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Aufgabengerechte Kundeneinbindung im Innovationsprozess

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- Leseprobe - 
  

Aufgabengerechte Kundeneinbindung im Innovationsprozess
von Stefan Kohn, René Niethammer

Bei der Entwicklung von Innovationen gilt Kundenorientierung als anerkannter Erfolgsfaktor. Viele Unternehmen stellen sich daher die Frage, wie stark, unter welchen Bedingungen und in welchen Phasen des Innovationsprozesses Kunden in den Neuproduktentwicklungsprozess einbezogen werden sollen. Aktuelle Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die vielerorts gepriesene Kundeneinbindung nicht immer zweckmäßig ist. Die Autoren erläutern hier die Frage nach einer aufgabengerechten Kundeneinbindung in den Innovationsprozess, die nicht zuletzt von Faktoren wie Innovationshöhe und Prozessfortschritt bestimmt sein sollte. Darüber hinaus stellen sie Alternativen zur Stimulierung des Innovationsprozesses dar.
 

Stichworte: Kundeneinbindung als Erfolgsfaktor; Innovationsgrad; Prozessorientierung; Vorgehensalternativen bei neuen Geschäftsfeldern: Technologieorientierung, Kompetenzorientierung; Marktorientierung; Zusammenfassung

  

In diesem Beitrag erfahren Sie:

  • Warum die Kundeneinbindung in die Produktentwicklung nicht immer erfolgreich ist,
  • wie der Erfolg der Kundenbeteiligung mit dem Charakter der Innovation beziehungsweise mit dem Innovationsgrad zusammenhängt;
  • an welchen Punkten des Entwicklungsprozesses Kundenbeteiligungen besonders hilfreich sind,
  • welche sinnvollen Wege zur Ideenfindung sich über die Kundenbeteiligung hinaus anbieten.

   

Kundeneinbindung und Innovationserfolg

Innovation ist eines der meistgenutzten Schlagworte unserer Zeit. Häufig ist der Begriff in seiner Benutzung unklar und ungenau. Hier soll unter einer Innovation die erstmalige und erfolgreiche wirtschaftliche Verwertung einer Erfindung, also einer Invention, verstanden werden. Der Innovationsprozess umfasst demzufolge alle Aktivitäten, die zu diesem Ziel notwendig sind.

Die empirische Innovationsforschung beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit der Frage, welches die Kernaktivitäten und Rahmenbedingungen eines Innovationsprozesses sind und welche von diesen besonders wichtig für eine erfolgreiche Innovationstätigkeit sind. Häufig wird in diesem Zusammenhang die frühzeitige Einbindung von Kunden in den Neuproduktentwicklungsprozess als Erfolgsfaktor genannt. Konsequenterweise wird die frühzeitige Einbindung von Kunden in die Produktentwicklung in vielen Branchen praktiziert und als Best Practice anerkannt. Die theoretische Überlegung, welche die Sinnhaftigkeit der Kundeneinbindung begründet, ist folgende: Frühzeitiges Involvieren der Kunden gewährleistet die Entwicklung von marktgerechten Produkten, deren Spezifikationen die Anforderungen des Marktes erfüllen. Je nach Grad der Kundeneinbindung sichert man sich schon von Beginn an nicht nur ein bekanntes Kundenpotenzial, sondern auch schon feste Abnehmer, da der Übergang vom Mitentwickler zum Abnehmer fließend sein kann.

Ist es daher angeraten, Kunden so früh wie möglich und so intensiv es nur geht in den Neuproduktentwicklungsprozess einzubeziehen? Aktuelle Erkenntnisse der Innovationsforschung widersprechen dieser so logisch erscheinenden Überlegung. Arbeiten von Atuahene-Gima [1], Ernst [8] sowie Henard und Szymanski [12] deuten darauf hin, dass die Kundeneinbindung in den Neuproduktentwicklungsprozess und der Innovationserfolg keine lineare Beziehung aufweisen (vgl. Abb. 1). Vielmehr ist eine differenzierte Sichtweise angebracht.

