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- Leseprobe -
Aufgabengerechte Kundeneinbindung im Innovationsprozess
von Stefan
Kohn, René
Niethammer
Bei der Entwicklung von Innovationen gilt Kundenorientierung als anerkannter Erfolgsfaktor. Viele Unternehmen stellen sich daher die Frage, wie stark, unter welchen Bedingungen und in welchen Phasen des Innovationsprozesses Kunden in den Neuproduktentwicklungsprozess einbezogen werden sollen. Aktuelle Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die vielerorts gepriesene Kundeneinbindung nicht immer zweckmäßig ist. Die Autoren erläutern hier die Frage nach einer aufgabengerechten Kundeneinbindung in den Innovationsprozess, die nicht zuletzt von Faktoren wie Innovationshöhe und Prozessfortschritt bestimmt sein sollte. Darüber hinaus stellen sie Alternativen zur Stimulierung des Innovationsprozesses dar.
Stichworte: Kundeneinbindung als Erfolgsfaktor; Innovationsgrad; Prozessorientierung; Vorgehensalternativen bei neuen Geschäftsfeldern: Technologieorientierung, Kompetenzorientierung; Marktorientierung; Zusammenfassung
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In diesem Beitrag erfahren Sie:
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- Warum die Kundeneinbindung in die Produktentwicklung nicht immer
erfolgreich ist,
- wie der Erfolg der Kundenbeteiligung mit dem Charakter der
Innovation beziehungsweise mit dem Innovationsgrad zusammenhängt;
- an welchen Punkten des Entwicklungsprozesses Kundenbeteiligungen
besonders hilfreich sind,
- welche sinnvollen Wege zur Ideenfindung sich über die
Kundenbeteiligung hinaus anbieten.
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Kundeneinbindung und Innovationserfolg
Innovation ist eines der meistgenutzten Schlagworte
unserer Zeit. Häufig ist der Begriff in seiner Benutzung unklar und
ungenau. Hier soll unter einer Innovation die erstmalige und erfolgreiche
wirtschaftliche Verwertung einer Erfindung, also einer Invention,
verstanden werden. Der Innovationsprozess umfasst demzufolge alle
Aktivitäten, die zu diesem Ziel notwendig sind.
Die empirische Innovationsforschung beschäftigt sich
schon seit vielen Jahren mit der Frage, welches die Kernaktivitäten und
Rahmenbedingungen eines Innovationsprozesses sind und welche von diesen
besonders wichtig für eine erfolgreiche Innovationstätigkeit sind.
Häufig wird in diesem Zusammenhang die frühzeitige Einbindung von Kunden
in den Neuproduktentwicklungsprozess als Erfolgsfaktor genannt.
Konsequenterweise wird die frühzeitige Einbindung von Kunden in die
Produktentwicklung in vielen Branchen praktiziert und als Best Practice
anerkannt. Die theoretische Überlegung, welche die Sinnhaftigkeit der
Kundeneinbindung begründet, ist folgende: Frühzeitiges Involvieren der
Kunden gewährleistet die Entwicklung von marktgerechten Produkten, deren
Spezifikationen die Anforderungen des Marktes erfüllen. Je nach Grad der
Kundeneinbindung sichert man sich schon von Beginn an nicht nur ein
bekanntes Kundenpotenzial, sondern auch schon feste Abnehmer, da der
Übergang vom Mitentwickler zum Abnehmer fließend sein kann.
Ist es daher angeraten, Kunden so früh wie möglich und
so intensiv es nur geht in den Neuproduktentwicklungsprozess
einzubeziehen? Aktuelle Erkenntnisse der Innovationsforschung
widersprechen dieser so logisch erscheinenden Überlegung. Arbeiten von
Atuahene-Gima [1], Ernst [8] sowie Henard und Szymanski [12] deuten darauf
hin, dass die Kundeneinbindung in den Neuproduktentwicklungsprozess und
der Innovationserfolg keine lineare Beziehung aufweisen (vgl. Abb. 1).
Vielmehr ist eine differenzierte Sichtweise angebracht.
