|
- Leseprobe -
Gestaltung innovativer Produkte und Dienstleistungen mit
Conjoint-Measurement
von Georg Tacke, Alexander Pohl
Stichworte: Kundennutzen von Produkt- oder
Dienstleistungsmerkmalen, Vorbereitung der Studie, Auswahl von Produkt- und
Dienstleistungsmerkmalen, Merkmalsauswahl, Festlegung des Erhebungsdesigns, Datenerhebung:
Auswahl der Befragten, Praktische Durchführung, Datenauswertung: Nutzenwertschätzung auf individueller Ebene,
Aggregation der Nutzenwerte, Anwendungsfehler bei Dienstleistungen: Einfluß des
Dienstleistungstyps, Berechnung von Zahlungsbereitschaften für
Dienstleistungskomponenten, Schätzung von Preisabsatzfunktionen und Preisoptimierung,
Segmentspezifische Angebotsgestaltung, Empfehlungen, Literatur,
Zusammenfassung.
|
In
diesem Beitrag erfahren Sie:
|
-
Welchen Nutzenbeitrag stiften einzelne Bestandteile eines
Produktes oder einer Dienstleistung? So ist es beispielsweise für einen Anbieter von
Paketdienstleistungen bei der Angebotskonzeption wichtig zu wissen, ob dem Kunden eine
geringe Transportdauer oder die Möglichkeit einer Online-Verfolgbarkeit des Paketes
wichtiger ist.
-
Welchen Nutzen bringen dem Kunden bestimmte neue Features
oder Innovationen? Hier kann mittels Conjoint Measurement festgestellt werden, durch
welche Innovationen das Angebot eines Anbieters am stärksten verbessert werden kann. Für
mehrere Innovationsoptionen kann eine klare Priorisierung nach Nutzen-Kosten-Relationen
abgeleitet werden.
-
Welchen Preis ist der Kunde bereit, für einzelne Produkt-
oder Dienstleistungsbestandteile zu zahlen? Mit Hilfe von Conjoint Measurement ist es
beispielsweise möglich, unter Berücksichtigung der Kosten optimale Preise sowohl für
das Gesamtangebot als auch für einzelne Komponenten zu ermitteln.
-
Welche Kunden präferieren welche Produkteigenschaften oder
Serviceleistungen? Welche "Nutzensegmente" ergeben sich daraus? Wie sollte vor
diesem Hintergrund das Gesamtangebot auf die verschiedenen Segmente ausgerichtet werden?
|
Sobald
Kunden bereit sind, auf gewisse Produkteigenschaften zugunsten eines niedrigeren Preises
zu verzichten, sollte die Optimierung des Kundennutzens bei der Produktgestaltung in den
Mittelpunkt gestellt werden. Ansonsten läuft man Gefahr, Produkte oder Dienstleistungen
zu entwickeln, die an den Bedürfnissen der Kunden vorbeigehen.
Mit Conjoint-Measurement kann der von verschiedenen Produkteigenschaften ausgehende
Kundennutzen
gemessen werden.
Phase 1: Vorbereitung der Studie
Auswahl von Produkt- oder
Dienstleistungsmerkmalen
Conjoint-Measurement erfordert eine intensive Vorbereitung. Unternehmen
müssen klären, welche Merkmale der Innovation in der Studie untersucht werden sollen.
Hierzu ist es zweckmäßig, zunächst alle in Frage kommenden Merkmale (wie zum Beispiel
im Falle eines neuen Pkws Design, Preis, Kraftstoffverbrauch etc.) aufzulisten. Danach
sollte in verschiedenen Workshops mit Produktmanagern, Baugruppenleitern sowie Vertretern
von Marketing, Vertrieb und Marktforschung eine Reduktion oder Bündelung aller
Möglichkeiten auf die wesentlichen Merkmale erfolgen. Neben Fachspezialisten müssen in
diesem Prozeß auch Methodenspezialisten hinzugezogen werden. Zwischenergebnisse sollten
in den Abteilungen diskutiert und in gemeinsamen Workshops zusammengetragen werden. Da die
Tauglichkeit der Ergebnisse in höchstem Maße von diesen Vorgaben abhängt, ist hier
größte Sorgfalt geboten.
