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- Leseprobe -
Internationale Technologie-Kooperation: Die Entwicklung der Spaceframe-Karosserie des
Audi Modells A8 aus Aluminium
von Eric
Pfaffmann
Die länderübergreifende Kooperation der Audi AG und der Aluminium
Company of America (Alcoa) in Sachen Spaceframe-Karosserie hatte eine
Vorreiterfunktion beim Einsatz von Aluminium im Karosseriebau. Neue
Verfahren und Werkstoffe mußten erprobt, Grenzen ausgelotet,
Fertigungsverfahren und Karosseriestrukturen neu definiert werden. Der
Autor zeichnet das Pilotprojekt von der Planung bis zum erfolgreichen
Ergebnis in all seinen organisatorischen und technischen Aspekten nach.
Stichworte: Hintergrund
des Spaceframe-Projektes: Zielsetzungen,
Leichtbau-Potenziale
mit Aluminium, Einsatz von
Aluminium in der Fahrzeugkarosserie,
(Außer-) vertragliche Vereinbarungen und technische Baustruktur: Charakteristika der Spaceframe-Karosserie,
Spezifika der Herstellungs- und Verbindungstechnik, Die Kooperation während des Entwicklungsprozesses:
Überblick, Phase der Vorentwicklung,
Konzept- und Serienentwicklung, Herstellungsprozess, Fazit: Bedeutung und Problemfelder,
Zusammenfassung.
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In diesem Beitrag
erfahren Sie:
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mit welcher Zielsetzung die
Kooperation Audi/Alcoa ins Leben gerufen wurde,
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was man zu diesem Zeitpunkt über
den Einsatz von Aluminium im Fahrzeugkarosseriebau wusste,
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wie im Spaceframe-Projekt die
Zusammenarbeit formell und informell gestaltet wurde, und welche
Probleme dabei zu bewältigen waren,
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wie Audi und Alcoa bei der
Entwicklung der Spaceframe-Karosserie im Detail
zusammenarbeiteten,
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in welchen Schritten die Entwicklung
der Spaceframe-Karosserie, von der Vorentwicklung über die
Konzept- und Serienentwicklung bis zur Herstellung, verlief.
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Hintergrund des
Spaceframe-Projektes
Im Spätjahr 1981 beschlossen die Aluminum Company of America (Alcoa)
und die Audi AG im Rahmen eines Arbeitstreffens, gemeinsam die
Voraussetzungen für die Entwicklung einer hundertprozentigen
Aluminiumkarosserie zu schaffen. An dem Treffen nahm auch Dr. Ferdinand
Piëch teil, damals Vorstand »Technische Entwicklung« bei der Audi AG.
Das Ziel von Dr. Piëch war es, einen metallurgischen und konstruktiven
Quantensprung zu vollziehen, der Audi aus der stetig wachsenden
Gewichtsspirale bei Pkw befreien konnte [4]. Dem Meeting gingen einige
Begegnungen von Alcoa und Audi sowohl in Pittsburgh, Pennsylvania, dem
Stammsitz und Technischem Zentrum von Alcoa, als auch in Ingolstadt, dem
Stammsitz und Sitz der Vorentwicklung von Audi voraus. Bei den ersten
Begegnungen wurden bereits grundsätzliche, gegenseitige Übereinkommen
erzielt.
Beginn und Zielsetzungen
im Spaceframe-Projekt
Der erste Kontakt zwischen Audi und Alcoa fand im Juni 1981 statt, als
eine Delegation von Audi dem Unternehmen Alcoa in Pittsburgh ein Besuch
abstattete. Angestoßen durch Dr. Piëch war Audi auf der Suche nach
Möglichkeiten, wie mit der Verwendung des Werkstoffs Aluminium im
Karosseriebau eine signifikante Gewichtseinsparung bei Pkw erzielt werden
konnte. Nach Auffassung von Audi war diese Gewichtseinsparung die
Voraussetzung, um auch zukünftig große und luxuriöse Automobile
vermarkten zu können, die sowohl ökonomische als auch ökologische
Gesichtspunkte berücksichtigen. Außerdem wurde bereits damals bei Audi
das »Drei-Liter-Auto« thematisiert, wenngleich auch nur als
Konzeptstudie, bei der eruiert wurde, welche Charakteristika hinsichtlich
Design, Gewicht und Motorisierung ein solches Fahrzeug aufzuweisen hat.
