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- Leseprobe -
Zukunft gestalten - Einsatz von Szenarien in der Unternehmensplanung
von Franz Tessun
Stichworte: Erarbeitung des
Informationsbedarfs, Szenarien in der
Strategieplanung, Ablauf des
Szenarioprozesses, Problemanalyse,
Umfeldanalyse, Projektionen in die Zukunft,
Konsistenzprüfung, Interpretation,
Störfallanalyse, Ableitung von Handlungsoptionen,
Umsetzung in die Planung,
Bewertung
strategischer Entscheidungen, Zeitaufwand und
Teamgrößen, Zusammenfassung.
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In diesem Beitrag
erfahren Sie:
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-
wie durch Szenarien von Entwicklungsoptionen
Wettbewerbsvorteile entstehen,
-
in welchen Schritten ein Szenarioprozeß verläuft,
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wie Szenarien in Unternehmensstrategien transferiert werden,
-
wie auf der Basis von Leitstrategie und Alternativstrategien
eine Unternehmensplanung entsteht,
-
wie man strategische Entscheidungen anhand von Szenarien
überprüfen kann,
-
wieviel Zeit und Personal für einen Szenarioprozeß
benötigt werden.
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Auseinandersetzung
mit der Zukunft als Erfolgsfaktor
»Wir werden nicht klüger durch die Erinnerungen an die Vergangenheit, sondern durch
unsere Verantwortung für die Zukunft« (George Bernard Shaw).
Es gibt kein Verfahren, welches in der Lage wäre, eine exakte Vorhersage der Zukunft
zu liefern. Dennoch liegt eine der vordringlichsten Managementaufgaben in der Gestaltung
der Zukunft. Wie ist dieses Dilemma zu lösen? Wie kann ein Unternehmen der zunehmenden
Komplexität des Umfelds und den veränderten Marktverhältnissen in seinem Handeln
gerecht werden? Die Antwort muß lauten: Zukunft kann nicht vorhergesagt werden, aber sie
ist durch vorbeugendes Nachdenken und Handeln heute und jetzt gestaltbar.
Ziel
zukunftsorientierter Unternehmensplanung ist es, auf mögliche Eventualitäten vorbereitet
zu sein. Dazu gehört das frühzeitige Erkennen der Entwicklungstendenzen im Umfeld.
Erarbeitung des
Informationsbedarfs im Unternehmen
Die wesentlichen Fragen im Unternehmen sind: Mit welcher Dynamik ändert sich das
Umfeld, das durch das Zusammenwirken vieler Einflußfaktoren gekennzeichnet ist, und wie
schnell gelingt es, sich auf die veränderten Anforderungen einzustellen? Diese
Zeitdifferenz ist der entscheidende Wettbewerbsfaktor für Unternehmen. Der durch
Zeitvorlauf geschaffene Handlungsspielraum soll zum einen aktive Einflußnahme auf
veränderbare externe Faktoren ermöglichen, zum anderen wird Spielraum geschaffen für
eine »aktive Anpassung« der systeminternen Strukturen und Ressourcen an veränderte
Anforderungen. Bei der Planung sind sowohl steuerbare als auch nicht steuerbare Größen
zu unterscheiden. Mit Hilfe der Szenariomethode können diese Faktoren und ihre
Wechselbeziehungen analysiert und offengelegt werden. Dazu werden im wesentlichen zwei
Denkansätze benützt [1]:
Das Denken in vernetzten Systemen erfordert unter anderem die Erkenntnis, daß das
Unternehmen selbst ein Subsystem in einem größeren Gesamtsystem ist und folglich in ein
Netz komplexer Zusammenhänge eingebunden ist. Diese Zusammenhänge gilt es zu analysieren
und festzustellen, welche Hauptantriebskräfte auf das Unternehmen wirken und wie diese
Hauptantriebskräfte im Sinne des Unternehmens genutzt werden können.
