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- Leseprobe -
Warum Innovationsmanagement so selten zu Innovationen führt
von Stephan A. Friedrich von den
Eichen, Till
Knorr, Heinz K. Stahl
Zweifellos haben die meisten Unternehmen zuletzt viel für ihre Leistungsfähigkeit getan. Sind sie deshalb auch zukunftsfähiger und damit innovativer geworden? Hartnäckig hält sich der Glaube: Effizienz stärkt, und alles Starke ist zwangsläufig auch zukunftsfähig. Im günstigsten Fall schafft Effizienz Freiräume für die Beschäftigung mit Innovationen; im ungünstigsten Fall ziehen Schlankheitskuren den Abbau wichtiger »Überschüsse« nach sich. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein für den Stellenwert des Neuen. Eine kaum mehr überschaubare Zahl an Strategien, Prozessen und Techniken macht es sich zur Aufgabe, Innovationen möglichst schnell, sicher und effizient zu »produzieren«. Dabei wird den Vorsteuergrößen des Neuen wenig Aufmerksamkeit zuteil. Hier setzt der Beitrag an: Ausgehend vom Wesen der innovativen Unternehmung werden jene Barrieren herausgearbeitet, die sich dem Neuen in den Weg stellen. Dabei legen die Autoren ein besonderes Augenmerk auf die drei Dimensionen »Fokussierung«, »Öffnung« und »Vernetzung« und formulieren schließlich erste Transformationshilfen.
Stichworte: Barrieren auf dem Weg zu Neuem; Fokussierung, Öffnung und Vernetzung als Innovationstreiber; Innovationsfähigkeit: Was am Ende wirklich zählt; Zusammenfassung
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In diesem Beitrag erfahren Sie:
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Welche Barrieren für innovations-gehemmte Unternehmen besonders charakteristisch sind,
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wie aus einem Unternehmen klassischer Prägung eine fokussierte, offene und vernetzte
Hochleistungsorganisation wird und
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wie Leadership, verstanden als Führungsgeschick, das
Innovationsmanagement ergänzen kann.
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Zum (oftmals
verkannten) Wesen der innovativen Unternehmung
Ist von Innovation die Rede, denkt man fast reflexhaft an Schumpeter.
Seine Behauptung, dass »Unternehmer derjenige ist, der neue
Kombinationen durchsetzt«, ist nunmehr 90 Jahre alt. Neue Kombinationen
sah er nicht nur in Produkten und Prozessen, sondern auch in Strukturen,
Absatzmärkten und Bezugsquellen. Über die Zeit wurde die unternmerische
Kernaufgabe »Innovation« allerdings immer wieder von anderen Leitthemen
verdrängt. So dominierten in den fünfziger und sechziger Jahren die
reibungslosen Abläufe und die Produktivität. Später traten die
langfristige Planung und das Beherrschen von Unsicherheit hinzu. Erst als
der Zugang zu den Absatzmärkten zum entscheidenden Engpass wird und
schließlich der Hyperwettbewerb das (Über-)Leben immer schwerer macht,
beschwört man wieder Innovationen. Damit rücken auch, vorbereitet durch
eine Hinwendung zu den Ideen der Unternehmenskultur, des Humankapitals und
des Empowerment, Fähigkeiten und Fertigkeiten (»competencies«) in den
Vordergrund, wobei man sich nicht scheut, diese auf die Organisationen als
Ganzes zu übertragen.
Schumpeter ermahnt uns,
Innovation nicht auf den gelegentlichen Ausstoß neuer Produkte zu
verkürzen. Ein oder zwei Tüftler oder selbst eine Handvoll kreativer
»Spontis«, die sich in der organisatorischen Abgeschiedenheit einer
maroden Fabrikhalle austoben dürfen, machen noch kein innovatives
Unternehmen. Zu sehr wäre ein solches Unternehmen vom Zufall, dem guten
Willen und der Loyalität der Beteiligten abhängig. Ein innovatives
Unternehmen liegt für uns erst dann vor, wenn es als Ganzes, sowohl von
außen seitens der Kunden, Lieferanten und Konkurrenten als auch
von innen seitens der Mitarbeiter und Führungskräfte als
»zuverlässig schöpferisch« wahrgenommen wird. 3M beispielsweise genoss
und genießt wohl noch immer eine solche Zuschreibung.
