|
- Leseprobe -
Smartville - Innovatives Automobilunternehmen der Zukunft
von Markus
Block, Helmut Greif
Stichworte: Auf dem Weg zum innovativen
Fabriktypus, Organisationsleitbilder,
Ziele und Vereinbarungen für Unternehmen und
Team, Gruppenarbeit, Prinzipien und Randbedingungen,
Selbstorganisation, Selbstoptimierung,
Das Entgeltsystem - leistungsbezogen und qualifikationsorientiert, Atmende Fabrik und
kundenorientiertes Produktionssystem, Innovatives Qualifizierungsmanagement.
|
In diesem Beitrag
erfahren Sie:
|
-
daß ein innovatives kundenorientiertes Produktionssystem
funktionieren und - wie bei der atmenden Fabrik - zum Erfolg werden kann,
-
wie sich Gruppenarbeit, flexible Arbeitszeit- und
Entgeltsysteme und eine spezielle Art von KVP miteinander verknüpfen lassen,
-
wie sich ein Zielvereinbarungsprozeß konsequent top down
und bottom up gestalten läßt,
-
wie Lernen und Elemente des Spiels in ein innovatives
Qualifikationsmanagement eingebunden werden.
|
Auf dem Weg zur
innovativen Automobilfabrik
Die Genese einer neuen Automobilfabrik ist eine spannende Geschichte,
insbesondere dann, wenn es sich bei der Fabrik der Micro Compact Car GmbH (MCC) im
französichen Hambach um eine »factory of the future« handelt. Denn in die
Zukunft weisende neue Ansätze erfordern innovative Methoden und ein neues Denken. Aus der
Vielzahl der innovativen Aspekte, die mit dieser Gestaltungsaufgabe einer neuen
Fabrik verbunden sind, werden die folgenden Elemente vorgestellt: neuer Fabriktypus,
Gruppenarbeit, Entgeltmodell, Atmende Fabrik und innovative Ansätze in der
Qualifizierung. In der Terminologie von MCC sind dies:
-
logistikfokussierte Fabrik,
-
Teamarbeit und progrès continu (das KVP-Modell von MCC),
-
»Leb`es« und Intéressement,
-
Atmende Fabrik und kundenorientiertes Produktionssystem,
-
innovative Qualifizierungsstrategie.
Smartville - die
Automobilfabrik der Zukunft
In der Geschichte der industriellen Güterproduktion gab es immer die »Fabrik der
Zukunft«. Marktanforderungen ändern Fabrikstrukturen. Seit den Anfängen
organisierter Manufakturen bis zu den heute hoch integrierten Produktionsstätten hat sich
das immer wieder bestätigt. Je nach dem Fokus, mit dem man die »factory of the
future« beschreibt, kann man nach einer Untersuchung der europäischen Union (EU)
folgende Typologie verwenden:
-
das »Elastische Unternehmen« (beschränktes Produktspektrum, starke
Nachfrageschwankungen),
-
das »Flexible Unternehmen« (unsicherer Markt mit kundenorientierten Produkten),
-
das »Voll-Service-Unternehmen« (komplexe Produkte mit Service über die ganze
Lebensdauer),
-
die »Technologische Führung« (Massenmarkt, Differenzierung durch
technologische Führung) und
-
das »Virtuelle Unternehmen« (schnell veränderliche Nischenmärkte) [5].
Eine solche »Kooperative
Fabrik« beziehungsweise ein »Elastisches Unternehmen« ist in Hambach im
französischen Lothringen entstanden. Die Fabrik mit Namen »smartville« ist ein
»Logistik-Glanzstück« [7]. Sie ist die erste Fabrik im Automobilsektor, die der Vision
der logistikfokussierten Fabrik folgt.
Gekennzeichnet ist diese Logistikfokussierung durch eine Endmontage, die vom
Automobilhersteller verantwortet und durchgeführt wird, und ein abgestuftes
Teilebelieferungssystem, bestehend aus sogenannten Systempartnern und Direktlieferanten.
