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Hrsg.: Barske, Gerybadze, 
Hünninghausen, Sommerlatte
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Existenzgründung: "Die wichtigste Hürde ist die im Kopf"

Kann man Existenzgründung an der Uni lernen? Bwl-Professor Heinz Klandt meint: ja. Er ist Inhaber des ersten deutschen Lehrstuhls für Gründungsmanagement und Entrepreneurship an der European Business School, einer privaten wissenschaftlichen Hochschule in in Oestrich-Winkel.

Als geschäftsführender Direktor des Betriebswirtschaftlichen Instituts für empirische Gründungs- und Organisationsforschung und Präsidiumsmitglied des Förderkreises Gründungsforschung untersucht er Unternehmens- und Existenzgründungen und fördert die (Jung-)Unternehmerausbildung. Panagiotis Koukoudis fragte ihn, was man für einen Unternehmensstart noch braucht außer Seminarscheinen, Geld und gutem Willen.

Warum brauchen wir einen Lehrstuhl Existenzgründung?

Prof. Klandt: Mit dieser Entrepreneurship-Idee versucht man etwas anderes zu machen, als wir es durch die klassische Betriebswirtschaft kennen, die sich am Leitbild großer Unternehmen und des öffentlichen Dienstes orientiert. An unserem Lehrstuhl wird auf innovative und kreative unternehmerische Prozesse eingegangen. Neben der üblichen Quantifizierung der Marktforschung stehen bei uns mehr die qualitativen Problemlösungen im Vordergrund. Es wird versucht, den Studenten neben dem nötigen "Handwerkszeug" auch eine unternehmerische Denkhaltung beizubringen.

Was verstehen Sie in diesem Zusammenhang unter unternehmerischer Denkhaltung?

Prof. Klandt: Der Einstieg als Unternehmer hat viel mit der Lebenshaltung oder Lebensphilosophie der betreffenden Person zu tuen. Es gibt zwei legitime Lebenskonzepte: Das eine ist ein betreutes und wird durch andere abgesichert und reguliert. Das andere entspricht dem des Existenzgründers, der sich entfalten will, um eigene Ideen zu realisieren. Seine Lebenseinstellung ist durch den Wunsch nach Aktivität und dem Versuch, Impulse zu setzen, gekennzeichnet. Dies ist eine andere Geisteshaltung, als es der Angestellte im festen Arbeitsverhältnis hat.

Kann man überhaupt Existenzgründung anschaulich und für die Praxis relevant lehren?

Prof. Klandt: Wir versuchen dies Beispielsweise mit Hilfe von Planspielen (Business Plans) in den Seminaren. Wir bringen den Studenten Methoden bei, wie sie an spezifische Problemsituationen herangehen müssen. Dieses theoretische Wissen setzen sie bei der Lösung des Business Plans ein. Es werden Arbeitsgruppen errichtet, die von einem Assistenten als Ansprechpartner betreut werden. Es handelt sich hierbei um eine andere Form der Didaktik als man es aus den üblichen Vorlesungen kennt.

Gibt für Ihre Lehrmethoden Vorbilder?

Prof. Klandt: Seit 1991 nehmen wir an einer regelmäßig stattfindenden internationalen Konferenz ("Internationalizing Entrepreneurship Education and Training") teil. Dort findet ein internationaler Austausch von Lehrmodellen und didaktischen Methoden statt, die auf die praktische Umsetzung von Existenzgründung abzielen. Dadurch erhalten wir auch einen Überblick über die Unternehmerausbildungs-Modelle weltweit.

Gibt es Erfolgsbeispiele?

Prof. Klandt: Das "Bebson-College" in den USA hat sich durch seinen Lehrstuhl für Existenzgründung einen Namen gemacht. Mittlerweile lehren dort mindestens zehn Professoren Entrepreneurship. Es herrscht ein reges Interesse an dem dortigen Angebot.

Was werden wohl die Studenten nach ihrem Examen unternehmen, die bei Ihnen "Existenzgründung" studiert haben?