Diese Zuschreibung ist
paradox, denn »zuverlässig« verlangt die Reproduktion des Gleichen,
während »schöpferisch« genau vom Gegenteil lebt. Gerade deshalb stellt
das Prädikat »innovativ« ein so bemerkenswertes und rares Gut dar. Die
Schwelle, ab der Enttäuschungen zu einem Vertrauensentzug von Kunden,
Mitarbeitern und Banken führen, ist wesentlich höher als bei
»Nicht-Innovatoren«. Der Leser erinnere sich an folgenlose
Rückrufaktionen von BMW oder die Art und Weise, wie Mercedes Benz den
»Elch« wegsteckte.
Diese Zuschreibung ist
nicht nur selbst paradox, sie verlangt auch nach Auflösung eines anderen
Paradoxons. Organisationen bilden nämlich durch rekursive Prozesse
zwischen Handlung und Struktur ihren relativ stabilen Eigenwert
aus. Strukturen, die durch Handlungen entstehen, dienen als Grundlage für
Folgehandlungen, die wiederum auf die Strukturen einwirken. Organisationen
sind also von Haus aus konservativ und tendieren dazu, sich
einzuschließen (»lock in«). Wiederholung und Nachahmung erzeugen
eingeschliffene Kreise. Das macht letztlich die Attraktivität von
Organisationen aus; zumindest so lange, bis Erstarrung fühlbar wird.
Die andere Seite des
Paradoxes ist die Zerstörung eben dieser Kreise, um das Unbestimmbare zum
Leitmotiv zu machen. Eine solche geradezu masochistische Haltung
widerspricht dem betriebswirtschaftlichen Denken in den Kategorien von
Effizienz und Ordnung. Neuartiges kann nicht intendiert werden, es
erreicht uns auf eine »quere« Weise. Es ist das Ergebnis eines
versuchenden Tuns ohne ausdrückliches Ziel. Neuartiges entsteht in
menschlichen Organisationssystemen im Übergang zweier Phasen: der stabilen
Phase, in der erprobte Verhaltensmuster ständig wiederholt werden, und
der instabilen Phase, in der das Verhalten dem Zufall preisgegeben
wird. Dieser Phasenübergang, also der Grenzbereich zwischen Stabilität
und Instabilität, ist der einzige Zustand, in dem menschliche
Feedback-Systeme zu innovativem Verhalten fähig sind.
Eben das stellt den
Nutzen eines Innovationsmanagements herkömmlicher Prägung in
Frage. Was sollte ein solches auch bewirken? Soll es die klassischen »POSDCORB«-Funktionen
(planning, organizing, staffing, directing, coordinating, reporting,
budgeting) auf Innovationen übertragen, um im gewohnten Korsett bleiben
zu können? Oder soll es energisch auf das Entstehen neuer Ideen pochen,
nur um festzustellen, dass Prämien, Plaketten und Auszeichnungen
höchstens ein Einzelkämpfertum fördern, aber kein innovatives
Unternehmen schaffen? Zwischen Management als Kondensat des Glaubens an
Effizienz und Machbarkeit auf der einen Seite, und Innovation als Ergebnis
unbestimmbarer Prozesse mit unbestimmten Zielen und Inhalten auf der
anderen, tun sich Spannungen auf: Management versucht, die vielen
kognitiven Beschränkungen und emotionalen Störquellen des Menschen durch
die Anwendung von Methoden und Techniken aufzufangen, während Innovation
auf die Selbstregelung von Prozessen am Rande des Chaos angewiesen ist.
Gibt es einen Ausweg?
Ohne allzu weit vorzugreifen, müssen Unternehmen lernen,
Reflexionspotenziale bereitzustellen. Und sie müssen lernen, sich selbst
zu verstehen. Das wird nur gelingen, wenn Verzögerungsmechanismen in die
Strukturen eingeschleust werden. Ziel sollte es sein, Wirklichkeiten ins
Blickfeld zu bekommen, die noch nicht Wirklichkeiten des Unternehmens
sind, aber sein könnten.
Barrieren auf dem Weg zu Neuem
Jede Organisation hat
ihre »blinden Flecken«: Man sieht nicht, dass und was man
nicht sieht. Die blinden Flecken addieren sich zu Barrieren, von denen
fünf für innovationsgehemmte Unternehmen besonders charakteristisch
sind: die Such-, Sinn-, System-, Transfer- und Diffusionsbarrieren.
