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- Leseprobe -
Die Kooperation von Zulieferern und Endherstellern
in der automobilen Produktentwicklung: das smart-Projekt (Leseprobe)
von Eric Pfaffmann
Der vorliegende Beitrag beschreibt das smart-Projekt, das sich in
Bezug auf die Entwicklung und Vermarktung eines neuen Kleinwagens wie auch
in der Einbindung von Zulieferunternehmen in den
Produktentwicklungsprozess als ein außerordentlich ambitioniertes Projekt
herausstellt. Was die Baustruktur des Kleinwagens angeht, aber auch in der
Gestaltung der zwischenbetrieblichen Organisation der Projektdurchführung
und in dem Ausmaß, in dem Zulieferunternehmen in die Entwicklung und
Herstellung eingebunden wurden, sind neue, innovative Wege beschritten
worden. Das Projekt hat in mehrfacher Hinsicht eine Vorreiterfunktion in
der Automobilindustrie, und man darf gespannt sein, welche Konsequenzen
sich aus den gemachten Erfahrungen für MCC sowie für andere
Automobilhersteller ergeben werden.
Stichworte:
Hintergrund des smart-Projektes, Gestaltung der vertraglichen Vereinbarungen, der technischen Baustruktur und
der zwischenbetrieblichen Organisation, Die Integration der Systempartner, Fazit:
Bedeutung und Problemfelder des Projektes, Benchmarking.
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In diesem Beitrag
erfahren Sie:
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welche Kriterien bei der Auswahl der
»richtigen« Systempartner eine Rolle spielen,
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wie man zwischenbetriebliche
Organisationen gestaltet, damit Systempartner erfolgreich in
Produktentwicklungsprozesse eingebunden werden können und
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wie Gefahren, die sich bei
Kooperationen auch ergeben, vermieden werden können.
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Hintergrund des
smart-Projektes
Im April 1994 vereinbarten Helmut Werner, damals Vorstandsvorsitzender
der Mercedes-Benz AG, und Nicolas G. Hayek, Vorstandsvorsitzender der
Société Suisse de Microéléctronique et d’Horlogère SA (SMH), ein
Joint-venture zwischen beiden Unternehmen einzugehen. Das für die
Automobilindustrie ungewöhnliche Joint-venture zwischen einem Hersteller
von vorwiegend luxuriösen Fahrzeugen und dem Hersteller der berühmten »Swatch«-Produktlinie
sollte mit dem »smart« ein revolutionäres Konzept eines neuen
Kleinwagens für urbane Räume aus der Taufe heben. »smart« ist ein
Akronym, das sich aus swatch, mercedes und art zusammensetzt. Die
Institutionalisierung des Joint-ventures erfolgte durch die Gründung der
Micro Compact Car AG, die eigenverantwortlich das Konzept realisierte und
vermarktete.
Hintergrund der Entstehung des
smart-Konzeptes
Zwei Entwicklungen im Bereich der individuellen Mobilität lösten die
Suche nach einem neuen Fahrzeugkonzept aus. Zum einen sind in Deutschland
die Konsumenten seit den frühen 80er Jahren gegenüber den sozialen
(Folge-) Kosten des Individualverkehrs, wie zum Beispiel der
Luftverschmutzung und dem Energie- und Rohstoffverbrauch, zunehmend
sensibler geworden. Gleichzeitig war aber der Individualverkehr
unaufhaltsam auf dem Vormarsch. Die Gesamtzahl der registrierten Fahrzeuge
wie auch die durchschnittlich mit dem Pkw zurückgelegten Kilometer pro
Kopf nahmen stetig zu. Durch diese Entwicklung sind insbesondere in
urbanen Gebieten die bekannten negativen externen Effekte auf die
Lebensqualität aufgetreten, die sich in täglichen Verkehrsstaus,
Luftverschmutzung, Landschaftsverbrauch durch den Bau neuer Straßen,
Lärm oder Mangel an Parkplätzen manifestieren. Unter dem Druck von
Konsumenten- und Umweltschutzvereinigungen wurde von Seiten einiger
nationaler Regierungen erwogen, die zulässige Umweltverschmutzung pro
Fahrzeug zu begrenzen und die Mineralölsteuer zu erhöhen [11,12]. Vor
diesem Hintergrund begann die damalige Mercedes-Benz AG in der Abteilung
»Strategisches Design und Fahrzeugkonzeption« unter der Leitung von
Johann Tomforde mit der Entwicklung eines Stadtfahrzeugkonzeptes, das
beiden Trends Rechnung tragen sollte. Ziel war es, ein kleines Fahrzeug zu
entwickeln, das aber dennoch ein hohes Maß an Komfort und Sicherheit bot,
einen geringen Energieverbrauch aufwies, aus nicht-toxischen und einfach
zu rezyklierenden Materialien bestand und im Rahmen eines
umweltfreundlichen Produktionsprozesses hergestellt werden konnte.