Bereits Ende der 70er Jahre suchte Alcoa als weltweit größter
Aluminiumhersteller neue Märkte für das Leichtmetall. Das Unternehmen
hatte bis dahin erste Erfahrungen mit der Automobilindustrie als Lieferant
von Aluminiumblechen für die Karosseriebeplankung sowie von
Aluminiumbarren für den Guss von Zylinderköpfen, Motorblöcken und
sonstigen Gussteilen gesammelt [7]. Alcoa war daran interessiert, den
Aluminiumabsatz zu erhöhen und hatte erkannt, dass der Einsatz von
Aluminium in der Automobilindustrie nur dann signifikant erhöht werden
kann, wenn Aluminium als Werkstoff für strukturelle Bauteile eingesetzt
wird, die bis dahin ausschließlich dem Werkstoff Stahl vorbehalten waren.
Strukturelle Teile, die einen umfangreichen, mengenmäßigen Einsatz von
Aluminium erlauben, beziehen sich bei einem Pkw unter anderem auf die
Karosserie. Für das Ziel, im großen Stil als Aluminiumzulieferer in die
Automobilindustrie einzusteigen, war es unerlässlich, in den Aufbau von
metallurgischem und konstruktivem Wissen zu investieren, und Alcoa war
bereit, für dieses Ziel, finanzielle und personelle Ressourcen sowie viel
Zeit bereitzustellen. Zu dieser Zeit war Alcoa der einzige
Aluminiumhersteller mit der Strategie, Aluminiumkarosserien für
Automobile zu bauen und das notwendige Wissen dafür zu entwickeln.
Bevor Alcoa sich auf die Suche nach Kooperationspartnern machte, hatte das
Unternehmen bereits in seinem technischen Zentrum eine Studie zum Einsatz
von Aluminium in strukturellen Fahrzeugteilen anhand des Oldsmobile Omega
von General Motors ausgearbeitet. Im Anschluss an diese Vorarbeiten
führte Alcoa Gespräche mit den drei großen amerikanischen
Automobilherstellern, deren Resonanz jedoch außerordentlich enttäuschend
war. David W. Schlendorf, Leiter der Produkt- und Marktentwicklung von
Alcoas Automobilsparte, führte hierzu aus:
»In einem Land, in dem der Treibstoff derartig billig ist und in
dem bereits ein schlichter, millionenfach gebauter ‘Chevrolet Caprice
Classic’ rund 1,6 Tonnen wog, interessierte sich niemand für ein
derartig teures und exotisches Material wie Aluminium. Die amerikanischen
Automobilhersteller waren auf dieses Material nicht vorbereitet - und sie
sind es als Massenproduzenten bis heute nicht.« [7]
Nach den ersten Gesprächen im Juni 1981 trafen sich die Vertreter von
Audi und Alcoa bereits im September des gleichen Jahres auf der
Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt am Main wieder und
vereinbarten ein Arbeitstreffen für das Spätjahr in Ingolstadt. Es
bestand ein Konsens darüber, dass weder Audi noch Alcoa im Alleingang in
der Lage wären, die notwendigen Arbeiten zum Wissensaufbau für die
Herstellung einer Aluminiumkarosserie durchzuführen. Audi fehlten die
metallurgischen Kenntnisse und Erfahrungen über den Werkstoff Aluminium.
Alcoas Element war zwar der Werkstoff Aluminium, gleichzeitig verfügte
das Unternehmen aber nicht über die erforderlichen konstruktiven
Kenntnisse und Erfahrungen beim Einsatz von Aluminium in einer
Fahrzeugkarosserie. Vielmehr war klar, dass allein durch die Einrichtung
von Arbeitsgruppen auf Seiten von Audi und Alcoa sowie die gemeinsame
Arbeit an dem Aufbau metallurgischen und konstruktiven Wissens in
absehbarer Zeit eine Karosserie aus Aluminium entwickelt werden konnte.