Abb. 1: Der Zusammenhang zwischen Innovationserfolg und Kundeneinbindung ist nicht linear
Der Grund für die teilweise negative Einflussnahme der
Kundeninvolvierung ist die dadurch bewirkte und häufig auch gewünschte
starke Fokussierung der Innovationsaktivitäten. Kunden, die nach Ideen
für neue Produkte befragt werden oder diese bewerten sollen, sind in
Ihrer Erfahrungswelt »gefangen«. Sie beurteilen die Ideen im Rahmen der
aktuellen Situation und unter der Sichtweise ihrer aktuellen täglichen
Probleme und Herausforderungen. Häufig bewirken Innovationen jedoch eine
Änderung des Bezugsrahmens und erfordern für ihre Beurteilung gänzlich
neue Beurteilungskriterien, die von aktuellen Kunden häufig nicht zu
beurteilen sind beziehungsweise von diesen nicht objektiv bewertet werden
können. Als Beispiel sei hier die Entwicklung im Bereich der
Festplattentechnologie genannt (siehe Kasten). Dieses Beispiel zeigt, dass
die Einbindung von Kunden in den Innovationsprozess zur Generierung oder
Bewertung von Ideen nicht immer erfolgsversprechend ist.
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Beispiel: Entwicklung der Festplattentechnologie
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Bis in die Mitte der 70er Jahre besaßen Festplatten eine Größe von 14-inch und wurden fast ausschließlich in Mainframe-Computern eingebaut. Auf Grund von technologischen Entwicklungen wurde eine Verkleinerung auf 8-inch möglich. Die zu dieser Zeit wichtigsten Leistungsmerkmale der Abnehmer der 14-inch Festplatten wie Speicherkapazität, Zugriffszeit und Kosten pro Speicher waren jedoch bei den kleineren und leichteren Festplatten deutlich schlechter. Zusätzlich hätte der Wechsel auf kleinere Festplatten Veränderungen an den Computern bezüglich der Halterung und Montage hervorgerufen. Folgerichtig lehnten die Kunden der Hersteller der 14-inch Festplatten diese Neuerung ab, und die Hersteller verfolgten die Technologie nicht weiter. Andere Unternehmen häufig Start-Ups griffen die Technologie jedoch auf und entwickelten die 8-inch Laufwerke weiter und fanden eine neue Anwendung. Nicht die Produzenten von Mainframe Computern, sondern die Hersteller von Minicomputern schätzten die Vorzüge hinsichtlich Größe und Gewicht und waren bereit, Abstriche hinsichtlich der anderen Kriterien zu machen. Ein neues Marktsegment entwickelte sich, in dem die traditionellen Hersteller der 14-inch Festplatten nicht mehr oder nur unter großem Aufwand Fuß fassen konnten. Nicht nur, dass dieses Marktsegment nicht erschlossen werden konnte, nach einigen Jahren waren auch die 8-inch Festplatten bezüglich ihrer Leistungsparameter soweit fortgeschritten, dass die ursprünglichen Nachteile gegenüber der 14-inch Festplatten nicht mehr existent waren. Zusätzlich stellten sich weitere Vorteile, wie beispielsweise geringere mechanische Vibrationen, heraus. Dies bewirkte, dass somit auch in Mainframe-Computern ein Wechsel von 14 auf 8-inch Festplatten erfolgte und der Markt für 14-inch Festplatten verschwand.
Ein Muster, das sich mit dem Aufkommen der 5,25-inch Festplatten Anfang der 80er wiederholte. Diese waren wiederum uninteressant für die Mini-Computer-Hersteller und wurden von den 8-inch Festplatten-Herstellern daher nicht weiter verfolgt. Eine neue Gruppe von Festplatten-Herstellern konnte sich den zu dieser Zeit gerade entwickelnden Markt der PCs, die mit 5,25-inch Festplatten ausgestattet wurden, sichern [4].
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Im Folgenden soll daher dargestellt werden, unter welchen
Voraussetzungen Kundeneinbindung sinnvoll und unter welchen Voraussetzung
sie eher schädlich ist. Die Entscheidung über den Grad der
Kundeneinbindung ist unter anderem abhängig von:
-
dem Innovationsgrad der neuen Dienstleistung oder des
neuen Produktes und
-
der Phase des Innovationsprozesses, in der sich ein
Projekt befindet.
