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Innovationsmanagement
Hrsg.: Barske; Gerybadze; Hünninghausen; Sommerlatte
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Das virtuelle Unternehmen als innovative Organisationsform

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- Leseprobe - 
  

Das virtuelle Unternehmen als innovative Organisationsform
von Stefanie Gertz

Der strategische Ansatz einer Konzentration auf Kernkompetenzen und die damit verbundene Neugestaltung von Geschäftsprozessen führt regelmäßig zu unternehmensübergreifenden Kooperationen. Moderne IuK-Technologien eröffnen dazu ein breites Spektrum von Möglichkeiten. Dabei stehen nicht langfristige und stabile vertragliche Beziehungen zu Kunden, Zulieferern und Wettbewerbern im Mittelpunkt; vielmehr liegt der Fokus auf einer temporären Zusammenarbeit miteinander vernetzter Geschäftspartner.
 

Stichworte: Virtuelles Unternehmen; Organisation; Netzwerke; Informations- und Kommunikationssysteme; Kernkompetenzen; Kooperationsformen; flache Hierarchien; Wettbewerbspotenziale; Marktchancen

 

In diesem Beitrag erfahren Sie:

  • Welches die typischen Merkmale eines virtuellen Unternehmens sind,

  • in welcher Form durch virtuelle Netzwerke Wettbewerbsvorteile generiert werden können,

  • wie sich der Lebenszyklus eines virtuellen Unternehmens gestaltet und

  • welche technische Infrastruktur die Arbeit in einer virtuellen Organisation unterstützt.

 

Worum geht es?

In den letzten Jahren haben sich sowohl die Märkte wie auch das Wettbewerbsumfeld für die Unternehmen stark verändert. Wirtschaftsprognosen und Markttrends stellen sich als wenig zuverlässig dar. Auf Grund der Substitution menschlicher Ressourcen durch Technik entsteht eine zunehmende Immobilität der Ressourcen, verbunden mit hohen Fixkosten, die die Flexibilität und Dynamik der Unternehmen stark einschränken [1].

Auf der einen Seite ist auf den Produkt- und Dienstleistungsmärkten ein Wandel von Anbieter- zu Verbrauchermärkten zu verzeichnen. Die durch das Internet entstandene Markttransparenz macht Produkte vergleichbar, Leistungs- und Kostenunterschiede werden ohne nennenswerten Aufwand transparent. Der Wettbewerb beschränkt sich zudem nicht mehr auf einzelne Regionen. Die so verstärkte weltweite Konkurrenz erhöht den wirtschaftlichen Druck auf die Unternehmen. Hier gilt es, dem Kunden individuelle, auf seine Bedürfnisse zugeschnittene Produkte und Dienstleistungen anzubieten. Tendenziell kürzer werdende Produktlebenszyklen zwingen zudem Unternehmen dazu, immer neue Produkte auf den Markt zu bringen. Der Zeitraum, in dem Marktpotenziale ausgeschöpft werden können, wird dementsprechend kürzer. Durch zunehmende Produkt- und Verfahrensinnovationen sind Schnelligkeit und Flexibilität in der Zukunft kritische Erfolgsfaktoren.

Andererseits werden Informations- und Kommunikationssysteme immer leistungsfähiger und verbreiten sich dank sinkender Anschaffungskosten weltweit sehr schnell. So kommt es, dass der Kunde mit Informationsquellen wie dem Internet nicht mehr in gewohnter Weise auf Marketing- und Vertriebskonzepte anspricht. Bei dieser Vernetzung und Globalisierung stoßen traditionelle Unternehmen an ihre Grenzen; die Übertragung von Organisationskonzepten auf die neuen Anforderungen der Internet-Ökonomie verläuft zumeist nicht reibungslos.

Für Unternehmen bedeutet dies, den neuen Anforderungen mit einer dynamischen und flexiblen Organisationslösung entgegen zu treten. Diese kann derzeit in der virtuellen Organisation gesehen werden. Virtuelle Unternehmen sind eine logische Konsequenz aus einer stringenten ökonomischen Entwicklung in einer Zeit, in der technische Rationalisierungspotenziale weitgehend ausgeschöpft sind und es nun im immer härter werdenden Wettbewerb darum geht, andere Parameter als Stückkosten und Durchlaufzeiten zu reduzieren [2]. Verstärkt wird dieser Trend durch die rasante Weiterentwicklung der Informations- und Kommunikationssysteme.