Alternative Zukunftsbilder spiegeln den Gedanken wider, daß es nur eine Zukunft
nicht geben kann und daß diese Zukunft nicht vorhergesagt werden kann. Es ist deshalb
nowendig, mehrere Zukunftsbilder zu entwerfen, die eine möglichst breite Palette der
Zukunftsmöglichkeiten abdecken. In diesen Zukunftsbildern wird geprüft, inwieweit das
Unternehmen unter der Voraussetzung, daß diese Zukunftsbilder eintreten, seine Ziele noch
verwirklichen kann.
Damit ist ein Szenario gekennzeichnet durch:
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Tabelle 1: Was ist ein Szenario?
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Ein Szenario ... ist
|
ist nicht
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Ziel
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tieferes Verstehen der Grenzen und
Möglichkeiten zur Lösung des Problems
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exaktes Wissen über die Zukunft
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Vorgehen
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problemorientierter Informationssammel-
und Kommunikationsprozeß
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problemunabhängige Daten- und
Informationssammlung
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Methode
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systematische Problemstrukturierung
unter Berücksichtigung externer Einflüsse und von Entwicklungstendenzen
|
selektive Extrapolation von Einzeltrends
und Prognose globaler Entwicklungen Abschätzung
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Ergebnis
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Handlungsoptionen vor dem Hintergrund
alternativer Umfelder
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Handlungsanweisung zur Problemlösung
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Verwendung
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Entscheidungsgrundlage
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Entscheidung
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Szenarien in der Strategieplanung
Szenarien können strategische Irrläufe verhindern, indem sie helfen, Strategien zu
definieren, die in verschiedenen alternativen Marktumfeldern bestandsfähig sind. Sie
dienen insbesondere einer Darstellung der Abhängigkeiten der Einflußgrößen im
Marktumfeld. Aus der Vernetzung der Einzelfaktoren untereinander ergeben sich andere und
weitreichendere Schlußfolgerungen als bei singulärer Betrachtung einer isolierten
Marktveränderung.
Die Anforderungen an ein Unternehmen stiegen in letzter Zeit beachtlich an, Beispiele
dazu sind:
-
Die Internationalisierung der Unternehmen gewinnt immer mehr an Bedeutung.
-
Die Technologie wird komplexer und vernetzter.
-
Die Innovationszeiten werden kürzer.
-
Die Informationsmenge nimmt dramatisch zu, kaum jemand kann die Informationsflut noch
bewältigen.
Ausgangspunkt der Szenario-Erarbeitung ist eine gründliche Analyse der gegenwärtigen
Situation, die zu einem tieferen Verständnis der Wirkungszusammenhänge führt. Für
Einflußfaktoren mit unsicherer Zukunftsentwicklung werden in einem intensiven
Kommunikationsprozeß unter Experten sinnvolle Annahmen in alternativer Form für die
Zukunft getroffen. Als Ergebnis werden alternative Zukunftsbilder vorgelegt, die in sich
konsistent sind. Diese sind keine Prognosen, aber eine äußerst hilfreiche Ergänzung zu
den klassischen Prognosen.
Die Kombination
von Szenarien und daraus abgeleiteten Indikatoren für das Früherkennungssystem ergibt
die Chance, vom Krisenmanagement weg und mehr hin zu einem Issuemanagement zu kommen.
Für das Unternehmen ergibt sich die Möglichkeit, aktuelle Strategien im Hinblick auf
ihre Verträglichkeit mit möglichen Marktveränderungen zu bewerten. Korrigierende
Maßnahmen können ergriffen werden.
Ablauf des Szenarioprozesses
Schritt 1:
Problemanalyse
Die Problemanalyse hat zum Ziel, eine thematische, räumliche und zeitliche Abgrenzung
einer bestimmten Fragestellung zu finden. Diese könnte zum Beispiel lauten:
Dabei ist es sinnvoll, die Fragen so präzise wie irgend möglich zu stellen, damit von
vornherein klar ist, welche Fragen dieses Szenario beantworten soll. Zum Schluß dieses
Schrittes wird eine möglichst genaue Beschreibung der jetzigen Ist-Situation erstellt,
die dann den Hintergrund für die weitere Problemanalyse liefert.