Die Prinzipien dieses Fabriktyps sind die Modularität, die Erweiterungsfähigkeit, die
kurzen Wege und die Optimierung der Materialströme. Dadurch entsteht ein Fabrikpark - im
Falle von MCC »smartville« genannt - und eine Montagefabrikstruktur, die auf
spezifizierte Anlieferungsflächen und deren prinzipieller Erweiterbarkeit optimiert ist
[10;3]. Im Falle von smartville wurde das sogenannte Plus-Layout als Strukturprinzip für
die Montagefabrik ausgewählt (Abb. 2).
Abb.2: Plus-Layout am Beispiel von "smartville"
Lieferung über Modullieferant am Standort (ML)
Rund 80 Prozent des Volumenstroms wird über die Modullieferanten abgebildet, die auf dem
Standort smartville angesiedelt wurden. Der Modullieferant übernimmt die Belieferung nach
Produktionssequenz bis an den Einbauort. Der Transport erfolgt über Förderanlagen oder
Flurförderzeuge. Es gibt keine Pufferbestände an fertigmontierten Modulen. MCC ruft die
Module entsprechend der »Perlenkette« (Abb. 12) über Impulse ab.
Lieferung über Teileumschlagsfläche (TUF)
Die Teileumschlagsfläche ist ein Lieferantenlager und dient als standardisierter
Prozeßbaustein für alle Kleinteileumfänge. Ein Logistikdienstleister transportiert die
Teile im Kanbanabrufverfahren an die Montagelinie.
Direktlieferung (DL)
Die Direktlieferanten liefern großvolumige Teile von ihren externen Produktionsstätten
direkt nach Sequenz über Andockstellen im Just-in-Time-Verfahren an. Für die
Feinsteuerung der LKW-Wechselaufbaubrücken steht auf dem Standort ein weiterer
Logistikdienstleister zur Verfügung.
Lieferung über Montagedienstleister (MDL)
In diesem Fall disponiert MCC die Teile für die Montagedienstleister und stellt sie ihnen
zur Modulmontage bei. Der Montagedienstleister montiert sie in Sequenz zum Gesamtmodul und
transportiert sie bis zum Einbauort.
Die interne Fabrikstruktur der smart plus genannten Montagefabrik wird
durch die Organisationsform der Systempartner und der Direktbelieferung mit Modulen und
der Fokussierung auf die Logistik entscheidend beeinflußt. Die smart-Fabrik ist aber auch
mehr als eine logistikfokussierte Fabrik, denn das kundenorientierte Produktionssystem,
das nur bestellte Fahrzeuge fertigt, ist hier erstmalig im Automobilbereich verwirklicht.
Natürlich ergeben sich unabhängig von der »äußeren Fabrikstruktur« für die
Binnenstruktur der Betriebsorganisation die gleichen Anforderungen, die sich heute an alle
Unternehmen stellen:
-
eine permanente Steigerung der Produktivität
-
bei gleichzeitiger höchster Qualität und
-
einer elastischen Anpassung an den Markt durch Realisierung einer »Atmenden
Fabrik«.
Organisationsleitbilder
des smart-Plus-Produktionssystems
Das smart-plus-Produktionssystem besteht aus systematisch zugeordneten
Instrumenten,
mittels denen die hohen Ziele der Fabrik dauerhaft realisiert werden sollen. Der
progrès
continu - wie der spezielle KVP-Ansatz bei MCC heißt - oder kurz Pro
C genannt, gehört neben den Instrumenten der Standardisierung der
Montagetätigkeiten und der Teamarbeit zu den wichtigsten dieses
Produktionssystems. Klassische Modelle von Gruppenarbeit setzen ihre Schwerpunkte in
Kontinuität mit der europäischen Tradition entweder eher auf den Aspekt der
Selbstorganisation
mit dem Ziel der Reduzierung von Schnittstellen etc. oder im Falle der japanischen
Variante auf den Aspekt der Selbstoptimierung, der insbesondere bei einer
Massenproduktion zum Einsatz kommt.