 
Was ist ein virtuelles Unternehmen?

(Im Folgenden werden die Begriffe virtuelle Organisation, virtuelles Unternehmen und virtuelles Netzwerk synonym verwendet.)

Wie wird ein virtuelles Unternehmen definiert?
Ein virtuelles Unternehmen ist eine spezielle Form der organisatorischen Zusammenarbeit. Tabelle 1 zeigt die virtuelle Organisation im Vergleich zu anderen Kooperationsformen [3].

Tabelle 1: Kooperationsformen und ihre Merkmale

Kooperationsform

Merkmale

Strategische Allianz

Zusammenschluss von Unternehmen oder Unternehmen und freien Mitarbeitern zur dauerhaften, gemeinschaftlichen Abwicklung von Kundenaufträgen. Im Vordergrund stehen hier die Kapazitätenbündelung sowie die Erzielung von Skaleneffekten.

Outsourcing

Komplette Verlagerung von »Nicht-Kernkompetenzen« inkl. Verantwortung und Pflichten entweder in eigene, rechtlich verselbständigte Unternehmenseinheiten oder an externe Auftragnehmer.

Franchising

Kooperation zwischen dem Hersteller und einer Mehrzahl von selbständigen Unternehmen zum Vertrieb von Waren oder Dienstleistungen unter einheitlichem Marketing-Konzept nach umfangreichen vertraglichen Regelungen.

Joint Venture

Zeitlich unbefristeter Zusammenschluss von zwei oder mehr unabhängigen Partnerunternehmen in horizontaler, vertikaler oder diagonaler Ebene bei in der Regel gleicher Kapitalbeteiligung und gemeinsamer Leitung. Hierzu Gründung eines realen Unternehmens.

Konsortium

Vertragliche Unternehmensverbindung (meist in Form von Bankkonsortien) zur Durchführung bestimmter, genau abgegrenzter Aufgaben, nach deren Erfüllung die Auflösung des Konsortiums folgt.

Virtuelles Unternehmen

Zusammenschluss von Unternehmen und/oder Einzelpersonen zwecks Bündelung von Kernkompetenzen zur effizienten Ausschöpfung eines zeitlich befristeten Marktpotenzials oder zur Ausführung von Projekten ohne Kapitalbeteiligung, jedoch mit Risiko- und Kostenteilung.

Es handelt sich dabei um eine Kooperation rechtlich unabhängiger Unternehmen, Institutionen und/oder Einzelpersonen, die eine Leistung auf Basis eines gemeinsamen Geschäftsverständnisses erbringen [4]. Die kooperierenden Einheiten beteiligen sich vorrangig mit ihren Kernkompetenzen (siehe Inset) entlang der Wertschöpfungskette und treten Dritten gegenüber als eine Einheit auf, so dass für Kunden ein Ansprechpartner für alle Bereiche zur Verfügung steht.

Welche Merkmale hat eine virtuelle Organisation?
Das Management einer virtuellen Organisation ist durch flache Hierarchiestrukturen, Teamwork und die Übertragung von Verantwortung auf einzelne Kooperationspartner gekennzeichnet [10]. Auf die Institutionalisierung zentraler Managementfunktionen wird weitestgehend verzichtet. Dies bedeutet, dass die Koordination des virtuellen Unternehmens hauptsächlich über eine Informations- und Kommunikationsinfrastruktur erfolgt. Bei größeren Netzwerken oder aber auch bei langfristigen Missionen werden Koordinationsaufgaben von so genannten Brokern und gegebenenfalls Leadern übernommen und kontrolliert.

Kernkompetenzen

Für virtuelle Unternehmen ist die Konzentration auf Kernkompetenzen das wichtigste Charakteristikum. Alle beteiligten Unternehmen bringen ausschließlich ihre Kernkompetenzen in das Projekt ein, um so den maximalen Wertschöpfungsbeitrag zu erzielen und zu einer »Best-of-everything-Organization« [5] zu werden.

