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Interview mit Ulrich Furbach, Professor für Künstliche Intelligenz, Koblenz
"Wenn es funktioniert, ist es nicht mehr Künstliche Intelligenz"

Künstliche Intelligenz (KI) macht aus Computern unentbehrliche Helfer beim Erschließen firmeninterner Dokumente, bei der Informationssuche in Datennetzen, der Wissensrepräsentation und bei der Spracherkennung. Eingebettet in EDV-Gesamtsysteme, gehört KI für viele Unternehmen schon zum Alltag. Doch Professor Ulrich Furbach vom Fachbereich Informatik, Uni Koblenz sieht darüber hinaus in der Kommunikations- und Informationstechnologie weitere herausragende Aufgaben für die KI. Christiane Schulzki-Haddouti fragte nach.

Wo hat Künstliche Intelligenz Eingang in die Unternehmenswelt gefunden?

Furbach: Zum einen gilt das Schlagwort: Wenn's funktioniert, ist es nicht mehr KI. Damit soll ausgedrückt werden, daß KI-Techniken in Gesamtsysteme eingebettet werden und dann nicht mehr als solche ohne Weiteres zu identifizieren sind. Zum Beispiel die sogenannte "Fuzzy control" in der Waschmaschine oder in der U-Bahn-Steuerung, das "case based reasoning" im virtuellen Reisebüro oder Verfahren, die im Data Mining eingesetzt werden. Zum anderen gibt es aber auch "klassische KI-Anwendungen", die kommerziell genutzt werden. So beruhen beispielsweise bildverarbeitende Systeme in der Fahrzeugsteuerung oder lernende Systeme zur Prognose des Verhaltens komplexer Systeme auf Ergebnisse der KI-Forschung.
  

Künstliche Intelligenz: Anwendungsorientierte Forschung in Koblenz sammelt Pluspunkte

Nach einer aktuellen Erhebung gehört der Fachbereich Informatik der Universität Koblenz zu den Top-Fünf bei der Forschung auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz (KI) in Deutschland. Das geht aus einer Rangliste hervor, die die Zeitschrift "Bild der Wissenschaft" veröffentlicht hat. Gezählt wurden Veröffentlichungen in international renommierten Fachzeitschriften in den Jahren 1997/98 und die Häufigkeit des Zitierens dieser Veröffentlichungen durch andere Wissenschaftler. Die Arbeitsgruppe um den Koblenzer Professor Uli Furbach am Informatikinstitut für Computerlinguistik plazierte sich mit ihren Leistungen unter anderem vor dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, der Siemens AG und den Universitäten Hamburg und Kaiserslautern.

Welche neuen Produkte und Prozeßänderungen sind aufgrund der in der KI-Forschung entwickelten Werkzeuge zu erwarten?

Furbach: Im Bereich der sprachgesteuerten Systeme, wie sie beispielsweise in Callcentern eingesetzt werden, spielt KI eine herausragende Rolle und wird gerade durch die ständig breiter werdenden Anwendungsbereiche der Mobilkommunikation immer neue Anwendungen finden. Die automatische Diagnose von technischen Systemen wird bereits in der Raumfahrt, aber auch in Automobilen der Spitzenklasse erprobt. Die Dokumentenverwaltung wird sehr viel inhaltsorientierter möglich sein und sich auch auf das Internet ausdehnen.

Sie arbeiten an mehreren Projekten, unter anderem an einem "Data Mining"-Projekt, das Werkzeuge zur Auswertung des World Wide Web mit Methoden der Künstlichen Intelligenz entwickelt. Genügen die herkömmlichen Suchmaschinen nicht?

Furbach: Die meisten Leute sind am Anfang ganz enthusiastisch, wenn sie einmal einen Internetzugang haben. Irgendwann merken sie jedoch, daß es nicht trivial ist, wirklich relevante Informationen zu bekommen. Wir entwickeln Agenten, die den Nutzern das sinnlose Klicken abnehmen und das gezielte Suchen nach Informationen ermöglichen. Der springende Punkt ist, daß ein Software-Agent erkennen muß, wann er die gesuchte Information erhalten hat. Wenn er eine interessante Seite gefunden hat, soll er zudem die gewünschten Informationen extrahieren.

Gibt es bereits eine konkrete Anwendung?

Furbach: Für "Such & Find" haben wir zum Beispiel einen Roboter entwickelt. Er sucht das ganze Informationsangebot ab und findet die gewünschten Angebote. Das möchten wir jetzt auch für unbekannte Internetseiten und Domains entwickeln. Es funktioniert leicht, wenn man die Struktur der Seiten kennt. Es ist zum Beispiel einfach, bei Yahoo die Theaterangebote der deutschen Städte zu finden. Schwieriger ist es, aus den ganz individuell gestalteten Theaterangeboten wiederum Informationen zu extrahieren. Hier benötigt man das KI Machine Learning, an dem wir arbeiten.
   

Wo ließe sich dieses Prinzip noch sinnvoll anwenden?

Furbach: Interessant wäre das Verfahren auch in der Dokumentenverwaltung. Inzwischen schlafen in den elektronischen Firmenarchiven Terrabyte an Dokumenten. Wenn man inhaltsbezogen etwas wiederfinden will, kommen hier dieselben Techniken zum Tragen.
  