Schritt 2:
Umfeldanalyse
Im zweiten Schritt werden die Faktoren identifiziert, die aus Sicht des Szenarioteams auf
die Fragestellung der Szenarioanlayse zur Zeit oder in Zukunft Einfluß haben. Hierbei ist
es sinnvoll, zunächst alle genannten Einflüsse aufzuschreiben, um keine wesentlichen
Informationen zu verlieren. Diese Liste von Einflußfaktoren ist in der Regel zu groß, um
weiter verarbeitet zu werden. Deshalb ist ein wichtiger nachfolgender Schritt, diese
sogenannte Urliste auf die wesentlichen Einflußfaktoren zu reduzieren. Erfahrungsgemäß
werden hierbei zwischen 20 und 30 wesentliche Fakoren identifiziert. Nach diesem
Reduktionsschritt wird eine genaue Vernetzungsanalyse durchgeführt, es werden die
Wirkungszusammenhänge der einzelnen Faktoren untereinander analysiert und bewertet.
Dadurch wird das Verständnis für den Systemzusammenhang des Problemkreises deutlich
verbessert. Ein weiteres Ergebnis dieser Vernetzungsanalyse ist ein erster Hinweis auf die
Hauptantriebskräfte des Systems und liefert damit bereits einen ersten Überblick über
die Systemdynamik und die wesentlichen Steuerungselemente.
Schritt
3: Projektionen in die Zukunft
Die ausgewählten Einflußfaktoren (auch Deskriptoren genannt) werden nun in ihrer
aktuellen Ausprägung beschrieben, und es werden ihre möglichen zukünftigen
Entwicklungen begründet dargestellt. Dazu werden sogenannte Deskriptoren-Essays erstellt,
die die Definition des Deskriptors beinhalten, seinen jetzigen Ist-Zustand sowie die
Beschreibung der Projektionen in die Zukunft.
Schritt 4:
Konsistenzprüfung
Ziel dieses Schrittes ist es, die Deskriptoren zu widerspruchsfreien Zukunftsbildern zu
verbinden. Dazu werden die Einflußfaktoren in einem Wirkungsgefüge in ihrer
gegenseitigen Wechselwirkung verknüpft. Wesentlich dabei ist eine Abschätzung der
Stärke der jeweiligen Beziehungen. Und mit Hilfe einer vom Forschungsinstitut Battelle
entwickelten Software werden daraus bis zu 150 konsistente Szenarien ausgewählt. Das
Szenarioteam wählt aus diesen zwei bis fünf unterschiedliche Szenarien aus, die geeignet
sind, unter möglichst unterschiedlichen Gesichtspunkten die Problemstellung zu
beleuchten. Von der methodischen Seite her werden die Szenarien nach folgenden
Gesichtspunkten ausgewählt:
-
hoher Konsistenzgrad,
-
möglichst hohe Stabilität,
-
möglichst großer Unterschied in den einzelnen Ausprägungen der Deskriptoren [6].
Schritt
5: Interpretation der Szenarien
Die Interpretation der ausgewählten Szenarien dient dazu, die Vernetzung der Deskriptoren
anschaulicher zu machen, als dies durch eine Auflistung der Deskriptorausprägungen
geschehen kann. Die Szenarien sollten verständlich und leicht kommunizierbar formuliert
werden. Die zu einem Szenario gehörigen konsistenten Zukunftsprojektionen der
Deskriptoren werden kreativ interpretiert und in Prosa beschrieben. Diese sogenannten
»Szenariostories« beinhalten, ausgehend von der Gegenwart und dem Gerüst der
Projektionen, eine Interpretation der Entwicklungspfade von der Gegenwart in die Zukunft. Diese Vorgehensweise verhindert den Entwurf von
Science-fiction-Welten, erhöht die
Plausibilität und erlaubt eine fortwährende Konsistenzprüfung. Dem Entscheidungsträger
erleichtern die verständlichen Stories die Identifikation mit dem jeweiligen Zukunftsbild
[9].
