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Hrsg.: Barske; Gerybadze; Hünninghausen; Sommerlatte
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Mittelstandskooperation braucht Nähe:
Möglichkeiten und Grenzen der Regionalisierung des lokalen Kooperationsverbundes in Uebigau

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- Leseprobe - 
  

Mittelstandskooperation braucht Nähe:
Möglichkeiten und Grenzen der Regionalisierung des lokalen Kooperationsverbundes in Uebigau
von Dieter Specht, Frank Brinkers

Vor fünf Jahren wurden an dieser Stelle die Strukturen der Zusammenarbeit im lokalen Kooperationsverbund Uebigau dargestellt. Seither ist aus dem einstigen Lokalverbund eine regionale, grenzüberschreitende Kooperation mittelständischer Unternehmen entstanden. Die Autoren des vorliegenden Beitrags verfolgen den Weg des Verbundes weiter und erläutern vor diesem Hintergrund branchenübergreifende Grundregeln, Möglichkeiten und Grenzen regionaler Kooperationen.
 

Stichworte: Hauptinitiatoren des lokalen und regionalen Kooperationsverbundes; Der Weg zur Gründung: Ausgangslage und Zielsetzung; Kooperation und Kooperationsverbünde; Entwicklung und Regionalisierung; Beispiele der Zusammenarbeit; Kooperationsoptionen; Vor- und Nachteile der Kooperation; Innovations- und Dynamikpotenziale; Grenzen der Kooperation; Leitsätze des Kooperationsmanagements; Entwicklungsperspektiven; Zusammenfassung.

 

In diesem Beitrag erfahren Sie:

  • Wie aus dem lokalen Kooperationsverbund Uebigau ein regionaler Verbund wurde,

  • in welchen Bereichen die Unternehmen des Kooperationsverbundes zusammenarbeiten,

  • welche Vor- und Nachteile hinsichtlich Innovationsfähigkeit und Dynamik sich daraus ergeben,

  • wie man Koordinationsprobleme in regionalen Kooperationen vermeidet,

  • welche allgemeinen Empfehlungen an das Kooperationsmanagement sich aus den Uebigauer Erfahrungen ableiten lassen.

 

Einleitung

In der Region Südbrandenburg/nördliches Bober-Gebiet (Polen) findet sich ein markantes Fallbeispiel dafür, wie Kooperation den Aufbau industrieller Infrastruktur in lokalem wie regionalem Rahmen fördern, betriebliche Innovationen begünstigen und die Gewinnpotenziale der beteiligten Unternehmen steigern kann. Probleme bei der Zulieferung und eine stark schwankende Auftragslage gaben vor Jahren den Anstoß für eine lokale Kooperation im südbrandenburgischen Uebigau, die auf vielen Ebenen für alle Beteiligten gewinnbringend funktioniert. Ausgehend von dieser erfolgreichen lokalen Kooperation sind in den vergangenen Jahren Schritte zum Aufbau eines ähnlichen lokalen Kooperationsverbundes im grenznahen polnischen Lubsko sowie zur Verknüpfung beziehungsweise Regionalisierung dieser Verbünde unternommen worden. Selbstverständlich gibt es für derartige Kooperationen unerlässliche branchenübergreifende Grundregeln. Unverzichtbar sind auch und gerade bei Kooperationen zwischen nicht ortsansässigen Partnern informelle Kommunikation, gegenseitiges Vertrauen und Flexibilität.