Gleichzeitig indizierten Marktforschungsergebnisse, dass neue
Mobilitätskonzepte nur dann von potenziellen Käufern akzeptiert werden,
wenn sie einen gesteigerten Nutzen lieferten.
Der Zusatznutzen hatte dabei eine rationale und eine emotionale
Komponente. Die rationale Seite umfasste die funktionalen und technischen
Innovationen, die dem Käufer durch die Fahrzeugnutzung zugänglich
wurden. Die emotionale Seite bezog sich auf die gesteigerte Freude am
Fahren, einem neuartigen Mobilitätskonzept und einem vom Käufer
beeinflussbaren Fahrzeugdesign. Unabhängig von dem Fahrzeugkonzept, das
bei Mercedes-Benz ausgearbeitet wurde, suchte Nicolas Hayek neue Wege, den
Erfolg der Swatch-Produktlinie sowie die Stärken von SMH im Bereich
Marketing und Mikroelektronik in neue Anwendungsfelder zu diversifizieren.
Ein Ergebnis dieser Bemühungen war die Gründung einer eigenen
Automobilsparte innerhalb von SMH, die die mikroelektronischen
Antriebssysteme von SMH für den Einsatz in einem eigenen »Swatchmobil«
weiterentwickeln sollten. Das Fahrzeug, das Hayek vorschwebte, sollte
zudem auf den Erfolgsfaktoren der Swatch-Uhr aufbauen und ein
ansprechendes Design, eine einfache Struktur sowie einen vergleichsweise
niedrigen Preis aufweisen. Hayek erkannte jedoch, dass SMH nicht in der
Lage war, mehr als eine »Seifenkiste« herzustellen und im Alleingang in
der Automobilbranche Fuß zu fassen. Zunächst versuchte Hayek, die
Automobilhersteller VW und Renault für seine Produktidee zu gewinnen, bis
er schließlich Helmut Werner und Johann Tomforde bei Mercedes-Benz von
seinen Design- und Marketingvorstellungen überzeugen konnte. Sowohl
Werner als auch Tomforde versprachen sich von der Einbeziehung Hayek’s
für das Kleinwagenprojekt eine größere Ideenbündelung und
Durchschlagskraft bei der Konzeption und Realisierung des Projektes.
Das Unternehmen Micro Compact Car
Der Name »Micro Compact Car« (MCC) wurde ausgewählt, um die Absicht
zu unterstreichen, einen revolutionären Kleinwagen auf die Straße zu
bringen. Nach 1994, dem Start des Joint-ventures »Micro Compact Car AG«,
hatte sich allerdings bei dem Unternehmen Daimler-Benz ein grundlegender
struktureller und strategischer Veränderungsprozess vollzogen, von dem
auch das zwischen Mercedes-Benz und SMH vereinbarte Joint-venture nicht
unbeeinflusst geblieben war. Ursprünglich hielten Mercedes-Benz
51 Prozent des Eigenkapitals und SMH 49 Prozent. Durch die
Verschiebung des geplanten Produktionsstarts des smart im Sommer 1998
mussten zirka DM 500 Mio. an Finanzmitteln nachgeschossen
werden. Im Zuge dessen erhöhte Mercedes-Benz, die nunmehr im
Mutterkonzern Daimler-Benz aufgegangen war, seinen Anteil um
SFr 75 Mio. und hielt nun 81 Prozent des Eigenkapitals an
MCC. Im Oktober 1998 hatte Daimler-Benz, mittlerweile mit dem
US-amerikanischen Automobilhersteller Chrysler zu DaimlerChrysler
verschmolzen, als Konsequenz einer neuen Markenstrategie die restlichen
19 Prozent der Kapitalanteile an MCC übernommen und war von nun an
alleiniger Eigentümer von MCC.