Schritt
6 (optional): Störfallanalyse
Ein Störereignis ist eine trendmäßig nicht erkennbare (positive oder negative) und
daher unvorhergesehene Veränderung im Umfeld, die konkrete Auswirkungen auf die
Zukunftsbilder und somit auch auf die Handlungsspielräume und Alternativen hat [11].
Störereignisse werden in Szenarien eingeführt, um festzustellen, wie anfällig die
Stabilität der erzeugten Zukunftsbilder gegenüber unerwarteten Ereignissen ist. Die
Szenarien werden mit diesen Störereignissen neu berechnet, so daß neue, diese
Störereignisse berücksichtigende, Zukunftsbilder entstehen.
Beispiele für Störereignisse könnten sein:
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Tabelle 3: Möglichkeiten des Szenariotransfers in die Strategie [1]
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|
Planungs-
orientierte
Strategien
|
Reaktive/
präventive
Strategien
|
Proaktive
Strategien
|
|
Strategie
basiert
auf einem
Szenario
(riskante
Strategie)
|
Strategie
basiert
auf dem wahrschein-
lichsten Szenario
Der Vorteil gegenüber
traditionellen Ansätzen
liegt darin, daß hier
der Planung ein
konsistentes Zukunfts-
bild zugrundeliegt.
|
Strategie
basiert
auf dem Szenario
mit den größten
Chancen
Offensive Strategie
mit der Aussicht auf
die besten, denkbaren
Ergebnisse. Strategie basiert
auf dem Szenario
mit den größten
Gefahren
Defensive Strategie
mit der Absicht,
sich gegen ein
Krisenszenario
abzusichern. |
Strategie
basiert
auf dem erstre-
benswerten
Szenario
Unternehmen
versuchen auf das
Eintreten des
erstrebenswerten
Szenarios Einfluß
zu nehmen.
|
|
Strategie
basiert
auf mehreren
Szenarien
(zukunfts-
robuste
Strategie)
|
Abgesicherte
Strategie basiert
auf dem
wahrschein-
lichsten
Szenario
Parallel wird die Strategie
gegen weniger
wahrscheinliche
Szenarien abgesichert.
|
Strategie
konzentriert
sich auf die
Maximierung
der Flexibilität
Erhöhung der Flexibilität
durch Verzögerung
von Entschei-
dungen Strategie
konzentriert
sich auf die
Minimierung
der Risiken
Verringerung der Risiken
durch Absicherung gegen
mehrere Szenarien. |
Abgesicherte
Strategie
basiert auf
dem erstre-
benswerten
Szenario
Grundsätzlich wird
versucht, das erstre-
benswerte Szenario
zu erreichen.
Parallel dazu wird
die Strategie gegen
alternative Szenarien
abgesichert.
|
Schritt 7: Ableitung von Handlungsoptionen
Für jedes der ausgewählten Szenarien werden sinnvolle Handlungsoptionen für das
Unternehmen abgeleitet. Diese Handlungsoptionen lassen sich im wesentlichen in zwei
Klassen einteilen:
-
Handlungsoptionen, die nur für ein Szenario gelten und
-
Handlungsoptionen, die für alle ausgewählten Szenarien gelten.
Für eine Planung sind die Handlungsoptionen der Klasse 2 in jedem Fall sofort
anzugehen, da sie stabil sind, das heißt unabhängig von der spezifischen
Szenarioentwicklung. Die für die Szenarien spezifischen Handlungsoptionen sind anzugehen,
wenn die notwendige permanente Beobachtung (Früherkennungssystem) zeigt, in welche
Richtung das Pendel ausschlägt.
Aus den Szenarien selbst ergeben sich Chancen und Risiken für das Unternehmen. Das
bedeutet, daß systematisch die Auswirkungen der Szenarien auf das Unternehmen erfaßt und
daraus die Chancen und Risiken ermittelt werden. Ziel muß es sein, die Chancen zu nutzen
und die Risiken zu minimieren. Dazu sind die notwendigen Handlungsoptionen zur
Chancennutzung und zur Risikovermeidung zu ermitteln [10].