Für die Merkmalsauswahl sind einige wichtige Kriterien zu beachten [2], die in folgendem
Kasten zusammengefaßt sind.
|
Kriterien
für die Merkmalsauswahl
|
-
Es sind für die Kaufentscheidung relevante Merkmale
auszuwählen. Neben den Vorstellungen des Unternehmens über die neuen beziehungsweise
veränderten Eigenschaften eines Angebotes können Gespräche mit
Key-Accounts, die
Analyse von Wettbewerbsangeboten und Sekundärquellen Hinweise auf diese Merkmale geben.
Im Rahmen einer Vorstudie sollte aus der eventuell hohen Zahl potentieller Merkmale eine
Auswahl vorgenommen werden. Damit können die aus Kundensicht
kaufentscheidungsrelevanten Merkmale identifiziert werden, denn vielfach sehen Unternehmen
ihre Angebote mit anderen Augen, als es die Kunden tun (vgl. [12], S. 474f.).
-
Die Merkmale müssen vom Unternehmen beeinflußbar
und technisch realisierbar sein.
-
Vorgesehene Innovationen oder Features müssen
berücksichtigt sein.
-
Die Merkmale müssen voneinander unabhängig sein.
Unabhängigkeit der Merkmale bedeutet, daß der empfundene Nutzen einer
Merkmalsausprägung nicht durch die Ausprägungen anderer Merkmale beeinflußt wird. So
ist es zum Beispiel problematisch, neben dem Merkmal der Umweltverträglichkeit eines PKW
auch den Kraftstoffverbrauch in einem Design zu untersuchen, da ein hoher Verbrauch
zugleich eine Verschlechterung bei der Umweltverträglichkeit bedeutet.
|
Phase 2: Datenerhebung
Selektion der Befragten
Vor der Durchführung einer Befragung oder eines Interviews mit
Conjoint Measurement muß sichergestellt werden, daß die einzelnen zur Befragung
ausgewählten Personen zu der Personengruppe zählen, für die das Conjoint Design
konzipiert wurde. Dies geschieht über Screening-Fragen. So würde es beispielsweise
keinen Sinn machen, einen Kunden von Telekommunikationsdienstleistungen, der einen
Anbieter strikt ablehnt, mit einem Conjoint Measurement-Interview zu konfrontieren,
welches diesen Anbieter als Ausprägung des Merkmals Marke enthält. Ein Paarvergleich
würde in diesem Fall aufgrund der Marken- oder Anbieterablehnung des Kunden
zugunsten des alternativen Anbieters ausfallen, unabhängig davon, durch welche weiteren
Leistungsmerkmale der alternative Anbieter gekennzeichnet ist. Dies würde letztlich die
Ergebnisse verzerren. Parallel zur Gestaltung des Erhebungsdesigns ist es somit
erforderlich, Screeningfragen zu konzipieren, die eine klare Selektion der Befragten
ermöglichen.
Praktische Durchführung
In Abhängigkeit vom Erhebungsdesign muß der Befragte innerhalb des
Interviews seine Präferenz auf unterschiedliche Art und Weise zum Ausdruck bringen.
Bei der Profil-Methode sortieren die Befragten die auf Produktkarten skizzierten fiktiven
Produkte entsprechend ihrer Präferenz.
Im Gegensatz
dazu wird beim Adaptiv-Ansatz mit Paarvergleichen gearbeitet. In unserem Pkw-Beispiel ist
ein solcher Paarvergleich dargestellt. In dem Beispiel ist der kostenlose Wartungsservice,
der in letzter Zeit von einigen Unternehmen angeboten wird, als produktbegleitende
Dienstleistung integriert. Er umfaßt alle Wartungskosten und alle Verschleißreparaturen
bis zu drei Jahren beziehungsweise 60.000 Kilometern.