Prof. Klandt: Neben dem Kernfeld des Unternehmers werden sicherlich auch viele in Satellitenfeldern ihre Zukunft verwirklichen. Das Hauptfeld wird die Gründung und die Übernahme von Unternehmen sein. Der andere Teil meiner Studenten wird sich als Berater betätigen. Leider ist der Lehrstuhl so jung, daß wir darüber noch kein Datenmaterial zur Verfügung haben. Doch wir halten an der "EBS" auch nach fast 20 Jahren Kontakt zu unseren Absolventen. Wir planen für die Zukunft statistische Erhebungen, wie viele meiner Studenten den Schritt in die Selbständigkeit machen. Vielleicht kann der "Lehrstuhl Existenzgründung" das Gründerverhalten der Studenten beflügeln.

Was sind Ihrer Meinung nach heute die größten Hürden für Existenzgründer?

Prof. Klandt: Die wichtigste Hürde ist die im Kopf der zukünftigen Unternehmer. Wenn man erst einmal den Gedanken aufgreift, sich selbständig zu machen, dann ist der erste große Schritt getan. Es ist mehr eine mentale Barriere, die auch auf dem traditionellen Schulwesen basiert, das nicht so sehr auf Selbständigkeit vorbereitet. Obwohl ich heutzutage feststelle, daß immer mehr Akademiker über den Schritt in die Selbständigkeit nachdenken.

Wie kommt es zu diesem Umdenken?

Prof. Klandt: Solange der Arbeitsmarkt attraktiv war, gab es keine Anregung, sich selbständig zu machen. Bei einer gesicherten Stellung mit Aufstiegsmöglichkeiten denkt man nicht so leicht an ein eigenes Unternehmen. Aber die Veränderungen der letzten Jahre auf dem Arbeitsmarkt und die positiven Aktivitäten der Medien und Politiker für Existenzgründungen haben wichtige Impulse geliefert. Dadurch fangen heutzutage viel mehr Bundesbürger an, über den Schritt in die Selbständigkeit nachzudenken. Diese Gründungsimpulse werden gebraucht, die uns dann in einem zweiten Schritt helfen, eine neue Gründerzeit in Deutschland zu inspirieren.

Für wie bedeutend und hilfreich halten Sie die Rolle der deutschen Geldinstitute für den Schritt in die Selbständigkeit - auch im Vergleich zu den USA? Brauchen wir neue Finanzierungsinstrumente für Jungunternehmer und Innovationen?

Prof. Klandt: Es ist zwiespältig zu fragen, ob die Banken die Finanzierungsprobleme lösen können. Banken orientieren sich an Finanzierungskennziffern. Diese Orientierung geht nicht so einfach bei der Eigenkapitalfinanzierung eines Unternehmensgründers. Zu viele externe Daten werden benötigt, um eine gute Beurteilung der Unternehmerkompetenz vorzunehmen. Die nötige Branchenkompetenz kann nicht einfach über die Beurteilung einiger Finanzierungskennziffern erfolgen. Die benötigte Menge an Know-how ist so groß, daß man tatsächlich versuchen sollte, neue Finanzierungsinstrumente zu kreieren. Die Banken in den USA sind deutlich zurückhaltender bei Gründungsfinanzierungen, als es die Banken in Deutschland sind. Sehr positiv ist dort der Versuch, über "Business Angels" die fachkundige Hilfe bei Investitionen in innovative Unternehmen zu installieren.

Für wie schwierig halten sie die Beschaffung des nötigen Startkapitals?

Prof. Klandt: Wenn die Unternehmerkompetenz und ein gutes Konzept vorhanden sind, dann sollte das Finanzieren nicht das eigentliche Problem sein. Gründungen sind in der Startphase klassisch durch eigenes Kapital oder von Verwandten oder Bekannten finanziert. Banken stoßen erst nach der Auslotung des Marktes hinzu, wenn der erste große Wachstumsschub kommt, dann erscheint auch das erste Finanzierungsproblem. Außerdem ist die Beschaffung des Startkapitals die erste unternehmerische Aufgabe, die es zu meistern gilt.

Wie ausschlaggebend sind die steuerliche und rechtliche Rahmenbedingungen für die Gründungswilligen?