Bei MCC wurde eine Kopplung beider Ansätze von Gruppenarbeit vorgenommen
(Abb. 5) und in einem Zielvereinbarungssystem zusammengeführt, der einen
»kontinuierlichen Fortschritt» in den Prozessen des Gesamtunternehmens erzeugt. Hier
wurde die Idee der »Fraktalen Unternehmung« [22] mit der der »Lernenden
Organisation« [17] synergetisch verbunden, wobei der Schwerpunkt auf dem fraktalen
Organisationsgedanken liegt.
Der Ansatz des Fraktalen Unternehmens bedeutet einen neuen Lenkungsmechanismus des
Unternehmens.

Abb. 5: Selbstorganisation und Selbstoptimierung als internes
Strukturprinzip
Unternehmensziele, Teamziele, Équipeziele und
Zielvereinbarung
Der Zielvereinbarungsprozeß ist eine Kombination aus top down-
und bottom
up-Vorgehen. Ausgehend von den Unternehmenszielen werden die Fraktalziele innerhalb
einer Zielpyramide auf die einzelnen Fraktalebenen mit einem zunehmenden
Konkretisierungsgrad heruntergebrochen und im Hinblick auf mögliche Zielkonflikte hin
bewertet. Zielkongruenz läßt sich natürlich nur bedingt herstellen. Trotzdem wird der
Zieloptimierungsprozeß so angelegt und auf Widersprüchlichkeiten hin untersucht, daß es
möglichst nicht zu einer Suboptimierung einzelner Ziele beziehungsweise Teams
(steht
bei MCC für Abteilungen) kommt, sondern ein Systemoptimum erreicht wird.
Alle Ziele werden über Kenngrößen abgebildet und über Kennzahlen
gesteuert, die auf die Grundformen:
-
Produktivität (P),
-
Qualität (Q),
-
Termin (T) und
-
Service (S)
zurückgeführt werden. Eine systematische Kostenbewertung aller Kenngrößen
erleichtert das Controlling dieser Steuergrößen und macht den Nutzen im
Verhältnis zum Aufwand deutlich. Das Sichtbarmachen und die Vermittlung der Ziele sowie
das direkte »Arbeiten mit Zielen« ist der erste bedeutende Schritt zur Aktivierung der
Mitarbeiter. Deren persönliche Organisationsfähigkeit und Kreativität initiieren einen
kontinuierlichen Verbesserungsprozeß. Diese teambezogenen Kennzahlen werden den
Mitarbeitern transparent gemacht und in den Pro C-Räumen visualisiert. Insgesamt können
drei Zielbereiche pro Team festgelegt werden, die in gleichen Anteilen prämienwirksam
sind. Zwei Zielbereiche werden vorgegeben, der dritte ist variabel.
Teamarbeit und progrès continu
Prinzipien
und Randbedingungen
Der spezielle KVP-Ansatz bei MCC - der progrès continu - ist der Teil des
Produktionssystems, der den Aspekt der Prozeßoptimierung zum Ziel hat. Die Teamarbeit am
Band konzentriert sich auf die Arbeitsorganisation und flexible Reaktion auf
Prozeßschwankungen und die Feinsteuerung der »Atmenden Fabrik« durch geeignete
Selbststeuerungsmechanismen. Sie verfolgt also das Ziel der Selbstorganisation in Form
einer teilautonomen Arbeitsgruppe. Funktionsintegration und Dezentralität sind wichtige
Elemente einer prozeßorientierten Fertigung. Beides sind differierende, aber notwendige
Systemleistungen, die getrennte Prozesse erfordern und die unterschiedliche Anforderungen
an die Mitarbeiter stellen, jedoch Kernleistungen des ganzheitlichen
Gruppenarbeitskonzeptes bei MCC sind. In der Terminologie von Schumann [16] liegt
hier mehr die »strukturinnovative Variante« von Gruppenarbeit vor, die den Mitarbeitern
erweiterte Freiheitsgrade zugesteht. Dies ist zu unterscheiden von dem
Arbeitsgruppenkonzept, das in der japanischen Tradition von Gruppenarbeit steht und als
»strukturkonservative Variante« oder modernisierter Taylorismus angesehen werden kann,
wo dem Teamsprecher eine Quasi-Vorarbeiterrolle zugeordnet ist.
