Charakterisierung in der Innovationsliteratur noch wesentlich differenziertere
Unterscheidungen getroffen werden [6]) bereichert die organisatorische Wissensbasis Uni
das Verständnis für Prozesse der Innovation zu vertiefen, sollen im folgenden generelle
Schwierigkeiten im Wissensentwicklungsprozeß vorgestellt werden.
Barrieren der Wissensentwicklung
Innovationsbarrieren
Innovation bewegt sich zwischen entstehenden und bestehenden Ordnungen und bietet eine
Konfliktzone par excellence [7]. Die Auseinandersetzung mit dein Neuen destabilisiert, da
alte Normen Lind Erkenntnisse aufgegeben werden müssen, während die Tragfähigkeit der
neuen Lösung häufig noch nicht gesichert ist. Gleichzeitig verändern Neuerungen die
Machtstrukturen innerhalb von Organisationen, indem sie traditionelle Fähigkeiten
entwerten und die Vertreter des Neuen stärken. Abwehrreaktionen gegen Fremdes und Neues
sind daher natürliche Reaktionen und gefährden die Entstehung und Förderung neuer
Ideen. Neben diesen personenbezogenen Barrieren bestehen zusätzliche
Durchsetzungsprobleme in Form vonl objektbezogenen Innovationsbarrieren (zum Beispiel
Inkompatibilität eines neuen Produkte", mit demGesamtsortmient oder
Abteilungsegoismen) und umfeldbezogene Innovationsbarrieren (zum Beispiel strenge
Gesetzgebung oder Mangel an qualifizierten Arbeitskräften [8]).
Planung
versus Selbstorganisation
Die Planung von Innovationen hat ihre Grenzen. Niemand kann einen Forscher dazu zwingen,
einen genialen Einfall zu haben. Eine Verdopplung des Forschungsbudgets kann keine
Kreativität herbeizaubern. Gleichzeitig steht der aktiven Steuerung von
Wissensentwicklung und der bewußten Setzung voll Wissens- und Entwicklungszielen immer
die passive, inkrementale und eher zufällige Entstehung- neuer Fähigkeiten gegenüber.
Wissen wird entwickelt und Wissen entsteht als Ergebnis eines Prozesses der nur sehr
schwer beschreibbar und daher auch kaum steuerbar ist. Wissensentwicklungsprozesse folgen
also in vielen Belangen selbstorganisatorischen Prinzipien [9]. Der Wissensmanager muß
erkennen in welchen Bereichen er die Wissensproduktion der Organisation beeinflussen kann.
Ist die direkte Beeinflussung nicht möglich, kann die Rolle des Wissensmanagers in der
Schaffung eines positiven Kontextes der Wissensentwicklung bestehen. In solch einem
lernfreundlichen Kontext [10] besteht eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, daß der Einzelne
oder Teile der Organisation relevantes Wissen für die Organisation entwickeln.
Entkopplung
der Wissensentwicklung
Wenn sich auch viele Prozesse der Wissensentwicklung einer direkten Steuerung entziehen,
so ist dennoch eine Kopplung zentraler Prozesse der Wissensentwicklung an die Wissensziele
der Organisation sicherzustellen. Läßt man beispielsweise den professionellen
Entwicklern zu viel Freiraum ihre technologischen Vorstellungen zu verwirklichen, kann
dies für die Gesuntunternehrnung höchst ineffizient sein. So führte in der jüngeren
Vergangenheit die Dominanz der technischen Machbarkeit über die wirtschaftliche
Notwendigkeit in der Automobilindustrie zu teuren Entwicklungsprojekten, welche vorn Markt
nur wenig honoriert wurden [11] (siehe Abbildung 27).
Doppelspurigkeit
Gleichzeitig finden wir häufig Doppelspurigkeiten im Entwicklungsprozeß, welche nicht
auf mangelhafte Wissenstransparenz zurückzuführen sind. Einige Prozesse, wie
beispielsweise die Erstellung gewisser Berichte oder Studien, laufen in vielen
Großunternehmen automatisch ab und werden nicht mehr hinterfragt. Sie haben sich von
bestehenden Wissenszielen und häufig auch von den Bedürfnissen der Wissensnutzer
entkoppelt. In Ausnahmefällen können solche Doppelspurigkeiten in Form von internen
Wettbewerb um die beste Lösung oder im Aufbau von Entwicklungsreserven effizient sein.