Abb. 1: Der Zusammenhang zwischen Innovationserfolg und Kundeneinbindung ist nicht linear
 

Der Grund für die teilweise negative Einflussnahme der Kundeninvolvierung ist die dadurch bewirkte und häufig auch gewünschte starke Fokussierung der Innovationsaktivitäten. Kunden, die nach Ideen für neue Produkte befragt werden oder diese bewerten sollen, sind in Ihrer Erfahrungswelt »gefangen«. Sie beurteilen die Ideen im Rahmen der aktuellen Situation und unter der Sichtweise ihrer aktuellen täglichen Probleme und Herausforderungen. Häufig bewirken Innovationen jedoch eine Änderung des Bezugsrahmens und erfordern für ihre Beurteilung gänzlich neue Beurteilungskriterien, die von aktuellen Kunden häufig nicht zu beurteilen sind beziehungsweise von diesen nicht objektiv bewertet werden können. Als Beispiel sei hier die Entwicklung im Bereich der Festplattentechnologie genannt (siehe Kasten). Dieses Beispiel zeigt, dass die Einbindung von Kunden in den Innovationsprozess zur Generierung oder Bewertung von Ideen nicht immer erfolgsversprechend ist.

Beispiel: Entwicklung der Festplattentechnologie

Bis in die Mitte der 70er Jahre besaßen Festplatten eine Größe von 14-inch und wurden fast ausschließlich in Mainframe-Computern eingebaut. Auf Grund von technologischen Entwicklungen wurde eine Verkleinerung auf 8-inch möglich. Die zu dieser Zeit wichtigsten Leistungsmerkmale der Abnehmer der 14-inch Festplatten wie Speicherkapazität, Zugriffszeit und Kosten pro Speicher waren jedoch bei den kleineren und leichteren Festplatten deutlich schlechter. Zusätzlich hätte der Wechsel auf kleinere Festplatten Veränderungen an den Computern bezüglich der Halterung und Montage hervorgerufen. Folgerichtig lehnten die Kunden der Hersteller der 14-inch Festplatten diese Neuerung ab, und die Hersteller verfolgten die Technologie nicht weiter. Andere Unternehmen – häufig Start-Ups – griffen die Technologie jedoch auf und entwickelten die 8-inch Laufwerke weiter und fanden eine neue Anwendung. Nicht die Produzenten von Mainframe Computern, sondern die Hersteller von Minicomputern schätzten die Vorzüge hinsichtlich Größe und Gewicht und waren bereit, Abstriche hinsichtlich der anderen Kriterien zu machen. Ein neues Marktsegment entwickelte sich, in dem die traditionellen Hersteller der 14-inch Festplatten nicht mehr oder nur unter großem Aufwand Fuß fassen konnten. Nicht nur, dass dieses Marktsegment nicht erschlossen werden konnte, nach einigen Jahren waren auch die 8-inch Festplatten bezüglich ihrer Leistungsparameter soweit fortgeschritten, dass die ursprünglichen Nachteile gegenüber der 14-inch Festplatten nicht mehr existent waren. Zusätzlich stellten sich weitere Vorteile, wie beispielsweise geringere mechanische Vibrationen, heraus. Dies bewirkte, dass somit auch in Mainframe-Computern ein Wechsel von 14 auf 8-inch Festplatten erfolgte und der Markt für 14-inch Festplatten verschwand.
Ein Muster, das sich mit dem Aufkommen der 5,25-inch Festplatten Anfang der 80er wiederholte. Diese waren wiederum uninteressant für die Mini-Computer-Hersteller und wurden von den 8-inch Festplatten-Herstellern daher nicht weiter verfolgt. Eine neue Gruppe von Festplatten-Herstellern konnte sich den zu dieser Zeit gerade entwickelnden Markt der PC’s, die mit 5,25-inch Festplatten ausgestattet wurden, sichern [4].

Im Folgenden soll daher dargestellt werden, unter welchen Voraussetzungen Kundeneinbindung sinnvoll und unter welchen Voraussetzung sie eher schädlich ist. Die Entscheidung über den Grad der Kundeneinbindung ist unter anderem abhängig von:

  • dem Innovationsgrad der neuen Dienstleistung oder des neuen Produktes und

  • der Phase des Innovationsprozesses, in der sich ein Projekt befindet.