Mit der Fusion der beiden Unternehmen Daimler-Benz und Chrysler war Ende
1998 ein deutsch-amerikanischer Konzern entstanden. Die Geschäftsbereiche
des neuen Unternehmens blieben zwar weitgehend unverändert, allerdings
erhielt die Markenpolitik innerhalb des Konzerns eine neue, ungleich
größere Bedeutung. Während das bisherige Unternehmen Daimler-Benz
lediglich über eine Pkw-Marke, nämlich Mercedes-Benz, verfügte, besaß
das Unternehmen Chrysler vier auf dem amerikanischen Markt seit langem
etablierte Marken (Chrysler, Dodge, Plymouth und Jeep). Mit der
Markteinführung des smart definierte MCC ein völlig neues Marktsegment.
Im Rahmen von DaimlerChrysler kam der Marke »smart« eine weitreichende
strategische Dimension zu. Nicht nur ein einziges Fahrzeug sollte in
Zukunft den Namen smart tragen. Statt dessen sollte mittelfristig eine
völlig neue Produktlinie entwickelt und auf verschiedenen regionalen
Märkten platziert werden. Die hierfür erforderlichen
Kapitalinvestitionen sowie die Entscheidung, das ursprünglich mit SMH
vereinbarte »Swatchmobil-smart« nicht zu realisieren, hatten Nicolas
Hayek dazu bewogen, die noch von SMH gehaltenen Eigenkapitalanteile an
DaimlerChrysler zu verkaufen.
Der Sitz des Unternehmens MCC war Biel in der Schweiz. In Renningen,
Deutschland, war der zentrale Entwicklungspark von MCC angesiedelt. In
Hambach, Frankreich, befand sich das Werk für die Herstellung des smart
(siehe dazu auch Kap. 15.04). Die Funktionsbereiche Marketing, Verkauf,
Finanzen und Controlling waren in Biel zusammengefasst. MCC Renningen
begann im März 1994 mit der Entwicklung des smart, der
Produktionsstandort wurde zu Beginn 1995 ausgewählt und im Oktober 1997
offiziell eingeweiht. Der Produktionsstart des smart wurde auf Juli 1998
festgelegt.
Bis zur vollständigen Übernahme der MCC AG durch DaimlerChrysler
gehörten Daimler-Benz 38,5 Prozent und SMH 36,5 Prozent der
Anteile an MCC Frankreich. 25 Prozent der Anteile wurden von der
französischen Wirtschaftförderungsgesellschaft SOFIREM (Société
Financière pour Favoriser l’Industrialisation des Régions Minières)
gehalten. MCC Frankreich investierte zirka FF 1,5 Mrd. für die
Gebäude und Fabrikinfrastruktur. Darüber hinaus investierten die
beteiligten Zulieferunternehmen zirka FF 1,3 Mrd. in Maschinen
und Werkzeuge. Außerdem erhielt das Produktionswerk Subventionen in Höhe
von FF 450 Mio. von der Europäischen Union als Anerkennung für
das umweltfreundliche Produktionssystem, die Schaffung eines neuen
Marktsegmentes und die Innovativität des Gesamtkonzeptes.
Innovative Charakteristika des smart
Der Ausgangspunkt des Joint-ventures zwischen Mercedes-Benz und SMH war
die Übereinkunft, ihre Stadtwagenkonzepte zusammenzuführen und
konsequent die rationalen und emotionalen Elemente des wahrgenommenen
Kundennutzens in ein innovatives Stadtfahrzeug zu transformieren.