Häufig handelt es sich aber schlicht um die Vergeudung organisatorischer Ressourcen,
welche durch die Bündelung von Entwicklungsanstrengungen reduziert werden könnten [12].
Wissensvorsprünge sind schwerer zu verteidigen
Die Bedeutung des effektiven Managements von Innovationsprozessen nimmt bei wachsendem
Wettbewerbsdruck permanent zu. So geht man in der Pharmaindustrie davon aus, daß nur noch
der Erstanbieter eines neuen Medikamentes, das heißt der schnellere Innovator, seine
Entwicklungskosten am Markt kapitalisieren kann. Wer zu spät kommt, dem bleiben oft nur
die Entwicklungskosten. Gleichzeitig wird die Abschöpfungsfrist von Monopolistenrenten
durch Innovatoren auf Grund ausgeklügelter Minitationstechniken immer kürzer [13]. Die
zunehmende Mobilität von Wissensträgern und "Wissenspaketen" nivelliert
Wissensvorsprünge, welche durch eigene Entwicklungsanstrengungen aufgebaut wurden, immer
schneller. An dieser Stelle zeigt sich der enge Zusammenhang zwischen Wissenserwerb und
Wissensentwicklung, je nachdem ob man am Wissensmarkt als Anbieter oder Nachfrager
auftritt.
Zur Bewältigung all dieser Probleme bei der Entwicklung des Neuen sollen im folgenden
Möglichkeiten des Managements des Entwicklungsprozesses auf der individuellen und
kollektiven Ebene dargestellt werden.
Individuelle Wissensentwicklung
Multiplikation
versus Entwicklung
Jeder Lernprozeß ist für das Individuum ein Prozeß, in dein neues persönliches Wissen
entwickelt wird. Lernt ein Lehrling in der Produktion, wie man ein Metallstück
entgratet,
so hat er neues Wissen erworben - für die Organisation als Ganzes hat allerdings in der
Regel keine Innovation stattgefunden, da die Fähigkeit des Entgratens bereits an mehreren
Orten der Organisation vorhanden ist. Wir interessieren uns an dieser Stelle mehr für
Lernprozesse von Individuen, welche für die Gesamtorganisation eine Innovation
darstellen. Hierzu stellen wir zunächst theoretische Ansätze der Wissensentwicklung vor,
beschreiben Kontexte, welche Innovation begünstigen und präsentieren im Anschluß eine
Reihe von Instrumenten, welche heute in der Praxis vielen Organisationen dabei helfen,
ihre Mitarbeiter bei der Produktion neuer Ideen zu unterstützen.
Kreativität versus
systematisches Problemlösen
Kreativität
Wie kommt der Mensch zu seinen Einfällen, Ideen oder schöpferischen Akten? Jeder Mensch
kennt das Gefühl, wenn ihm eine Idee in den Kopf schießt oder er einen Geistesblitz hat.
Die Verwendung dieser Metaphern verdeutlicht, daß uns Ideen eher geschehen, als daß wir
sie auf Knopfdruck produzieren könnten. Im nachhinein können wir in den seltensten
Fällen genau erklären, wie wir zu einer brillanten Idee oder einer außergewöhnlichen
Problemlösung gelangt sind. Die Ursache für dieses Phänomen ist wahrscheinlich in der
Operationsweise unseres Gehirns zu suchen. In unserem Gehirn bilden Neuronen in einem
vielfältigen Wechselspiel zwischen internen und externen sowie gegenwärtigen und
vergangenen Daten Informationsmuster aus. Diese interagieren miteinander und können aus
sich selbst heraus neue Sinninhalte und damit auch neue Ideen generieren [14]. Die
Fähigkeit zur Produktion neuer Ideen und Problemlösungen bezeichnen wir als
Kreativität. Sie ist eine wichtige (und ungleich verteilte) Eigenschaft des Individuums
auf dem Weg zur Produktion von Wissen, das für die Organisation von Nutzen sein kann.