Bevor jedoch diese differenzierenden Faktoren näher betrachtet werden, soll zunächst der aktuelle Stand der wissenschaftlichen Forschung näher dargestellt werden.

  

Kundeneinbindung als anerkannter Erfolgsfaktor

Verschiedene Studien [2, 10, 18, 20, 21] haben in empirischen Untersuchungen festgestellt, dass eine aktive Kundeneinbindung in den Innovationsprozess den Innovationserfolg positiv beeinflusst. Insbesondere Gruner und Homburg fanden in ihrer Studie heraus, dass eine intensive Kundeneinbindung während der Ideenfindung, der Produktkonzepterstellung, bei der Prototypenbewertung und -auswahl sowie der Markteinführung den Innovationserfolg in verschiedener Hinsicht positiv beeinflusst. So steigt die Qualität des Neuprodukts, der wirtschaftliche Innovationserfolg, die Güte des Innovationsprozesses, und es sinken die Betriebskosten des Neuproduktes. Ziel der Kundeneinbindung ist es stets, frühzeitig die Informationsdefizite, die am Anfang eines jeden Innovationsprojektes vorhanden sind, zu reduzieren. Die Anforderungen der späteren Kunden hinsichtlich der technischen Spezifikationen, deren Preisbereitschaft und Kaufverhalten sollten idealerweise schon vor der eigentlichen Entwicklungstätigkeit feststehen, um aufwendige Nachbesserungen auszuschließen.

Auch bei der Betrachtung der Praxis findet man häufig die Fokussierung auf den Einbezug von Kunden bei Neuproduktprojekten. Zahlreiche Firmen rühmen sich hinsichtlich ihrer engen Kundenkontakte und ihrer maßgerecht entwickelten Produkte. So ist es nicht verwunderlich, dass laut Umfragen 94,1 Prozent aller Unternehmen Kunden als Ideengeber für neue Produkte nennen und Kunden vor Messen, Mitarbeitern, externer und interner F&E, Patentdaten und Lizenzbörsen mit Abstand die wichtigste Quelle für neue Ideen bilden [9]. So verwundert es auch nicht, dass nicht nur die Ideengenerierung, sondern sogar schon Teile der eigentlichen Neuproduktentwicklung vom Hersteller auf den Kunden verlagert werden [26, 27, 30].

Grund genug und Anlass, den Einbezug von Kunden in den Innovationsprozess tiefer zu untersuchen und zu systematisieren. Vor allem der unter diesen Überlegungen entwickelte Lead-User-Ansatz (siehe hierzu auch Kap. 03.04) ist hier zu nennen [13, 14, 29]. Bei diesem Ansatz werden Anwender in drei Klassen unterteilt. Zum einen gibt es »normale Anwender«, die die aktuellen Produkte nutzen. Darüber hinaus gibt es jedoch Anwender mit besonderen Anforderungen, da diese die Produkte in einer äußerst häufigen Frequenz oder unter besonderen Bedingungen benutzen. Diese werden als »Extrem-Anwender« bezeichnet. Eine dritte Kategorie bilden »Analog-Anwender«, die zwar nicht die aktuellen Produkte aber ähnliche benutzen, die zwar den gleichen Zweck erfüllen, jedoch andere technische Ansätze nutzen oder in einer anderen Branche beheimatet sind. Als Beispiel könnten bei der KfZ-Entwicklung Taxifahrer als Extrem-Anwender und Formel-1-Piloten als Analog-Anwender bezeichnet werden. Insbesondere die Extrem- und Analog-Anwender werden gemäß der Lead-User-Systematik als vielversprechend gesehen, da diese neue Entwicklungspotenziale aufzeigen können.