Suchbarrieren
Die Suchbarriere resultiert aus einem unklaren Wo, Wie
und Was gesucht werden soll. Im Hinblick auf das »Wo« darf ein
innovatives Unternehmen seine relevanten Um- und Inwelten auf keinen Fall
zu eng definieren. Am zweckmäßigsten ist es, die Welten als Netzwerke zu
denken und von der alten Vorstellung abzurücken, homogene »Segmente«
würden die Wirklichkeit am besten »abbilden«. Netzwerke kümmern sich
nicht um Segmentierungskriterien. Sie funktionieren, weil in ihnen
attraktive, die vielfältigsten Ressourcen betreffenden Tauschbeziehungen
ablaufen. Solche Netzwerke gibt es nicht nur »draußen«, sondern auch im
Inneren des Unternehmens. Die Antwort auf das »Wie« ist eindeutig. Die
relevanten Welten müssen einem laufenden »Scanning« unterzogen werden.
Scanning bedeutet die ungefilterte Aufnahme von Signalen aus den Welten.
Und damit sind wir schon beim »Was«. Die Signale sind immer
»verrauscht«. Dies verleitet zu einer Haltung, auf die »richtigen
Informationen« zu warten. Darin steckt das uralte Missverständnis,
Information werde von einem Sender zum Empfänger transportiert.
Tatsächlich entsteht jedoch Information ausschließlich im
(lebenden, psychischen oder sozialen) System selbst, und zwar durch
eine dem System immanente Selektion aus einem Repertoire von
Möglichkeiten. Oder kürzer: Wer auf Information wartet, wartet
vergebens.
Sinnbarrieren
Die häufig übersehene Sinnbarriere ist trivial und problematisch
zugleich. Trivial, weil sich nur dann, wenn möglichst viele in den
Sinngebungsprozess des Unternehmens eingebunden werden, auch eine
dauerhafte Innovationsbereitschaft einstellen kann. Sinn reicht über Ziel
und Zweck einer Tätigkeit hinaus; Sinn vermittelt einen
Bedeutungszusammenhang: Ich kann von einem Teil auf den Rest und damit auf
das Ganze schließen. Problematisch ist diese Barriere, weil im
Unternehmensalltag die Unterdrückung von Information immer noch als
Machtmittel geübt wird. Sind zu viele »Gatekeeper« am Werk, die den
Signalstrom drosseln, umlenken oder ihr Monopol zur Bedeutungszuweisung
ausnutzen, kann »Sinn« gar nicht erst aufkommen. Und warum ist »Sinn«
für das innovative Unternehmen so wichtig? Weil Innovation nichts mit
blindem »Versuch und Irrtum« zu tun hat. Vielmehr mit der
Hartnäckigkeit, Rückschläge nicht als Anlass für den Ausstieg, sondern
als Sprungbrett für einen erneuten Anlauf zu nehmen. Von der Vision
getrieben, Menschen unabhängiger zu machen, kommentierte Edison einen
weiteren, fehlgeschlagenen Versuch mit den Worten: »Wieder kenne ich nun
einen Grund mehr, warum Glühbirnen nicht funktionieren.«
Systembarrieren
Die Systembarriere ist noch schwieriger zu nehmen. Nicht selten
mutiert das betriebliche Vorschlagswesen zum Unwesen. Verstopfte
Instanzenwege machen aus spontanen Ideenfinder resignierende
Antragsteller. Offen bleibt, ob Geld wirklich den passenden Anreiz für
neue Ideen darstellt. Siemens etwa fand heraus, dass der herausragende
Anlass für Verbesserungsvorschläge der Wunsch ist, eine Veränderung
herbeizuführen, mitzureden und mitzumachen. Und wo steht geschrieben,
dass nicht auch die Vorgesetzten selbst mit Verbesserungsvorschlägen als
gutes Beispiel vorangehen sollten? Hinzu kommt, dass eine zahlengläubige
Unternehmensführung alles von Anfang an messen möchte. Vieldeutigkeit
und Zielunschärfe, beides Voraussetzungen für Ideenreichtum, haben so
keine Chance. Die von Peters & Waterman favorisierte Idee der »skunk
works« [3] (autonome Tüftlergruppen, die mit einem gehörigen Maß an
Narrenfreiheit ausgestattet sind), wird am Ende ebenso an dieser Barriere
scheitern. Bei Prozessinnovationen würgen zu früh und zu ehrgeizig
gesetzte Ziele den erfolgsentscheidenden Kreislauf zwischen Erproben und
Lernen ab. Für Produktinnovationen wiederum ist es geradezu
unausweichlich, dass »Ziele« verfehlt werden. Die Maxime darf nicht
heißen, es gleich richtig zu machen, sondern Fehler zu tolerieren.
