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- Leseprobe -
Innovationsmarketing
Teil 2: Prämarketing
von Alexander Pohl
Ein
berühmtes Beispiel für den Einsatz von Prämarketing ist die Markteinführung der
neuesten Mercedes-Benz S-Klasse. Zirka neun Monate vor der tatsächlichen
Produkteinführung im April 1991 startete Mercedes-Benz eine umfassende
Prämarketing-Kampagne, in der die Automobilpresse gezielt über das zukünftige Fahrzeug
informiert wurde. In verschiedenen PR-Veranstaltungen und Innovationsforen, an denen
Vertreter der nationalen und internationalen Presse teilnahmen, berichtete Mercedes-Benz
über verschiedene Einzelaspekte wie Sicherheit, Crash-Verhalten und technische
Einzelheiten der zukünftigen S-Klasse. Parallel zu diesen PR-Aktionen startete drei
Monate vor der Produkteinführung eine Werbekampagne, die jedoch noch keine Bilder zum
Gegenstand hatte. Durch den Verzicht auf eine optische Präsentation wurde Spannung und
Neugier bei den Endkunden aufgebaut. Gleichzeitig konnte eine positive Stimmung erzeugt
werden. Zum Stimmungsaufbau wurde konkret eine Verabschiedungsanzeige für die alte
S-Klasse (»Das beliebteste Auto der Oberklasse wird bald nicht mehr gebaut«) gesendet.
Den Höhepunkt der Prämarketing-Phase bildete die Fahrzeugpräsentation auf dem Genfer
Automobilsalon im März 1991. Aufgrund der hohen Aufmerksamkeit der Medien waren danach,
bis zur Vorstellung der neuen Serie bei den Händlern, keine weiteren Maßnahmen
erforderlich, da diese keinen großen Zusatzeffekt mehr erzielt hätten.
Das Beispiel zeigt, dass es durch Prämarketing gelingen kann, bereits vor der
Markteinführung einen hohen Bekanntheitsgrad und ein starkes Produktinteresse bei den
potentiellen Kunden aufzubauen. Daneben werden aber oftmals auch andere Ziele verfolgt.
Stichworte: Ziele:
Verkaufsprozeß beschleunigen, Marktpotential erhöhen,
Kaufwiderstände abbauen, Standards
setzen, Kunden- und Konkurrenzreaktionen
testen, Instrumente: Außendienst, Direktmarketing, Teaser, Messen, Prototypen, Händler,
Medienarbeit, Gefahren, Literatur, Zusammenfassung.
Ziele des Prämarketing
Vor der Planung und dem Einsatz von Prämarketing sollten die damit verbundenen Ziele
geklärt werden. Die häufigsten in der Praxis verfolgten Zielsetzungen sind, den
Verkaufsprozeß zu beschleunigen, das Marktpotential zu erhöhen, Kaufwiderstände zu
verringern, frühzeitig Standards zu setzen und Information über die Resonanz bei Kunden
und Konkurrenten zu gewinnen.
Beschleunigung des Verkaufsprozesses
Bei vielen Innovationen läßt sich der Verkaufsprozeß wie folgt beschreiben: Nach
der Markteinführung entscheidet sich zunächst eine geringe Anzahl von Kunden zum Kauf
des neuen Produktes. Im Zeitverlauf wird diese Zahl immer größer, und es kommt zu mehr
Käufen in einem bestimmten Zeitintervall. Wenn das Produkt veraltet, reduziert sich die
Absatzmenge und entsprechend der produktbezogene Umsatz. Im oberen Teil von Abb. 1 ist
dieser typische Umsatzverlauf eines Produktes im Zeitverlauf dargestellt. Problematisch
ist die Einführungsphase der Innovation. In dieser Zeitspanne kann es unter Umständen
lange dauern, bis sich eine größere Zahl an Kunden zu einem Kauf entschließt. Dies
liegt daran, dass sich viele Kunden vor dem Kauf über die Innovation informieren und sie
erst nach intensiver Prüfung kaufen möchten. Um hier eine Beschleunigung zu erzielen,
kann Prämarketing eingesetzt werden. Dadurch wird dem Informationsbedürfnis der Kunden
frühzeitig Rechnung getragen. Dies kann dazu führen, dass bereits bei der
Markteinführung der Innovation eine große Nachfrage existiert [6]. Dies spiegelt sich im
unteren Teil von Abb. 1 wider. Direkt nach der Markteinführung erzielt das Unternehmen
bereits höhere Umsätze, und das Umsatzmaximum wird früher erreicht.