Rationale Kundenbedürfnisse bezogen sich dabei auf Elemente wie den
Preis, Service, die Wirtschaftlichkeit, Qualität oder Sicherheit,
während emotionale Kundenbedürfnisse auf Elemente wie Optik, Haptik,
Akustik, Komfort oder Innovationserlebnis rekurrierten. Aus der
Perspektive der traditionellen Produktlinien von Mercedes-Benz stellte der
daraus entstandene smart Neuland dar. Mit lediglich 2,50 Meter
Länge, 1,51 Meter Breite, aber 1,53 Meter Höhe wurde eine
völlig neue Fahrzeugform entwickelt. Der smart war als Zweisitzer
konzipiert. Potenzielle Käufer hatten die Auswahl zwischen zwei
Motorenvarianten (33 KW und 40 KW). Die Markteinführung fand im
Oktober 1998 statt. Der Preis für den Wagen lag je nach Ausstattung
zwischen DM 16.000,- und DM 20.000,-. Der Vertrieb des Wagens
begann zunächst in Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg,
den Niederlanden, Österreich, Spanien und der Schweiz. Die anvisierten
Absatzzahlen betrugen 130.000 Einheiten für das Jahr 1999 und annähernd
200.000 Einheiten ab dem Jahr 2000.
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Tabelle
1: Innovation des smart
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Innovationsbereiche
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Wesentliche
Umsetzung
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(1)
Krafstoffverbrauch
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Reduzierter
Kraftstoffverbrauch unter 5 Liter pro 100 km und reduziertes
Gewicht von 720 kg wird
erreicht durch
(1) Innovationen im Antriebsmodul;
(2) Verwendung von Leichtbaumaterialien;
(3) Integration von Funktionen innerhalb technischer Komponenten
(z. B. im Motor).
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(2)
Fahrgastsicherheit
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Der
Fahrgastsicherheit wird durch die Interaktion mehrerer Faktoren
begegnet:
(1) Tridion frame: Karosserie aus gehärtetem Stahl, um die herum das
Fahrzeug konstruiert ist;
(2) Power unit: Motor und Getriebe sind als integrierte Einheit
aufgebaut, die von der Fahrgastzelle
entkoppelt ist;
(3) Sandwich-Bauweise: Der Motor liegt im hinteren Fahrzeugbereich
unterhalb der Fahrgastzelle.
Bei einem Unfall absorbiert die Power unit die Rückschlagkräfte;
(4) Crash box: Sicherheitsboxen, die in der Lage sind,
Aufprallenergien bis zu einer Geschwindigkeit von 15 km/h
vollständig zu absorbieren;
(5) Traktion- und Stabilitätssystem (TRUST): Elektronisches
Antriebsmanagement, das die Motor- und Getriebekontrolleinheiten
beeinflusst und dadurch die Kraft überwacht, die auf die
angetriebenen Räder übertragen wird, und kritische Situationen
entschärft.
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(3)
Fahrgastkomfort
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(1) Der
Tridion frame und die Sandwich-Bauweise maximieren den verfügbaren
Fahrzeuginnenraum und die Sicht für zwei Insassen;
(2) Die Sitze und Kontrollanzeigen sind nach ergonomischen Prinzipien
gestaltet.
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(4)
Kundenvariable Bauweise
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Hohe
Teilevielfalt, die in Farbe und Material variieren. Einzelteile
können leicht ausgetauscht werden. Dies gilt insbesondere für
(1) die externe Fahrzeugbeplankung aus Kunststoff, dem sog. »Customized
Body Panel System« (CBS);
(2) die Elemente des smart-Interieurs, wie z. B. die
Fahrzeuginnenbeplankung, Innenausstattung,
Polsterteile einschließlich Sitzbezüge.
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(5)
Umweltverträglichkeit
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(1)
Niedrige Emissionen aufgrund geringeren Kraftstoffverbrauchs;
(2) Recyclingquote der Fahrzeugteile entspricht 95 %;
(3) Verwendung nicht-toxischer, nachwachsender Materialien;
(4) Anwendung umweltfreundlicher Produktionsverfahren, wie z. B.
die Pulverlackierung des Tridion frame.