Im brandenburgischen Uebigau wurde in den Jahren nach der demokratischen Revolution von 1989/90, anfänglich begleitet durch das Forschungsprojekt Dynapro des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie, ein lokaler Kooperationsverbund mittelständischer Unternehmen der Elektrotechnik aufgebaut, der sich von anderen Kooperationsformen, beispielsweise Zulieferverbünden, grundlegend unterscheidet. Räumliche Nähe, aber auch Nähe durch geschaffenes Vertrauen sind wesentliche Elemente bei diesen Kooperationsbeziehungen. Mit dem lokalen Verbund wurden und werden innovative und dynamische Unternehmensstrukturen und -prozesse angestrebt, die den beteiligten Unternehmen helfen sollen, langfristig am Markt bestehen zu können. Es konnte gezeigt werden, dass lokal orientierte Kooperationen erhebliche Gewinnpotenziale in sich bergen, die sich besonders aus Dynamik- und Innovationsvorteilen ergeben. Hintergrund der engen Zusammenarbeit war in der Gründungs- und Aufbauphase vor allem eine stark schwankende Auftragslage, aber auch die Gewissheit, als Standort nur durch die gemeinsame Größe eine Chance zu haben. Heute ist neben dem Aspekt des gegenseitigen Kapazitätsausgleichs vor allem die besondere Verlässlichkeit und Flexibilität des engmaschigen Netzes gegenseitiger Zulieferungsbeziehungen von hoher Bedeutung für den Erhalt und die Festigung des Kooperationsverbundes. Seit einigen Jahren haben die beteiligten Unternehmen die auf lokaler Ebene als gut befundene Idee zunehmend auf regionale, auch internationale Partner übertragen. Insbesondere die räumliche Nähe zum EU-Beitrittskandidaten Polen hat vielerlei Erweiterungen und neue Formen der Zusammenarbeit angeregt. Aber auch der Trend zur Auflösung und Neubildung von Unternehmensstrukturen auf Konzernebene hat bei den beteiligten Unternehmen zu teilweise weitreichenden und auch auf den lokalen Kooperationsverbund wirkenden Veränderungen geführt. Im Folgenden soll die Übertragbarkeit der im lokalen Kooperationsverbund gewonnenen positiven Erfahrungen auf regionale Kooperationsformen untersucht werden.

Zunächst werden die Ausgangssituation und der Weg zum lokalen Kooperationsverbund beschrieben, anschließend die Erfahrungen mit dem lokalen Kooperationsverbund und seine zunehmende Regionalisierung nachgezeichnet sowie Grenzen und Entwicklungsperspektiven der Kooperation im Verbund diskutiert.

Hauptinitiatoren des lokalen und regionalen Kooperationsverbundes

Die Hauptinitiatoren des lokalen und regionalen Kooperationsverbundes sind die Uebigauer Elektro- und Schaltanlagenbau uesa GmbH (»UESA GmbH«) und die Moeller Schaltanlagen Uebigau GmbH:

  • Die UESA GmbH ist als Einzelauftragsfertiger im Elektro- und Schaltanlagenbau im südbrandenburgischen Uebigau tätig. Als mittelständisches Unternehmen mit zirka 240 Mitarbeitern wird ein Umsatz von zirka 28 Millionen EUR erwirtschaftet. Organisatorisch ist die UESA GmbH in die Geschäftsbereiche Elektroanlagenbau (Projektierung, Montage und Inbetriebnahmen), Energieverteilerbau (Außenverteiler- und Transformatorenstationen) und Niederspannungs-Schaltanlagenbau (Energieverteilungs- und Automatisierungsanlagen) untergliedert. Das Unternehmen wurde 1990 reprivatisiert und war seit diesem Zeitpunkt ständig mit wechselnden Anforderungen der Märkte konfrontiert. Mit dem mittlerweile stark gewachsenen Personalstamm gehört das Unternehmen zu den größten Arbeitgebern in der Region. Zur UESA GmbH gehören die Töchter UESA Polska Sp. z o.o. (ca. 40 Mitarbeiter/zirka 6 Mio. EUR Umsatz) im zirka 120 km entfernten polnischen Lubsko (früher: Sommerfeld), die UESA Transporttechnik GmbH (»UESA trans«; ca. 30 Mitarbeiter/zirka 2,7 Mio. EUR Umsatz) in Merzdorf sowie – mehrheitlich – die K & P Kramer und Placek Bauunternehmen GmbH
    (19 Mitarbeiter/1 Mio. EUR Umsatz) in Uebigau.

  • Die Moeller Schaltanlagen Uebigau GmbH (ehemals Felten & Guilleaume Schaltanlagen Uebigau GmbH) ist ein Hersteller von Mittelspannungsschaltanlagen in gas- und luftisolierter Technik in Uebigau. Mit rund 100 Mitarbeitern wird ein Umsatz von zirka 18 Millionen EUR erwirtschaftet. Das Unternehmen, welches von Anfang an enge Beziehungen zur benachbarten UESA GmbH hatte, hat sich zum Kompetenzzentrum für luftisolierte Mittelspannungsschaltanlagen und zum Blechzulieferer für alle Mittelspannungs-Fertigungsbetriebe des Moeller-Konzerns entwickelt.