Damit greift die Lead-User-Thematik an einem wunden Punkt der Innovationstätigkeit mit Unterstützung der Kundeneinbindung an. Bestehende Kunden, die nach Verbesserungen der aktuellen Produkte gefragt werden, sind in ihrem Erfahrungshorizont zu sehr auf das aktuelle Produkt und seine Beschränkungen eingestellt. Typische Forderungen bei der Frage nach Verbesserungen sind die lineare Verbesserung der gängigen Spezifikationen. Automobile – um in diesem Themenkomplex zu bleiben – sollen demnach schneller, billiger, leichter, günstiger im Treibstoffverbrauch, umweltfreundlicher und sicherer werden. Innovationen, die jedoch den gängigen Bezugsrahmen sprengen, indem sie auf neue Antriebskonzepte, neue Funktionalitäten oder neue Raumaufteilungen des Innenraums setzen, werden daher auch selten durch Kunden initiiert und können von diesen zumindest in einer ersten Konzeptphase nicht beurteilt
werden.

Diese Aussage wird von empirischen Innovationsforschern bestätigt. Henard und Szymanski untersuchten verschiedene Erfolgsfaktorenstudien und fanden keine statistisch signifikante Korrelation zwischen Kundeneinbindung und Innovationserfolg [12]. Auch Ergebnisse von Ernst [8] machen »deutlich, dass die Kundeneinbindung in die Neuproduktentwicklung nicht pauschal positiv, sondern differenziert zu betrachten ist«. Als Gefahren einer zu starken Fokussierung auf die Kunden wird die Bedrohung, Nischenprodukte zu entwickeln, ebenso genannt wie die Vernachlässigung einer eigenständigen Neuproduktentwicklungsstrategie und damit der langfristige Verlust von Wettbewerbs- und Differenzierungsvorteilen.

Die Frage, die sich nun stellt, ist: Wann ist eine Kundeneinbindung in den Innovationsprozess sinnvoll und angeraten, wann eher nicht?

   

Eine Differenzierte Sichtweise ist notwendig

Betrachtung in Abhängigkeit des Innovationsgrades

Zunächst ist es wichtig nach dem Innovationsgrad zu unterscheiden, den die geplante Neuentwicklung haben soll. Die Innovationsforschung hat in den letzten Jahren eine Vielzahl von Begriffen geprägt, die unterschiedliche Innovationshöhen charakterisieren. Zwei Begriffspaare werden sehr häufig verwendet und sind auch für die folgenden Betrachtungen notwendig. Zum einen werden Innovationen – so wie es auch intuitiv naheliegend ist – nach dem Grad ihrer Leistungssteigerung gegenüber Vorgängerprodukten gemessen. Kommen gänzlich neue Funktionalitäten hinzu, werden drastische Kosteneinsparungen möglich (>30 Prozent) oder werden Leistungsparameter stark verbessert (mindestens fünffache Leistungssteigerung), so nennt man diese Innovationen radikal [19]. Ist keines dieser Kriterien erfüllt – wie es bei den zahlenmäßig meisten Innovationen der Fall ist – werden die Innovationen als inkremental bezeichnet. Anschaulich lässt sich dies auch auf Basis des Technologielebenszykluskonzeptes (auch technologische S-Kurve genannt) darstellen, bei der radikale Innovationen eher im Schrittmacherbereich und inkrementale Innovationen eher im Reife- und Verfallsbereich anzusiedeln sind (vgl. Abb. 2).

Abb. 2: Eingliederung von radikalen und inkrementalen Innovationen in das Technologielebenszykluskonzept [24]
 

Neben diesem Begriffspaar inkremental – radikal gibt es ein weiteres Paar, das insbesondere die organisatorischen Rahmenbedingungen betrachtet. Können Anwender die Innovation ohne weiteres nutzen, ist also der Ersatz der alten durch die neuen Produkte nicht mit zusätzlichen Investitionen, dem Erlernen von neuem Wissen oder der Neustrukturierung von Prozessen verbunden, nennt man die Innovationen sustaining (nachhaltig). Ist aber ein solcher Wechsel notwendig, werden sie als disruptiv bezeichnet. Häufig sind disruptive Innovationen in vielen Leistungskennwerten etablierten Produkten unterlegen, bieten jedoch in einzelnen Bereichen Vorteile, die neue Anwendungsmöglichkeiten eröffnen [4]. Auch wenn in aller Regel radikale Innovationen häufiger disruptiv und inkrementale Innovationen nachhaltig sind, sind auch Ausnahmen möglich. Eine Gleichsetzung der Begriffe ist daher nicht zulässig. Tabelle 1 zeigt die Gliederung der Begriffe und die Möglichkeit der Kundeneinbindung.