Bevor jedoch diese differenzierenden Faktoren näher
betrachtet werden, soll zunächst der aktuelle Stand der
wissenschaftlichen Forschung näher dargestellt werden.
Kundeneinbindung als anerkannter Erfolgsfaktor
Verschiedene Studien [2, 10, 18, 20, 21] haben in
empirischen Untersuchungen festgestellt, dass eine aktive Kundeneinbindung
in den Innovationsprozess den Innovationserfolg positiv beeinflusst.
Insbesondere Gruner und Homburg fanden in ihrer Studie heraus, dass eine
intensive Kundeneinbindung während der Ideenfindung, der
Produktkonzepterstellung, bei der Prototypenbewertung und -auswahl sowie
der Markteinführung den Innovationserfolg in verschiedener Hinsicht
positiv beeinflusst. So steigt die Qualität des Neuprodukts, der
wirtschaftliche Innovationserfolg, die Güte des Innovationsprozesses, und
es sinken die Betriebskosten des Neuproduktes. Ziel der Kundeneinbindung
ist es stets, frühzeitig die Informationsdefizite, die am Anfang eines
jeden Innovationsprojektes vorhanden sind, zu reduzieren. Die
Anforderungen der späteren Kunden hinsichtlich der technischen
Spezifikationen, deren Preisbereitschaft und Kaufverhalten sollten
idealerweise schon vor der eigentlichen Entwicklungstätigkeit feststehen,
um aufwendige Nachbesserungen auszuschließen.
Auch bei der Betrachtung der Praxis findet man häufig die
Fokussierung auf den Einbezug von Kunden bei Neuproduktprojekten.
Zahlreiche Firmen rühmen sich hinsichtlich ihrer engen Kundenkontakte und
ihrer maßgerecht entwickelten Produkte. So ist es nicht verwunderlich,
dass laut Umfragen 94,1 Prozent aller Unternehmen Kunden als Ideengeber
für neue Produkte nennen und Kunden vor Messen, Mitarbeitern, externer
und interner F&E, Patentdaten und Lizenzbörsen mit Abstand die
wichtigste Quelle für neue Ideen bilden [9]. So verwundert es auch nicht,
dass nicht nur die Ideengenerierung, sondern sogar schon Teile der
eigentlichen Neuproduktentwicklung vom Hersteller auf den Kunden verlagert
werden [26, 27, 30].
Grund genug und Anlass, den Einbezug von Kunden in den
Innovationsprozess tiefer zu untersuchen und zu systematisieren. Vor allem
der unter diesen Überlegungen entwickelte Lead-User-Ansatz (siehe hierzu
auch Kap. 03.04) ist hier zu nennen [13, 14, 29]. Bei diesem Ansatz werden
Anwender in drei Klassen unterteilt. Zum einen gibt es »normale
Anwender«, die die aktuellen Produkte nutzen. Darüber hinaus gibt es
jedoch Anwender mit besonderen Anforderungen, da diese die Produkte in
einer äußerst häufigen Frequenz oder unter besonderen Bedingungen
benutzen. Diese werden als »Extrem-Anwender« bezeichnet. Eine dritte
Kategorie bilden »Analog-Anwender«, die zwar nicht die aktuellen
Produkte aber ähnliche benutzen, die zwar den gleichen Zweck erfüllen,
jedoch andere technische Ansätze nutzen oder in einer anderen Branche
beheimatet sind. Als Beispiel könnten bei der KfZ-Entwicklung Taxifahrer
als Extrem-Anwender und Formel-1-Piloten als Analog-Anwender bezeichnet
werden. Insbesondere die Extrem- und Analog-Anwender werden gemäß der
Lead-User-Systematik als vielversprechend gesehen, da diese neue
Entwicklungspotenziale aufzeigen können.
Damit greift die Lead-User-Thematik an einem wunden Punkt
der Innovationstätigkeit mit Unterstützung der Kundeneinbindung an.