Der Weg zur Gründung des »lokalen Kooperationsverbundes«

Probleme im Zulieferbereich bildeten den Anstoß zur Einrichtung eines Kooperationsverbundes. Material wurde häufig nicht termingerecht geliefert, oft war es in entsprechenden Spezifikationen kurzfristig nicht erhältlich. Zudem gab es Schwierigkeiten mit der Handhabung einer über das gesamte Jahr stark schwankenden Auftragslage. Diese Schwankungen waren nicht nur jahreszeitlich bedingt, sondern ereigneten sich oft kurzfristig. Zusätzliches Personal, insbesondere qualifiziertes, stand dann ad hoc nicht zur Verfügung. Weiterhin war es nicht wirtschaftlich, Maschinen, Computer-Software et cetera für nur ein Unternehmen anzuschaffen. In Verhandlungen, insbesondere mit Lieferanten, hatten die Mittelständler eine relativ schwache Position. Diese Probleme führten dazu, dass einstige Wettbewerbsvorteile, wie Schnelligkeit, Flexibilität und Innovationskraft, für die Uebigauer Unternehmen gefährdet erschienen.

Aus dieser Ausgangssituation entwickelte sich Schritt für Schritt ein Kooperationsansatz: Die eigentlichen Wettbewerbsvorteile mittelständischer Unternehmen, deren Wettbewerber vorwiegend internationale Konzerne sind, nämlich Schnelligkeit sowie eine kundenindividuelle Auftragsabwicklung sollten ausgebaut werden. Es galt, Innovation und Dynamik als Wettbewerbsvorteil zu entwickeln. Wettbewerbsfähigkeit, Innovation und Dynamik sollten über lokale Kooperationen erzielt werden. Das konkrete Ziel lautete:

Aufbau eines lokalen, nachhaltig wirksamen Wertschöpfungsverbundes, der sich auf dauerhafte Kooperationsbeziehungen stützt, Schaffung eines »lokalen Kooperationsverbundes«. Die Zielstellung enthielt zwei Teilziele:

  • Entwicklung des Gewerbestandortes Uebigau durch die Ansiedlung geeigneter Kooperationspartner,

  • Gestaltung der Kooperationsbeziehungen der Uebigauer Unternehmen auf allen Ebenen.

Das Grundprinzip für das erste Teilziel, die Ansiedlung weiterer Unternehmen, zielt auf eine sinnvolle Verknüpfung von Kernkompetenzen. Die Wertschöpfungsketten für viele Produkte sollen optimiert, das heißt auf die minimale Zahl an Kettengliedern reduziert, sie sollen dynamisiert und insgesamt innovativer gestaltet werden.

Hinsichtlich des zweiten Teilzieles werden Kooperationen in Bezug auf die spezifische Situation in Uebigau auf organisatorischer, personeller, informatorischer, technischer und logistischer Ebene in Betracht gezogen. Folgende – teilweise sich überschneidende – Effekte werden mit dem lokalen Kooperationsverbund angestrebt:

  • Flexibilität,

  • kundenindividuelle Auftragsbearbeitung,

  • Kostensenkung,

  • schnellere und verbesserte Zulieferungen,

  • Risikominimierung,

  • Schnelligkeit,

  • optimale Auslastung der personellen und maschinellen Kapazitäten,

  • Nutzung von Synergiepotenzialen,

  • gemeinsame Nutzung von Ressourcen,

  • erhöhte Wettbewerbsfähigkeit.

 

Kooperation und Kooperationsverbünde

Im Folgenden sind einige wichtige theoretische Aspekte zur Kooperationsthematik ausgeführt, die den Uebigauer Lösungsansatz betreffen.

Der Begriff der Kooperation bezeichnet jede Form der Zusammenarbeit, die der gemeinschaftlichen Bearbeitung einer Aufgabe dient [2]. Kooperationen beruhen in der Regel auf einer Tauschbeziehung oder auf der Zusammenlegung von Ressourcen. Kooperationsverbünde zielen auf externe Kooperation, das heißt auf Kooperation mehrerer Unternehmen (interorganisationale Kooperation). Es lässt sich beobachten, dass Kooperationen häufig nicht nur auf ein Themenfeld begrenzt sind, sondern sich intensive Kooperationsbeziehungen auf verschiedenen Ebenen entwickeln. Kooperationsverbünde können daher als Institutionalisierung intensiver Kooperationsbeziehungen zwischen mehreren Unternehmen verstanden werden.