Die Unternehmen erkannten, dass eine Symbiose von innovativem
Automobil-Know-how und umfangreichem F&E-Know-how in der Anwendung des
Werkstoffs Aluminium das Fundament einer erstmals praktizierten
Entwicklungspartnerschaft dieser Dimension bildete.
Gegenstand des Ingolstädter Treffens im Spätjahr 1981 war es denn auch,
die Omega-Studie zu präsentieren und gemeinsam über die technischen
Aspekte beim Einsatz von Aluminium in strukturellen Fahrzeugkomponenten zu
diskutieren. Alcoa fuhr mit einer Gruppe von Marketing-Mitarbeitern und
Ingenieuren aus den Bereichen Werkstoffstruktur, Verbindungs- und
Formtechnik nach Ingolstadt. Als Ergebnis wurde eine grundsätzliche
Absichtserklärung zwischen Audi und Alcoa unterzeichnet und vereinbart,
zunächst eine Blechkarosserie aus Aluminium zu entwickeln, die analog zu
einer konventionellen Stahlkarosserie aus einzelnen Blechen
zusammengeschweißt und selbsttragend war. Außerdem war eine
Geheimhaltungsklausel Bestandteil der Vereinbarung, in der Alcoa sich
verpflichtete, keine Informationen aus der Kooperation mit Audi an Dritte
weiterzugeben. Die Geheimhaltung ging so weit, dass selbst Informationen
über die Existenz einer Kooperation zwischen beiden Unternehmen über
lange Zeit geheim gehalten wurden.
Nach dem Ingolstädter Treffen ging Audi unter der Leitung von Heinrich
Timm - damals Leiter »Konzept Grundlagen« - in Klausur, überprüfte die
Ergebnisse der Omega-Studie und formulierte Ziele, die mit einem Einsatz
von Aluminium in der Fahrzeugkarosserie erreicht werden mussten. Eine
Aluminiumkarosserie hatte nur dann eine Erfolgschance, wenn das
vollständige Potenzial des Werkstoffs Aluminium ausgeschöpft und dabei
mindestens 30 Prozent der Einzelteile eingespart werden konnten. Letzteres
war als eine Sekundärmaßnahme erforderlich, um den Einsatz des teureren
Werkstoffs zu rechtfertigen. Die neuartige Kombination aus
Komponentenreduktion und werkstoffgerechtem Einsatz nahm das Konzept des
späteren Spaceframe bereits vorweg. Der konzeptionelle Ansatz wurde
zunächst »Audi-Alcoa Body Concept« getauft und erst wesentlich später
in »Audi Spaceframe« umbenannt.
Im Frühsommer 1982 hatte Dr. Piëch dem von Heinrich Timm eingeschlagenen
Weg zugestimmt und eine Delegation des Unternehmens fuhr zu dem
entscheidenden Meeting nach Pittsburgh. Neben der Notwendigkeit,
erhebliche Ressourcen für ein solches Projekt bereitzustellen, setzten
die extrem anspruchsvollen Ziele die Bereitschaft voraus, in allen
metallurgischen und konstruktiven Bereichen Neuland zu betreten und
Grenzbereiche auszuloten. Heinrich Timm erläuterte:
»Die Antwort des Metallurgen von Alcoa war wiederholt ‚It’s
impossible‘. Das ging so weit, dass er irgendwann wütend das Meeting
verließ. Dann haben wir uns an den Vorstand von Alcoa gewandt und
gefragt, ob sie denn noch Interesse hätten, den Weg gemeinsam zu
beschreiten oder ob wir jetzt abreisen können. Nach einer kurzen
Wartezeit haben wir die verbindliche Antwort erhalten: ‚Wir sind bereit,
wir nehmen die Herausforderung an.«
Daraufhin wurde ein Entwicklungsvertrag abgeschlossen, der im Prinzip
eine erneuerte und konkretisierte Absichtserklärung darstellte. Das war
der Beginn einer langen und partnerschaftlichen Zusammenarbeit. Ab diesem
Zeitpunkt wurde ein Projektteam aus zirka 20 Mitarbeitern aufgestellt, das
etwa je zur Hälfte von Audi- und Alcoa-Mitarbeitern besetzt war. Neben
dem Kernteam wurden bei Bedarf Fachabteilungen bei Audi und Alcoa zur
Lösung spezieller Fragestellungen hinzugezogen. Aber erst sieben Jahre
später - Anfang 1989 - sollte die Entscheidung fallen, die neue
Spaceframe-Technologie in einem Fahrzeug der Audi-Oberklasse, dem neuen
Audi A8, in Serie zu bringen.