Für Unternehmen führt die Beschleunigung des Verkaufsprozesses zu einer Verkürzung der
Break-even-Zeit. Das schnellere Erreichen der Gewinnschwelle ist dann von besonderer
Bedeutung, wenn hohe finanzielle Vorleistungen (zum Beispiel für die Entwicklung der
Innovation) erforderlich sind.
Erhöhung des Marktpotentials
Durch Prämarketing kann auch die Gesamtzahl der Kunden erhöht werden. Allein die durch
Prämarketing erhöhte Aufmerksamkeit der Kunden führt zu einem höheren Marktpotential.
Dies ist besonders bei zeitlich limitierten Marktpräsenzzeiten der Fall. So ist es zum
Beispiel im Kinogeschäft quasi zwingend, durch gezieltes Prämarketing die Nachfrage nach
bestimmten Filmen frühzeitig zu wecken und auf einen bestimmten Zeitraum zu lenken. Auch
im Technologiebereich ist durch Prämarketing ein höheres Absatzpotential erzielbar, denn
bei einer neuartigen Technologie gibt es meist eine Vielzahl von möglichen Einsatzfeldern
und Anwendungen. Wird durch Prämarketing rechtzeitig auf das hohe Anwendungsspektrum
hingewiesen, kann das Marktpotential massiv erhöht werden. Abb. 2 verdeutlicht die
Erhöhung des Marktpotentials durch Prämarketing.
Abbau von Kaufwiderständen
Da Innovationen durch neue Produkteigenschaften gekennzeichnet sind, besteht
bei den Kunden häufig eine gewisse Kaufzurückhaltung. Dies liegt daran, dass
sie
bestimmte Merkmale der Innovation vor dem Kauf nicht beurteilen können. Häufig tritt
eine solche Kaufzurückhaltung in der Computerindustrie auf. Die Leistungsfähigkeit von
neuen Prozessoren wie zum Beispiel der neuen MMX-Prozessoren der Firma Intel kann von
vielen Kunden vor dem Kauf nur schwer beurteilt werden. Die Neuartigkeit der Innovation
führt daher oftmals zu Kaufwiderständen. Dies ist für eine Innovation dramatisch, da
sich dadurch der Verkauf nur schleppend vollzieht und eine gewisse Zeit vergeht, bis
große Stückzahlen abgesetzt werden. Falls bestehende Marktwiderstände nicht abgebaut
werden, kann sich die Innovation sogar zu einem Flop entwickeln. Ist also bei einer
Innovation davon auszugehen, dass der Markteinführung größere Kaufwiderstände
entgegenstehen, sollte mit Prämarketing versucht werden, diese frühzeitig abzubauen.
Frühzeitiges Setzen von Standards
Insbesondere im High-Tech-Bereich ist es von Bedeutung, frühzeitig Standards zu setzen
beziehungsweise ein sogenanntes dominantes Design zu kreieren. Standards sind
Produktmerkmale, die sowohl von Anbietern als auch von Kunden akzeptiert werden und an
denen sich alle Marktpartner orientieren. Standards entstehen durch rechtliche
Vereinbarung (Normen) oder durch hohe Verbreitung (de-facto-Standard). Der Anbieter, dem
es zuerst gelingt, einen Standard im Markt zu etablieren, hat große Vorteile bei der
weiteren Vermarktung der Innovation. In einer Vielzahl von Fällen hat sich gezeigt,
dass Kunden solche Produkte bevorzugen, die sich am Markt unstrittig durchgesetzt haben und ein
weites Spektrum von erfolgreichen Anwendungen nachweisen [3]. Konkurrenten sind gezwungen,
auf diesen Standard umzustellen oder in einen harten Wettbewerb einzusteigen. Der
Haupteffekt des Prämarketings liegt hier darin, dass durch frühes Bekanntmachen der
Innovation der eigene Standard forciert wird. Dies kann im Idealfall dazu führen,
dass die Nachfrage nach Wettbewerbsprodukten behindert wird, da sich Käufer hinsichtlich der
zukünftigen Standardbildung unsicher sind.
Informationsgewinnung
Auf Vorankündigungen von Produktmerkmalen treten in der Regel verschiedene
Reaktionen von Kunden und Konkurrenten ein. Die Art und die Stärke der Kunden- und
Konkurrenzreaktion kann dem anbietenden Unternehmen wertvolle Hinweise für die
Strategieplanung liefern. Daher kann Prämarketing nicht nur dem Ziel der
Informationsvermittlung, sondern auch der Informationsgewinnung über Reaktionsfunktionen
der Kunden [1] und Konkurrenten dienen [7].
Die Zieldefinition sollte der erste Schritt bei der Planung des Prämarketing sein. Dabei
können natürlich auch mehrere Ziele nebeneinander verfolgt werden. Je nach Zielsetzung
kommen verschiedene Prämarketing-Instrumente in Frage.
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