Umsetzung der Szenariomethode in die
Planung [5]
Die Hauptaufgabe, für die Szenarioprojekte meist eingesetzt werden, ist die
Entwicklung von Zielen und Strategien im Unternehmen. Dies bedeutet, daß man anhand von
Szenarien zukunftsorientierte Ziele erkennen und definieren sowie geeignete Strategien
entwickeln kann, um diese Ziele zu erreichen. Den meisten Unternehmen geht es darum, eine
geeignete
Leitstrategie, die sich unter unterschiedlichen Umfeldbedingungen als robust und
flexibel erweist, zu erarbeiten. Eine robuste Strategie bedeutet, daß sie auf jeden Fall
erfolgreich ist, unabhängig davon, welche externen Situationen eintreten werden.
Dies ist der Weg, den die meisten Unternehmen heute auf der Basis der Szenarien
einschlagen.
Hieraus wird
klar, daß die Szenarioanwendung eine generell abgestimmte Planung für das
Gesamtunternehmen oder eine seiner strategischen Geschäftseinheiten ist. Ein besonderer
Vorteil liegt darin, daß die Planungen der einzelnen Bereiche auf einer gemeinsamen Basis
aufbauen - nämlich den Szenarien - und hierdurch die oft nicht abgestimmten Planungen
zwischen den einzelnen Bereichen vermieden werden.
Weiterhin ist ein positiver Aspekt, daß die verschiedenen Führungskräfte aus den
unterschiedlichen Funktionen und Bereichen des Unternehmens in das Projekt eingebunden
sind und dadurch von vornherein ein abgestimmtes Vorgehen auf der Basis einer gleichen
Grundlage erzielt werden kann. Die Führungskräfte, die für die Strategieumsetzung
verantwortlich sind, werden somit auf eine gemeinsame Basis eingeschworen. Sie sitzen alle
im selben Boot und arbeiten miteinander und nicht gegeneinander. Als Alternativstrategien
werden die Elemente weiterentwickelt, die unter Szenario A und B genannt werden, aber
nicht in die Leitstrategie übernommen werden konnten, da sie nur unter den jeweiligen
Bedingungen des Szenarios A oder B erfolgreich sein würden. Ganz wesentlich ist hier
wiederum der Einsatz von Früherkennung.
Überprüfung vorhandener Ziele und Strategien
Viele Unternehmen haben bereits heute Ziele und Strategien für die Zukunft definiert. Es
geht bei der Szenarioanwendung darum, die vorhandenen Ziele und Strategien an Szenarien zu
überprüfen, die unabhängig davon entwickelt werden. Hierbei muß darauf geachtet
werden, daß das Szenarioteam nicht nur aus den Entwicklern der vorhandenen Strategie
besteht, sondern daß auch andere Funktionen aus Stab und Linie hinzugezogen werden, die
durch ihre Sicht des Unternehmens und der Unternehmensumwelt eine Bereicherung und
Objektivierung der Szenarien bringen können.
