|
- Leseprobe -
Zentralisierte Forschung in Deutschland und kundennahe Entwicklung in Asien: Die Sparte Flüssigkristalle der Merck-Gruppe
von Detlef
Pauluth, Michael Stephan
Stichworte: Einführung in den Markt für
Flachbildschirme, Das Unternehmen im Spiegel der (historischen) Entwicklung der
LCD-Industrie, Positionierung und Aktivitäten in Asien,
Zusammenarbeit mit Kunden als Erfolgsfaktor,
Implikationen für eine effiziente F&E-Organisation,
Zusammenfassung.
|
In diesem Beitrag
erfahren Sie:
|
-
wie es einem deutschen Unternehmen gelingen konnte, sich im asiatisch dominierten Markt als Weltmarktführer zu etablieren,
-
dass eine isolierte Strategie der Sicherung des technologischen Know-hows nicht ausreicht, um am Markt bestehen zu können,
-
dass zwei Dinge für den Erfolg
unerlässlich sind: eine effiziente F&E-Organisation und eine enge Zusammenarbeit mit dem Kunden.
|
In der vorliegenden Fallstudie wird der Frage nachgegangen, wie sich ein in Deutschland angestammtes Unternehmen aus der chemisch-pharmazeutischen Industrie im asiatisch dominierten Markt für Flüssigkristallanzeigen
(LCDs) als Weltmarktführer bei der Herstellung von Flüssigkristallen etablieren konnte. Obwohl die entscheidenden Forschungsergebnisse zur Entwicklung der LCD-Technologie ursprünglich in Europa und in den USA erzielt wurden, besitzen asiatische Unternehmen heute bei der Herstellung von LCDs eine Quasi-Monopolstellung. Merck konnte als Zulieferer der Flüssigkristalle in einem Zeitraum von mehr als 20 Jahren eine dominierende Wettbewerbsposition aufbauen. Dabei war für das Unternehmen vor allem die enge Zusammenarbeit mit den Kunden vor Ort der Schlüssel, um sich als Zulieferer erfolgreich positionieren zu können.
Eine Einführung in den Markt für
Flachbildschirme
Flachbildschirme werden in einem breiten Anwendungsspektrum in den
Bereichen Telekommunikation, Computer und Bürokommunikation, aber auch in
vielen Konsumgütern (u.a. in Videokameras und Fernsehern) eingesetzt und
stellen dort in vielen Produkten eine Schlüsseltechnologie dar [9]. Durch
die extrem flache Bauweise hat diese Technologie gegenüber herkömmlichen
Anzeigesystemen in all den Bereichen, in denen der verfügbare Platz
limitiert und eine hohe Graphikqualität erforderlich ist, entscheidende
Vorteile. Der weltweite Umsatz mit Flachbildschirmen belief sich 1997 auf
26,3 Milliarden DM. Schätzungen über die zukünftige Entwicklung des
Weltmarktes für Flachbildschirme gehen von hohen Wachstumsraten aus [9,
5]. Laut Prognosen von Stanford Resources Inc. wird sich der Weltmarkt für
Flachbildschirme im Zeitraum 1997 bis 2003 mehr als verdoppeln. Treibender
Wachstumsmotor sind vor allem Fortschritte in der Halbleitertechnologie,
neben den eingesetzten Materialien ein kritischer Technologiebereich, die
den Flachbildschirmen neue Anwendungsfelder erschließen [10].
Merck im Spiegel der (historischen)
Entwicklung der weltweiten LCD-Industrie
Die Aktivitäten der Merck-Gruppe
Das Unternehmen Merck wurde 1668 von Friedrich Jacob Merck als Apotheke
in Darmstadt gegründet. 1827 begann man mit der industriellen Produktion
von Alkaloiden, gefolgt von Pflanzenextrakten und anderen Chemikalien.
Heute ist die Merck-Gruppe ein international agierender,
technologieorientierter Konzern in der chemisch-pharmazeutischen
Industrie. 1997 erwirtschaftete das Unternehmen einen Gesamtumsatz von
7.974 Millionen DM. Geschätzte drei Prozent davon wurden in der Sparte Flüssigkristalle,
ein Teil des Bereichs Spezialchemie, erwirtschaftet, allerdings mit
steigender Tendenz. Der Hauptanteil des Geschäfts entfällt auf den
Konzernbereich Pharma mit einem Umsatz von 4.559 Millionen DM (oder
umgerechnet 57 Prozent). Neben dem Pharmageschäft operiert das
Unternehmen im Bereich der Spezialchemie und ist in Herstellung und
Vertrieb von Laborbedarf tätig. Auf den Geschäftsbereich Labor entfielen
1.862 Millionen DM (23 Prozent) und auf den Geschäftsbereich
Spezialchemie 1.504 Millionen DM (19 Prozent) des Umsatzes. Ende 1997
waren in dem Unternehmen weltweit 28.949 Mitarbeiter beschäftigt.
Die Merck-Gruppe erwirtschaftet rund 83 Prozent ihres Umsatzes im Ausland.
Dieser Relation entspricht auch die Verteilung der Mitarbeiter: Im
Stammland waren 1997 32,1 Prozent oder umgerechnet 9.210 Mitarbeiter beschäftigt.
