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Technologischer Kompetenzaufbau durch Forschungskooperationen:
Orthobiologische Entwicklungsprojekte bei Johnson & Johnson

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- Leseprobe - 
  

Technologischer Kompetenzaufbau durch Forschungskooperationen:
Orthobiologische Entwicklungsprojekte bei Johnson & Johnson

von Michael Stephan

Das integrierte Gesundheitsunternehmen Johnson & Johnson hat auf eine neue technologische Herausforderung eine erfolgreiche Antwort gefunden: Technologiegewinnung und Kompetenzeinlagerung durch Kooperation. Auf Basis von Interviews und intensiven Recherchen zeichnet der Autor ein Porträt des Unternehmens, seines Technologieprofils und seiner Kooperationsaktivitäten. Das Fallbeispiel der J&J-Tochter DePuy schildert eine erfolgreiche Zusammenarbeit bei orthopädischen Implantaten und biotechnologischen Verfahren.
 

Stichworte: Kooperative Formen der Technologiegewinnung und Kompetenzeinlagerung; Orthobiologische Entwicklungen im Bereich Medizinprodukte; Porträt des Gesundheitskonzerns Johnson & Johnson; Forschungskooperation mit wissenschaftlichen Einrichtungen; Erfolgsfaktoren von Kooperationen

 

In diesem Beitrag erfahren Sie:

  • Wie technologische Kooperationen einen Zugang zu innovativen Technologien ermöglichen,

  • wie sich das Technologieprofil des Gesundheitsunternehmens Johnson & Johnson über einen Zeitraum von 15 Jahren entwickelt hat,

  • wie Johnson & Johnson seine Kompetenzbasis im Bereich der Biotechnologie durch Kooperationen kontinuierlich ausweitete,

  • welche Erfolgsfaktoren bei den kooperativen Strategien von Johnson & Johnson entscheidend waren.

 

Einleitung

Johnson & Johnson (J&J) ist ein in den USA angestammtes Unternehmen mit diversifizierten Aktivitäten im Gesundheitssektor. Neben pharmazeutischen Produkten bietet das Unternehmen ein breites Spektrum an Medizinprodukten und Gesundheitspflegeartikeln an. Johnson & Johnson versteht sich selbst als »integriertes Gesundheitsunternehmen.« Ein Schwerpunkt innerhalb des Geschäftsbereichs Medizinprodukte bilden orthopädische Implantate. In dieser Sparte stellt die J&J-Tochtergesellschaft DePuy unter anderem Hüft- und Kniegelenkprothesen her. Traditionell wurden künstliche Hüft- und Kniegelenke auf Basis klassischer Werkstoffe wie Metalle, Polymere oder Keramiken hergestellt. Die jüngsten Entwicklungen in der Biotechnologie eröffnen in der Sparte der orthopädischen Implantate neue, weitreichende Anwendungsmöglichkeiten. So kann der Einsatz von gezüchtetem menschlichen Gewebe die Leistungsfähigkeit der bislang eingesetzten, künstlichen Gelenke im menschlichen Körper deutlich steigern. Die Entwicklungen in der Biotechnologie haben das Zusammenwachsen von vormals unabhängigen Technologiebereichen bewirkt. Biotechnologien fließen in die Anwendungsbereiche klassischer Werkstofftechnologien ein und führen zur Herausbildung einer gänzlich neuen Fachdisziplin – der Orthobiologie. Als Hersteller von orthopädischen Implantaten hat J&J rechtzeitig auf diese Veränderung der technologischen Basis der Produkte reagiert und technologische Aktivitäten in der Biotechnologie aufgebaut. Der Aufbau technologischer Kompetenzen und Ressourcen erfolgte dabei in der frühen Phase über Forschungskooperationen mit externen wissenschaftlichen Institutionen. Diese frühe Phase war gekennzeichnet durch ein hohes Maß an Unsicherheit, sowohl mit Blick auf die technologische Entwicklungsrichtung als auch auf die späteren Anwendungsmöglichkeiten biotechnologischer Lösungen in orthopädischen Implantaten.