Tabelle 1: Innovationsgrad und Kundeneinbindung

Art der Innovation

nachhaltig

disruptiv

inkremental

Frühe Kundeneinbindung sinnvoll

Frühe Kundeneinbindung häufig nicht möglich, da Kunden nicht bekannt sind

radikal

Frühe Kundeneinbindung häufig nicht sinnvoll, da Kunde keinen ausreichenden Erfahrungshorizont hat

Frühe Kundeneinbindung weder möglich noch sinnvoll

 

Sicherlich sind zahlenmäßig mit Abstand die meisten Innovationen in die Gruppe der nachhaltigen und inkrementalen Innovationen einzuordnen, bei denen die Kundeneinbindung sinnvoll und richtig erscheint. Die Kunden kennen die aktuellen Produkte, deren Technologie und ihre Schwachstellen und können so ihre Anregungen zur Produktoptimierung geben. Dieses Wissen ist bei den Kunden zumeist nicht einfach abrufbar, sondern es sind beispielsweise Workshops durchzuführen, bei denen dieses Wissen durch geschickte Moderationstechniken herausgearbeitet werden kann.

Im Falle der radikalen Innovationen ist es schwieriger. Bei radikalen Innovationen, die geringere Kosten oder verbesserte Leistungsparameter versprechen, basiert die Ideenentstehung in der Regel auf neuen technologischen Erkenntnissen aus Forschungseinrichtungen. Dass Kunden Quellen dieser Erkenntnisse sind, erscheint daher eher unwahrscheinlich. Allenfalls die weiter oben beschriebenen Extrem- oder Analog-Anwender können aufgrund ihrer persönlichen Betroffenheit bereits mit Lösungsalternativen experimentiert haben und viel versprechende Ansätze liefern. Die Bewertung dieser Ansätze durch die Kunden ist sicherlich möglich, da sie die Wünsche in den eindimensionalen Produktkriterien wie Preis und Leistungsmerkmale entsprechend kennen, und hier ein verbesserter Wert zu einer besseren Beurteilung führen sollte.

Handelt es sich jedoch um Innovationen, die aufgrund neuer Funktionalitäten als radikal klassifiziert werden können, so ist es fraglich, ob die Ideengenerierung wie auch die -bewertung durch Kunden erfolgen kann. Zumindest in einer ersten Konzeptphase, in der die vorläufige Ideenbewertung stattfindet, ist es für Nutzer aufgrund mangelnden Vorstellungsvermögens häufig schwierig, neue, bisher unbekannte Funktionalitäten zu beurteilen. Sie haben sich selten mit den zugrundeliegenden Technologien befasst und können sich dessen Leistungspotenzial daher auch nicht vorstellen. Erst später, wenn Prototypen vorhanden sind, ist eine solche Beurteilung möglich.

Ein aktuelles Beispiel für eine solche radikale Innovation ist der Wechsel von GSM hin zu UMTS Mobilfunkeinheiten. Die Datenübertragungsrate steigt beträchtlich an, was zusätzlich neue Funktionalitäten ermöglicht. Aktuelle Kunden, die mit ihren heutigen Mobiltelefonen vor allem telefonieren und diese teils auch als Modem und Fax verwenden, werden die neue Technologie zwar begrüßen, aber nur bedingt bereit sein, einen Systemwechsel mit entsprechenden Investitionen zu tätigen. Erst die neuen Funktionalitäten machen einen solchen Wechsel interessant. Diese sind den Kunden noch nicht bekannt und können daher auch nicht beurteilt werden. Erst die Erprobungen von Prototypen – wie sie zur Zeit erfolgen – können darüber Aufschluss geben, ob die neue Technologie vom Kunden angenommen wird und für welche Anwendungen er sie vorwiegend nutzt.