Bestehende Kunden, die nach Verbesserungen der aktuellen Produkte gefragt
werden, sind in ihrem Erfahrungshorizont zu sehr auf das aktuelle Produkt
und seine Beschränkungen eingestellt. Typische Forderungen bei der Frage
nach Verbesserungen sind die lineare Verbesserung der gängigen
Spezifikationen. Automobile um in diesem Themenkomplex zu bleiben
sollen demnach schneller, billiger, leichter, günstiger im
Treibstoffverbrauch, umweltfreundlicher und sicherer werden. Innovationen,
die jedoch den gängigen Bezugsrahmen sprengen, indem sie auf neue
Antriebskonzepte, neue Funktionalitäten oder neue Raumaufteilungen des
Innenraums setzen, werden daher auch selten durch Kunden initiiert und
können von diesen zumindest in einer ersten Konzeptphase nicht beurteilt
werden.
Diese Aussage wird von empirischen Innovationsforschern
bestätigt. Henard und Szymanski untersuchten verschiedene
Erfolgsfaktorenstudien und fanden keine statistisch signifikante
Korrelation zwischen Kundeneinbindung und Innovationserfolg [12]. Auch
Ergebnisse von Ernst [8] machen »deutlich, dass die Kundeneinbindung in
die Neuproduktentwicklung nicht pauschal positiv, sondern differenziert zu
betrachten ist«. Als Gefahren einer zu starken Fokussierung auf die
Kunden wird die Bedrohung, Nischenprodukte zu entwickeln, ebenso genannt
wie die Vernachlässigung einer eigenständigen
Neuproduktentwicklungsstrategie und damit der langfristige Verlust von
Wettbewerbs- und Differenzierungsvorteilen.
Die Frage, die sich nun stellt, ist: Wann ist eine
Kundeneinbindung in den Innovationsprozess sinnvoll und angeraten, wann
eher nicht?
Eine Differenzierte Sichtweise ist notwendig
Betrachtung in Abhängigkeit des Innovationsgrades
Zunächst ist es wichtig nach dem Innovationsgrad zu
unterscheiden, den die geplante Neuentwicklung haben soll. Die
Innovationsforschung hat in den letzten Jahren eine Vielzahl von Begriffen
geprägt, die unterschiedliche Innovationshöhen charakterisieren. Zwei
Begriffspaare werden sehr häufig verwendet und sind auch für die
folgenden Betrachtungen notwendig. Zum einen werden Innovationen so
wie es auch intuitiv naheliegend ist nach dem Grad ihrer
Leistungssteigerung gegenüber Vorgängerprodukten gemessen. Kommen
gänzlich neue Funktionalitäten hinzu, werden drastische
Kosteneinsparungen möglich (>30 Prozent) oder werden
Leistungsparameter stark verbessert (mindestens fünffache
Leistungssteigerung), so nennt man diese Innovationen radikal [19]. Ist
keines dieser Kriterien erfüllt wie es bei den zahlenmäßig meisten
Innovationen der Fall ist werden die Innovationen als inkremental
bezeichnet. Anschaulich lässt sich dies auch auf Basis des
Technologielebenszykluskonzeptes (auch technologische S-Kurve genannt)
darstellen, bei der radikale Innovationen eher im Schrittmacherbereich und
inkrementale Innovationen eher im Reife- und Verfallsbereich anzusiedeln
sind (vgl. Abb. 2).
Abb. 2: Eingliederung von radikalen und inkrementalen Innovationen in das
Technologielebenszykluskonzept [24]
Neben diesem Begriffspaar inkremental radikal
gibt es ein weiteres Paar, das insbesondere die organisatorischen
Rahmenbedingungen betrachtet. Können Anwender die Innovation ohne
weiteres nutzen, ist also der Ersatz der alten durch die neuen Produkte
nicht mit zusätzlichen Investitionen, dem Erlernen von neuem Wissen oder
der Neustrukturierung von Prozessen verbunden, nennt man die Innovationen sustaining
(nachhaltig). Ist aber ein solcher Wechsel notwendig, werden sie als disruptiv
bezeichnet. Häufig sind disruptive Innovationen in vielen
Leistungskennwerten etablierten Produkten unterlegen, bieten jedoch in
einzelnen Bereichen Vorteile, die neue Anwendungsmöglichkeiten eröffnen
[4]. Auch wenn in aller Regel radikale Innovationen häufiger disruptiv
und inkrementale Innovationen nachhaltig sind, sind auch Ausnahmen
möglich. Eine Gleichsetzung der Begriffe ist daher nicht zulässig.