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Tabelle
4: Zwei Szenarien, aus denen sich Alternativstrategien ableiten lassen
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|
Szenario A
|
|
Deskriptorensatz
|
|
Strategie 1
|
Strategie 2
|
Strategie 3
|
|
BSP
|
ungünstig
|
+ 1
|
+ 1
|
+ 1
|
|
Neue Technologien
|
schwache Zunahme
|
+ 1
|
0
|
0
|
|
Gesetzgebung
|
verschärft
|
+ 1
|
1
|
0
|
|
Einstellung der Gesellschaft zu neuen
Technologien
|
ablehnend
|
0
|
1
|
0
|
|
|
|
+ 3
|
1
|
+ 1
|
|
Szenario B
|
|
Deskriptorensatz
|
|
Strategie 1
|
Strategie 2
|
Strategie 3
|
|
BSP
|
positiv
|
- 1
|
0
|
0
|
|
Neue Technologien
|
dynamisch
|
1
|
|
1
|
|
Gesetzgebung
|
liberal
|
0
|
0
|
1
|
|
Einstellung der Gesellschaft zu neuen
Technologien
|
positiv
|
1
|
+ 1
|
+ 1
|
|
|
|
3
|
2
|
+ 1
|
|
Bewertungsskala: + 2 = sehr
gut, +1 = richtig, 0 = different, neutral, - 1 = paßt nicht so gut, - 2 = konträr
|
Wenn die Szenarien fertiggestellt sind, werden vorhandene Ziele und Strategien gegen
die verschiedenen Szenarien getestet. Dies erfolgt mit Hilfe einer Szenariokurzform, der
sogenannten Szenario-Deskriptorenliste, wobei jedes Szenario durch seine
wichtigsten Deskriptoren und deren typische Projektionen in die Zukunft gekennzeichnet ist
(siehe Tabelle 4). Es entsteht also eine zweidimensionale Matrix, in deren Zeilen die
Deskriptoren mit ihren Ausprägungen und in deren Spalten die bereits erarbeiteten
Strategien stehen, so daß durch gewichtete Zahlen die verschiedenen Strategieelemente mit
den Szenario-Deskriptoren verglichen werden können und somit klar wird, inwieweit diese
Strategie zu den unterschiedlichen Szenarien paßt.
Bereits eingeschlagene oder anvisierte Strategien werden in die Szenarien projiziert
und bewertet. Mit verschiedenen Wertungen werden die Strategien bezüglich ihrer
Effektivität innerhalb eines Szenarios eingestuft, und so kommt man zu einer
Gesamtbewertung pro Strategie. Darüber hinaus ist es aber auch wichtig, eine qualitative
Aussage zu machen, inwieweit eine bestimmte Strategie auf bestimmte Szenarioentwicklungen
agiert beziehungsweise reagiert. Man kann sich dazu die Frage stellen: Nutzt die Strategie
die verschiedenen Szenarioentwicklungen beziehungsweise erkennt sie ihre Chancen und
Risiken rechtzeitig, und wie geht sie damit um? Durch dieses Vorgehen erhält man eine
Gesamtbeurteilung pro Strategie und pro Szenario.
Vorgehen bei der Bewertung von strategischen Entscheidungen anhand
eines Beispiels
Immer dann, wenn es für ein Unternehmen um existentielle, langfristige
Zukunftsentscheidungen geht - wie zum Beispiel Investitionsentscheidungen,
Diversifikationen, Joint Ventures, Akquisitionen anderer Unternehmen oder Fusionen, ist es
wichtig, diese Strategie so abzusichern, daß sie unter beiden Szenarien-Rahmenbedingungen
realisierbar ist. Hierbei geht man so vor, daß zunächst alle Entscheidungsalternativen
präzisiert werden. Dazu einige Beispiele:
Statt der Alternativen Aufbau von Geschäftsaktivitäten in Osteuropa: Ja oder Nein,
müßten die Optionen folgendermaßen präzisiert werden.
Die Entscheidungsalternativen:
-
Joint Ventures mit einer regionalen Vertriebsgesellschaft und Belieferung dieser
Vertriebsgesellschaft, zum Beispiel mit Produkten aus Westeuropa
-
Aufbau eines eigenen Vertriebs in Osteuropa mit Belieferung der eigenen Produkte
-
Aufbau eines eigenen Produktionsstandortes in Osteuropa und Joint Venture mit einer
Vertriebsgesell-schaft
-
Aufbau einer eigenständigen strategischen Geschäftseinheit in Osteuropa, die alle
Funktionen von Produktion, Vertrieb, Marketing, Controlling beinhaltet, eventuell auch
Entwicklung.