Zielsetzungen
und Potenziale des Leichtbaus mit Aluminium
Ende der 70er Jahre zeichnete sich ab, was treffend unter dem
Schlagwort »Gewichtsspirale« zusammengefasst werden kann. Damit gemeint
war die scheinbar unausweichliche Gewichtszunahme bei Fahrzeugen über
sämtliche Pkw-Klassen hinweg. Diese Gewichtszunahme wurde durch erhöhte
Anforderungen an Sicherheit, Komfort, Fahrleistungen und Universalität
des Fahrzeuges angetrieben, die eine Anpassung der Motorisierung, des
Fahrwerks, der Fahrzeuggröße, des Tankvolumens und der
Karosseriesteifigkeit erforderlich machten [9]. Neben den steigenden
Ansprüchen an Sicherheit und Komfort trug auch maßgeblich eine
verbesserte Korrosionsschutzvorsorge dazu bei, dass jede neue
Modellgeneration schwerer wurde.
Das zunehmende Fahrzeuggewicht wurde von einem steigenden Energieverbrauch
begleitet, der im Widerspruch zu verschärften Verbrauchszielen und
Abgasvorschriften stand. Der Energieverbrauch eines Fahrzeugs resultiert
aus einer Kombination von Wirkungsgrad und Fahrwiderstand über die
Fahrstrecke hinweg. Auf den Fahrwiderstand wirkt zu 70 bis 80 Prozent die
Masse eines Fahrzeuges ein [9]. Die Fahrzeugmasse war deshalb der
maßgebliche Ansatzpunkt, um eine nachhaltige Verbrauchsreduzierung
erzielen zu können. Eine Verringerung der Fahrzeugmasse war aber nicht
nur für die Reduktion des Kraftstoffverbrauchs von zentraler Bedeutung,
sondern ebenfalls für die Reduzierung von Emissionen sowie des
Energieverbrauchs bei der Herstellung des eingesetzten Materials.
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Gewichtsspirale
bei Pkw
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Als der Audi 80 im
Herbst 1972 auf den Markt kam, hatte er ein Leergewicht von rund 850
kg. Die Audi-Rohkarosse wog 235 kg. Zehn Jahre später erhöhte sich
das Gewicht des etwas größer gewordenen Nachfolgers um rund 50 kg,
und nochmals deutlich schwerer wurde der 1986 in Serie gegangene Audi
80 der dritten Generation. Das vollgetankte Basismodell wog nunmehr
1068 kg. Das zusätzliche Gewicht kam unter anderem durch eine
großzügigere Verglasung (plus 12 kg), eine Akustik-Kapsel um den
Motor (3,7 kg), verbesserte Sitze (plus 5,8 kg), größer
dimensionierte Räder und Bremsen (plus 14 kg), das Rückhaltesystem
Proconten von Audi (8 kg), verbesserten Korrosionsschutz (plus 30 kg),
ein Antiblockiersystem (10 kg), elektrische Fensterheber (4 kg), eine
Klimaanlage (35 kg), eine elektrische Sitzverstellung (10 kg), eine
Scheinwerferreinigungsanlage (10 kg), elektrische Außenspiegel (2,4
kg), eine Zentralverriegelung (3 kg), eine Niveauregulierung (13 kg),
eine Differenzialsperre (5 kg) und eine Anhängerkupplung (26 kg)
zustande [7].