Durch die Konstruktion der Alternativen ist ein Befragter gezwungen, die Vor- und
Nachteile des jeweiligen Angebotes abzuwägen. Im Ergebnis geben die Befragten die Stärke
ihrer Präferenz für ein Angebot durch die Angabe einer Zahl zwischen zum Beispiel eins
und neun an, wobei die Ziffern "links" von der fünf im Beispiel eine
Bevorzugung von Fahrzeug A und "rechts" von der fünf eine Bevorzugung von
Fahrzeug "B" ausdrücken. In dem beispielhaft dargestellten Pkw-Paarvergleich
muß sich ein Befragter entscheiden, inwieweit er einen Mercedes mit kostenlosem
Wartungsservice oder einen BMW ohne kostenlosen Wartungsservice bevorzugt. Der Mercedes
kostet dabei 71.000 DM, der BMW 63.000 DM.
Aggregation der Nutzenwerte
In der Regel ist die individuelle Nutzenstruktur einzelner Personen
für Unternehmen jedoch nur von geringem Interesse. Entscheidend ist vielmehr die
durchschnittliche Nutzenstruktur der Kunden oder einzelner Kundensegmente. Die Ergebnisse
der Nutzenwertschätzung auf individueller Ebene sind daher zu aggregieren.
Aus den
aggregierten Teilnutzenwerten kann die Präferenzwirkung verschiedener
Merkmalsausprägungen abgelesen werden. Die Unterschiede zwischen den Teilnutzenwerten
eines Merkmals geben Hinweise darauf, inwieweit eine Produktvariation zu einer
Präferenzveränderung führt. So wird zum Beispiel deutlich, daß eine Erhöhung der
Höchstgeschwindigkeit von 200 auf 220 km/h eine starke Präferenzwirkung erzielt. Eine
weitere Erhöhung auf 240 km/h führt jedoch nur noch zu einer geringen
Präferenzverbesserung. Die Analyse des Preises zeigt, daß zwischen 63.000 DM und 79.000
DM eine geringe Preiselastizität vorliegt. Außerhalb dieses Bereichs haben
Preisänderungen allerdings einen starken Effekt. Wird der Preis über die Schwelle von
79.000 DM angehoben, muß mit starken Präferenzrückgängen bei den Kunden gerechnet
werden. Entsprechend führen Preise unterhalb von 63.000 DM zu starken
Präferenzerhöhungen.
Empfehlungen
für den Einsatz von Conjoint-Measurement
Die Gestaltung von Dienstleistungen ist der von Produkten prinzipiell sehr ähnlich.
Die in diesem Beitrag aufgeführten Beispiele belegen die entsprechenden Vorgehensweisen
bei Produkten und Dienstleistungen. Es geht darum, die Leistungskomponenten zu
kombinieren, die aus Kundensicht wichtig und nutzenbringend sind. Dies können zum einen
Produktmerkmale und zum anderen Dienstleistungsmerkmale sein. Ziel ist ein optimaler
Service, nicht ein maximaler Service. Dies ist bei der Dienstleistung unter Umständen
noch wichtiger als beim Produkt. Häufig beobachten wir, daß Leistungskomponenten in das
Dienstleistungsangebot integriert werden, die aufgrund der hohen Personalkosten das
Unternehmen deutlich mehr kosten, als sie dem Kunden letztendlich bringen.
Mit Conjoint-Measurement wird der Gestaltungsprozeß ideal unterstützt. Insbesondere bei
folgenden Aufgabenstellungen können durch den Einsatz von Conjoint-Measurement wertvolle
Hinweise erlangt werden:
-
Ermittlung des Nutzens einzelner Dienstleistungsbestandteile aus Kundensicht
-
Optimale Gestaltung von Dienstleistungen zum Beispiel auf Basis von
Decision-Support-Modellen
-
Bestimmung von Zahlungsbereitschaften für Verbesserungen des Dienstleistungsangebotes
-
Ableitung von Preisabsatzfunktionen
-
Optimierung des Preises für bestimmte Dienstleistungen
-
Kundensegmentierung und segmentspezifische Dienstleistungsgestaltung
...
|
Dieses Kapitel...
|
|
... können Sie vollständig per
PDF-Download beziehen:
Alle Seiten mit Abbildungen in optimaler Qualität, hervorragend geeignet
zum Ausdruck auf Papier.
Zusätzlich bietet Ihnen das PDF-Format praktische Suchmöglichkeiten.
Schon in wenigen Minuten sind die Kapitel auf Ihrem Computer gespeichert,
zu einem günstigen Preis: 30 Cent pro Seite.
Zum Download |
|