Tabelle 1 zeigt die Gliederung der Begriffe und die Möglichkeit der
Kundeneinbindung.
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Tabelle 1: Innovationsgrad und Kundeneinbindung
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Art der Innovation
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nachhaltig
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disruptiv
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inkremental
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Frühe Kundeneinbindung sinnvoll
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Frühe Kundeneinbindung häufig nicht möglich, da Kunden nicht bekannt sind
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radikal
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Frühe Kundeneinbindung häufig nicht sinnvoll, da Kunde keinen ausreichenden Erfahrungshorizont hat
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Frühe Kundeneinbindung weder möglich noch sinnvoll
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Sicherlich sind zahlenmäßig mit Abstand die meisten
Innovationen in die Gruppe der nachhaltigen und inkrementalen Innovationen
einzuordnen, bei denen die Kundeneinbindung sinnvoll und richtig
erscheint. Die Kunden kennen die aktuellen Produkte, deren Technologie und
ihre Schwachstellen und können so ihre Anregungen zur Produktoptimierung
geben. Dieses Wissen ist bei den Kunden zumeist nicht einfach abrufbar,
sondern es sind beispielsweise Workshops durchzuführen, bei denen dieses
Wissen durch geschickte Moderationstechniken herausgearbeitet werden kann.
Im Falle der radikalen Innovationen ist es schwieriger.
Bei radikalen Innovationen, die geringere Kosten oder verbesserte
Leistungsparameter versprechen, basiert die Ideenentstehung in der Regel
auf neuen technologischen Erkenntnissen aus Forschungseinrichtungen. Dass
Kunden Quellen dieser Erkenntnisse sind, erscheint daher eher
unwahrscheinlich. Allenfalls die weiter oben beschriebenen Extrem- oder
Analog-Anwender können aufgrund ihrer persönlichen Betroffenheit bereits
mit Lösungsalternativen experimentiert haben und viel versprechende
Ansätze liefern. Die Bewertung dieser Ansätze durch die Kunden ist
sicherlich möglich, da sie die Wünsche in den eindimensionalen
Produktkriterien wie Preis und Leistungsmerkmale entsprechend kennen, und
hier ein verbesserter Wert zu einer besseren Beurteilung führen sollte.
Handelt es sich jedoch um Innovationen, die aufgrund neuer
Funktionalitäten als radikal klassifiziert werden können, so ist es
fraglich, ob die Ideengenerierung wie auch die -bewertung durch Kunden
erfolgen kann. Zumindest in einer ersten Konzeptphase, in der die
vorläufige Ideenbewertung stattfindet, ist es für Nutzer aufgrund
mangelnden Vorstellungsvermögens häufig schwierig, neue, bisher
unbekannte Funktionalitäten zu beurteilen. Sie haben sich selten mit den
zugrundeliegenden Technologien befasst und können sich dessen
Leistungspotenzial daher auch nicht vorstellen. Erst später, wenn
Prototypen vorhanden sind, ist eine solche Beurteilung möglich.
Ein aktuelles Beispiel für eine solche radikale
Innovation ist der Wechsel von GSM hin zu UMTS Mobilfunkeinheiten. Die
Datenübertragungsrate steigt beträchtlich an, was zusätzlich neue
Funktionalitäten ermöglicht. Aktuelle Kunden, die mit ihren heutigen
Mobiltelefonen vor allem telefonieren und diese teils auch als Modem und
Fax verwenden, werden die neue Technologie zwar begrüßen, aber nur
bedingt bereit sein, einen Systemwechsel mit entsprechenden Investitionen
zu tätigen. Erst die neuen Funktionalitäten machen einen solchen Wechsel
interessant. Diese sind den Kunden noch nicht bekannt und können daher
auch nicht beurteilt werden. Erst die Erprobungen von Prototypen wie
sie zur Zeit erfolgen können darüber Aufschluss geben, ob die neue
Technologie vom Kunden angenommen wird und für welche Anwendungen er sie
vorwiegend nutzt.
Anders verhält es sich mit disruptiven Innovationen.
