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- Leseprobe -
»Services in motion«: Besonderheiten von
Dienstleistungsinnovationen am Beispiel der Bertelsmann Services Group
von Cornelius
Herstatt und Christiane
Hipp
Für die Innovationsforschung stellen
Dienstleistungsinnovationen mit ihren Besonderheiten eine große
Herausforderung dar. Die Konzepte, Modelle und Prozesse, die sich in der
verarbeitenden Industrie längst bewährt haben, scheinen hier nicht zu
greifen. Dienstleistungsunternehmen sind demzufolge gefordert, sich mit
den Methoden des Innovationsmanagements auseinanderzusetzen,
Innovationsforschung zu betreiben und sehr genau zu prüfen, wie sich die
Innovationsaktivitäten im Unternehmen gewinnbringender gestalten lassen.
Hilfreich kann dazu ein Methodentransfer und Austausch mit anderen, in
diesem Bereich erfahrenen Unternehmen sein. Allerdings ist ein gewisses
Maß an Pioniergeist und Experimentierfreude unumgänglich, wenn es
Weiterentwicklungen geben soll, wie hier am Beispiel der Bertelsmann
Services Group deutlich gemacht wird.
Stichworte: Dienstleistungsinnovationen in
Theorie und Praxis; Innovationsprozesse bei der Bertelsmann Services
Group, zwei konkrete Innovationen: Prozesse, Methoden und Instrumente;
Verbindung von Theorie und Praxis; Handlungsempfehlungen; Zusammenfassung.
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In diesem Beitrag erfahren
Sie:
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-
wie Innovationen im Dienstleistungssektor
»funktionieren«,
-
welche Methoden und Verfahren des
Innovationsmanagements bei der Erschließung neuer Märkte
förderlich sind,
-
inwieweit Methodentransfer und
Erfahrungsaustausch mit anderen Dienstleistungsunternehmen
helfen können, die Innovationsaktivitäten effektiver und
effizienter zu gestalten.
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Einleitung
Mit einem Umsatz von etwa 20 Milliarden Euro für das
Geschäftsjahr 2000/2001 und mehr als 80.000 Mitarbeitern in 56 Ländern
der Erde ist die Bertelsmann AG heute das internationalste
Medienunternehmen der Welt. Vor allem in den vergangenen 15 Jahren ist das
Unternehmen überproportional expandiert. Wesentlicher Treiber für dieses
Wachstum war eine innovations- und kundengetriebene Erschließung neuer
Märkte. Doch wie schaffte es Bertelsmann, so präzise und erfolgreich
neue Geschäftsfelder zu identifizieren? War diese Entwicklung Ergebnis
eines effektiven wie effizienten Innovationsmanagement? Wenn ja, wie sehen
die dahinter liegenden Innovationsprozesse aus? Spielen bestimmte Methoden
und Verfahren des Innovationsmanagement hierbei eine besondere
beziehungsweise überhaupt eine Rolle? Mit diesen Fragen werden wir uns in
diesem Beitrag auseinandersetzen.
Dies ist in gewisser Weise Pionierarbeit, denn die wenigen
Versuche, Innovationen im Dienstleistungssektor zu analysieren, sind
bisher nur bedingt erfolgreich gewesen, da sich die Untersuchungen zu sehr
an bestehenden Konzepten der Industrie orientieren. Klassische
Innovationsanalysen (z.B. Untersuchung der Patente für neue Produkte)
finden für die weniger technikgetriebenen Dienstleistungsinnovationen
praktisch keine Anwendung und die bekannten Methoden des
Innovationsmanagement, die vor allem im Kontext des produzierenden
Gewerbes entstanden sind, lassen sich im Dienstleistungssektor nur schwer
übertragen und nutzbar machen.
Für Forschung und Praxis ist es daher besonders
interessant zu verstehen, wie Innovationen im Dienstleistungssektor
»funktionieren«. Die in diesem Beitrag skizzierten Fallstudien
verdeutlichen, dass insbesondere Methoden der Markt- und kundennahen
Absatz- und Marketingforschung hierbei eine zentrale Rolle spielen
können. Ferner konzentriert sich die Organisation des
Innovationsprozesses nicht auf die - aus den Industrieunternehmen
bekannten - Forschungs-, Entwicklungs-, Konstruktions- und
Fertigungsabteilungen.