Bei MCC ist der »Opérateur Animateur« (OA) - der in Deutschland etwa dem
Teamsprecher entspricht - gleichberechtigtes Gruppenmitglied. Er bekommt zum Beispiel
keine Prämie für seine Sprecheraufgabe. Damit sich die informelle Sonderrolle des
Opérateur Animateur nicht zu einer Quasi-Vorgesetztenrolle entwickelt, sind weitere
Schnittstellenaufgaben an andere Équipemitglieder delegiert. So gibt es zum Beispiel in
jeder Équipe einen Ansprechpartner für das Intéressement oder etwa für das
Qualitätsmanagement. Einer Aufgabenbündelung bezogen auf eine Person wird somit
entgegengewirkt.
Warum ein strukturinnovatives teilautonomes Konzept verfolgt wurde, hängt mit den
besonderen Flexibilitätsanforderungen zusammen, die an diese Fabrik gestellt
werden. Ziel dieser Fabrik ist es, keine smarts auf Halde zu produzieren, sondern nur
Fahrzeuge mit Kundenauftrag herzustellen.
Selbstorganisation
Die MCC-Montagefabrik ist eine klassische Montagelinie, wobei aufgrund des
modulorientierten Logistikkonzeptes keine Vormontagen in der Montagehalle erfolgen. Die
Taktzeit beträgt weniger als zwei Minuten, so daß circa 35 Fahrzeuge pro Stunde
gefertigt werden können. Trotz dieser tayloristischen beziehungsweise fordistischen
Montageorganisation lassen sich viele vorgelagerte indirekte Aufgaben in die
Montageteams integrieren (Abb. 8).
Das reduziert die Anzahl der Schnittstellen und beschleunigt die Prozesse. Es erfordert
aber eine genaue Klärung der Aufgaben, Selbstorganisation der Teams und die Festlegung
der Schnittstellen.

Abb. 8: Integration indirekter Tätigkeiten in die Montageteams
Aufgrund der starken Einengung von Bandmontagen durch festgelegte Takt- und
Arbeitszyklen ist die Möglichkeit zur Funktionsintegration begrenzt, und es müssen
hierfür einige organisatorische Anstrengungen unternommen werden. Trotzdem wurden im
Sinne einer Prozeßorientierung und der Arbeitsanreicherung der Tätigkeiten
qualitätssichernde, logistische, planerische Aufgaben und Funktionen aus dem Bereich der
Instandhaltung in die Teams integriert.
Die Montageteams - im französischen Sprachgebrauch Équipe - haben die
Werkerselbstprüfung zur Aufgabe, mit dem Ziel, nur i. O.-Qualität an den internen Kunden
- das folgende Montageteam - weiterzugeben. Während des Ausbildungsprogrammes werden
diese Anforderungen trainiert und überprüft. Die Direktentladung der
Just-In-Time-Teile wird ebenfalls von den Équipes übernommen. Die Tätigkeit des
Entladens der Transportfahrzeuge ist dem Montieren gleichgestellt und wird im
Rotationsverfahren von den Équipemitgliedern übernommen.
Selbstoptimierung
Ein klassisches betriebliches Vorschlagswesen (BVW) gibt es bei MCC nicht. Klassische KVP-
und BVW-Prozesse und die daraus gewonnen Erfahrungen zeigen, daß »konkurrierende
Systeme« (BVW mit der Bewertung von Einzelvorschlägen und einem erheblichen
Organisationsaufwand versus expertenorientiertes KVP-Workshop-System) in einer
Organisation oft nicht die erhofften Erfolge bringen. Beide Systeme sind häufig in bezug
auf die Unternehmensziele »diffus« angelegt und somit im Sinne des »Gesamtsystems
Unternehmen« quasi ungesteuert. Auch wurde aus Gründen der Klarheit und Einfachheit
der Prozesse auf unterschiedliche Organisationsformen der Verbesserung verzichtet.