Transferbarrieren
Auch die Transferbarrieren sind nicht zu unterschätzen. Alles was
an Neuerung von außerhalb kommt, wird nicht als Bereicherung begrüßt,
sondern einfach abgelehnt [4]. Dieses »Not-Invented-Here«-Syndrom
(NIH-Syndrom) zeigt sich besonders dann, wenn die Führungsspitze einen
von außen kommenden Wissenstransfer »verordnet«. Jobunsicherheit und
ein verletztes Selbstwertgefühl mobilisieren sofort
Verteidigungsroutinen, die den gesamten Innovationsprozess lahm legen
können. Ökonomische Vernunft taugt hier nicht als Gegenargument. Auch
der Einsatz eines »Machtpromotors« kann kaum etwas bewirken, liegt das
Problem doch im Kulturellen begründet. Das NIH-Syndrom gedeiht besonders
in Projektteams, die über lange Zeit stabil bleiben und daher ein
Monopolbewusstsein für ihr Spezialgebiet entwickelt haben. So
wünschenswert über längere Zeit stabile F&E-Teams auch sein mögen,
dem NIH-Syndrom wird man am Ende nur mit Jobrotation Herr werden können.
Diffusionsbarrieren
Zu guter Letzt bauen sich vor Innovationen häufig noch Diffusionsbarrieren
auf. Die Lebenszyklen für Produkte und Technologien werden kürzer und
der Neuerungsgrad zweifelhafter (»line extentions« statt sog.
»Quantensprüngen«). Insofern kann sich der potenzielle Käufer dem
sozialen Druck des Kaufzwangs oder der vermeintlichen Notwendigkeit eines
Technologiewechsels leichter entziehen als früher. Unter Umständen weist
er die Innovation vorläufig zurück, um weitere Informationen (Preis!)
abzuwarten. Oder er betreibt »Leapfrogging«, indem er die angebotene
Innovation überspringt und die Kaufentscheidung auf die nächste Neuerung
vertagt. Die Diffusionsbarriere bewirkt häufig einen Rückstau im
Unternehmen, den man jedoch mit noch mehr Beschleunigung oder hektischen
Preisaktionen nicht los wird. Die Diffusionsbarriere wird um so höher
sein, je geringer der von den Nachfragern wahrgenommene Innovationsgrad,
je höher seine Wartebereitschaft und je geringer seine Risikoneigung ist.
Hier irrt Schumpeter
Schumpeter postuliert, dass große Unternehmen per se innovativer seien
als kleine. In der Tat scheinen sie Suchbarrieren leichter zu
überspringen. Hintergrund: Man leistet sich vielfach aufwendige »Scanning«-Positionen,
um die Außenwelten systematisch abzutasten. Die Inwelten heben den
Vorteil indes wieder auf. Oftmals wirken die Strukturen als
undurchlässige Lehmschicht. Oder Signale werden nur über ein »Issue
Selling« transportiert, dessen hochpolitischer Charakter ihren Wert
schmälert. Bei der Sinnbarriere dürften kleinere Unternehmen die
Nase vorne haben, von wenigen großen Pionierunternehmen abgesehen, welche
die Sinnfrage in den Mittelpunkt ihrer Bestrebungen stellen. Systembarrieren
sind typisch für die Großen: Vom wohlgemeinten System zur fehlgeleiteten
Bürokratie ist es bekanntlich nicht weit. Kleinere Unternehmen sehen sich
frühestens am Ende ihrer ersten Wachstumsphase mit dieser Problematik
konfrontiert. Die Transferbarriere wohnt kleinen wie großen
Unternehmen inne. Ersteren, weil man gerne »Herr im Hause« bleiben und
sich nicht in die Karten schauen lassen möchte. Zweiteren, weil
Einzelpersonen und Gruppen ihre Interessen gefährdet sehen. Die Diffusionsbarriere
ist schließlich größenunabhängig. In Summe gesehen weichen wir
folglich von Schumpeter ab. Großunternehmen ziehen zunächst einen
Vorteil aus dem Suchprozess. Danach gestaltet sich das Rennen offen.