Die fest institutionalisierte Zuweisung der
Innovationstätigkeit auf bestimmte Gruppen im Unternehmen ist gerade bei
Dienstleistungsinnovatoren wenig bedeutsam. Vielmehr ist üblicherweise
eine Reihe von Funktionseinheiten des Unternehmens in das Projekt
integriert und ein eher heuristisch angelegtes Vorgehen bestimmt das
Innovationsgeschehen.
Der vorliegende Beitrag gliedert sich in drei Teile.
Zunächst wird das Thema Dienstleistungsinnovationen theoretisch und
empirisch eingeführt und mit Erkenntnissen aus der Verarbeitenden
Industrie gespiegelt, um daraus Propositionen beziehungsweise Thesen für
die Analyse der Fallstudien abzuleiten. Im zweiten Teil werden die
untersuchten Innovationsprozesse der Bertelsmann Services Group
beschrieben. Hierzu betrachten wir zwei konkrete Innovationen in diesem
Unternehmensbereich und zeichnen die Prozesse, Methoden und Instrumente
nach. Neben Prozesshistorie sowie relevanten Erfolgsindikatoren werden
Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet. Der dritte Teil
verbindet Theorie und Praxis, um daraus Handlungsempfehlungen für das
Management von Dienstleistungsinnovationen abzuleiten.
Dienstleistung und Innovation
Eine aktuelle Studie zur technologischen
Leistungsfähigkeit Deutschlands [12] beschreibt die momentane
wirtschaftliche Situation als einen »doppelten Strukturwandel«.
Intersektoral entwickelt sich die deutsche Wirtschaft zum
Dienstleistungssektor und intrasektoral zu FuE- und wissensintensiven
Bereichen. Die wissensintensiven Dienstleister gelten als Motor der
Beschäftigungsentwicklung. Dabei zeigen IuK-Dienstleistungen, die
Medienwirtschaft sowie die Werbebranche die stärkste Dynamik. Dieser
Wandel unternehmerischer Wertschöpfung hin zu wissens- und
dienstleistungsintensiven Wirtschaftsstrukturen lässt sich anhand
unterschiedlicher Veränderungsprozesse veranschaulichen.
Auf der Produktebene sind viele Kunden nicht mehr
unbedingt am Besitz der Ware interessiert, sondern vielmehr an einer
Lösung ihrer spezifischen Probleme. Aber erst additive Dienstleistungen
ermöglichen eine umfassende Problemlösung. Beispielsweise verdienen
etablierte Fahrstuhlhersteller wie OTIS, Schindler oder Thyssen kaum mehr
am Verkauf ihres Primärproduktes Aufzüge, sondern im Wesentlichen an den
langfristig angelegten Service-Verträgen. Technische Innovationen, wie
beispielsweise Fuzzy-Logik Systeme zur Aufzugssteuerung, sind in diesem
Geschäft »add-ons«, erlauben aber im Verkaufsprozess von
Servicedienstleistungen durchaus eine gewisse Wettbewerbsdifferenzierung.
Auch auf Branchenebene werden klare Trennungen zwischen
produktionsorientierten Firmen und Dienstleistungsunternehmen immer
schwerer. Ist beispielsweise IBM ein Hardwarehersteller oder eine
Serviceunternehmung? Wie müssen Finanzleistungen der Automobilhersteller
bewertet und klassifiziert werden?
Eine dritte Tendenz betrifft die verstärkte
Arbeitsteilung im produzierenden Bereich. Nur noch durch ausgefeilte
Dienstleistungsfunktionen (z.B. Kontrolle und Koordination) lassen sich
moderne Produktionsprozesse reibungslos und störungsarm betreiben.