Die Bezeichnung »progrès continu« (Pro C ) zeigt bereits an,
daß hier innovative Wege beschritten werden, die über die klassischen Methoden des KVP
beziehungsweise Kaizen-Ansatzes hinausgehen, wo temporäre Formen von Optimierungsteams
(z.B. Qualitätszirkel) oder expertenorientierte Modelle von KVP dominieren. Mit Pro C
wird ein Verbesserungsansatz verfolgt, mit dem ein »kontinuierlicher Fortschritt« in den
Prozessen des Gesamtunternehmens möglich ist, und der über das oben beschriebene
Zielvereinbarungssystem geführt wird [11].
An den
Sitzungen nimmt jeweils die Hälfte der Mitarbeiter einer Équipe jeder Schicht teil. Die
andere Hälfte arbeitet am Montageband weiter. So wird gewährleistet, daß die Probleme
schichtübergreifend diskutiert werden. Die Navigationssitzungen dienen der Steuerung der
Pro C-Aktivitäten der Teams. Hier werden Lösungsansätze diskutiert und der Erfolg der
Maßnahmen verfolgt. Der operativ teilweise freigestellte Opérateur Animateur bereitet
die Sitzungen vor und moderiert sie.
Sollten sich aus den Navigationssitzungen Arbeitspakete ergeben, die über das
Zeitbudget dieser Sitzungen hinausgehen, oder Fragestellungen auftauchen, die von der
Équipe nicht gelöst werden können, so werden Optimierungsteams, die TOP-Teams,
gebildet. Diese Teams sind temporär angelegt und nach den Erfordernissen der Aufgaben
teamübergreifend zusammengestellt. Die Mitarbeit in diesen Teams ist allen anderen
Tätigkeiten gleichgestellt.
»Leb`es« und Intéressement
Wie in Deutschland sind in Frankreich die Einstufungen der Mitarbeiter nach ihren
Tätigkeiten und Anforderungen tariflich in Kollektivverträgen (»Convention
Collective«) geregelt. Aufgrund französischer Randbedingungen wurde kein
Prämien-Entgeltsystem entwickelt, sondern ein sogenanntes »Intéressement-Entgeltsystem«
aufgebaut, das dem französischen Arbeitgeber Kostenvorteile gegenüber einem
Prämiensystem bietet, da dieser Intéressement-Entgeltanteil nicht mit
Personalnebenkosten beaufschlagt wird. Diesem Intéressement-System muß die Belegschaft
in seiner Mehrheit zustimmen.
Das »Intéressement« - der Zusatzanteil des Entgeltes aufgrund eines
Zielerreichungsgrades - dient der Steuerung des Pro C-Prozesses und ist nicht dessen
Voraussetzung. Sollte das »Abbruchkriterium« für den Pro C - Prozeß erfüllt
sein (Aufwand für Pro C größer als Nutzen), so wird das gesamte Verbesserungs- und
Zielvereinbarungssystem überprüft und damit das
Intéressement-Entgeltmodell. Der Anteil
des Intéressement am Grundentgelt, das sich in seinen Stufen weitgehend an der
Tarifstruktur der Metallindustrie orientiert, beträgt maximal zwölf Prozent. Bei drei
Zielbereichen sind somit je Zielbereich maximal vier Prozent an Intéressement zu vergeben
(Abb. 9).

Abb. 9: "Lebés" - das leistungsbezogene Entgeltsystem
bei MCC
Das Grundentgelt ist qualifikationsorientiert aufgebaut. Je höher die Qualifikation
und die Einsatzflexibilität, desto höher die Grundeinstufung (Abb. 10). Das
Intéressement wird nicht individuell, sondern teamorientiert ermittelt. Es gibt nur
Teamziele.