Maßgeblichen Einfluss auf den Ausgang hat die Qualität der Führung
[5]; wir kommen darauf zurück. Haben kleinere Unternehmen die
Suchbarriere überwunden, können sie angesichts niedrigerer Sinn- und
Systembarrieren durchaus Wettbewerbsvorteile gegenüber den Großen
erzielen, sofern sie nicht an der Transferbarriere scheitern.
Fokussierung, Öffnung und Vernetzung als Innovationstreiber
Das gegenwärtige
Aufbrechen der Wertschöpfungsketten ist nur der Vorbote einer
vollkommenen Neuordnung des ökonomischen Puzzles. Die Unternehmung
klassischer Prägung ist ein Auslaufmodell. An ihre Stelle treten fokussierte,
offene und vernetzte Hochleistungsorganisationen [6]. Diese
drei Attribute bestimmen die Zukunftsfähigkeit einer Unternehmung und,
weil zukunftsfähige Unternehmen am ehesten die Rolle des Innovators
ausfüllen können, auch die Innovationsfähigkeit.
Abb. 1: Die Zukunft gehört der fokussierten, offenen und vernetzen Unternehmung
Fokussierung schont die Kräfte für Innovationen
Je härter der Wettbewerb, desto wichtiger die Fokussierung als Basis der
Zukunftsfähigkeit [7]: Dies bedeutet jedoch nicht, sich mit ganz wenigen
Tätigkeitsfeldern (Geschäfte, Produkte, Prozesse, Funktionen ...) zu
bescheiden. Auch sollte nicht mit Gewalt versucht werden, Komplexität um
jeden Preis zu reduzieren, wie dies manche Apostel der radikalen
Restrukturierung predigen. Solche Unternehmen sind dann zwar hoch
konzentriert, jedoch nicht mehr fortschrittsfähig. Oder anders gesagt:
Sie sind statisch effizient, aber dynamisch ineffizient.
Ihnen fehlen die notwendigen Agilitätsreserven, um im Grenzbereich
zwischen Stabilität und Instabilität zu operieren. Innovationen
entstehen so bestenfalls durch Zufall.
Fokussierung verstehen
wir als das bewusste Konzentrieren eigener Ressourcen, um an
entscheidender Stelle mit überlegenen Kräften agieren zu können.
Fokussierung steht nicht für ein Zurückziehen auf vermeintlich sichere
Bastionen. Es geht vielmehr darum, das Verständnis der eigenen Stärken
zu schärfen sowie durch ein »unbundling« und »rebundling« der
Ressourcen neue Möglichkeiten zu erschließen [8]. Fokussierung
und Vielfalt müssen dabei kein Widerspruch sein. Das belegt das Beispiel
Procter & Gamble: Hier ist Diversität Ausdruck einer bewussten
Konzentration auf die eigenen Stärken, weil man diese Diversität für
den erfolgreichen Aufbau globaler Marken zu nutzen versteht.
Über die Zeit
betrachtet, sind Innovationen mit immer größeren Anstrengungen
verbunden. Ausgereifte Produkte und die Vielzahl verfügbarer Technologien
machen das Innovieren mühsamer und ressourcenintensiver. Ein Bündeln der
Kräfte stellt daher heute eine »conditio sine qua non«, also eine
unerlässliche Bedingung der Innovationsfähigkeit dar.
Öffnung sorgt für die nötigen Irritationen von außen
Viele Unternehmen ähneln Festungen. Die Durchlässigkeit der
Unternehmensgrenzen ist niedrig und Informationen werden nur schrittweise
preisgegeben. Zugleich schützt man sich vor Störungen von außen, die
vor allem von den Kunden verursacht werden [9]. »Wir haben praktisch
keine Kundenbeschwerden«, brüsten sich manche. Das innovative
Unternehmen braucht das genaue Gegenteil. Wir plädieren für eine tatsächliche,
das heißt, jenseits von Lippenbekenntnissen gelebte, und proaktive,
also Irritationen als Lebenselexier der Unternehmung betrachtende
Öffnung. Beispiel SAP: Hier sucht man im »Signalmeer« nach Störungen,
auch wenn es manchmal schmerzt.