Individuelle
Problemlösungskapazität
Neben der Kreativität ist die Fähigkeit eines Individuums, unterschiedliche Probleme zu
lösen, eine der wichtigsten Quellen neuer Erkenntnis für die Organisation. Während
Kreativität eher als einmaliger Schöpfungsakt gedacht werden kann, folgt die Lösung von
Problemen eher einem Prozeß, der durch mehrere Phasen beschrieben werden kann.
Kreativität könnte als chaotische Komponente und Problemlösungskompetenz als
systematische Komponente des Wissensentwicklungsprozesses bezeichnet werden. Prozesse des
Problemlösens können je nach Problemtyp in einfache, komplizierte oder komplexe Probleme
eingeteilt werden [15]. Im heutigen Unternehmensgeschehen ist eine Verschiebung von
einfachen zu immer komplexeren Problemsituationen zu beobachten. Während einfache und
komplizierte Probleme von Managern häufig noch mit Standardlösungsverfahren bewältigt
werden konnten, sind komplexe Probleme durch ihre Dynamik, das schnelle Auftreten neuer
Muster und durch schwer durchschaubare Wechselwirkungen charakterisiert. Dies führt dazu,
daß quasi kein Prozeß zur Lösung komplexer Probleme ohne die Entwicklung neuen Wissens
oder neuer Fähigkeiten auskommt. In einem solchen Umfeld wird die individuelle Problemlösungskapazität
irn Wissensentwicklungsprozeß zu einer Schlüsselqualifikation.
Kontexte, welche das Neue
ermöglichen
Kontextsteuerung
Daß die Chancen für Wissensmanagement in der Phase der Wissensentwicklung viel eher in
der Kontextsteuerung als in der direkten Steuerung liegen, wurde bereits ausgeführt. Doch
was sind das für besondere Kontexte oder Situationen, in denen das Neue sich besser
einwickeln kann? Viele Organisationen versuchen die Kreativitätsneigung ihrer Mitarbeiter
zu beeinflussen. Tagungszimmer, die in anregenden Farben gestrichen werden, kommunikationsanregende
Kaffeecken oder die ganze Breite existierender Kreativitätstechniken sollen beim Kampf
gegen die individuelle und kollektive Einfallslosigkeit helfen. Fast jede Führungskraft
hat inzwischen Brainstorming- oder Synektikübungen absolviert. Doch häufig erweist sich
der große Aufwand als vergebens. Das Pauschalrezept zur Ideenerzeugung existiert nicht.
Dennoch lohnt es sich, auf einige grundlegende Kontextfaktoren im
Wissensentwicklungsprozeß zu achten.
Schaffung von
Freiräumen
Viele Autoren sind sich darin einig, daß die Schaffung von Freiräumen für neue Ideen
eine der wichtigsten Bedingungen in diesem Prozeß darstellt. Viele gute Ideen werden
bereits im Ansatz von der bestehenden Kultur erdrückt: "Das war schon immer so",
"Das hat damals schon nicht funktioniert". Es gilt die Regel, daß es zehnmal so
einfach ist, eine neue Idee zu zerstören, als sie konstruktiv weiterzuentwickeln. Hieraus
haben viele Firmen gelernt. Sie schützen neue Ideen, indem sie Innovationsprojekte
beispielsweise in Tochtergesellschaften auslagern oder ihnen starke Promotoren zur Seite
stellen. So bildet IBM sogenannte skunk works für Innovationen, welche aus
Schutzerwägungen geographisch vom Mutterhaus getrennt werden.
Handlungsentlastung
Doch nicht nur strukturelle Veränderungen können dem Einzelnen Freiräume schaffen. Im
Organisationsalltag hat zu häufig das kurzfristige Handeln Priorität. Die Beschäftigung
mit Verbesserungsideen und Innovationen geht dabei häufig in der operativen Hektik unter.