Von Kooperation kann nur gesprochen werden, wenn Personen oder Personengruppen miteinander arbeiten oder interagieren. Kooperationen können geplant sein oder sich spontan entwickeln. Ein wesentliches Charakteristikum von Kooperationen und Kooperationsverbünden ist der Aspekt der Gegenseitigkeit. Es existiert eine gegenseitige Abhängigkeit bei der Zielerreichung. Dieser Abhängigkeit steht andererseits eine relative Autonomie der Kooperationspartner gegenüber. Die Grenzen einer Kooperation sind erreicht, wenn eine ausgeprägte Unterordnungsbeziehung zwischen den Kooperationspartnern besteht.

Es lassen sich mehrere Kooperationsstrategien unterscheiden. Grundlegend sind die Unterscheidungen zwischen interner und externer Kooperation sowie hinsichtlich der Stellung der Kooperationspartner zueinander. Hierbei kann zwischen horizontaler, vertikaler und diagonaler Kooperation unterschieden werden (vgl. Tabelle 1).

Tabelle 1: Kooperationsarten / Kooperationsstrategien im Überblick

 

Interne Kooperation
Zusammenarbeit zwischen Personen, Personengruppen oder Abteilungen in einem Unternehmen

Externe Kooperation
Zusammenarbeit zwischen rechtlich selbstständigen Unternehmen, aber auch zwischen weitgehend autonomen Unternehmensbereichen

Vertikale Kooperation
Kooperation, die aufeinanderfolgende Produktionsstufen miteinander verbindet

interne Lieferanten/interne Kunden-Kooperation

Lieferanten-Kunden-
Kooperation

Horizontale Kooperation
Kooperation von Partnern, die auf derselben Produktionsstufe agieren

Kooperation unter internen Konkurrenten

Kooperation unter
Konkurrenten

Diagonale Kooperation
Die Partner gehören weder der gleichen, noch einer vor- beziehungsweise nachgelagerten Produktionsstufe an.

Interne diagonale
Kooperation

Externe diagonale
Kooperation

Bei der internen Kooperation ist die hierarchische Stellung oder Einordnung der einzelnen Kooperationspartner zueinander problematisch. Die Grenzen zwischen Anweisung und Kooperation sind fließend, der Aspekt der Gegenseitigkeit ist nicht immer vollständig erfüllt. Bei der externen Kooperation besitzen die Kooperationspartner prinzipiell eine größere Autonomie im Gegensatz zur internen Kooperation. Abhängigkeiten zwischen den Kooperationspartnern sind nicht so stark ausgeprägt. Von externer Kooperation kann faktisch nicht nur bei rechtlich und wirtschaftlich selbständigen Unternehmen gesprochen werden, sondern auch bei Kooperationen zwischen (selbständigen) Unternehmenseinheiten, wie sie sich beispielsweise aus dem Konzept der Fraktalen Fabrik ergeben [6]. Der Kooperationsgedanke wird gerade bei selbständigen Unternehmenseinheiten zunehmend bedeutsamer, da die Idee der Profit Center oder Cost Center einen Bereichsegoismus fördert, der sich dysfunktional auf die unternehmerischen Gesamtziele auswirken kann.

Die allgemeine Zunahme vertikaler Kooperationen ist Ausdruck der zunehmenden Spezialisierung beziehungsweise der Konzentration der Unternehmen auf ihre Kernkompetenzen. Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten führen make-or-buy-Entscheidungen häufig dazu, dass nur das Kerngeschäft selbst getätigt und der Rest »zugekauft« wird.

Ein solcher Ansatz wird auch in Uebigau verfolgt. Der lokale Kooperationsverbund ist Ausdruck einer externen, vertikalen Kooperationsstrategie. Durch die vertikalen Kooperationsbeziehungen entstehen Produkte, die in Uebigau eine hohe Produktionstiefe und Wertschöpfung erfahren haben. So kann beispielsweise ein komplettes System unter der Bezeichnung »Kompakttransformatorenstation« angeboten werden, an dessen Entwicklung und Fertigung nahezu alle Uebigauer Unternehmen mitwirken.

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