Alle diese Dienstleistungen beziehungsweise
Service-Funktionen erfordern Know-how, das etablierte Unternehmen neu
aufbauen beziehungsweise durch externe Dienstleister in die eigenen
Prozesse einbinden müssen. Gerade die Gründungsraten westdeutscher
Unternehmen, differenziert nach Branchengruppen, verdeutlichen, dass sich
die größte Dynamik im Dienstleistungssektor abspielt. Vor allem für
wissens- und technologieintensive Dienstleistungsbranchen scheint die
wirtschaftliche Situation erfolgversprechend. Beispielsweise erhöhte sich
der Anteil der Neugründungen am Unternehmensbestand im Bereich der
sonstigen unternehmensnahen Dienstleister (z.B. Beratungsunternehmen)
zwischen 1997 und 1999 auf 60 Prozent während das Verarbeitende Gewerbe
durchgängig rückläufige Neugründungsraten aufweist (siehe Abb. 1).
Abb. 1: Gründungsraten nach Branchengruppen 1997 -
1999 in Westdeutschland [12]
Doch bisherige Ansätze in der Innovationsforschung nehmen
diese Wandlungsprozesse nur unzureichend wahr. Können Dienstleister
überhaupt innovativ sein?
Klassische Messkonzepte, die sich oftmals stark an
institutionalisierten Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten
orientieren, können diese Frage nur verneinen. Denn nur zirka 8 Prozent
aller innovativen Dienstleistungsunternehmen in Deutschland betreiben eine
eigene, fest verankerte FuE, während die restlichen 92 Prozent der
Dienstleistungsinnovatoren andere Prozesse und Organisationsformen nutzen,
um neue Produkte zu entwickeln [7].
Aktuelle Studien zeigen, dass die Rate der Innovatoren in
Deutschland sowohl im Verarbeitenden Gewerbe wie auch im
Dienstleistungssektor relativ konstant über die Jahre bei zirka 60
Prozent lag (siehe Abb. 2 und 3).
Abb. 2: Innovatorenanteile im Verarbeitenden
Gewerbe 1992 - 1999 [12]
Abb. 3: Innovatorenanteile im Dienstleistungssektor
1994 - 1999 [12]
Es stellt sich nun die Frage, wie es
Dienstleistungsunternehmen schaffen, innovativ zu sein, ohne - im
üblichen Verständnis - eigene systematische Forschung im Vorfeld der
Markteinführung ihrer Produkte zu betreiben. Hierzu lassen sich die
folgenden fünf Thesen ableiten [7]:
-
Innovationsprozess: Technische Entwicklungen spielen für
viele Dienstleistungsunternehmen keine dominante Rolle, sondern sind
lediglich ein Mittel zur Entwicklung neuer und zur Verbesserung
vorhandener Produkte und Verfahren [15]. Hingegen spielt eine Markt- und
kundennahe Forschung eine wesentliche Rolle für das Entstehen neuer
Dienstleistungsprodukte. Dementsprechend konzentriert sich auch die
Organisation des Innovationsprozesses nicht primär auf die aus
Industrieunternehmen bekannten FuE-Abteilungen (eine solche Abteilung
findet sich praktisch nie in einem Dienstleistungsunternehmen), sondern
ist über die verschiedenen Funktionseinheiten solcher Unternehmen
verteilt [4, 8, 16].
-
Innovationsquellen: Die bedeutendste externe
Innovationsquelle ist der Kunde (»externer Faktor«).
Wissenschaftlich-technisches Wissen, wie es in Deutschland an Hochschulen
und Forschungseinrichtungen generiert wird, spielt nur eine untergeordnete
Rolle und in diesen Institutionen existieren bisher auch nur vereinzelt
dienstleistungsspezifische Forschungsansätze [13].
-
IuK-Technologie: Die Immaterialität von Dienstleistungen
und die damit verbundene Informationsintensität geben der IuK-Technologie
eine zentrale Rolle im Innovationsprozess dieser Unternehmen. In den USA
wurden bereits vor zehn Jahren im Dienstleistungssektor 80 Prozent der
Technologieausgaben im IuK-Bereich getätigt [11]. Dienstleister, die in
der Lage sind, neueste technische Entwicklungen für die eigenen Produkte
und Prozesse nutzbar zu machen, schaffen sich Differenzierungsvorteile im
Wettbewerb.