-
Keine Aktivitäten in Osteuropa
Nachdem die Entscheidungsalternativen in Schritt 1 der Szenariomethode (Problemanalyse)
festelegt worden sind, geht man nun daran, die wirtschaftlichen, politischen,
gesellschaftlichen, technologischen, gesetzgeberischen, wettbewerbs- und
absatzmarktspezifischen Umfeldsituationen in Osteuropa mit Hilfe von Szenarien zu
erarbeiten. Nachdem die Szenarien fertiggestellt sind, werden diese fünf
Entscheidungsalternativen in beide Szenarien projiziert, und man erstellt eine Bewertung,
bei der man ermittelt, wie gut die Entscheidungsalternativen zu jedem Szenario passen.
Wie kann man mit einer solchen Entscheidungsmatrix umgehen? Hier bieten sich zwei
unterschiedliche Alternativen an, die Sicherheitsstrategie und die unternehmerische
Risikostrategie:
Bei der unternehmerischen Risikostrategie setzt man hauptsächlich auf
ein
Szenario und versucht alles in der Macht des Unternehmens Stehende zu tun, damit dieses
Szenario sich tatsächlich erfüllt. Um das Risiko einzugrenzen, ist hier eine sorgfältig
erarbeitete Alternativstrategie und ein intensives Beobachten der externen Entwicklungen
erforderlich, um gegebenenfalls, bevor wesentliche Investitionen getätigt werden, auf die
Alternativstrategie umschwenken zu können.
Tabelle 5 zeigt, daß die Entscheidungsalternativen 1 und 3
mit gleicher Punktzahl in den Szenarien abschneiden, so daß beide gleich gut zu Szenario
A und B passen. An zweiter Stelle folgt die Entscheidungsalternative 4 mit 21 Punkten.
Nach dieser Analyse könnte man jedoch noch unsicher sein, für welche der
Strategiealternativen man sich letztendlich entscheiden soll. Schaltet man jetzt noch den
Faktor
Störanfälligkeit der Alternativen dazu, dann wird dieses Bild deutlich
differenzierter.
Die
Störanfälligkeit
Die Störereignisanfälligkeit der einzelnen Alternativen wird dadurch analysiert, daß
man mögliche externe Störereignisse, die ja in den Szenarien noch nicht berücksichtigt
sind, einführt und ihre Auswirkungen auf die verschiedenen Strategiealternativen prüft.
Sind bestimmte Strategiealternativen besonders anfällig gegen diese Störereignisse, so
muß man hier eine hohe Störanfälligkeit voraussetzen, insbesondere dann, wenn das
Unternehmen nichts tun kann, um diese Störereignisse präventiv zu verhindern. Kann das
Unternehmen präventiv etwas gegen diese Störanfälligkeit tun, so wird diese als
mittelmäßig eingestuft. Eine geringe Störanfälligkeit bedeutet, daß die externen
Störungen der betrachteten Strategiealternative relativ wenig oder gar nichts anhaben
können. Die Einschätzungen der Störanfälligkeit werden ebenfalls mit Zahlen versehen,
wobei gilt: hoch = 3; mittel = 2; gering = 1; keine Störanfälligkeit = 0.
Nun multipliziert man diesen Wert für die Störanfälligkeit mit dem Faktor 3 und
zieht die Gesamtsumme von dem in den Szenarien erreichten Gesamtergebnis ab (siehe Tabelle
5). Man erhält dann eine neue Rangfolge, die zum Teil deutlich gegenüber der reinen
Szenariobewertung abweicht. So hat die Strategie 3 jetzt einen erheblichen Vorsprung
gegenüber der Strategie 1. Auf diese Art und Weise sollte man mit allen wichtigen
zukunftsrelevanten unternehmerischen Entscheidungen umgehen. Zur weiteren Absicherung der
getroffenen Entscheidungen empfiehlt es sich, auf jeden Fall ein Früherkennungssystem
einzurichten, das als Feedback oder Controlling-Instrument für die eingeschlagene
Strategie-Alternative fungiert (strategisches Controlling). Hierdurch ist trotz der klaren
und eindeutigen Entscheidung für eine Alternative ein Optimieren und Anpassen der
Strategie an die sich entwickelnden Verhältnisse möglich.