Diese Art der Innovationen führt häufig zu einer Veränderung der
Geschäftsprozesse und -beziehungen. Nicht zuletzt aufgrund von
disruptiven Entwicklungen verlieren dominante Unternehmen ihre
Marktstellung und werden von Start-Ups verdrängt. Nur wenige Hersteller
von elektrischen Schreibmaschinen haben das Computerzeitalter überlebt,
ebenso bedeutete der Wechsel von Mainframe-Computern über Mini-Computer
bis hin zu PCs, Notebooks und PDAs den Aufstieg und Niedergang
verschiedenster Unternehmen. Ein Grund ist der Wechsel der Käufer beim
Übergang in eine neue Technologiegeneration. Während Großrechner nahezu
ausschließlich von Großunternehmen und Forschungseinrichtungen genutzt
wurden, werden PCs zu einem Großteil von Privatpersonen genutzt. Eine
Innovationsstrategie, die auf konsequente Kundeneinbindung setzt, würde
demnach stets die nachfolgende Technologiegeneration als nicht Erfolg
versprechend kategorisieren, da sie aus Sicht der bestehenden Kunden
zunächst kaum Vorteile bringt [4]. Erst nach einem gewissen Zeitraum und
dem damit verbundenen inkrementalen sowie nachhaltigen Leistungsanstieg
der neuen Technologie wie in unserem Beispiel der PCs werden
diese so leistungsfähig, dass sie den Großrechnern auch in ihrem
Stammgeschäft Konkurrenz machen und diese auf ein Nischendasein
zurückdrängen. Dieses Beispiel zeigt, dass bei disruptiven Innovationen
eine Kundeneinbindung auch deshalb sehr schwierig ist, weil in den ersten
Phasen des Innovationsprozesses die künftigen Kunden noch nicht bekannt
sind.
Potenziert wird dieses Problem bei radikalen disruptiven
Innovationen. In diesem Fall kann eine Kundeneinbindung nur sehr schwer
durchgeführt werden, da Kunden zum einen nicht klar identifiziert werden
können und falls doch, diese dann häufig keinen adäquaten
Erfahrungshorizont aufweisen. In solchen Fällen ist außerdem häufig
eine sogenannte »Application migration« vorzufinden: Eine neue viel
versprechende Technologie mit gewissen Leistungsmerkmalen wird zunächst
für eine bestimmte Anwendung erforscht. Es stellt sich dagegen heraus,
dass die zunächst angedachte Anwendung nicht durchführbar ist, die
Leistungsspezifika jedoch für andere Anwendungen nutzbar sind. Als
Beispiel sei hier der »nichtklebende« Klebstoff von 3M genannt, der
ursprünglich als Verbesserung eines traditionellen Klebstoffes gedacht
war und erst nach Jahren die Grundlage für die Post-It-Innovation legte
[25]. Eine Befragung und Einbindung von Kunden war dabei erst möglich,
nachdem das Produkt als Post-It konzipiert und entwickelt war.
Frühzeitigere Kundeneinbindung zum Beispiel von Nutzern von
Industrieklebstoffen, bei denen Klebekraft das dominante
Beurteilungskriterium ist hätte vermutlich zu negativen Ergebnissen
geführt.
Prozessorientierte Sichtweise
Neben der Bewertung der Kundeneinbindung in den
Innovationsprozess in Abhängigkeit des Innovationsgrades ist auch eine
prozessorientierte Sichtweise sinnvoll. Der Neuproduktentwicklungsprozess
ist in vielen Unternehmen eine sequentielle Abfolge verschiedener
Tätigkeiten, die in der Regel mit der genauen Definition des Produktes
beginnt, dann die eigentliche Konstruktion und Erprobung umfasst und
letztendlich mit der Markteinführung endet. Je nach Unternehmen variiert
die Anzahl der Tätigkeiten, und es werden verschiedene Methodiken für
deren Bearbeitung vorgeschrieben. Dies kann in einigen Unternehmen schon
frühzeitige Marktumfragen und Technologiestudien für die genaue Klärung
und Definition der Aufgabe beinhalten, die in anderen Unternehmen erst mit
Prototypen oder Vorserienmodellen erfolgen. Solche Prozesse werden auch in
der VDI-Richtlinie 2221 geschildert [22]. Sie beinhalten regelmäßige
Meilensteine, um den Projektstatus zu kontrollieren und
Entwicklungsprojekte notfalls auch zu beenden [7].