 

Abb. 1: Kernkompetenzeneinsatz in der virtuellen Organisation [6]
 

Kernkompetenzen stellen die wesentlichen technischen, technologischen, vertrieblichen und organisatorischen Fähigkeiten eines Unternehmens dar [7]. Die Bewertung ist zuweilen schwierig und zeitaufwändig, da Kernkompetenzen häufig in Produkte oder Dienstleistungen einfließen und so schwer differenzierbar sind. Kernkompetenzen werden in traditionellen Unternehmen durch so genannte Komplementärkompetenzen unterstützt, Leistungen also, die in virtuellen Organisationen weitestgehend von anderen Kooperationspartnern erbracht werden. Kernkompetenzen können auf Fachwissen, auf Prozess- und/oder Interaktionskompetenz beruhen [8]:

  • Fachkompetenzen: Hierunter versteht man Kompetenzen, die in den jeweiligen Funktionsbereichen zur Verfügung stehen. Neben Fähigkeiten aus Produktion, Forschung und Entwicklung können auch branchenübergreifende Funktionen wie zum Beispiel Marketing zu den Fachkompetenzen zählen.

  • Prozesskompetenzen: Hier steht die Beherrschung funktionsübergreifender Unternehmensprozesse, wie zum Beispiel der Produktentwicklung oder der Auftragsabwicklung, im Vordergrund.

  • Interaktionskompetenzen: Dem Aufbau und der Erhaltung sozialer Interaktionsmuster, wie die Kontaktaufnahme und Pflege von vorteilhaften Beziehungen zu Stakeholdern, kommt in diesem Zusammenhang ein erheblicher Stellenwert zu.

  

Stakeholder

Stakeholder sind gesellschaftliche Gruppen (zum Beispiel Kunden, Lieferanten, Konkurrenten, Angestellte, Verbände, Medien, Kreditgeber, politische Gruppen, die staatliche Verwaltung, Ämter u.a.), die in unterschiedlicher Weise, aus unterschiedlichen Gründen und mit unterschiedlicher Macht Ansprüche an eine Unternehmung richten. Diese »Interessengruppen« fühlen sich von den Handlungen des Unternehmens betroffen, möchten sie beeinflussen oder eigennützige Ziele durchsetzen. Durch Stakeholder wird die Verbindung zwischen einer Unternehmung und ihrer Umwelt deutlich [9].

Hierbei kommt dem Broker eine eher übergeordnete Funktion zu, also auch über Missionsgrenzen hinweg. Er ist für die Akquisition von Aufträgen und neuen Kooperationspartnern zuständig und begleitet das Unternehmen in juristischen und finanziellen Belangen. Außerdem ist er für das übergeordnete Projektmanagement verantwortlich.

Der Leader dagegen übernimmt eher die Position eines Projektmanagers, der die Projektplanung der einzelnen Mission sowie operative Aufgaben zur Mission wahrnimmt. Eine weitere Aufteilung der organisationsumspannenden Tätigkeiten (z.B. Auftragsmanager, Auditor) ist je nach Netzwerkgröße durchaus sinnvoll.

Es können verschiedene Formen von virtuellen Organisationen unterschieden werden. So lassen sich Netzwerke auf Grund der Position der Kooperationspartner in der Wertschöpfungskette in vertikale und horizontale virtuelle Unternehmen unterteilen. Eine vertikale virtuelle Organisation ist eine Kooperation entlang der Wertschöpfungskette. Vorgelagerte beziehungsweise nachfolgende Produktionsstufen werden in den Leistungsprozess einbezogen. Bei einer horizontalen Kooperation hingegen ist das vorrangige Ziel die Bündelung von Ressourcen in der gleichen Leistungserstellungsphase beziehungsweise im gleichen Aufgabenspektrum.

Beispiel: Koncraft »Virtuelle Schreinerei«, 78120 Furtwangen

Gründungsjahr: 2000
(Rechts-)Form der Kooperation: GbR
Genutzte öffentlichen Förderhilfen: keine
Anzahl der beteiligten Partner: 5
Art der Partnersuche: persönliche Kontakte

Art der Kooperation: Die über den süddeutschen Raum verteilten Mitgliedsbetriebe sind hauptsächlich im Bereich hochwertiger Einbau- und Einzelmöbel tätig, mit jeweils eigenständigem Profil vor Ort. Sie betreiben gemeinsam eine internetgestützte Datenbank, in der alle produktionsrelevanten Daten abgelegt werden und damit allen Partnern zur Verfügung stehen. Es gibt gemeinsame Auftritte gegenüber Zulieferern, einen gemeinsamen Internetauftritt, gemeinsam genutzte Ressourcen wie Ausstellungsmöbel und Ausstellungsküche, Messestand und Spezialmaschinen und die Möglichkeit zur gegenseitigen Kapazitätsauslastung.