Abb. 10: Qualifikationsstufen und Entgelt
Im Bereich der Cadres, der Führungskräfte bei MCC, gibt es einen zusätzlichen
Bonus von maximal dreizehn Prozent. Dieses leistungsbezogene Entgeltsystem gilt für alle
drei Standorte.
Atmende Fabrik und kundenorientiertes Produktionssystem
Die Atmende Fabrik ist die Antwort der Hochlohnländer auf veränderte Marktanforderungen.
Sie ist eine auf direkte Kundennachfrage zugeschnittene Produktion und ermöglicht
elastisches Reagieren auf Nachfrageschwankungen, seien sie saisonal bedingt,
durch Prozeßstörungen oder Produktlebenszyklen verursacht.
Mit der Atmenden Fabrik ist somit die Vision der absatzgesteuerten
Produktionsorganisation gemeint, die mit größtmöglicher Flexibilität auf
Auftragsschwankungen von Kundenwünschen reagieren kann, möglichst ohne zusätzliche
Kosten zu verursachen. Auch bei MCC wird die Atmende Fabrik im wesentlichen über die
Flexibilisierung der Arbeitszeit erreicht, indem Arbeitszeit und Betriebszeit entkoppelt
werden und mit Jahresarbeitszeitmodellen und Zeitkonten gearbeitet wird.
Im Rahmen der
Produktion bildet sich daraus ein ineinandergreifender und integrierter
Kapazitätsplanungs- und Personaleinsatzplanungsprozeß, der zahlreiche Restriktionen wie
Ankündigungszeiträume, Zumutbarkeitsgrenzen, Arbeitszeitkontenstand und
Arbeitskostenzuschläge berücksichtigt.
Die grundlegenden gesetzlichen und tariflichen Arbeitszeitregelungen sind in Frankreich
in der »Convention Collective« festgelegt. Folgende Regelungen galten zum Zeitpunkt der
Konzipierung und Realisierung des Fabrikparkkonzeptes:
-
maximale Arbeitsstunden pro Tag 10 Stunden,
-
maximale Wochenarbeitsstunden 46 Stunden (48 Stunden),
-
im Tarifvertrag der französischen Metallindustrie ist die 38-Stunden-Woche vereinbart;
es kann jedoch kollektiv 39 Stunden pro Woche gearbeitet werden, ohne daß
Überstundenzuschläge gezahlt werden müssen.
Zur Zeit wird die 35-Stunden-Woche in Frankreich angestrebt. Hieraus ergeben sich neue
Anforderungen an das Arbeitszeitsystem, die Schichtmodelle und die Modalitäten der
Atmenden Fabrik.
Für jede Jahresstückzahl sind in definierten Sprüngen von 10.000 Einheiten und unter
Annahme unterschiedlichen Markt- und Käuferverhaltens Simulationen durchgeführt worden
(Abb. 13).

Abb. 13: Simulationsbeispiel für eine definierte
Nachfragesituation
Im
vorgestellten Simulationsbeispiel muß auf eine sommerliche Betriebsruhe verzichtet
werden, damit die angenommene Nachfrage befriedigt werden kann.
Das optimale und aktuelle Arbeitszeit- und Schichtmodell von smart plus verbindet die
Anforderungen an das kundenorientierte Produktionssystem mit den Bedürfnissen der
Mitarbeiter. Aus dem Arbeitszeitsystem und Schichtmodell wird auch ein Prinzip des
KVP-Ansatzes bei MCC deutlich. Die Teams treffen sich einmal pro Woche in den dafür
vorgesehenen Pro C-Räumen für eine Stunde im Anschluß an die Frühschicht. Die Pro
C-Zeit ist somit an die normale Arbeitszeit angehängt, so daß sie als Mehrarbeitsstunde
anfällt, die im Rahmen des flexiblen Arbeitszeitmodells ausgeglichen wird.