Bei aller
Wertschätzung des Kunden: Er kann in aller Regel seine Bedürfnisse nicht
entsprechend artikulieren. Um zu Innovationen zu gelangen, müssen
Unternehmen abseits des Artikulierten und über das Erwartete hinaus
agieren. Orientiert man sich »nur« am Kunden, engt dies den
Innovationskorridor stark ein. Am Ende beschränkt sich das »Neue« auf
eine Fortschreibung des Bestehenden. Echte Innovationen brauchen einen
gewissen Abstand vom Kunden und Emanzipation von artikulierten
Bedürfnissen. Der Minivan von Chrysler, der Walkman von Sony oder das
Handy von Motorola sind Beispiele für ein solches bewusstes Ignorieren
artikulierter Bedürfnisse [10]. Nicht zu unrecht behauptet etwa Sony von
sich, über den Kunden besser Bescheid zu wissen als dieser selbst.
Bei Innovation kommt es
darauf an, Signale möglichst ungefiltert aufzunehmen, um dann mit anderen
um ein gemeinsames Bild der Zukunft zu ringen [12]. Innovationsfähigkeit
setzt »Deutungsgemeinschaften« voraus [11]. Die Vielfalt der
Deutungsmöglichkeiten erklärt die Einzigartigkeit der
Unternehmung. Sie legt im Umkehrschluss nahe, wie sehr das
Unternehmungsschicksal von den Deutungsergebnissen bestimmt wird. Die
Bereitschaft, mit Mehrdeutigkeit umzugehen, die Akzeptanz von Vielfalt und
ein Bejahen von Komplexität stehen in einem direktem und positiven
Verhältnis zur Deutungsleistung der Unternehmung. Allerdings steht dies
in direktem, negativen Verhältnis zu jenen »Werten«, die unter
dem Schlagwort »effizientes Innovationsmanagement« propagiert werden:
Beschleunigung, Radikalität und Vereinfachung.
Abb. 2: Fokussierung, Öffnung und Vernetzung als Innovationstreiber
Vernetzung hebt den Schatz an Ideen und Synergien
Fokussierung für sich bleibt ein Muster ohne Wert. Sie braucht Öffnung.
Öffnung ist wiederum eine Voraussetzung für Vernetzung, die ihrerseits
eine zwingende Konsequenz der Fokussierung darstellt. Vernetzung ist damit
das dritte Merkmal der Zukunftsfähigkeit.
Man hört es immer
wieder: Die Zeit der Einzelkämpfer ist vorbei. Wertschöpfung wird zum
Mannschaftsspiel. Erfolg haben dabei jene, die es verstehen, »Networking«
in zwei Richtungen zu betreiben: Nach außen, um ständig neue Knoten zu
knüpfen und alte zu lösen; nach innen, um das Unternehmen als flexibles
Netzwerk zu führen, aber dennoch seine Identität zu wahren, um die
Vielfalt zu nutzen, ohne die Einheit zu verlieren.
Welchen Nutzen hat die
Vernetzung für Innovationen? Sie gestattet jedem Netzwerkteilnehmer, sich
auf seinen Teil der Forschungs- und Entwicklungsarbeit zu konzentrieren,
ohne das gemeinsame Ziel aus den Augen zu verlieren. Das ist keine
Selbstverständlichkeit, wie das Beispiel der alten »S-Klasse« von
Mercedes zeigt: Der innovative Motor wollte am Ende so gar nicht in das
innovative Chassis passen.
Früher waren
Innovationen untrennbar mit der Person des Tüftlers verbunden. Später
gab es dafür Spezialisten und Abteilungen. Doch die Innovation entstand
im Unternehmen oder zumindest in der Branche. Heute sind Innovationen sehr
oft Transformationsleistungen: Vorhandenes wird in einen anderen Kontext
übertragen. Dabei erweisen sich die Schnittstellen zwischen Unternehmen
und zwischen Branchen als besonders innovationsträchtig. Diese zu
erkennen, bedarf der geistigen Mobilität.
Fokussierung, Öffnung und Vernetzung, so
bleibt festzuhalten, schaffen Voraussetzungen für Innovation:
Fokussierung sorgt für die nötige Kraft, Öffnung für die
stimulierenden Nadelstiche und Vernetzung für das abseits der Pfade
liegende.
Innovationsfähigkeit: Was am Ende wirklich zählt
Fokussierung, Öffnung
und Vernetzung so zeigt der vorherige Abschnitt sind
Vorsteuergrößen der Innovation. Was sind die Kräfte, die hinter diesen
Treibern wirken?