Eine Entschärfung dieser Situation kann in der Schaffung handlungsentlasteter
Interaktionszusammenhänge [16] liegen, in denen sich der Einzelne den Sachzwängen des
Organisationsalltags entziehen und sich eher langfristig orientierten Projekten widmen
kann. So können gewisse Mitarbeiter, sogenannte sabbaticals, längere Urlaubsphasen bis zu
einem Jahr nehmen, in denen sie ähnlich Universitätsprofessoren ihren Ideen ungestört
nachgehen können. Auch die Freistellung vom operativen Geschäft zur Vorbereitung von
Publikationen oder Vorträgen gehört in diese Kategorie von Handlungsentlastungen. Auch
über die Einrichtung von "Spinnerecken" oder "Kreativzonen", welche
örtlich vom normalen Arbeitsumfeld getrennt sind. können Freiräume geschaffen werden,
welche den kreativen Prozeß unterstützen. Bei 3M hatten wir bereits gesehen, daß sich
Mitglieder von Entwicklungsabteilungen gar während eines beträchtlichen Anteiles ihrer
Arbeitszeit mit selbstdefinierten Projekten beschäftigen dürfen [17].
Interessendeckung
Wer an solchen selbstgewählten Projekten arbeitet, ist in der Regel motivierter, als wenn
vorgegebene Projektziele zu erfüllen sind. Exzellente, kreative Mitarbeiter streben dem
Erfolg ihres Projektes häufig mit höchster Energie an. Insbesondere in
Entwicklungsabteilungen ist das Phänomen des bootlegging zu beobachten. Bootlegging
bedeutet, daß Projekte, denen vom Management die Unterstützung und Ressourcen entzogen
wurden, von der Forschung heimlich weitergeführt werden. Gerade solche getöteten
Projekte haben in der Vergangenheit zu revolutionären Ergebnissen geführt. Schafft es
die Unternehmensleitung, individuelle und kollektive Entwicklungsziele zur Deckung zu
bringen, so erhält sie Zugang zu dieser Quelle nicht zu unterschätzender
Eigenmotivation.
Fehlerfreundlichkeit
Auch der Umgang einer Organisation mit den Fehlern ihrer Mitarbeiter ist von Bedeutung.
Eine Fehlervermeidungskultur erstickt das Neue, denn wer über das Experiment zu neuen
Lösungen gelangen will, wird auf seinem trial-and-error-Pfad zwangsläufig Fehler machen.
In einem Kontext, in dem diese Fehler nicht als Versagen interpretiert sondern als
notwendiges Lehrgeld auf dem Weg zur richtigen Lösung verstanden werden, wird der
einzelne sich eher auf die Suche nach ungewöhnlichen Lösungen begeben. Ein Klima der
Fehlerfreundlichkeit ist daher der Innovation förderlich, muß aber langfristig
und
glaubwürdig aufgebaut werden. Nur so können double-bind Situationen in der Art von:
"Fehler sind erlaubt (aber sie schaden der Karriere)" vermieden werden.
Geburtshelfer des Neuen
Kreativität planen
Wissen entsteht nicht aus dem Nichts. Die Erforschung von Innovationsprozessen hat eine
Vielzahl erprobter und leistungsfähiger Instrumente hervorgebracht, welche bei der
Planung und Steuerung eingesetzt werden können. Selbst Kreativität kann man bis zu einem
gewissen Grade erlernen [18]. Der Einsatz eines bestimmten Instrumentes ist allerdings
keine Garantie für den Erfolg. Es gilt folgende Regel:
"Instrumente sind nicht per se gut oder schlecht geeignet, um ein bestimmtes Ziel
zu erreichen. Ein und dasselbe Instrument kann lernfördernd und lernhemmend sein und ist
in seiner Wirkung stets abhängig von der Art der Verwendung [19]".