Die eigentliche Ideenfindung und -auswahl wird häufig als
gegeben vorausgesetzt. Erst seit einiger Zeit fokussiert sich die
Aufmerksamkeit auch auf die Aktivitäten, die dem strukturierten und
sequentiellen Neuproduktentwicklungsprozess vorgelagert sind. Die Summe
dieser Aktivitäten wird häufig als das »Fuzzy Front End« bezeichnet
[15, 16, 17, 20, 21]. Diese vorgelagerten Aktivitäten bilden das
Bindeglied zwischen der Unternehmensstrategie und dem
Produktentwicklungsprozess (vgl. Abb. 3) und beinhalten Aktivitäten wie
die Suche und Bewertung von neuen Geschäftsfeldern, die Generierung und
Auswahl von Produkt- und Dienstleistungsideen für positiv bewertete
Geschäftsfelder und die Konkretisierung der besten Ideen bis zu einem
Grad, bei dem sie in den regulären Produktentwicklungsprozess übergeben
werden können. Neben diesen Aktivitäten, die normalerweise nicht
sequentiell sondern iterativ erarbeitet werden, spielen vor allem auch
Aspekte der Unternehmenskultur und der Strategievorgaben des Unternehmens
eine dominante Rolle und besitzen damit einen großen Einfluss auf die
Qualität und Quantität der letztendlich resultierenden Konzepte. Im
Fuzzy Front End entstehen letztendlich durch experimentelle Zufälligkeit
und Iteration die neuen Innovationsideen, die im nachfolgenden
Produktentwicklungsprozess systematisch zu marktfähigen Produkten
entwickelt werden.
Abb. 3: Fuzzy Front End als Bindeglied zwischen der Unternehmensstrategie und der Produktentwicklung
Betrachtet man nun die komplette Prozesskette von der
Unternehmensstrategie über das Fuzzy Front End bis hin zum
Neuproduktentwicklungsprozess, so stellt sich die Frage, wann eine aktive
Kundeneinbindung sinnvoll erscheint. Aus dem oben gesagten lässt sich
schließen, dass eine Kundeneinbindung in den
Neuproduktentwicklungsprozess grundsätzlich durchaus sinnvoll ist.
Spätestens sobald Prototypen vorhanden sind, können die oben
geschilderten Probleme der mangelnden Vorstellungskraft von Kunden
minimiert werden. Wie sieht es aber mit der Kundeneinbindung in den ersten
Phasen aus? Gerade hier, beim Generieren und Auswählen von Ideen, treten
die oben geschilderten Bedenken zu Tage. Einerseits sind die Kunden noch
nicht bekannt, da mit neuen Produkten häufig gerade neue Kunden
angesprochen werden sollen. Andererseits bestehen zu diskutierende Ideen
nur auf dem Papier, was eine hohe Vorstellungs- und Abstraktionskraft bei
den Kunden voraussetzt.
Darum empfiehlt sich gerade hier eine selektive Strategie.
Zum einen sollte durch eine starke Kundeneinbindung die kontinuierliche
Verbesserung der aktuellen Produkte durch inkrementale Innovationen
sichergestellt werden. Für diese Innovationen wird das Fuzzy Front End in
der Regel auch in einem kurzen Zeitraum durchlaufen und beinhaltet nur
wenige Iterationen. Hier gibt es nur wenige unbekannte Variablen und das
notwendige Wissen ist im Unternehmen oder bei den bekannten Kunden
vorhanden.
Auf der Suche nach radikalen und disruptiven Innovationen
sollten die aktuellen Kunden des Unternehmens in dieser Phase nicht
eingebunden, sondern andere Wege der Ideenfindung und -bewertung
beschritten werden. Andere Suchrichtungen wie allgemeine Markttrends,
technologische Entwicklungen oder Wettbewerbsbetrachtungen bieten hier
sinnvolle Alternativen [5].
Während die Kundeneinbindung den Erfolg im Stammgeschäft
nachhaltig absichert, eröffnet die davon losgelöste Suche Chancen, neue
Marktsegmente mit neuen Kunden für das Unternehmen zu identifizieren und
zu erschließen und so ein konsequentes Wachstum durch Innovation zu
gewährleisten.