Teamgrößen
und Teamzusammensetzung
Erfahrungsgemäß ist für die Durchführung eines Szenarioprozesses für ein mittleres
Unternehmen mit folgendem Aufwand zu rechnen:
Die Teamgröße ist je nach Komplexität der Problemstellung mit 8 - 15 Personen
anzusetzen, wobei die Zusammensetzung möglichst interdisziplinär und heterogen sein
sollte. Sinnvollerweise bildet man auch ein Kernteam, das für den Ablauf und die
notwendigen Ausarbeitungen zuständig ist. Die Größe des Kernteams ist zwei bis drei
Personen.
Zeitaufwand für die Durchführung eines Szenarioprozesses
-
Der zeitliche Ablauf kann wie folgt gestaltet werden:
-
Vorbereitung im Kernteam (1 Tag)
-
Erster Szenario-Workshop (2,5 Tage Gesamtteam) Bearbeitung der Szenarioschritte 1 - 3
(Problemanalyse; Umfeldanalyse; Projektionen)
-
Zwischenphase: Auswertung durch Kernteam
-
Zweiter Szenario-Workshop (2,5 Tage Gesamtteam)Bearbeitung der Szenarioschritte 4 und 5
(Konsistenzprüfung und Szenario-Interpretation)
-
Zwischenphase: Auswertung durch Kernteam
-
Dritter Szenario-Workshop (zwei Tage Gesamtteam)Szenarioschritt 7 und optional 6 (Leit-
und Alternativstrategien; Störereignisanalyse)
-
Präsentation und Umsetzungsplanung (0,5 Tage)
-
Initiierung der Früherkennung (1 -1,5 Tage Kernteam und ausgewählte Teammitglieder)
Bei kleineren Projekten kann der Zeitaufwand deutlich reduziert werden, während bei
sehr komplexen Fragestellungen manchmal auch mehr Zeit benötigt wird.
Bei der erstmaligen Durchführung eines Szenarioprojekts empfiehlt es sich, den Prozeß
von einem erfahrenen Szenariomoderator durchführen zu lassen und eventuell auch
kurze Schulungseinheiten, die in dieses neue Denken einführen, zu integrieren. Das kann
durch Unternehmensberater wie auch durch internes Consulting geschehen.
Adressen
Interessante Internet-Links zum Thema:
Deutschsprachige Workshops werden angeboten von:
ScMI Scenario Management International AG
Ansprechpartner: Alexander Fink
Klingenderstrasse 10-14
33100 Paderborn
Tel.: 05251 / 150572
Fax: 05251 / 150579
Booz Allen & Hamilton GmbH
Lenbachplatz 3
80333 München
Tel.: 089 / 545250
Scenarios an Visions
Ansprechpartnerin: Ute von Reibnitz
1842 Avenue des Templiers
06140 Vence
Frankreich
Tel.: 0033 493 582500
Zusammenfassung
Szenarien finden ein breites Anwendungsspektrum, das von der Strategieentwicklung bis
hin zur Definition eines Produktlastenheftes reicht. Sie stellen eine Erweiterung
klassischer Prognosemodelle dar.
Der Gesamtprozeß für den Umgang mit zukünftigen Ereignissen sieht wie folgt aus:
Aus den Szenarien werden die wesentlichen Einflußgrößen abgeleitet, die von einem
sogenannten Scannerteam beobachtet werden und deren Veränderungen systematisch notiert
und in einem Strategie- / Marketingteam bewertet werden.
Die hier erkennbaren Trends führen entweder zur Änderung von Annahmen, die in den
Szenarien getroffen wurden, oder aber sie zeigen neue Chancen und Risiken für Geschäfte
auf. Inwieweit diese Trendlandschaften für das Unternehmen relevant sind, muß in einem
entsprechenden Bewertungsteam bewertet und dann in adäquate Aktionen umgesetzt werden.
Diese Aktionen sind dann vom Topmanagement zu veranlassen.
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Dieses Kapitel...
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