-
Innovationsstrategie: Der noch unzureichende
Innovationsschutz für neue Dienstleistungen (Patente können nur für
technische Neuerungen beantragt werden) führt dazu, dass die einfache
Möglichkeit der Imitation einerseits Innovationshemmnis, andererseits
aber auch Innovationstreiber sein kann. Beispielsweise gibt es
Unternehmen, die sich überwiegend an der Konkurrenz orientieren und sehr
erfolgreich eine »me-too«-Strategie verfolgen (z.B. Die Deutsche Post im
Logistik-Bereich). Die leichte Imitierbarkeit kann jedoch auch bedeuten,
dass Unternehmen mit großer Geschwindigkeit ihre Leistungen ständig
weiter- beziehungsweise neu entwickeln müssen, um immer als Erster am
Markt die Innovationsrenten abschöpfen zu können. Wie sich das
Dienstleistungsunternehmen im Einzelfall entscheidet, hängt von der
strategischen Ausrichtung der Innovationsaktivitäten ab.
-
Innovationsmethoden: Aufgrund der geringeren
Institutionalisierung des Innovationsprozesses schließt Sundbo [17], dass
ein eher heuristisches Vorgehen den Innovationsablauf in
Dienstleistungsunternehmen bestimmt. Empirische Untersuchungen belegen
zudem [1], dass Dienstleistungsunternehmen kaum methodisches
Innovations-Know-how besitzen, geschweige es gezielt einzusetzen wissen.
Diese »Ungebundenheit« ermöglicht die oftmals erforderliche
Flexibilität und Geschwindigkeit während der Entwicklungs- und
Umsetzungsphase, da die Produktentwicklung nicht entlang eines starren
Innovationsprozesses abläuft. Nachteilig wirkt sich hingegen aus, dass
die Realisierungsrate von Innovationen (von der Idee bis zur Umsetzung)
gering ist, Lerneffekte kaum internalisiert werden (»Trial-and-Error«-Vorgehen)
und das im Innovationsprozess generierte Wissen für weitere
Innovationsvorhaben nicht genutzt wird.
»Services in motion«: Dienstleistungsinnovationen am
Beispiel der Bertelsmann Services Group
Im Folgenden sollen die obigen Thesen anhand des Beispiels
der Bertelsmann Services Group verdeutlicht werden. Hierzu wird die
Prozesshistorie nachgezeichnet und spezifische Erfolgsindikatoren
herausgearbeitet.
Historie der Bertelsmann Services Group
Der Bertelsmann-Konzern ruht auf drei Säulen (siehe Abb.
4). Ein Medienunternehmen, das sowohl »Content« (Random House, BMG,
Gruner & Jahr, RTL, Bertelsmann-Springer) also auch eigenes
Kundengeschäft (Buchclubs, Musikclubs, Bertelsmann-Online) und
Dienstleistungen umfasst. Zu ihnen gehören unter anderem Offset- und
Tiefdruckereien sowie Dienstleistungsunternehmen (Schwerpunkte hier sind
beispielsweise die Steuerung von Informations-, Daten- und Warenströmen,
Call- und Service-Center).
Abb. 4: Die Organisation der Bertelsmann AG;
Quelle: Bertelsmann AG Geschäftsbericht 2000/01
Die Bertelsmann Services Group (BSG) ist Teil der
Bertelsmann Arvato AG. Sie vereinigt die Geschäftsfelder Direktmarketing
und Logistik und spiegelt den oben geschilderten Strukturwandel deutlich
wider. Gestartet 1959 als interner Dienstleister, der vor allem für die
Logistik des Bertelsmann-Verlags zuständig war, bestand dessen Aufgabe
primär darin, Bücher an die eigenen Buchclubs auszuliefern (siehe Abb.
5).