In Kooperation mit dem Springer Verlag und der itaw GmbH entwickeln Sie auch die sogenannte "Slicing Book Technology", die die Vorteile eines Buches mit der Flexibilität von Datenbanken kombinieren will. Welche Idee steckt hinter dem Projekt?

Furbach: Im Netz gibt es ja schon eine Menge an Veröffentlichungen. Meistens sind es Postscript- oder PDF-Dateien, manchmal sind die Veröffentlichungen auch in HTML aufbereitet. In der Regel wird es jedoch nicht ausgenutzt, daß hinter dem im Netz veröffentlichten Buch auch ein Rechner steht. Wir träumen von einem Buch, das sich dem Benutzer anpaßt. Wenn der Nutzer ein Mathematikspezialist ist, muß ihm nicht jedes kleine Detail präsentiert werden. Hier kann man sich auf einem anderen Level bewegen.

Aber wie stellt das System fest, wie gebildet der Nutzer ist?

Furbach: Das System geht von Ihrem spezifischen Nutzerprofil aus, um zu wissen, was es Ihnen anbieten kann. Zur Zeit stellen wir das anhand der eingegebenen Nutzerprofile fest, aber man kann sich auch ein System vorstellen, das aufgrund des Nutzerverhaltens Schlüsse über die Qualifikation des Nutzers zieht.
   

Wie funktioniert das intelligente Buch?

Furbach: Der Autor muß die Struktur des Dokuments eingeben, die das System nachher ausnutzen kann. Die Arbeit bleibt also beim Autor hängen, aber wenn es erst einmal Werkzeuge dafür gibt, ist es nicht mehr so sehr arbeitsaufwendig. Wir entwerfen dafür unter anderem HTML-Masken, in die der Autor die Querbezüge angeben kann. In dem System muß auch eine Wissensbasis enthalten sein, in der die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Bausteinen des Buches definiert sind. Wenn man das konsequent betreiben will, muß diese Wissensbasis über verschiedene Bücher hinweggehen. Wenn ein Mathematiker ein Problem studiert, nimmt er ja auch nicht nur ein Buch, sondern mehrere Bücher zur Hand. Diese Querbezüge müssen alle formuliert werden. Wir machen dies jetzt erst einmal für ein Buch eines Mathematikprofessors. Wenn Sie zum Beispiel den Inhalt eines Kapitels auf Vortragsfolien haben wollen, brauchen Sie nur auf den Knopf drücken.

Arbeiten Sie eigentlich in Sachen Datenerhebung und -auswertung auch an datenschutzfreundlichen Technologien?

Furbach: Bei allen Technologien, die wir entwickeln, haben wir die Randbedingung in Sachen Datenschutz und -sicherheit im Auge. Ich glaube, daß hier eine permanente Auseinandersetzung und Diskussion notwendig sind.
   

Welchen Einfluß hat KI auf die Arbeitswelt der Zukunft?

Furbach: Es werden sicherlich immer mehr autonome Software-Agenten eingesetzt werden. Die Informationsbeschaffung, aber auch der gesamte Bereich E-Commerce werden durch diese Programme geprägt. Menschliche Arbeitnehmer müssen immer schneller und öfter um-, dazu- und teilweise neu lernen, um sich in einer solchen sich ständig ändernden Arbeitsumgebung behaupten zu können.

Ist die Förderung von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und vom Land anwendungsbezogen?

Furbach: Generelle Einschätzung ist, daß die Forschungsgelder aus Ministerien deutlich anwendungsbezogener vergeben werden. Das ist gut, wenn es der Kooperation mit Wirtschaftsunternehmen und dem Technologietransfer dient. Die Förderung der Grundlagenforschung darf dabei allerdings nicht vernachlässigt werden.
  

Wo haben sich Forschungs- und Entwicklungszentren für KI entwickelt?

Furbach: Erstaunlicherweise empfiehlt der PITAC-Report an den US-Präsidenten, die Grundlagenforschung mehr zu fördern. In deutschen KI-Zentren herrscht mittlerweile eine starke Anwendungsbezogenheit, was durchaus positiv zu bewerten ist. Trotzdem sollten durchaus grundlagenorientiertere Arbeiten an Uni-Instituten weiter oder gar stärker gefördert werden. Schließlich zeigt ja auch das Abschneiden meiner eher kleinen Arbeitsgruppe, daß hier ein durchaus ernstzunehmendes Gestaltungspotential zu finden ist.

Künstliche Intelligenz: Ein Computer kann mehr als rechnen

Die Künstliche Intelligenz ist ein Forschungsgebiet der Informatik mit interdisziplinären Charakter. In den 40er und 50er Jahren rückte man von der Sichtweise ab, daß Computer in erster Linie als Rechenmaschine zu nutzen seien - sie sollten auch, wie intelligente Menschen, Probleme lösen helfen, auf der Grundlage von Wissensbasen spezielle Fragen beantworten und Sprache erkennen und verarbeiten können. Die bedeutendsten Methodenbereiche der KI sind die Wissensrepräsentation sowie das Schließen und Folgern zur Nutzung des repräsentierten Wissens. Zu den Anwendungsgebieten zählen Expertensysteme, Sprachverarbeitung, intelligenten Datenbanksysteme und die Robotik.

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