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Das größte Potenzial, die Masse nachhaltig zu reduzieren, lag in der
Karosserie, die bis zu einem Drittel des Fahrzeuggewichtes ausmachte. Dies
war nicht nur wegen der Primärgewichtseinsparung der Fall, die durch den
Einsatz von Leichtbaumaterialien bei der Karosserie erreichbar war,
sondern lag auch an den Sekundärgewichtseinsparungen, die dabei
realisiert werden konnten. Unter Sekundärgewichtseinsparungen ist das
Potenzial zur Realisierung von Gewichtseinsparungen bei anderen
Fahrzeugkomponenten - wie zum Beispiel Motor und Getriebe, Fahrwerk,
Räder und Bereifung, Tankvolumen und Fahrzeuggröße - zu verstehen. Eine
signifikant leichtere Karosserie erlaubt es beispielsweise, die
Motorisierung unter Beibehaltung der gleichen Leistung zu reduzieren. Die
geringere Motorleistung kann dann auch mit einem kleineren und leichteren
Motor erzielt werden. Alles in allem waren bei angepasster Motor- und
Getriebeauslegung bei 10 Prozent Gewichtsdifferenz zirka 7 Prozent
Verbrauchsdifferenz erreichbar [9].
Der wichtigste Baustein zur Gewichtsreduzierung von Fahrzeugkomponenten
war der Einsatz des Leichtbauwerkstoffs Aluminium, mit dessen Verwendung
der bisherige Werkstoff Stahl ersetzt wurde. (Stahl und Aluminium gehören
zu den wichtigsten Metallen im Fahrzeugbau. Metalle spielen in der
industriellen Anwendung aus mehreren Gründen eine herausragende Rolle.
Neben etablierten Fertigungs- und Verarbeitungs- sowie Reparaturverfahren
und einer hohen Rezyklierbarkeit, besitzen sie eine sehr gute Formbarkeit,
Leitfähigkeit und die Eignung zur gezielten Einstellung von
Eigenschaftskombinationen durch Legierung [5].) Die Eigenschaften des
Werkstoffs Aluminium boten die Chance, den Zielkonflikt zwischen hohen
Komfort-, Steifigkeits- und Sicherheitsanforderungen und gleichzeitig
beachtlicher Gewichtsreduzierung zu erfüllen. Aluminium ist ein Metall,
das lediglich ein Drittel der Dichte von Stahl aufweist. Aluminium wird
aus Bauxit synthetisiert, dessen Quellen seit langem gesichert sind. Das
Metall zeichnet sich vor allem durch günstige mechanische Eigenschaften,
sehr gute chemische Beständigkeit, gute Leitfähigkeit für Wärme und
elektrischen Strom sowie hervorragende Verformung aus [5].
Mitte der 90er Jahre wurden etwa 355.000 Tonnen Aluminium pro Jahr in Pkws
verarbeitet. Der bei weitem wichtigste Werkstoff war nach wie vor Stahl:
im Durchschnitt bestanden lediglich 5 Prozent eines Automobils aus
Aluminium (siehe Abbildung 1) [1]. Die Ursache dafür, dass
durchschnittlich auch nur 9 kg des Werkstoffs auf die Karosserie
entfielen, lag darin begründet, dass eine umfangreichere Substitution von
Stahl durch Aluminium erhebliche Investitionen in die Metallurgie und
Herstellungsverfahren erforderten. Ein Automobilhersteller, der die
Potenziale des Leichtbaus mit dem Werkstoff Aluminium ausschöpfen wollte,
musste also vorher erhebliche Investitionen in den Aufbau von
metallurgischem und konstruktivem Wissen tätigen, um einen umfangreichen
Aluminiumeinsatz in der Karosserie realisieren zu können.