Der vorliegende Beitrag geht zunächst aus einer allgemeinen Perspektive der Frage nach, unter welchen Bedingungen und in welchen Ausgestaltungsformen technologische Kooperationen für Unternehmen einen geeigneten Zugang zu Technologien darstellen. Anschließend wird diese Strategie für den konkreten Fall J&J am Beispiel biotechnologischer Entwicklungen bei orthopädischen Implantaten näher beleuchtet. Zu diesem Zweck wird J&J zunächst als integriertes Gesundheitsunternehmen porträtiert und die Entwicklung der technologischen Ressourcen- und der Kompetenzbasis über die letzten 15 Jahre dokumentiert. Als Indikator für die technologische Basis dienen die Patentanmeldungen des Unternehmens am Europäischen Patentamt. Die Patentanmeldungen wurden zu diesem Zweck dreißig verschiedenen Technologiebereichen zugeordnet. Auf dieser Basis konnte für J&J ein individuelles Technologieprofil erstellt werden. Das Technologieprofil des Unternehmens ist differenziert nach den drei Untersuchungsintervallen 1983 bis 1987, 1988 bis 1992 und 1993 bis 1997 dargestellt. Die Darstellung des Technologieprofils zeigt auf, wie die Biotechnologie, angesichts der Zunahme der Patentanmeldungen in diesem Zeitraum, für J&J kontinuierlich an Bedeutung gewonnen hat. Dieser Bedeutungszuwachs wird am Beispiel der Sparte der orthopädischen Implantate näher beleuchtet. Nach einer allgemeinen Einführung in die Charakteristika von orthopädischen Implantaten werden die orthobiologischen Entwicklungen näher skizziert und schließlich die Strategien von J&J zum Aufbau entsprechender technologischer Kompetenzen dargestellt. Besonderes Augenmerk wird hierbei auf kooperative Formen des Technologiezugangs gelegt. Für den dargestellten Fall wurden verschiedene Datenquellen herangezogen und ausgewertet. Als wichtigste Datenquelle dienten semistrukturierte, persönliche Interviews mit Mitarbeitern des Unternehmens. In dem Unternehmen fanden Gespräche mit dem Chief Technology Officer (CTO) und Mitarbeitern des untersuchten Geschäftsbereichs statt. Ergänzend zu den Interviews mit Mitarbeitern im Unternehmen wurden externe Experten bei Branchenverbänden und Konkurrenzunternehmen, unter anderem bei den Implantatherstellern Biomet, Howmedica und Aesculap, befragt. Die Interviews wurden durch Unternehmensdokumente, wie Geschäfts-, Technologie- und Forschungsberichte, sowie durch zahlreiche im Text zitierte Fachliteraturstellen ergänzt. Der vorliegende Beitrag schließt mit einer Zusammenfassung der Erfolgsfaktoren für diese kooperative Strategie der technologischen Kompetenzeinlagerung.

 
Kooperationsformen als Strategien der Technologiegewinnung

Für den Zugang zu Technologien und die Durchsetzung von Technologiestrategien können Unternehmen grundsätzlich zwischen drei Grundtypen von Koordinationsmechanismen wählen [7]. Sie können sich erstens entscheiden, das Spektrum der erforderlichen Technologien von externen Akteuren am Markt zuzukaufen. Sie können alternativ dazu die erforderlichen technologischen Ressourcen und Kompetenzen firmenintern aufbauen [7]. Als dritte Variante bietet sich schließlich die Kooperationslösung an [2]. Kooperative Formen des Aufbaus technologischer Kompetenzen und Ressourcen sind gerade bei explorativen Projekten in frühen Phasen des Technologielebenszyklus angemessen, weil externe Märkte für den Technologieerwerb in diesen frühen Phasen noch nicht hinreichend entwickelt sind und Verträge für den Austausch hochspezifischer Ressourcen nicht beziehungsweise noch nicht greifen. Während Marktlösungen also in frühen Phasen nicht oder zumindest nicht erfolgversprechend durchsetzbar sind, erweisen sich unternehmensinterne Lösungen als zu starr und zeitaufwändig [2]. Gerade in den frühen Phasen des Technologielebenszyklus, wenn sowohl die technologische Entwicklungsrichtung als auch konkrete Anwendungspotenziale noch recht vage sind, bergen unternehmensinterne Investitionen in den Aufbau spezifischer technologischer Ressourcen ein hohes Risiko. In solchen Fällen werden die Akteure bevorzugt Organisationsformen zwischen Markt und Integration wählen. Sie bilden kooperative Projektgemeinschaften, um technologische Leistungen und spezifische Ressourcen, die über mehrere Akteure verteilt sind, schnell und flexibel zu mobilisieren [2].