Fokussierung
wurzelt in einem ständigen Abwägen: »Was tun und was dafür aufgeben?«
Dazu braucht es Mut, Weitblick, Visionen und die Fähigkeit, das Wichtige
vom Bodensatz zu trennen. Öffnung fragt: »Wie viel Unruhe
brauchen wir, um innovativ zu sein?« Dies verlangt die Bereitschaft,
verletzlich zu sein und auf Sicherheit zu verzichten. Und Vernetzung
heißt: »Wie viele Knoten müssen wir wie und wann knüpfen oder
lösen?« Dies bedeutet ein Leben in Zelten anstelle eines Residierens in
Palästen.
Das herkömmliche
Konzept »Management« mit seinen Grundpfeilern der Zweckrationalität,
des Glaubens an die Machbarkeit und einer Konzentration auf Methoden und
Techniken, greift dabei zu kurz. Es bietet einen prall gefüllten
Werkzeugkasten mehr allerdings auch nicht. Hört man sich in
Organisationen um, dann vernimmt man jenes Klagelied, das frühe Kritiker
eines unbeschränkten Managementglaubens schon vor Jahrzehnten anstimmten,
und das sich so treffend auf das Innovationsthema übertragen lässt: »We
are overmanaged but underled!« Innovationen gedeihen am besten dann, wenn
Management mit Leadership, verstanden als Führungsgeschick, gepaart wird.
Um diese Botschaft zu
schärfen, werfen wir nochmals einen Blick auf den Innovationsprozess: Er
wird vielfach als schwarzer Kasten konzipiert. Nur wenige haben versucht,
den Deckel zu öffnen. Unter ihnen die Organisationsforscher Cheng und van
de Ven [13]. Sie untersuchten die erfolgreichen Innovationsprozesse zweier
biomedizinischer Entwicklungen, die sich über einen Zeitraum von immerhin
152 beziehungsweise 96 Monaten erstreckten. Ihr Ziel war es, in den vielen
Deutungen, Schritten und Rückkoppelungen dieser Prozesse ein Muster zu
entdecken. Danach scheinen Innovationsprozesse in drei Phasen abzulaufen:
eine lange, etwa die Hälfte der gesamten Dauer umfassende, chaotische
Explorationsphase; eine kürzere geordnete Markteintrittsphase und eine
Übergangsphase dazwischen.
In der chaotischen
Phase war keine Spur von »Lernen« im klassischen Sinn zu finden. Schon
die Startbedingungen waren vage; genaue Projektziele und
Bewertungskriterien fehlten; es gab Parallelaktivitäten; die
verschiedensten Leute klinkten sich in die Projekte ein (und wieder aus);
Ideen und Aktionspfade wurden laufend neu interpretiert (und wieder
verworfen). Vorrang hatte das, was den jeweiligen Projektverantwortlichen
gerade besonders in Atem hielt. Charakteristisch für die chaotische Phase
war die Entkoppelung von Handlungen und Ergebnissen. Die Projektgruppen
schufen sich so ein reichhaltiges Repertoire möglicher
Wirklichkeitskonstruktionen. Das war zwar kreativ, aber eben nicht
effizient.
Abb. 3: Innovationsfähigkeit als multifokaler Balanceakt
Hier nun beginnt die
Rolle der Führung. Es ist schon beanspruchend genug, Projekte dieses
Umfangs mit weitgehender Zielunklarheit starten zu lassen. Noch
strapaziöser ist es, die Geduld aufzubringen, die chaotische Phase über
Jahre durchzuhalten. Der Übergang in die Schlussphase geordneten Lernens
wird dem Projekt zwar ohnehin von außen auferlegt, etwa durch gesetzliche
Testbestimmungen. Dennoch ist die Versuchung groß, zu früh mit all der
Ambiguität Schluss zu machen. Sie wächst aus Sorge um die Investitionen,
den bohrenden Fragen der Analysten und den Vorgaben, möglichst schnell,
greifbare Ergebnisse in Markterfolge umzumünzen.
Die Kunst der Führung
liegt darin, Gegenläufiges zu balancieren [14]: So spielt der Übergang
von lockerer auf straffe Führung der Prozessphasen eine entscheidende
Rolle. Geschieht dies zu früh, wird zwar »Leadership« bewiesen, aber
nur Scheineffizienz erreicht, oder die Beteiligten werden auf einen unter
Umständen völlig falschen Kurs eingeschworen. Wird zu spät geschaltet,
entwickeln Projekte ein Eigenleben oder sie verlieren sich in schwer
durchschaubaren Verzweigungen.
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