Anders verhält es sich mit disruptiven Innovationen. Diese Art der Innovationen führt häufig zu einer Veränderung der Geschäftsprozesse und -beziehungen. Nicht zuletzt aufgrund von disruptiven Entwicklungen verlieren dominante Unternehmen ihre Marktstellung und werden von Start-Ups verdrängt. Nur wenige Hersteller von elektrischen Schreibmaschinen haben das Computerzeitalter überlebt, ebenso bedeutete der Wechsel von Mainframe-Computern über Mini-Computer bis hin zu PC’s, Notebooks und PDA’s den Aufstieg und Niedergang verschiedenster Unternehmen. Ein Grund ist der Wechsel der Käufer beim Übergang in eine neue Technologiegeneration. Während Großrechner nahezu ausschließlich von Großunternehmen und Forschungseinrichtungen genutzt wurden, werden PC’s zu einem Großteil von Privatpersonen genutzt. Eine Innovationsstrategie, die auf konsequente Kundeneinbindung setzt, würde demnach stets die nachfolgende Technologiegeneration als nicht Erfolg versprechend kategorisieren, da sie aus Sicht der bestehenden Kunden zunächst kaum Vorteile bringt [4]. Erst nach einem gewissen Zeitraum und dem damit verbundenen inkrementalen sowie nachhaltigen Leistungsanstieg der neuen Technologie – wie in unserem Beispiel der PC’s – werden diese so leistungsfähig, dass sie den Großrechnern auch in ihrem Stammgeschäft Konkurrenz machen und diese auf ein Nischendasein zurückdrängen. Dieses Beispiel zeigt, dass bei disruptiven Innovationen eine Kundeneinbindung auch deshalb sehr schwierig ist, weil in den ersten Phasen des Innovationsprozesses die künftigen Kunden noch nicht bekannt sind.

Potenziert wird dieses Problem bei radikalen disruptiven Innovationen. In diesem Fall kann eine Kundeneinbindung nur sehr schwer durchgeführt werden, da Kunden zum einen nicht klar identifiziert werden können und falls doch, diese dann häufig keinen adäquaten Erfahrungshorizont aufweisen. In solchen Fällen ist außerdem häufig eine sogenannte »Application migration« vorzufinden: Eine neue viel versprechende Technologie mit gewissen Leistungsmerkmalen wird zunächst für eine bestimmte Anwendung erforscht. Es stellt sich dagegen heraus, dass die zunächst angedachte Anwendung nicht durchführbar ist, die Leistungsspezifika jedoch für andere Anwendungen nutzbar sind. Als Beispiel sei hier der »nichtklebende« Klebstoff von 3M genannt, der ursprünglich als Verbesserung eines traditionellen Klebstoffes gedacht war und erst nach Jahren die Grundlage für die Post-It-Innovation legte [25]. Eine Befragung und Einbindung von Kunden war dabei erst möglich, nachdem das Produkt als Post-It konzipiert und entwickelt war. Frühzeitigere Kundeneinbindung – zum Beispiel von Nutzern von Industrieklebstoffen, bei denen Klebekraft das dominante Beurteilungskriterium ist – hätte vermutlich zu negativen Ergebnissen geführt.

 

Prozessorientierte Sichtweise

Neben der Bewertung der Kundeneinbindung in den Innovationsprozess in Abhängigkeit des Innovationsgrades ist auch eine prozessorientierte Sichtweise sinnvoll. Der Neuproduktentwicklungsprozess ist in vielen Unternehmen eine sequentielle Abfolge verschiedener Tätigkeiten, die in der Regel mit der genauen Definition des Produktes beginnt, dann die eigentliche Konstruktion und Erprobung umfasst und letztendlich mit der Markteinführung endet. Je nach Unternehmen variiert die Anzahl der Tätigkeiten, und es werden verschiedene Methodiken für deren Bearbeitung vorgeschrieben. Dies kann in einigen Unternehmen schon frühzeitige Marktumfragen und Technologiestudien für die genaue Klärung und Definition der Aufgabe beinhalten, die in anderen Unternehmen erst mit Prototypen oder Vorserienmodellen erfolgen. Solche Prozesse werden auch in der VDI-Richtlinie 2221 geschildert [22]. Sie beinhalten regelmäßige Meilensteine, um den Projektstatus zu kontrollieren und Entwicklungsprojekte notfalls auch zu beenden [7].