Abb. 5: Die Entwicklung der Bertelsmann Services
Group zwischen 1959 und 2001; Quelle: Präsentation bei Bertelsmann
Services Group
Anfang der 60er Jahre implementierte Reinhard Mohn
unternehmensweit das Konzept der Profit-Center, was dazu führte, dass
auch externe Kunden akquiriert werden konnten. Ein wesentlicher
Meilenstein für die Entwicklung der BSG war die Übernahme der kompletten
Marketinglogistik für Unternehmen der Automobilindustrie (d.h. Prospekte
und technische Dokumentationen drucken und verteilen). Ende der 60er
Jahre kam die Übernahme der Logistik für Fremdverlage hinzu. 1977
bestand das Kundennetz bereits aus 100 Verlagen.
Bis 1988 war die BSG ein reiner Logistik-Dienstleister.
Doch das sollte sich schlagartig ändern, als Ende der 80er Jahre die
ersten Projekte zur Entwicklung und Betreuung von Kundenbindungssystemen
realisiert wurden. Für Lufthansa (Miles and More) oder die Deutsche Bahn
AG (Bahncard) wurden komplette Customer Relationship Management (CRM)-Prozesse
einschließlich der notwendigen IT-Systeme implementiert.
1994 gründete das bis zu diesem Zeitpunkt nur national
tätige Unternehmen erste Auslandsniederlassungen. Eingeleitet wurde der
Internationalisierungsprozess in Polen, gefolgt von den USA und
Frankreich. Heute ist die BSG in 14 Ländern aktiv und betreut über
diverse Kundenbindungsprogramme für zahlreiche interne und externe Kunden
zirka 35 Millionen Endverbraucher.
Das wachsende Dienstleistungsgeschäft schlug sich im
rasant wachsenden Umsatz und der stetig wachsenden Mitarbeiterzahl nieder
(siehe Abb. 6).
Die BSG sieht sich inzwischen als Dienstleister für den
kompletten Interaktionsprozess zwischen Anbieter und Kunde. Das
Gesamtkonzept umfasst alle Schritte zwischen Datenmanagement (z.B.
Adressverwaltung), Versenden (z.B. Logistik-Dienstleistung) und
finanzieller Abwicklung (z.B. Bonitätsprüfung, Clearing), (siehe Abb.
7).
Die Fallstudien, die im Folgenden beschrieben werden, sind
den unterschiedlichen Bereichen der BSG zuzuordnen. Das erste Beispiel
behandelt das Customer Relationship Management (CR-Management). Dabei
werden sowohl Bereiche des Datenmanagement (z.B. Dialogmarketingkonzept,
Adressmanagement) als auch des Service Management (z.B. Bonussysteme)
berührt. Im zweiten Beispiel geht es um die Entwicklung und Betreibung
eines kanalunabhängigen Routenmanagements. Dabei werden die
Dienstleistungen eines Lettershops digitalisiert, auf andere
Kommunikationskanäle (z.B. e-mails) ausgedehnt und rationalisiert (siehe
Abb. 8).
1. Case Study: Kontinuierlicher Aufbau neuer
Geschäftsfelder am Beispiel Customer Relationship (CR)-Management
Das Konzept des CR-Managements basiert auf einem modular
aufgebauten IT-System zur Adressenverwaltung und -bearbeitung, welches
kundenspezifisch zusammengebaut und dann erweitert wird. Im Laufe der Zeit
entstand somit ein einzigartiges, prozessunterstützendes Werkzeug, um
Kunden im großen Umfang an ein Unternehmen binden zu können.
Anhand zweier Beispiele lässt sich das Vorgehen
exemplarisch verdeutlichen. Im Zuge der Liberalisierung des Strommarktes
wollte ein Stromlieferant ein innovatives Kundenbindungsprogramm
einführen. Kontakt bestand bereits zu MOHN Media, einer ebenfalls zur
Bertelsmann Arvato AG gehörenden Offsetdruckerei, die die Kundenmagazine
für das Versorgungsunternehmen herstellte. Die ursprüngliche Idee war
es, dieses Magazin pfiffiger und moderner zu gestalten, wobei die BSG
»nur« den Versand übernehmen sollte. Mit dieser Rolle gab sich die BSG
allerdings nicht zufrieden. Zusätzliche CRM-Maßnahmen wurden erarbeitet
und vorgeschlagen, für die intern das technische (Software-)Know-how
vorhanden war. Gemeinsam mit dem Kunden entstand ein einzigartiges
CRM-Produkt (Bonus-Karte), welches so bisher noch nicht vermarktet worden
war. In diesem Fall konnte das gleiche Konzept nicht auf andere
Stromlieferanten übertragen werden, weil die Karte für den Kunden eine
differenzierende Maßnahme gegenüber den Wettbewerbern darstellt.