Kreativitätstechniken
Daher gilt, daß der steigenden Anzahl von Methoden zur Innovationsproduktion keine
dementsprechend steigende Innovationsrate gegenüber steht. Die individuelle Kreativität
versucht man mit inzwischen etablierten Instrumenten wie Brainstorming, der
morphologischen Methode oder Synektik zu wecken [20]. Doch oft kommt die Organisation
nicht an die Ideen der Mitarbeiter heran. Wer jemals in einer schlecht moderierten oder
zum falschen Zeitpunkt durchgeführten Brainstorming-Sitzung teilgenommen hat weiß, daß
jedes dieser Verfahren kontraproduktiv sein kann, insbesondere, wenn die Promotoren nicht
glaubwürdig sind, das heißt nicht wirklich das Neue wagen wollen. Daher ist es
erforderlich, neben dem Prinzip und den Anwendungsfeldern der Methode, viel über die
Voraussetzungen ihres Einsatzes zu wissen. Nur, wenn diese Methodenkompetenz vorhanden
ist, erfüllen Kreativitätstechniken ihren Zweck, statt zu frustrieren. Gleiches gilt
für andere Methoden wie Stich- und Screening-Verfahren, formalisierte Analogieverfahren,
Delphi-Methode, Relevanzbaum-Methode oder den Einsatz von Algorithmen mit
dementsprechender Computerunterstützung [21].
Grundsätze der Kreativität bei SONY [22]:
-
Unternehmertum durch kleine, überschaubare Einheiten.
-
Unternehmensweite Mobilität erhöht die Kreativität.
-
Familiensinn als Energiequelle.
-
Kreativität benötigt Zielvorgaben.
-
Die Einstellung zu Fehlern muß thematisiert werden.
-
Ein langfristiger Zeithorizont schafft Freiräume.
-
Eine faire Streitkultur fördert die Innovation.
Vorschlagswesen
Organisationen greifen zu vielfältigen Maßnahmen, um neue Ideen ihrer Mitarbeiter zu
ermutigen und zu honorieren. Dabei werden neue Entscheidungs-, Handlungs- oder
Belohnungsstrukturen eingeführt. Doch kein Instrument kann seine beabsichtigte Wirkung
zeigen, wenn es nicht zum bestehenden unternehmensspezifischen Kontext paßt. So bleibt
die Einführung einer Ideenbox auf dem Intranet in einer traditionell
innovationsfeindlichen Unternehmenskultur solange ohne Wirkung, bis der Wandel zu mehr
Risiko und neuen Ideen glaubwürdig vermittelt wird. Oft kommt man gar ohne die
Einführung neuer Instrumente weiter, da sich bestehende Instrumente reaktivieren lassen.
So existiert beispielsweise in sehr vielen Organisationen ein betriebliches
Vorschlagswesen, welches - häufig als zentrale Stelle institutionalisiert - die Aufgabe
hat, neue Ideen zu sammeln und durch Prämien aller Art zu honorieren. Viele dieser
Vorschlagsstrukturen haben im Laufe der Jahre ihren Schwung verloren und
funktionieren nur noch schlecht. Sie können sogar negativ wirken, wenn der Eindruck
entsteht, daß Kreativitit im Alltagsgeschäft nicht erwartet wird und jede weitergehende
Ideenentwicklung zusätzlich honoriert werden muß.
Fallbeispiel: Mettler Toledo
Vom betrieblichen Vorschlagswesen zum Innovationsmangement
Ein gutes Beispiel für die Reaktivierung des Vorschlagswesens bietet METTLER TOLEDO,
ein Unternehmen der Wägetechnik mit Sitz in Albstadt. Hier wurde das traditionelle
betriebliche Vorschlagswesen abgelöst und durch ein neues Innovationsmanagement-System
ersetzt. Beherrschende Philosophie des neuen Systems war das Vertrauen in die Kreativität
der eigenen Mitarbeiter. In einem ersten Schritt wurde auf die zentrale Sammlung,
Bewertung und Honorierung von Verbesserungsvorschlägen komplett verzichtet. Von jedem
Mitarbeiter wurde einmal pro Woche oder mindestens einmal pro Monat eine kleine
Verbesserung seines persönlichen Arbeitsbereiches erwartet (siehe Abbildung
28).