Die eigentliche Ideenfindung und -auswahl wird häufig als gegeben vorausgesetzt. Erst seit einiger Zeit fokussiert sich die Aufmerksamkeit auch auf die Aktivitäten, die dem strukturierten und sequentiellen Neuproduktentwicklungsprozess vorgelagert sind. Die Summe dieser Aktivitäten wird häufig als das »Fuzzy Front End« bezeichnet [15, 16, 17, 20, 21]. Diese vorgelagerten Aktivitäten bilden das Bindeglied zwischen der Unternehmensstrategie und dem Produktentwicklungsprozess (vgl. Abb. 3) und beinhalten Aktivitäten wie die Suche und Bewertung von neuen Geschäftsfeldern, die Generierung und Auswahl von Produkt- und Dienstleistungsideen für positiv bewertete Geschäftsfelder und die Konkretisierung der besten Ideen bis zu einem Grad, bei dem sie in den regulären Produktentwicklungsprozess übergeben werden können. Neben diesen Aktivitäten, die normalerweise nicht sequentiell sondern iterativ erarbeitet werden, spielen vor allem auch Aspekte der Unternehmenskultur und der Strategievorgaben des Unternehmens eine dominante Rolle und besitzen damit einen großen Einfluss auf die Qualität und Quantität der letztendlich resultierenden Konzepte. Im Fuzzy Front End entstehen letztendlich durch experimentelle Zufälligkeit und Iteration die neuen Innovationsideen, die im nachfolgenden Produktentwicklungsprozess systematisch zu marktfähigen Produkten entwickelt werden.

Abb. 3: Fuzzy Front End als Bindeglied zwischen der Unternehmensstrategie und der Produktentwicklung
 

Betrachtet man nun die komplette Prozesskette von der Unternehmensstrategie über das Fuzzy Front End bis hin zum Neuproduktentwicklungsprozess, so stellt sich die Frage, wann eine aktive Kundeneinbindung sinnvoll erscheint. Aus dem oben gesagten lässt sich schließen, dass eine Kundeneinbindung in den Neuproduktentwicklungsprozess grundsätzlich durchaus sinnvoll ist. Spätestens sobald Prototypen vorhanden sind, können die oben geschilderten Probleme der mangelnden Vorstellungskraft von Kunden minimiert werden. Wie sieht es aber mit der Kundeneinbindung in den ersten Phasen aus? Gerade hier, beim Generieren und Auswählen von Ideen, treten die oben geschilderten Bedenken zu Tage. Einerseits sind die Kunden noch nicht bekannt, da mit neuen Produkten häufig gerade neue Kunden angesprochen werden sollen. Andererseits bestehen zu diskutierende Ideen nur auf dem Papier, was eine hohe Vorstellungs- und Abstraktionskraft bei den Kunden voraussetzt.

Darum empfiehlt sich gerade hier eine selektive Strategie. Zum einen sollte durch eine starke Kundeneinbindung die kontinuierliche Verbesserung der aktuellen Produkte durch inkrementale Innovationen sichergestellt werden. Für diese Innovationen wird das Fuzzy Front End in der Regel auch in einem kurzen Zeitraum durchlaufen und beinhaltet nur wenige Iterationen. Hier gibt es nur wenige unbekannte Variablen und das notwendige Wissen ist im Unternehmen oder bei den bekannten Kunden vorhanden.

Auf der Suche nach radikalen und disruptiven Innovationen sollten die aktuellen Kunden des Unternehmens in dieser Phase nicht eingebunden, sondern andere Wege der Ideenfindung und -bewertung beschritten werden. Andere Suchrichtungen – wie allgemeine Markttrends, technologische Entwicklungen oder Wettbewerbsbetrachtungen – bieten hier sinnvolle Alternativen [5].

Während die Kundeneinbindung den Erfolg im Stammgeschäft nachhaltig absichert, eröffnet die davon losgelöste Suche Chancen, neue Marktsegmente mit neuen Kunden für das Unternehmen zu identifizieren und zu erschließen und so ein konsequentes Wachstum durch Innovation zu gewährleisten.