Ein anderes Unternehmen aus der Kosmetik-Industrie wollte
sich im Internet präsentieren und Präsenz zeigen. Doch bald merkte das
Unternehmen, dass die gesamten Prozesse und technischen Abläufe im
Hintergrund sehr komplex wurden. Bertelsmann wurde angesprochen, weil sich
bereits einige Bertelsmann-Unternehmen (z.B. Pixelpark) im
Internet-Bereich einen Namen gemacht hatten. Die BSG wurde mit ins Boot
genommen, um die IT-Struktur zu gestalten und die CRM-Prozesse zu
organisieren.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass jede
Ausdehnung des bestehenden Geschäftsbereich schrittweise erfolgte und auf
den Erkenntnissen und Erfahrungen im Umgang mit den Kunden und den
Kundenprozessen basierte. Schwächen des Prozesses und zusätzliche
Innovationschancen wurden aufgedeckt und konkret durch eigene Ideen und
Entwicklungen bereichert. Dadurch dehnte sich die gesamte Wertschöpfung
langsam aus. Jede neue Innovation wird zunächst an einen Kunden
angepasst, der bereit ist, den Innovationsprozess gemeinsam mit der BSG zu
gestalten. Im Normalfall werden Innovationen ohne konkreten Kundenauftrag
auch nicht realisiert. Allerdings gibt es Ausnahmen: Sind technologische
Sprünge (beispielsweise im IT-Bereich) angezeigt, kann dies auch ohne
Kunden durchgeführt werden, um den revolutionären Charakter der
Innovation nicht zu gefährden. Im evolutionären Fall reicht ein Kunde,
um das Projekt zu starten. In einem zweiten Schritt wird versucht, weitere
Kunden (auch andere Branchen, andere Länder) zu akquirieren.
Der interne Druck zur Innovation beruht auf klaren
Wachstumszielen für jedes Profit Center. Externe Berater werden nur in
Ausnahmefällen als Technologieexperten hinzugezogen. Auch
Universitätskontakte werden nicht für innovative Aufgaben gepflegt,
sondern bevorzugt für das Recruiting genutzt.
Spezifische Innovationsmethoden werden im Bereich
CR-Management nicht eingesetzt. Mit der Anwendung solcher Methoden wird
die Gefahr eines Verlustes an Schnelligkeit und Flexibilität gesehen.
Zentrales Ziel ist es, als erster am Markt zu sein, um Innovationsgewinne
abzuschöpfen. Die meisten kreativen Ideen entstehen im Rahmen
unstrukturierter Prozesse; daher existieren bei der BSG auch noch keine
Erfahrungen, die belegen könnten, dass methodisches Vorgehen die
Qualität der Ideen verbessert. Aus diesem Grund bestehen wenig Anreize,
Methoden oder Verfahren des Innovationsmanagement zu nutzen oder
offizielle Stellen zu schaffen, die sich explizit mit der Generierung und
Förderung von Innovation beschäftigen (Innovationstellen bzw. -manager).
Vielmehr ist der Produktlinienleiter selber für die Innovation seines
Bereichs verantwortlich, üblicherweise stark im Vertrieb tätig und damit
im kontinuierlichen Kontakt mit dem Kunden.
2. Case Study: Entwicklung und Betreibung eines
kanalunabhängigen Routenmanagements
Diese Innovation hatte zum Ziel, für einen Kunden aus dem
Telekommunikationsbereich den gesamten Kundenverkehr zu automatisieren.
Der Idealprozess sieht folgendermaßen aus:
Alle E-mails, Faxe, Anrufe, Briefe und so weiter werden
digitalisiert und mit Hilfe einer intelligenten Software-Technologie
ausgewertet und beantwortet. Mehrere Bearbeitungs-Vorschläge werden
automatisch generiert. Ein menschlicher Agent sucht eine Alternative aus,
ergänzt und berichtigt bei Bedarf.