Prof. Klandt: Eine Deregulierungs-Spielwiese ist von Nöten. Steuerlich sind die Existenzgründer nicht so sehr betroffen, da in der Anfangsphase Verluste anfallen. Das eigentliche Problem ist die Komplexität des Steuer- und Sozialrechtes und dessen Wahrnehmung durch die Unternehmer. Es gibt eine Legion von Gesetzen, die man alle kennen müßte, aber das kann niemand. So entstehen selbst bei ungewollten Vernachlässigungen viele Fallgruben, die seine Existenz gefährden können. Das Bild, das der Gesetzgeber vom Existenzgründer gehabt hat, ist sicherlich nicht das eines Unternehmers, der erst einmal viele Dinge lernen muß. Die Balance zwischen den steuerlichen Interessen ist sehr einseitig zu Lasten der Arbeitgeber definiert.

Wie beurteilen Sie die Rahmenbedingungen in Deutschland für Existenzgründer - auch im Vergleich zu anderen Staaten wie z.B. den USA oder Großbritannien?

Prof. Klandt: Hauptsächlich das Steuerrecht muß in Deutschland vereinfacht werden. In der Anfangsphase des Unternehmens müssen gewisse Freiräume da sein, um Jungunternehmer von manchen Pflichten zu entbinden. Vorbildlich sind da die USA, wo Regulierungen stark abgeschafft wurden. Auch in Großbritannien hat das Unternehmertum einen Aufschwung erlebt, durch eine deutliche Deregulierung. Stimmungsmäßig hat sich bei uns in den letzten Jahren auch einiges getan, doch praktisch muß noch einiges getan werden.

Welche persönlichen und charakterlichen Voraussetzungen sollte ein Unternehmensgründer erfüllen?

Prof. Klandt: Das Menschenbild ist wichtig. Es sollte jemand sein, der bereit ist, sein Schicksal eigenverwantwortlich in seine Hände zu nehmen, für sich und für seine Mitarbeiter. Ein Existenzgründer sollte leistungsbewußt und wettbewerbsorientiert sein. Ein gewisse Kreativität mit der Fähigkeit querzudenken, um über die heutigen Daten hinwegzuschauen und neue Ideen für die Zukunft zu entwickeln. Es müßte auch jemand sein, der sich selbst immer wieder aufs Neue prüft.

Wie wichtig ist hierbei der Aspekt "Geld verdienen wollen" oder "den großen Profit machen"?

Prof. Klandt: Diesen Punkt halte ich für nicht so wichtig, weil er mit sehr hohem Risiko verbunden ist. Der Unternehmer ist kein Mensch, der große Risiken eingeht, aber auch keiner der völlig Risiken scheut. Er ist jemand mit mittlerer Risikoorientierung. Der rationale Existenzgründer geht Risiken ein, aber in Verbindung mit erreichbaren Aufgaben. Sie verfügen über die nötige Risikokompetenz, um mit Risiken umgehen zu können und sie durch die nötigen Informationsvorsprünge einzugrenzen.

Gibt es Typen von Gründungswilligen, denen Sie von Ihrem Vorhaben abraten würden?

Prof. Klandt: Als Existenzgründer sind sicherlich Menschen nicht geeignet, die nicht gut organisieren können. Auch Personen, die sich nichts vornehmen können oder denen der innere Antrieb fehlt, sollten die Finger davon lassen.

Gibt es in den neunziger Jahren ein neues Gründerverhalten?

Prof. Klandt: Ich habe das Gefühl, daß eine neue Generation heranwächst, die Unternehmertum positiv will und Spaß daran hat. Sie entwickeln Unternehmensperspektiven verbunden mit der nötigen sehr guten Ausbildung. Durch die Wende 1990 entstand für Existenzgründer eine historische Chance. Seitdem hat sich vieles in den neuen Bundesländern entwickelt, einfach nur durch die neue geschaffenen Rahmenbedingungen. Wichtig sind auch Standortfaktoren, wie beispielsweise in Dortmund, wo ein örtlicher Zusammenschluß von Campus und Technologiezentren vorliegt. Dadurch werden für die Studenten greifbare Vorbilder geschaffen. Diese Vorbilder können eine Inspiration auslösen, wodurch manche Studenten aktiv werden und ein Unternehmen gründen.