Verbesserungen wurden nicht mehr gesammelt, sondern sollten sofort umgesetzt werden.
Damit entfiel der bürokratische Prozeß der Vorschlagsbewertung. Direkt nach der
Umsetzung seiner Idee hat der Mitarbeiter ein Formular auszufüllen, auf dem er die
Verbesserung kurz beschreibt, die Verbesserungswirkung konkretisiert (kosten-,
qualitäts-, zeitorientiert etc,) und zum Abschluß alle Personen aufführt, welche ihm
bei der Realisierung dieser Idee geholfen haben. So wird die individuelle Idee sofort in das
Kollektiv überführt. Die Honorierung erfolgt dementsprechend nicht individuell, sondern
pro hilfreicher Person wird ein 10-DM-Schein in einen Prämientopf eingezahlt, welcher am
Ende des Jahres für eine gemeinsame Aktion der gesamten Belegschaft verwendet wird.
METTLER TOLEDO bemüht sich, mit dieser Maßnahme Kreativität zur Normalität zu machen
und signalisiert, daß letztendlich alle vom Erfolg der Innovation profitieren.
Abb. 28: Philosophieunterschiede im
Ideengenerierungsprozeß
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Historisch:
betriebliches Vorschlagwesen
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Aktuell:
Innovationsmanagement
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Mißtrauen: Mitarbeiter halten
Kreativitätsreserve bewußt vor
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ð |
Vertrauen: Mitarbeiter wollen kreativ sein
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Vorschläge betreffen den Pflichtenkreis
anderer
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ð |
Vorschläge betreffen den eigenen
Pflichtenkreis
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Moralisierende Appelle
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Normale, selbstverständliche Praxis
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Fokus auf punktuelle Mißstände
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ð |
Fokus auf kundenorientierte Prozesse
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Vorschläge in der Regel von Einzelnen
(Konkurrenz)
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Verbesserung im Team (Kooperation)
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Vorschlag schreiben statt zu handeln
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Handeln statt Vorschlag zu schreiben
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Individuelles
Problemlösen
Die bisher vorgestellten Instrumente unterstützen die chaotische Komponente des
individuellen Wissensentstehungsprozesses: die Kreativität und Produktion neuer Ideen.
Aber auch die individuelle Problemlösungskapazität - die systematische Komponente - kann
durch geeignete Instrumente gefördert werden. Gewisse Schritte von
Probleinlösungsprozessen lassen sich formalisieren, was sicherstellt, daß man nicht zu
einem frühen Zeitpunkt im Problemlösungsprozeß wichtige Einflußgrößen
vernachlässigt (siehe Abbildung 29).
Systematischer
Problemlösungsprozeß
Ein systematischer Problemlösungsprozeß, der dennoch auf unterschiedliche Problemtypen
anwendbar ist, erleichtert nicht nur dem einzelnen Problemlöser die Arbeit, sondern kann
auch die Kommunikation zwischen Individuen und Gruppen vereinfachen, welche an
unterschiedlichen Fragestellungen eines zusammengehörenden Problemgebietes arbeiten. So
bildet XER0X seine Mitarbeiter seit längerem systematisch in Techniken der
Problemlösungsmethodik aus [25], welche auf Probleme aus allen Unternehmensbereichen und
Hierarchieebenen angewendet werden können. Ideenentwicklung und Informationssammlung
werden durch die Vermittlung von Brainstorming, Interviewtechniken und Formen der
Datenerhebung geschult. Zur verbesserten Analyse und Darstellung von Daten werden den XEROX-Mitarbeitern
die Grundregeln bei der Erstellung von Ursache-Wirkungs-Diagrammen und Kraftfeldanalysen
vermittelt, während die Planungsprozesse mit Hilfe von Flußdiagrammen transparenter
gestaltet werden. All diese Instrumente werden in sogenannten family groups, das heißt
Gruppen derselben Abteilung oder Geschäftseinheit, in realen Problem eingeübt und damit
im Organisationsalltag verankert. Über die Jahre wurde so eine einheitliche
"Problemlösungssprache" entwickelt, welche die Kommunikation über Abteilungs-
und Hierarchiegienzen hinweg enorm vereinfacht.