Kooperationen bei der Technologiegewinnung können grundsätzlich auf horizontaler Ebene, also mit Wettbewerbern derselben Branche, oder auf vertikaler Ebene, das heißt mit Partnern aus unterschiedlichen Stufen der Wertschöpfungskette eingegangen werden. Weitere potenzielle Kooperationspartner außerhalb der unmittelbaren ökonomischen Wertschöpfungskette finden sich auch auf der Seite von wissenschaftlichen Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Während die (rechtliche) Ausgestaltungsform bei vertikalen und horizontalen Kooperationen entweder als temporäres Projekt, Non-equity-Joint-venture oder als Equity-Joint-venture angelegt sein kann, werden Kooperationen mit wissenschaftlichen Institutionen meist in Form der temporären Projektzusammenarbeit angelegt. Tendenziell sind vertikale Kooperationen entlang der Wertschöpfungskette und Kooperationen mit wissenschaftlichen Einrichtungen weniger konfliktträchtig, da die beteiligten Partner meist nicht-konfliktäre Zielsetzungen verfolgen und komplementäre Arbeitsgebiete aufweisen [2].

 
Porträt des integrierten Gesundheitsunternehmens Johnson & Johnson

Johnson & Johnson ist ein in den USA beheimatetes Unternehmen mit diversifizierten Aktivitäten im Gesundheitssektor. Im Jahre 2000 erzielte das Unternehmen einen Umsatz von 30.946 Mio. Euro. Das Produktportfolio des Unternehmens deckt beinahe alle Bereiche des Gesundheitssektors ab. Neben klassischen Pharmaprodukten stellt J&J medizinische Geräte, diagnostische Instrumente, Präparate zur Selbstmedikation, Nahrungsergänzungsmittel, Körperpflegemittel und zahlreiche andere Drogerieprodukte her. Die Organisationsstruktur ist dezentral angelegt. Jede Produktlinie beziehungsweise Marke des Unternehmens ist eigenständig und als Profit-Center angelegt. Das Geschäft von J&J lässt sich in die drei Bereiche »Professional«, »Pharmaceutical« und »Consumer« untergliedern (vgl. Abbildung 1).

Abb. 1: Geschäftsbereiche und Produktlinien von Johnson & Johnson
 

Auf den umsatzstärksten Geschäftsbereich Pharma (»Pharmaceuticals«) entfallen mit 12.695 Mio. Euro 41 Prozent des Umsatzes. Der Umsatz in diesem Geschäftsbereich wird getragen von zahlreichen Tochtergesellschaften, wie Janssen Pharmaceutica, Janssen-Cilag, Normaco oder Ortho-McNeil Pharmaceutical, die sich auf verschiedene Anwendungsbereiche spezialisiert haben und zusammen ein breites Spektrum an Pharmaprodukten abdecken. Schwerpunkte der Aktivitäten bilden unter anderem Mittel gegen Herzerkrankungen, Immunpräparate und Infektionsmittel, dermatologische Präparate, Schmerzmittel, Psychopharmaka und Mittel gegen Magen-Darmkrankheiten (Gastrointestinale). Zweitstärkster Umsatzbereich sind die Medizinprodukte (»Professional«) mit 10.919 Mio. Euro. Auch in dieser Gesundheitssparte deckt das Unternehmen ein breites Leistungsspektrum ab. Das Produktprogramm umfasst kardiologische Instrumente zur minimalinvasiven Behandlung von Herz-Kreislauferkrankungen (Cordis), Produkte zum Wundverschluss und zur Gewebereparatur (u. a. Ethicon, J&J Medical), diagnostische und chirurgische Instrumente (u. a. Ethicon-Endo-Surgery, Indigo Medical) sowie orthopädische Implantate (u. a. DePuy). Mit den beiden Tochterunternehmen Spectacle Lens Group und Vistakon ist J&J zudem führender Hersteller von Kontaktlinsen. Im Geschäftsbereich »Consumer« erwirtschaftet das Unternehmen mit 7.332 Mio. Euro etwa ein Viertel seines Umsatzes. Das Leistungsprogramm beinhaltet Produkte aus den Bereichen Körperpflege, Frauenhygiene, Säuglingspflege, Sanitär und Erste-Hilfe. Johnson & Johnson besitzt in diesem Bereich zahlreiche Marken, wie zum Beispiel »Penaten«, »Neutrogena« und »Clean&Clear« im Segment der Körperpflege, »Johnsons« und »bebe« bei Säuglingspflegeprodukten und in der Frauenhygiene »OB« und »Carefree«.