Der
Einsatz von Aluminium in der Fahrzeugkarosserie
Fahrzeugkarosserien sind raumumschließende Tragstrukturen, die
vielfältigen technischen Anforderungen zu genügen haben [4].
Grundanforderungen an jede Karosserie sind, die Betriebslasten aufzunehmen
und dabei die zulässigen Spannungen und elastischen Verformungen nicht zu
überschreiten. Darüber hinaus hat eine Fahrzeugkarosserie weitere
Anforderungen zu erfüllen, die zum Teil auch durch den Gesetzgeber
vorgegeben sind. Der Schutz der Insassen verlangt beispielsweise eine
stabil gestaltete Fahrgastzelle, die bei einem Unfall den Überlebensraum
sichert. Eine stabile Fahrgastzelle wird hauptsächlich durch einen beul-
und bruchresistenten Aufbau der Seitenwände erreicht, weil es in diesem
Bereich kein vorgelagertes Strukturvolumen gibt, das bei einer
Überlastung zuerst zusammenbricht und dadurch einen großen Teil der
Stoßenergie vernichtet. Eine weitere Anforderung ist die ausreichende
statische Torsionssteifigkeit. Die statische Torsionssteifigkeit ist ein
Maß für Fahrkomfort und Geradeauslauf. Eine bessere Torsionssteifigkeit
geht zum Beispiel mit einem besseren Ansprechen des Fahrzeugs und einer
höheren Kursstabilität bei Lenk- und Ausweichmanövern einher. Damit
wird nicht nur der Fahrkomfort erhöht, sondern vor allem auch die
Fahrsicherheit in Grenzsituationen. (Weitere Anforderungen sind zum
Beispiel die Minimierung von kleineren Unfallschäden, um die
Reparaturkosten einzugrenzen. Außerdem benötigt eine Karosserie als
Ganzes genügend hohe Eigenfrequenzen. Dies ist erforderlich, um einen
ausreichenden Abstand zu den in der Höhe nicht beeinflussbaren
Anregungsfrequenzen der Komponenten - wie zum Beispiel des Motors oder des
Antriebsstrangs - zu halten. Hohe Eigenfrequenzen sind eine Voraussetzung
für einen niedrigen Innengeräuschpegel beziehungsweise für ein Minimum
an zusätzlichen Schalldämmmaßnahmen. Eine Karosseriestruktur muss
darüber hinaus auch eine hohe Korrosionsbeständigkeit haben. Weiterhin
ist eine Karosserie die stabile Grundlage für alle anderen
Fahrzeugkomponenten. Schließlich sind Anforderungen hinsichtlich Design,
Geräumigkeit, Reparierbarkeit und auch Rezyklierbarkeit zu erfüllen
[4].)

Abb. 1: Durchschnittlicher Werkstoffeinsatz und
durchschnittliche Verwendung von 65 kg Aluminium in Fahrzeugen im Jahre
1995
Obwohl der Werkstoff Aluminium dem Anforderungsbündel bei
Fahrzeugkarosserien sehr entgegen kam, beschränkte sich seine Verwendung
vorwiegend auf sogenannte »Hang on«-Teile, wie Motorhaube,
Kofferraumdeckel, Kotflügel und Türen [11]. Während mit »Hang
on«-Teilen keine Sekundärgewichtspotenziale erzielt werden konnten,
ließ sich dagegen durch einen werkstoffgerechten Einsatz von Aluminium in
einer Karosserie eine umfangreiche (Primär- und Sekundär-)
Gewichtsreduzierung mit gleichzeitig hohen Steifigkeits-, Komfort- und
Sicherheitsanforderungen realisieren.
Die prozentuale Gewichtseinsparung an einer Aluminiumkarosserie ist von
den Merkmalen des Werkstoffs und den Konstruktionsmerkmalen der
Aluminiumkarosserie abhängig. Bei der Aluminiumkarosserie des A8 kamen
neben den Aluminiumblechen vor allem auch Strangpressprofile und
Gussknoten als Aluminiumkomponenten zum Einsatz. Die Festigkeit von
warmausgehärteten Aluminiumblechen und Strangpressprofilen liegt mit den
Festigkeitswerten von Stahl-Tiefziehblechen in vergleichbarer Höhe.