Diese Ausführungen zeigen, dass Kundeneinbindung auch zu früh erfolgen kann und somit stets in Abhängigkeit zur erwünschten strategischen Zielsetzung des Innovationsprozesses gewählt werden muss. Allerdings ist die frühzeitige Markt- und Kundenorientierung stets zu beachten. Auch wenn es teilweise sinnvoll ist, Kunden nicht direkt in den Entwicklungsprozess einzubeziehen, ist es jedoch sehr wohl notwendig sich als Verantwortlicher stets an zu erwartenden Kundenanforderungen und -wünschen zu orientieren. Die Herausforderung und Schwierigkeit besteht darin, diese zu kennen. Anders ausgedrückt: Derjenige, der sich mit radikalen und disruptiven Innovationen auseinandersetzt, muss Mittel und Wege finden, Markt- und Kundenanforderungen zu identifizieren, die die heutigen Kunden selbst noch nicht äußern können, oder aber potenzielle neue Kunden zu identifizieren. Welche Ansätze zur Bewältigung dieser Aufgabe hilfreich sind, wie eine Markt- und Kundenorientierung ohne direkte Kundeneinbindung gewährleistet werden kann, wird im Folgenden dargelegt.

Beispiel aus der Unternehmenspraxis: Inkrementale und radikale Innovationen beim Unternehmen Rasselstein-Hoesch

Die Rasselstein-Hoesch GmbH ist einer der weltgrößten Weißblechproduzenten und beliefert beispielsweise maßgeblich die Verpackungsmittelindustrie zur Produktion von zweiteiligen Getränkedosen und dreiteiligen Konservendosen. In diesem Bereich sind die Can-Maker die direkten Kunden von Rasselstein-Hoesch für Weißblech und damit bei der Entwicklung neuer Produkte für dieses Marktsegment relevant. Rasselstein-Hoesch arbeitet sehr eng mit den Can-Makern im Sinne einer Kundeneinbindung im Innovationsprozess zusammen und konnte dadurch dem Trend der letzten Jahre zur Gewichtsreduzierung der Getränkedose mit seinem Weißblech voll gerecht werden. Dieser Trend entspricht einer inkrementalen Innovationsentwicklung und trägt zu einer beidseitigen Win-Win-Situation bei. Radikale Innovationen wie beispielsweise die wieder verschließbare oder geshapte Getränkedose konnten bislang mit den Can-Makern noch nicht realisiert werden, da dadurch bei den Can-Makern neue Produktionsanlagen erforderlich wären und für diese wenig Bereitschaft besteht. Dies ist ein Beispiel dafür, dass radikale Innovationen auch an einer zu starken Kundeneinbindung im Innovationsprozess scheitern können. Rasselstein-Hoesch konnte demgegenüber aber in jüngster Vergangenheit auch radikale Innovationen für den Werkstoff Weißblech erzielen. Durch den Einsatz von Weißblech als Kabelband für empfindliche erdverlegte Telekommunikationsleitungen zum Bissschutz vor Nagetieren konnte für Rasselstein-Hoesch unabhängig vom Verpackungsbereich ein gänzlich neues Geschäftsfeld erschlossen werden. Das Innovationszentrum von Rasselstein-Hoesch generiert derartige neue Ideen durch die auf Studien aufbauende Markt- und Technologieorientierung, die auf der Befragung von Fachexperten sowie auf Kreativitätsworkshops mit Experten und Marktkennern aufbauen. Neue Geschäftsfelder verbunden mit radikalen Innovationen sollten, wie dieses Beispiel eindrücklich beweist, mit möglichst wenig Kundeneinbindung generiert werden, um Marktbedürfnisse voll zu befriedigen und nicht an internen Kundeninteressen zu scheitern. Diese Vorgehensweise ergab noch weitere neue Geschäftsfelder für Weißblech außerhalb des Verpackungsmittelbereichs, die derzeit von Rasselstein-Hoesch realisiert werden.

Autor: Jochen Lohscheidt,
Leiter Innovationszentrum Rasselstein-Hoesch GmbH

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