Die Übertragung der Atmenden Fabrik auf französische Verhältnisse stellt eine große
Herausforderung dar, denn die Flexibilisierungsmöglichkeiten sind hier noch nicht so weit
verbreitet wie in Deutschland. Aber auch hier zwingt die aktuelle Entwicklung einer
vorgesehenen Reduzierung der Wochenarbeitszeit von 39/38 Stunden auf die 35-Stunden-Woche
in der Metallindustrie die Unternehmen zu neuen Modellen. Auch wenn die Lohnkosten und die
daran gekoppelten Lohnnebenkosten in vielen Branchen Frankreichs deutlich unter denen von
Deutschland liegen, so lohnt es sich doch, die Atmende Fabrik (auch bei einer
39-Stunden-Woche) als Produktionsmodell einzuführen, damit eine Bestandsminimierung
erreicht werden kann.
Das MCC-Modell der Atmenden Fabrik ist ein Baukastensystem, das
auf definierten Kapazitätssprüngen (beispielsweise eine Schicht) aufbaut. Ein
Normmodell wird zwischen Vertrieb und Produktion für einen Produktionszeitraum von einem Jahr
vereinbart - mit einem Vorlauf, um die entsprechenden Personalmaßnahmen einleiten zu
können.
Wenn das
Prinzip und der Umfang der Atmung vereinbart sind, sind die Ankündigungszeiten bis
zu drei Tagen möglich. In der Regel bekommen die Mitarbeiter einen Schichtplan, der über
zwei Wochen fest ist und einen Vorlauf von zwei weiteren Wochen mit einer Genauigkeit von
einer Schicht pro Woche hat.
An den »Schichträndern« wird eine Flexibilität erreicht, indem die Teams in der
Montage sicherstellen müssen, daß jeder Arbeitsplatz besetzt ist. Sollte ein Mitarbeiter
einer Équipe sich verspäten, so bleibt sein Schichtkollege entsprechend länger oder das
Team organisiert einen Ersatz. Zwischen den Schichten erfolgt kein Bandstopp, der
Schichtübergang ist somit fließend. Prinzipiell soll mit solchen fließenden
Übergängen dem »Minutendenken« entgegengewirkt werden.
Servicezeiten sind für die indirekten Bereiche vereinbart. Die
Teams stellen während ihrer Servicezeit sicher, daß immer ein Ansprechpartner zur
Verfügung steht. Die Organisation übernehmen sie selbst. Die generellen Grenzen der
täglichen Ansprechzeiten liegen zur Zeit bei 8.00 morgens und 20.00 abends.
Eine elektronische Zeiterfassung erfolgt nicht. Die Mitarbeiter in der Montage
tragen Abweichungen von der im Schichtplan vorgegebenen Normzeit auf einem Formular ein.
Das Arbeitszeitkonto muß zur Zeit innerhalb eines Jahres abgeglichen werden. Stunden, die
über die vereinbarte durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit von 39 Stunden
hinausgehen, müssen dann mit einem Überstundenzuschlag vergütet werden.
Innovatives
Qualifizierungsmanagement
Lernen und spielen
Die Rolle des Lernens oder des Qualifizierungsprozesses bei der Gestaltung und
Realisierung eines neuen Typs von Fabrik kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Neue
Rollen müssen akzeptiert und gelernt, alte Rollen verworfen und abgelegt werden. Eine
neue Organisation ist ein »Erziehungsprozeß« zum richtigen Verhalten der
Systemmitglieder und dem permanenten Ausrichten und Nivellieren der Prozesse und der
Organisation auf das Gesamtziel hin. Den Vorgesetzten und deren Vorbildfunktion kommt eine
zentrale Aufgabe zu. Hier ist hohe Selbstdisziplin gefordert.