Allerdings ist der Elastizitätsmodul von Aluminium, der die Steigung der
Geraden im Kraft-Dehnungs-Diagramm angibt, um etwa zwei Drittel niedriger
als der Elastizitätsmodul von Stahl. (Der niedrigere E-Modul im
elastischen Bereich - nicht im plastischen Bereich - besagt, dass
Aluminium im Vergleich zu Stahl elastischer und dadurch die Steifigkeit
tendenziell geringer ist.) Zur Erzielung der gleichen Beulsteifigkeit bei
steifigkeitsrelevanten Aluminiumbauteilen musste deshalb bei der
A8-Karosserie der geringere Elastiziätsmodul durch eine günstigere
Geometriegestaltung und eine um den Faktor 1,44 höhere Wandstärke
kompensiert werden. Eine vergleichbare Streckgrenze wie bei
Stahl-Tiefziehblechen und die größeren Wandstärken verliehen der
Aluminiumkarosserie insgesamt eine höhere Strukturfestigkeit [6].
Die variablen Komponenten der A8-Karosserie ermöglichten eine werkstoff-
und beanspruchungsgerechte Materialnutzung. Aluminium ist durch
Umformtechniken - wie Walzen, Schmieden, Gießen, Kalt- und Warmpressen -
vergleichsweise leicht formbar. Ein effizienter Materialeinsatz in der
A8-Karosserie wurde dabei auch durch variable Wandstärkenverteilungen
erreicht. Bei den Gussteilen und Strangpressprofilen wurde eine hohe
geometrische und funktionale Integration erzielt. Die Gestaltungsfreiheit
von Gussteilen gestattete zudem auch die Optimierung der Steifigkeit in
den Karosserieknoten. Die Torsionssteifigkeit der Karosserie konnte um bis
zu 20 Prozent erhöht werden [9].

Abb. 2: Vergleich der Steifigkeit und des Gewichts beim
Einsatz von Stahl und Aluminium in der Fahrzeugkarosserie [11]
Abbildung 2 vergleicht die Werkstoffe Stahl und Aluminium hinsichtlich
der Steifigkeit und des Gewichts bei ihrer Verwendung in der
Fahrzeugkarosserie. Entsprechend des Dichtigkeitsverhältnisses von Stahl
und Aluminium ergibt eine reine Substitution von Stahl durch Aluminium
eine maximale Gewichtseinsparung von 67 Prozent. Die Versuche von Audi und
Alcoa legten offen, dass diese Substitution allerdings nicht zu einer
funktionstüchtigen Karosserie führte, weil gleichzeitig auch die
Steifigkeit um mehr als 50 Prozent abnahm. Mit einer Gewichtseinsparung
von maximal 40 Prozent konnte aber bei der Spaceframe-Karosserie durch
eine konsequente, werkstoffgerechte Konstruktion das Steifigkeitsniveau
von modernen, selbsttragenden Stahlblechkarosserien überboten werden [6;
9; 11].
Abbildung 3 verdeutlicht in alternativer Darstellung den Vergleich von
Stahl und Aluminium als Werkstoff im Karosseriebau. Die Kurve zeigt das
Gewicht von modernen Stahlkarosserie-Rohbauten in Abhängigkeit von der
Fahrzeuglänge. Die Karosserielänge des Spaceframe-Rohbaus beim A8 betrug
5,03 Meter und ist durch den Punkt in der Abbildung markiert. Dieses
Gewicht liegt zirka 40 Prozent unter dem darüber befindlichen
Stahlrohbau. Aus dem Kurvenverlauf wird ersichtlich, dass erst
Stahlkarosserie-Rohbauten von Kompaktfahrzeugen mit einer Gesamtlänge um
und unter 4 Meter, wie zum Beispiel der VW Golf oder die A-Klasse von
Mercedes-Benz mit der Spaceframe-Karosserie des A8 gewichtsgleich waren
[6].
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