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(6)
Mobilitätsbezogene
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Bereitstellung
individualisierter Mobilitätspakete, die Dienstleistungen über das
eigentliche Automobil hinausreichen. Wichtige Elemente sind die
(1) »Mobility Box« des smart, die Notfallfunktionen,
Verkehrsinformationen, Navigationshilfen oder ein Mobiltelefon
enthält;
(2) Entkopplung von Nutzung und Eigentum: Der smart ist als Stadtwagen
für kurze Distanzen gedacht. MCC plant deshalb, den smart an
Flughäfen und Bahnhöfen in europäischen Großstädten, sowie Wägen
der Marke Mercedes-Benz für Urlaubsreisen bereitzustellen.
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Die Umsetzung der gesteckten Zielsetzungen verlangte die Entwicklung
von Innovationen in nahezu allen Fahrzeugbereichen. Tabelle 1 gibt
einen Überblick über die Innovationsfelder und wichtige Umsetzungen im
Fahrzeug. Zur Reduzierung des Kraftstoffverbrauchs war die Verminderung
des Gewichts unerlässlich. Beispielsweise wurden Leichtbaumaterialien im
Motor und in der Fahrzeugbeplankung (den sogenannten »Body panels«)
eingesetzt. Außerdem wurde die Anzahl der Bauteile innerhalb des
Turboladers von sonst üblichen 18 auf 8 reduziert. Der Motor war mit
einem Gewicht von 59 kg zirka ein Drittel leichter als vergleichbare
Motoren seiner Größe. Der gesamte Wagen brachte ein Leergewicht von
720 kg auf die Straße. Im Vergleich dazu wog zum Beispiel der
Renault Twingo 815 kg.
Für Daimler-Benz war die Insassensicherheit gerade bei einem Kleinwagen
von großer Wichtigkeit. Ausdrückliches Ziel von MCC war es, den
Sicherheitsstandard des smart weit über den vergleichbaren
Branchendurchschnitt anderer Kleinwagen zu heben. Ein besonderes Problem
war hierbei nicht nur die sehr kleine Knautschzone, sondern vor allem auch
die gefürchtete (kinetische) Rückstoßenergie, die bei einem Aufprall
eintritt. Ein Kernstück der früheren Kleinwagenkonzepte bei
Mercedes-Benz war dabei die Entwicklung einer Sicherheitskarosserie, die
in die Patentierung des sogenannten »Tridion frame« mündete. Der
Tridion frame war eine Karosserie aus gehärtetem Stahl. Der smart wurde
um diese Sicherheitskarosserie herum konstruiert. Zudem wurde der smart in
der sogenannten »Sandwich-Bauweise« entworfen, bei der der Motor im
hinteren Fahrzeugbereich unterhalb der Fahrgastzelle montiert ist. Motor
und Getriebe waren innerhalb eines sogenannten »Power unit« integriert
und von der Fahrgastzelle entkoppelt. Bei einem Unfall absorbierte die
Einheit aus Motor und Getriebe einen Teil der kinetischen
Rückstoßenergie. Darüber hinaus war in der Fahrzeugfront und im
Fahrzeugheck jeweils eine »Crash box« installiert, die Aufprallenergien
bei Geschwindigkeiten bis zu 15 km/h vollständig absorbierten.
Zwei weitere Charakteristika des smart, die zu seinem Markterfolg
beitragen sollten, waren zum einen seine kundenvariable Bauweise und zum
anderen die sogenannte »Mobility box«. Die kundenvariable Bauweise, auch
»Customized design« genannt, erlaubte die kundenspezifische
Konfiguration von Bauteilen sowohl zum Kaufzeitpunkt des smart als auch
während der Fahrzeugnutzung. Hierdurch wurde dem Kunden die Möglichkeit
eröffnet, sich am Design »seines« Fahrzeuges zu beteiligen. Einzelne
Bauteile, wie zum Beispiel die Außenbeplankung aus Kunststoff (Body
panels), konnten kostengünstig innerhalb von zwei Stunden vollständig
ausgetauscht werden. Die »Mobility box« sollte darüber hinaus ein
kundenspezifisches »Mobilitätspaket« anbieten, das
Navigationsdienstleistungen wie zum Beispiel eine elektronische
Notfallfunktion, Verkehrsinformationen und ein Mobiltelefon enthielt.