Diese Ausführungen zeigen, dass Kundeneinbindung auch zu
früh erfolgen kann und somit stets in Abhängigkeit zur erwünschten
strategischen Zielsetzung des Innovationsprozesses gewählt werden muss.
Allerdings ist die frühzeitige Markt- und Kundenorientierung stets zu
beachten. Auch wenn es teilweise sinnvoll ist, Kunden nicht direkt in den
Entwicklungsprozess einzubeziehen, ist es jedoch sehr wohl notwendig sich
als Verantwortlicher stets an zu erwartenden Kundenanforderungen und
-wünschen zu orientieren. Die Herausforderung und Schwierigkeit besteht
darin, diese zu kennen. Anders ausgedrückt: Derjenige, der sich mit
radikalen und disruptiven Innovationen auseinandersetzt, muss Mittel und
Wege finden, Markt- und Kundenanforderungen zu identifizieren, die die
heutigen Kunden selbst noch nicht äußern können, oder aber potenzielle
neue Kunden zu identifizieren. Welche Ansätze zur Bewältigung dieser
Aufgabe hilfreich sind, wie eine Markt- und Kundenorientierung ohne
direkte Kundeneinbindung gewährleistet werden kann, wird im Folgenden
dargelegt.
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Beispiel aus der Unternehmenspraxis: Inkrementale und radikale Innovationen beim Unternehmen Rasselstein-Hoesch
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Die Rasselstein-Hoesch GmbH ist einer der weltgrößten Weißblechproduzenten und beliefert beispielsweise maßgeblich die Verpackungsmittelindustrie zur Produktion von zweiteiligen Getränkedosen und dreiteiligen Konservendosen. In diesem Bereich sind die Can-Maker die direkten Kunden von Rasselstein-Hoesch für Weißblech und damit bei der Entwicklung neuer Produkte für dieses Marktsegment relevant. Rasselstein-Hoesch arbeitet sehr eng mit den Can-Makern im Sinne einer Kundeneinbindung im
Innovationsprozess zusammen und konnte dadurch dem Trend der letzten Jahre zur Gewichtsreduzierung der Getränkedose mit seinem Weißblech voll gerecht werden. Dieser Trend entspricht einer inkrementalen Innovationsentwicklung und trägt zu einer beidseitigen Win-Win-Situation bei. Radikale Innovationen wie beispielsweise die wieder verschließbare oder geshapte Getränkedose konnten bislang mit den Can-Makern noch nicht realisiert werden, da dadurch bei den Can-Makern neue Produktionsanlagen erforderlich wären und für diese wenig Bereitschaft besteht. Dies ist ein Beispiel dafür, dass radikale Innovationen auch an einer zu starken Kundeneinbindung im Innovationsprozess scheitern können. Rasselstein-Hoesch konnte demgegenüber aber in jüngster Vergangenheit auch radikale Innovationen für den Werkstoff Weißblech erzielen. Durch den Einsatz von Weißblech als Kabelband für empfindliche erdverlegte Telekommunikationsleitungen zum Bissschutz vor Nagetieren konnte für Rasselstein-Hoesch unabhängig vom Verpackungsbereich ein gänzlich neues Geschäftsfeld erschlossen werden. Das Innovationszentrum von Rasselstein-Hoesch generiert derartige neue Ideen durch die auf Studien aufbauende Markt- und Technologieorientierung, die auf der Befragung von Fachexperten sowie auf Kreativitätsworkshops mit Experten und Marktkennern aufbauen. Neue Geschäftsfelder verbunden mit radikalen Innovationen sollten, wie dieses Beispiel eindrücklich beweist, mit möglichst wenig Kundeneinbindung generiert werden, um Marktbedürfnisse voll zu befriedigen und nicht an internen Kundeninteressen zu scheitern. Diese Vorgehensweise ergab noch weitere neue Geschäftsfelder für Weißblech außerhalb des Verpackungsmittelbereichs, die derzeit von Rasselstein-Hoesch realisiert werden.
Autor: Jochen Lohscheidt,
Leiter Innovationszentrum Rasselstein-Hoesch GmbH
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