Gibt es regionale oder branchenspezifische Schwerpunkte für Existenzgründungen in Deutschland?

Prof. Klandt: Der Raum um München zeichnet sich durch eine Ansammlung von Gründungen in der Informationstechnik und Softwareentwicklung aus. Ganz deutlich gibt es bei diesen Branchen ein Nord-Süd-Gefälle in Deutschland. Der Bereich der Biotechnik oder Life-Science kann in Zukunft, bei entsprechenden rechtlichen Rahmenveränderungen, zu einem wichtigen Bereich für Existenzgründer werden. Regional entstehen immer mehr Unternehmen an Standorten, wo sich Universitäten oder Fachhochschulen befinden, die das nötige Know-how vor Ort liefern können. Ganz besonders gilt dies für Zukunftstechnologien.

Für wie wichtig halten Sie den Bereich Multimedia und Internet als mögliche Felder für Existenzgründungen?

Prof. Klandt: Sehr wichtig, obwohl fraglich ist, wie lange Markteintritte möglich sind, damit man zu den Marktführern zählt. Ab einen gewissen Zeitpunkt wird es schwer, in diesem Markt erfolgreich einzusteigen.

Und wie wichtig ist der Gebrauch der Neuen Medien für Existenzgründer?

Prof. Klandt: Es gibt Gründungen, die alleine durch den Gebrauch der Neuen Medien gigantisch gewachsen sind (z.B. Amazon). Die eigentliche Gründungsidee muß nicht immer ein neues Produkt oder ein neues Herstellungsverfahren sein. Manchmal ist ein neuer Kommunikations- oder Distributionskanal das, was einer Gründungsidee Flügel verleiht.

Wie schätzen Sie das Innovations- und Gründungspotential in Deutschlands "reifen" Industrien und Dienstleistungsbranchen ein?

Prof. Klandt: Ich kenne die Branchen nicht so gut, um eine genaue Aussage zu machen. Aber ich finde, man darf nie glauben, daß ein Endpunkt in einer Branche erreicht ist. Innovationen sind schwer zu prognostizieren, aber dennoch möglich. Wie das Beispiel "Verlag Rentrop" lehrt, kann jederzeit ein Newcomer die ganze Branche belehren.

Welches sind aus Ihrer Sicht die erfolgsversprechendsten Existenzgründungen: die aus der Arbeitslosigkeit heraus, die von Hochschulabgängern (spin-offs von High-tech-Projekten), die in Technologiezentren erfolgen, die aus bestehenden Unternehmen realisiert werden oder Ein-Person-Initiativen?

Prof. Klandt: Darauf habe ich keine konkrete Antwort, da vielfältige Parameter eine Rolle spielen. Aber es gibt eine Maxime, die lautet: "Lieber eine zweitbeste Idee, dafür mit dem besten Team oder der besten Person". Das Entscheidende ist, wo der Unternehmer steckt. Es ist ein personengebundes Konzept.

Wie glauben Sie wirkt sich der Euro auf Existenzgründer und junge Unternehmen aus?

Prof. Klandt: Er wird sicherlich hilfreich sein durch den größeren Markt und die entstehende Transparenz. Dennoch bringt er auch viele neue Konkurrenten für die deutschen Unternehmen. Statt einer gemeinsamen Währung plädiere ich eher für eine gemeinsame Verkehrssprache, die in meinen Augen viele Barrieren beiseite schieben würde.

Was würden Sie jemanden als Rat mit auf dem Weg geben, der sich in Zukunft selbständig machen will?

Prof. Klandt: Er sollte etwas realisieren, das ihm Spaß macht und für das er sich begeistern kann. Mit vollem Einsatz und den richtigen Partnern und Mitarbeitern dahinter stehen. Die Freude daran muß vorhanden sein, denn es tauchen so viele Probleme für Existenzgründer am Anfang auf, da braucht man diese zusätzliche Motivation. Eine Affinität zu der Aufgabe muß auch da sein. Ebenso muß sich jeder im Klaren darüber sein, daß Selbständigsein auch sehr arbeitsintensiv ist. Das bedeutet, Unternehmer sein für 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr, es wird zu einem Teil der Persönlichkeit.

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