Als integriertes Gesundheitsunternehmen besitzt J&J eine im Branchenvergleich überdurchschnittlich hohe F&E-Intensität. Die gesamten F&E-Ausgaben beliefen sich im Geschäftsjahr 2000 auf 3.107 Mio. Euro, was einer F&E-Intensität von umgerechnet zehn Prozent entspricht. Von den gesamten F&E-Aufwendungen entfiel mit 2.018 Mio. Euro der größte Anteil auf den Geschäftsbereich Pharma. Die F&E-Intensität liegt in diesem Geschäftsbereich bei knapp 16 Prozent und befindet sich damit auf einem vergleichbaren Niveau mit anderen Pharmaunternehmen. Eine geringere F&E-Intensität besitzt der Geschäftsbereich Medizinprodukte (»Professional«). Johnson & Johnson hat in diesem Bereich rund 7,5 Prozent des Umsatzes in F&E investiert. Der Geschäftsbereich »Consumer« weist mit knapp vier Prozent die niedrigste F&E-Intensität im Unternehmen auf.

Technologieprofil von Johnson & Johnson: Bedeutungszuwachs der Biotechnologie
Vergleicht man die Verteilung der F&E-Ausgaben auf die drei Geschäftsbereiche mit der Aufschlüsselung der F&E-Aktivitäten nach den verschiedenen Technologiebereichen, in denen diese durchgeführt wurden, so zeigt sich zunächst ein hohes Maß an Kongruenz. Als Indikator für die Breite und das Spektrum der technologischen Aktivitäten wird das Profil der Patentanmeldungen von J&J am Europäischen Patentamt herangezogen. Im Technologieprofil können mit den übergeordneten Technologiefeldern Instrumentierung, Chemie/Pharma und Prozesstechnik periodenübergreifend drei Schwerpunkte identifiziert werden. Bis auf wenige Ausnahmen sind diese Patentschwerpunkte des Unternehmens den einzelnen Geschäftsfeldern direkt als Produkt- oder Prozesstechnologien zuweisbar. Abbildung 2 stellt das Technologieprofil von J&J, differenziert nach 30 verschiedenen Technologiebereichen für die drei Untersuchungsintervalle 1983 bis 1987, 1988 bis 1992 und 1993 bis 1997, dar.

Abb. 2: Patentanmeldungen von Johnson & Johnson am Europäischen Patentamt, differenziert nach dreißig Technologiebereichen
 

Technologiefelder

Mit knapp 43 Prozent aller Patentanmeldungen dominiert das Technologiefeld Instrumentierung das Portfolio von J&J. Innerhalb dieses Technologiefeldes hat sich J&J auf die drei Technologiebereiche Optik, Mess- und Regelungstechnik sowie Medizintechnik fokussiert. Die technologischen Aktivitäten in diesen Bereichen sind vorwiegend auf Anwendungen in der Medizintechnik und bei den Konsumgütern (»Consumer«) gerichtet. Einen zweiten Schwerpunkt besitzt J&J im Technologiefeld Chemie/Pharma, insbesondere in den Bereichen Pharmazie, organische Chemie, Polymere sowie Biotechnologie. Während die Patentanmeldungen in den Technologiebereichen Pharmazie und organische Chemie den Geschäftsbereichen »Pharmaceuticals« und »Consumer« zuzuordnen sind, richten sich die Patentanmeldungen in den Technologiebereichen Polymere und Biotechnologie überwiegend auf den Geschäftsbereich Medizinprodukte. In den beiden letztgenannten Technologiebereichen hat J&J zusammen über zehn Prozent seiner Patente angemeldet. Polymere finden dabei unter anderem als Produkttechnologien in orthopädischen Implantaten, Kontaktlinsen, chirurgischen und diagnostischen Instrumenten sowie in Wundverschlussprodukten Verwendung. Den dritten Schwerpunkt im Technologieprofil von J&J bildet das Technologiefeld Prozesstechnik. Auf diesem Feld engagiert sich das Unternehmen verstärkt in den Technologiebereichen Verfahrenstechnik, Oberflächentechnik, Werkstoffe, Materialverarbeitung und Handhabung. Diese Bereiche stellen überwiegend Querschnittstechnologiebereiche dar, die bei J&J als Prozesstechnologien in allen drei Geschäftsbereichen zum Einsatz kommen. Neben den drei übergeordneten Schwerpunkten in den genannten Technologiefeldern Chemie/Pharma, Prozesstechnik und Instrumentierung ist J&J zudem im Technologiebereich Konsumgüter aktiv. Die Technologien dieses Bereichs wurzeln isoliert von den restlichen Technologiebereichen und finden im Geschäftsbereich »Consumer« als Produkttechnologien Verwendung.

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