Ziele/Gründe für die Kooperation: Grundgedanke war, einmal geleistete Planungsarbeit wiederverwerten zu können und so Kosten zu sparen. Der Transfer von Kompetenz und Know-how in nahezu allen betrieblichen Bereichen soll die Leistungsfähigkeit der Betriebe stärken, um so dem Druck durch Mitbewerber und Industrie besser zu widerstehen.

Aufgabenverteilung in der Kooperation: Die Aufgaben werden von Fall zu Fall verteilt, je nach freien Kapazitäten der Mitgliedsbetriebe.

Effekte der Kooperation: Deutlich verbesserte Produktivität, enorme Einsparungen in der Arbeitsvorbereitung und beim Einkauf, enormer Imagegewinn der Partnerbetriebe (u.a. Internet-Preis, Innovationspreis Mittelstand der Volks- und Raiffeisenbanken Baden und Württemberg)[11].

Die Zusammenarbeit in einer virtuellen Organisation erfolgt auf Grund eines gemeinsamen Geschäftsverständnisses und basiert zu einem Großteil auf Vertrauen der Akteure. Auf detaillierte vertragliche Regelungen wird meist verzichtet, da sich dies kontraproduktiv auf den zeitlichen Rahmen der Gründungsphase auswirken würde. Eine denkbare Möglichkeit der schriftlichen Fixierung wäre der Einsatz von elektronischen Standardverträgen mit erweitertem Interpretationsspielraum [12]. Im Regelfall werden jedoch nur Rahmenbedingungen definiert. Ansonsten handelt man im Sinne der Selbstorganisation. Die Verknüpfung der einzelnen Kooperationspartner erfolgt mit Hilfe ausgereifter Informations- und Kommunikationstechnologien.

Welche Ziele verfolgt eine virtuelle Organisation?
Als übergeordnetes Ziel ist die eingangs erwähnte Flexibilität zu sehen, mit der es dem Unternehmen erst möglich wird, schnell auf eine unerwartete Marktnachfrage zu reagieren, da auf langfristige Anbahnungen und umfangreiche Vorbereitungen verzichtet wird.

Checkliste 1: Abstimmung der Kooperationsziele
 

In einem virtuellen Unternehmen bringen sich die Kooperationspartner mit ihren Kernkompetenzen ein, um gemeinsam eine Leistung zu erbringen, zu der jedes Unternehmen bezüglich Fertigstellungszeit, Kosten, Qualität et cetera einzeln nicht in der Lage wäre. Dies bedeutet, dass die Stärken eines jeden Unternehmens genutzt, gleichzeitig aber die Schwächen vermieden werden. Kostenvorteile können so auf Grund der internen Spezialisierung erzielt werden.

Ein virtuelles Unternehmen ist im Gegensatz zu einem traditionellen Unternehmen in der Lage, komplexe, unstrukturierte und einzigartige Aufträge abzuwickeln, da innerhalb kürzester Zeit das entsprechende Know-how mit den dazu gehörenden personellen Ressourcen aus der Kooperationsgemeinschaft generiert werden kann. Durch diese vielfältigen Kombinationsmöglichkeiten entsteht eine große Dynamik und die Möglichkeit, kundenspezifische Lösungen zeitnah zu offerieren.

Die Virtualisierung von Geschäftsprozessen bedeutet in den meisten Fällen, dass Prozesse in den beteiligten Unternehmen überarbeitet und in der Regel deutlich verbessert und gestrafft werden. Hier ist gerade für kleine und mittelständische Unternehmen ein bedeutendes Rationalisierungspotenzial zu sehen. Mit der verbesserten internen Struktur ist eine erhebliche Senkung des Organisationsaufwandes verbunden. Außerdem zeigt sich das Unternehmen für Änderungsprozesse jederzeit offen und in der Lage, Kostensenkungspotenziale radikal auszuschöpfen. Eine wesentliche Voraussetzung für den Aufbau einer virtuellen Organisation ist jedoch eine umfangreiche IT-Infrastruktur für alle beteiligten Kooperationspartner.

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