Neue Rollen erfordern neue Termini, die wie ein Brennglas das gewünschte
Rollenverständnis fokussieren. Neben der richtigen Auswahl der Mitarbeiter im
Rekrutierungsprozeß unterstützt der Qualifizierungsprozeß und der
Organisationsentwicklungs- beziehungsweise Teamentwicklungsprozeß wirkungsvoll die
Akzeptanz der neuen Rolle bei den Rollenträgern. Neue Rollen lagen insbesondere bei den
Führungskräften der Montage (Group Coach und Opérateur Animateur) vor. Die
Coaching-Rolle muß präzise definiert sein und in einem Teamentwicklungsprozeß und
Führungskräfteentwicklungsprogramm stabilisiert werden. Auch die im Team operativ
mitarbeitenden Opérateurs Animateurs wurden in ihrem Rollenverständnis durch
Trainingsmaßnahmen unterstützt und in einem Teamentwicklungsprozeß begleitet.
Zur Absicherung dieses Organisations- und Personalentwicklungsprozesses wurde ein
Lernspiel
entwickelt und im Rahmen des Qualifizierungsprozesses eingesetzt. Die Idee, »Spiele«
für
den Anlauf einer neuen Fabrik einzusetzen, beruht auf zwei Entwicklungstendenzen
des
Marktes, die nach neuen Methoden und Vorgehensweisen bei der Planung und Realisierung
einer neuen Fabrik verlangen:
-
Simultaneous Planning und Simultaneous Engineering erforden neue Instrumente bei der
Fabrikplanung und der Beratung, da die Parallelität von Planungs- und
Realisierungsabläufen neue Unschärfebereiche enthält;
-
kürzere Realisierungszeiten und schnellere Fabrik- und Produkt-anläufe erfordern ein
umfassendes, abgestimmtes und auf hohem Niveau verfügbares Wissen und Know-how bei den
Mitarbeitern einer neuen Fabrik auf allen Hierarchieebenen.
Aus diesem
Kontext heraus leitete sich die Aufgabenstellung ab, ein Spiel zu entwickeln: »smartplus«,
eine simulierte Realität der neuen Montagefabrik. Darüber hinaus wurden weitere Spiele
im Rahmen des Qualifizierungsprogramms eingesetzt, denen die japanische
Produktionsphilosophie zugrunde liegt.
Im Zentrum des Einsatzes von Spielen zur Simulation von Realität steht das Brettspiel
smartplus. Es wurde in Kooperation mit einem bekannten Spielehersteller
entwickelt. Spielend werden die Prinzipien der Fabrik, die Produktionsphilosophie,
die Aufgaben der Systempartner und die Rollen der Akteure erlernt und vertieft (Abb. 16).

Abb. 16: Lernspiel smartplus
Gewinner des Spieles ist, wer ein kostengünstiges Fahrzeug hergestellt hat, das einen
zufriedenen Kunden findet. Kennt sich der Spieler in den Rollen und Prozessen nicht aus,
so wird das Fahrzeug gegenüber den Zielkosten zu teuer. Das Brettspiel kann von maximal
sechs Personen gespielt werden, ein Würfel dient als Zugmechanismus.
Die Kosten für das Spiel müssen in Relation zum Nutzen gesehen werden.
Abgestimmte Verantwortlichkeiten, bessere Prozesse und klarere Rollen sind nur schwer in
Mark und Pfennig zu quantifizieren, insbesondere gegenüber einem klassischen
Abstimmungsprozeß über die Normalorganisation. Die Kosten-Nutzen-Relation für die
Qualifizierung läßt sich schon einfacher ermitteln: Je Teilnehmer ist eine Zeit von
ungefähr 3-4 Stunden einzuplanen. Eine Seminarreihe zum Erlernen und Testen komplexer
Zusammenhänge würde deutlich längere Zeit in Anspruch nehmen.
...
|
Dieses Kapitel...
|
|
... können Sie vollständig per
PDF-Download beziehen:
Alle Seiten mit Abbildungen in optimaler Qualität, hervorragend geeignet
zum Ausdruck auf Papier.
Zusätzlich bietet Ihnen das PDF-Format praktische Suchmöglichkeiten.
Schon in wenigen Minuten sind die Kapitel auf Ihrem Computer gespeichert,
zu einem günstigen Preis: 30 Cent pro Seite.
Zum Download |
|