Im Frühjahr 1999 zeichnete sich ab, dass der smart die anvisierten
Verkaufszahlen bei weitem nicht erreichen würde. Im Zuge dessen wurde
unter Führung von DaimlerChrysler und MCC das bisherige Marketingkonzept
verändert, das den smart vorwiegend als Lifestyle-Objekt anpries und das
abstrakte Mobilitätskonzept in den Mittelpunkt rückte. Nunmehr standen
das Fahrzeug und die fahrzeugbezogenen Innovationen des smart im
Mittelpunkt. Dabei wurde auf die Mobility box verzichtet, dafür aber die
Einführung des smart cdi vorangetrieben, der, von einem Dieselmotor
angetrieben, die versprochene 3-Liter-Variante darstellte.
Die Gestaltung der (außer-)vertraglichen
Vereinbarungen, der technischen Baustruktur und der zwischenbetrieblichen
Organisation im smart-Projekt
Der grundlegende Make-or-Buy-Ansatz von
MCC
Eine verlässliche Antizipation der Projektrisiken in Bezug auf die
Entwicklung, Herstellung und Vermarktung des smart war durch die
Neuartigkeit des smart-Konzeptes kaum möglich. 1994 war es zum Beispiel
völlig unklar, ob das anvisierte Absatzvolumen von 200.000 Einheiten per
annum ab dem Jahr 2000 jemals erreicht werden konnte. Darüber hinaus
besaßen weder Daimler-Benz noch SMH Erfahrungen in der Realisierung eines
kleinen Stadtfahrzeuges, die über grundsätzliche Designstudien
hinausgingen. Daimler-Benz beschloss deshalb, die Risiken des
experimentellen Projektes zu begrenzen und lediglich eine
Anfangsinvestition von DM 750 Mio. zu tätigen sowie nur 150-250
Mitarbeiter aus dem eigenen Hause für das Projekt abzustellen.
MCC startete im Frühjahr 1994 mit der Grundsatzentscheidung und dem
Auftrag der Muttergesellschaften, das smart-Projekt mit einem extrem
schlanken Ansatz zu realisieren. Innerhalb der kurzen Frist von knapp vier
Jahren galt es, ein neues Fahrzeug mit 100 Prozent Neuteilen zu
entwickeln, eine neue Fabrik zu planen und zu errichten, ein neues
Vertriebsnetz zu installieren sowie ein neues Unternehmen mit neuer
Organisation, zirka 1000 neuen Mitarbeitern und neuen Arbeitsabläufen
aufzubauen. Bei den beteiligten Gesellschaften SMH und Daimler-Benz
bestand von Anfang an eine Übereinkunft darüber, dass die
Implementierung des smart-Projektes durch eine Eingliederung in die
bestehende Organisation von Daimler-Benz unter Rückgriff auf die
etablierten Leistungsbeziehungen innerhalb von Daimler-Benz wie auch zu
den Zulieferunternehmen keine gangbare Option für MCC darstellte.
Mit der restriktiven Finanz- und Humankapitalausstattung wurde das Ziel
verfolgt, neue »minimalistische« Wege im Automobilbau einzuschlagen und
dabei das Aktivitätsspektrum von MCC auf die essenziellen Aufgaben in der
Entwicklung, Herstellung und Vermarktung des smart zu begrenzen. Dies
verlangte zunächst einen Konsens darüber, welche Aktivitäten dies sein
sollten. MCC ist das Problem mit der Leitlinie angegangen, nur solche
Aktivitäten unternehmensintern zu implementieren, die für die
langfristig erfolgreiche Entwicklung, Herstellung und Vermarktung des
smart unerlässlich waren. Dabei kamen als oberste Selektionskriterien die
Entstehung von künftigem Kundennutzen und die Sicherung von
Wettbewerbsvorteilen bei der Identifikation des Aktivitätsspektrums zum
Einsatz. Für diese Aktivitäten sicherte sich das Unternehmen die
hierfür benötigten Human- und Sachkapitalressourcen. »Reduce to the max«
war dabei der Anspruch, mit dem MCC sowohl sein minimalistisches
Selbstverständnis wie auch den smart der interessierten Öffentlichkeit
kommunizierte.