Diese Technologie ist nur interessant für Unternehmen mit
einer großen Menge beziehungsweise einem großen Umfang an Kontakten.
Beispielsweise hat der konkrete Kunde aus dem Telekommunikationsumfeld
alleine 5000 Briefe pro Tag zu bearbeiten und zu verschicken. Erste
Überlegungen fokussierten sich nur auf e-mail-Anfragen, um dadurch
Schnelligkeit, Qualität sowie Sicherheit bei Rückfragen und
Rechtsproblemen zu gewinnen. Im Gespräch mit dem Kunden wurde die Idee
ausgefeilt und auf das komplette, routenunabhängige Handling ausgedehnt.
Der Vorteil dieses Produktes liegt in der Kombination aus Service und
innovativer Software.
Der Innovationsprozess wurde im Kundenauftrag angestoßen,
durchgeführt und gesteuert. Beispielsweise war immer ein externer Berater
des Kunden dabei, der den Prozessüberblick behielt und im Sinne des
Kunden agierte. Das Unternehmen, das die Software-Technologie zu
entwickeln hatte, sollte zunächst auf der Basis einer ausführlichen
Marktrecherche identifiziert werden. Doch der Kunde hatte seine eigene
Vorstellung. Letztendlich arbeitete die BSG mit einem Software-Unternehmen
zusammen, das die Prozesse und die technische Struktur beim Kunden bereits
kannte und eine schnelle Entwicklung und Implementierung gewährleisten
konnte. Dies hat sich im Nachhinein als sehr sinnvoll herausgestellt.
Insgesamt verlief der Innovationsprozess pragmatisch und an die
Bedingungen angepasst. Methoden kamen nicht zum Einsatz.
In einem nächsten Schritt geht es in diesem Projekt nun
darum, das Markt- und Vertriebskonzept für die Routenmanagement-Software
zu entwickeln. Ziel ist es zunächst, weitere Unternehmen aus der
Telekommunikationsbranche zu gewinnen.
Zusammenfassung der Case Studies
Die folgende Tabelle 1 gibt einen zusammenfassenden
Überblick, der sich an den Ausgangsthesen des Kapitels »Dienstleis-tung
und Innovation« spiegeln lässt.
Gemeinsamkeiten lassen sich über beide Case Studies
hinweg finden und somit ansatzweise systematisieren. Von großer Bedeutung
ist der Kunde beim ersten Anstoß sowie dessen Bereitschaft, innovative
Ideen gemeinsam mit BSG zu realisieren. »Herz« jeder Innovation ist
dabei das vorhandene IT-Know-how, das sich im Laufe der Jahre durch die
immer komplexer werdende Logistik und das damit verbundene Datenmanagement aufgebaut und zu einer Kernkompetenz entwickelt hat.
Allerdings steht nicht die IT-Infrastuktur im Vordergrund - die Software
wird sogar oftmals durch externe Partner realisiert - sondern die
Dienstleistungskonzeption sowie das dahinter liegende Prozesswissen. Nur
durch die konsequente Kombination dieser drei Ebenen (Konzept, Prozess, IT)
sind wertschöpfende Problemlösungen beim Kunden zu implementieren. Die
Innovationsstrategie fokussiert sich auf die Nutzung des »First-Mover-Advantage«,
um als Erster am Markt die entsprechenden Innovationsrenditen
abzuschöpfen. Daher ist es nur konsequent, Routineprozesse und Märkte
mit starkem Preisdruck an externe Unternehmen abzugeben. Die
Geschwindigkeit der Innovationsprozesse (Entwicklungs- und Umsetzungszeit
beläuft sich oftmals auf weniger als ein halbes Jahr), lässt dabei aber
wenig Raum für einen konsequenten Methodeneinsatz. Der Verlauf des
Innovationsprozesses erfolgt durchaus einer gewissen Systematik, wird aber
so flexibel-pragmatisch behandelt, dass kein starres System entsteht.
...
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