Handlungswissen
Ein großer Teil unseres persönlichen Wissens entsteht allerdings weder durch den Einsatz
von Innovationstechniken noch durch die systematische Anwendung von
Problemlösungstechniken. Wissen entsteht im Alltag durch permanentes Tun und Handeln. Der
Meister, welcher seit Jahren eine Spezialmaschine bedient, kann häufig noch deren
leisestes Geräusch interpretieren und entsprechend reagieren. Er verfügt über eine
Fähigkeit, welche außer ihm niemand in der Organisation besitzt, häufig, auch über
Fähigkeiten, die ihm selber nicht bewußt sind. Dieses implizite Wissen, welches wir
bereits im Kapitel zur Wissensidentifikation thematisiert haben, bildet daher einen
wichtigen Teil des Wissensentstehungsprozesses.
Methoden
der Externalisierung
Dem Wissensträger oder Meister ist sein wertvolles Wissen häufig nicht
bewußt,
zumindest ist er nicht in der Lage, seine Fähigkeit in einer klaren, nachvollziehbaren
Sprache zu beschreiben. Für die Organisation als Ganzes ginge sein Wissen daher bei
seinem Ausscheiden (durch Kündigung, Pensionierung oder Tod) verloren, wenn nicht
Methoden der Externalisierung des Unbewußten gefunden werden. Zur Artikulation impliziten
Wissens wird insbesondere die Verwendung von Metaphern, Analogien und Modellen
vorgeschlagen [26]. Metaphern dienen einer lebendigen, anschaulichen Versprachlichung von
Zusammenhängen, welche sich der exakten Darstellung für das Individuum entziehen
("Ihr Gesichtsausdruck erinnert mich an eine Zeit im Militär"). Analogien sind
hingegen schon stärker strukturiert. Sie zeigen funktionale Gemeinsamkeiten zwischen
getrennten Wissensgebieten auf, und bemühen sich um den direkten Transfer von
einem Anwendungsbereich auf den anderen ("Dieses Saugrohr- funktioniert wie ein
Elefantenrüssel"). Kann Wissen noch exakter von impliziten in den expliziten Zustand
überführt werden, kann vielleicht sogar ein Modell gebildet werden. Ans den
Erkenntnissen der Metapher- und Analogiebildung werden Variablen abgeleitet und in ihren
gegenseitigen Abhängigkeiten getestet. Weist das Modell einen hinreichenden
Erklärungsgrad auf, kann es als expliziertes Wissen in der Organisation multipliziert
werden.
Grenzen der
Explizierung
Alle Explizierungstechniken erfordern allerdings, daß die Wissensträger bereit sein
müssen, ihre Fähigkeiten zu externalisieren. Oft wird dieser Vorgang als Preisgabe
existenzsichernden Expertenwissens verstanden und nährt dementsprechende Ängste. Wer
seinen Experten das kritische Wissen raubt, um sich in Zukunft von ihnen unabhängig zu
machen oder sie gar zu entlassen, verspielt das Vertrauen für alle zukünftigen
Externalisierungsaktivitäten. Trotz hohem Aufwand wird ein großer und wichtiger Teil des
Wissens wertvoller Experten nie explizierbar sein und damit bedeutet jeder Abgang eines
solchen Wissensträgers einen schwer abschätzbaren Verlust für die organisationale
Wissensbasis. Externalisierungsaktivitiäten können dies nicht verhindern, sondern nur
die Auswirkungen des Abganges verringern. Die Fähigkeit einer Organisation, das Wissen
ihrer Experten sichtbar zu machen und auf andere Mitglieder der Organisation zu
übertragen, bildet demnach eine kritische Stelle bei der Kollektivierung individuellen
Wissens.
Aus: "Wissen managen", von Gilbert Probst, Steffen Raub und
Kai Romhardt. ISBN 3-409-39317-x, Gabler verlag, 3. Auflage, Wiesbaden, 403 Seiten
Diesen
Artikel als E-Mail verschicken
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