Der grundlegende Make-or-Buy-Ansatz von MCC basierte somit weniger auf
einem systematischen Make-or-Buy-Entscheidungsprozess, bei dem einzeln
über die unternehmensinterne oder -externe Erstellung von
Fahrzeugkomponenten entschieden wurde, als vielmehr auf einer
unternehmerischen Grundsatzentscheidung: Die Entwicklung und Herstellung
von möglichst allen Bauteilen des smart wie zum Beispiel Bremsen,
Frontmodul, Antrieb, Türen, Cockpit, Tridion frame et cetera sollten von
Zulieferunternehmen durchgeführt werden. Mehr noch: Auch unterstützende
betriebswirtschaftliche Funktionen wie die Logistik, die
Personalbeschaffung, das IT-Management und die
Geschäftsprozessoptimierung im Werk Hambach wurden Aufgaben für
unternehmensexterne Dienstleistungsunternehmen.
Die Realisierung dieses Ansatzes hatte unmittelbare Konsequenzen auf die
Organisation des smart-Projektes sowie auf die Produktstruktur des smart.
Eine Projektdurchführung, die zudem nur ein Zeitfenster von vier Jahren
bis zur Markteinführung des smart zur Verfügung hatte, war nur zu
verwirklichen, indem Zulieferunternehmen frühzeitig und intensiv an der
Entwicklung und Herstellung des smart beteiligt wurden. Mit der
Integration von Zulieferern in den Produktentwicklungsprozess des
Endherstellers lag MCC im generellen Trend der europäischen
Automobilhersteller, die zunehmend größere Wertschöpfungsumfänge an
Zulieferer auslagerten [9, 10, 13, 18]. Der minimalistische Ansatz von MCC
hatte zur Folge, nahezu alle Bauteile des smart von externen Zulieferern
erstellen zu lassen. Gleichzeitig konnte aber das Unternehmen aufgrund der
knappen Ressourcen nur mit wenigen Zulieferern in direktem Kontakt stehen.
Durch die konsequente Aufteilung des smart in »Module« und die
Integration von leistungsfähigen Zulieferunternehmen gelang es MCC
jedoch, die Anzahl der Direktlieferanten auf 40 zu begrenzen sowie die
Entwicklungstiefe bei etwa 20 Prozent zu halten und die
Eigenfertigungstiefe auf unter 10 Prozent zu drücken.
Die hohe unternehmensexterne Wertschöpfungsquote verlangte die Festlegung
und Einhaltung dreier grundlegender Regeln: Erstens waren
Projektorganisation und Geschäftsprozesse zu definieren, die die
Erfüllung der identifizierten Kundenanforderungen, die Auswahl der
vielversprechendsten Zulieferer sowie die kostenminimale Implementierung
des Projektes gewährleisteten. Zweitens waren die Entwicklungsumfänge
des smart so festzulegen, dass klar abgrenzbare Bauteile definiert wurden.
Diese Bauteile mussten die beiden Anforderungen erfüllen, dass sie
einerseits durch voneinander unabhängige Zulieferunternehmen entwickelt
werden konnten, andererseits aber die Anzahl der direkten Kontakte
zwischen MCC und Zulieferunternehmen minimierten. Drittens musste sich MCC
bei dieser zwischenbetrieblichen Arbeitsteilung auf die Integration der
Zulieferleistungen konzentrieren und die Gesamtfahrzeugabstimmung sowie
den Endmontageprozess gewährleisten.
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