Die internationalen Aktivitäten werden durch zentrale Stabsstellen in den
einzelnen Regionen koordiniert. Das Unternehmen verfügt an 63 Standorten
in 26 Ländern über eigene Produktionskapazitäten. Die wichtigste
Absatzregion der Merck-Gruppe ist Europa mit einem Gesamtumsatz von
insgesamt 4.582 Millionen DM, gefolgt von Nordamerika mit 1.273 Millionen
DM und Asien mit 1.066 Millionen DM (vgl. Abb. 1).
Kennzeichnend für alle Aktivitäten der Merck-Gruppe ist die hohe
Bedeutung von Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten (F&E), in die
das Unternehmen insgesamt 7,9 Prozent des Umsatzes investiert. Die
F&E-Ausgaben wurden in den letzten Jahren in allen drei Geschäftsbereichen
ausgebaut und betrugen insgesamt 779 Millionen DM. Die Zuwachsrate der
F&E-Ausgaben im Vergleich zum Vorjahr lag mit 18 Prozent wiederholt über
der Zuwachsrate des Umsatzes (14,7 Prozent). In der Merck-Gruppe sind
insgesamt 2.824 Mitarbeiter in F&E beschäftigt, knapp 46 Prozent
davon im Ausland, der Rest (54 Prozent) am Stammsitz in Darmstadt.
Insgesamt wurden im Jahre 1997 384 Millionen DM oder knapp 50 Prozent des
gesamten F&E-Budgets im Ausland ausgegeben.
Abb. 1: Umsatz der Merck-Gruppe nach
Wirtschaftsregionen (Sitz der Kunden)
Die Positionierung von Merck in der
LCD-Wertschöpfungskette
Die
Wertschöpfungskette in der LCD-Industrie
LCD-Anzeigesysteme bestehen aus mehreren Komponenten und Subsystemen.
Zunächst kann unterschieden werden zwischen der eigentlichen LCD-Zelle
und dem mikroelektronischen Steuersystem, den Steuerungseinheiten und
Controllern zur Ansteuerung der Bildpunkte. LCD-Zellen selbst bestehen
wiederum aus einer Vielzahl an einzelnen Komponenten. Abbildung 4 gibt
einen Überblick über den Aufbau und die Zusammensetzung einer
Standard-STN-LCD-Zelle.
Die Flüssigkristalle werden in Form einer kundenspezifischen Mischung mit
einer Schichtdicke von typischerweise fünf Tausendstel Millimetern
zwischen zwei dünne Glasplatten gebracht, auf denen sich innen elektrisch
leitende, transparente Indium-Zinn-Oxid-Elektroden-Schichten befinden. Die
einzelnen Moleküle werden durch eine vorher aufgebrachte, transparente
Orientierungsschicht in eine bestimmte Lage gezwungen. Angesichts der
geringen Dicke der Flüssigkristallschicht wird ersichtlich, warum bei Flüssigkristallen
nur sehr geringe Mengen abgesetzt werden. So betrug der weltweite Absatz
an Flüssigkristallen im Jahre 1997 lediglich 38 Tonnen (Abb. 2). Diesen
38 Tonnen stand allerdings ein hohes »Value-to-Weight«-Verhältnis gegenüber.
Mit einem Verkaufswert von 260 Millionen DM betrug der Preis pro Gramm
durchschnittlich acht DM.
Entsprechend der Zusammensetzung des LCD-Anzeigesystems muss bei den
beteiligten Akteuren in der Wertschöpfungskette unterschieden werden
zwischen den Zulieferern der einzelnen Komponenten und Materialien und den
Herstellern der LCD-Systeme, den sogenannten Systemintegratoren.
Systemintegratoren sind typischerweise die Hersteller der Endprodukte.
Beispielhaft sei das japanische Unternehmen Toshiba genannt, welches als
weltweit führender Hersteller von Notebooks seine Endprodukte mit in-house
hergestellten LCDs ausrüstet. Diese Unternehmen kaufen in der Regel die
Flüssigkristalle und die restlichen Komponenten der LCDs von externen
Partnern zu. Systemintegratoren zeichnen sich in erster Linie
verantwortlich für das Systemdesign des LCDs und die Integration der
einzelnen Komponenten. Bei den meisten Displayherstellern handelt es sich
um integrierte Elektronikkonzerne, die aufgrund ihres Know-hows in der
Mikroelektronik auch für die Herstellung der Steuerelektronik und der
weiteren peripheren Einheiten (Controller, Treiber, Strom) zuständig
sind. Abbildung 5 gibt einen Überblick über die Komposition der Wertschöpfungskette
in der LCD-Industrie.
Abb. 4: Zusammensetzung einer STN-LCD-Zelle (Quelle:
Eigene Bearbeitung; Sharp Inc.)
Der Markt für Flüssigkristallbildschirme wird mittlerweile von
asiatischen Herstellern dominiert. Etwa 90 Prozent der weltweiten
Produktion von Flachbildschirmen erfolgt in Japan und Südostasien.
Betrachtet man lediglich den Markt für Displays mit aktiver Matrix (TFT-Displays),
dann steigt dieser Anteil sogar auf 98 Prozent. In diesem Segment ist der
japanische Hersteller Sharp der größte Anbieter mit etwa 55 Prozent
Marktanteil, gefolgt von NEC und Display Technology Inc. (beide ebenfalls
Japan), die zusammen über zirka 35 Prozent verfügen. Die drei größten
Hersteller von herkömmlichen TN- beziehungsweise STN-Displays sind Sharp,
Seiko-Epson und Toshiba (alle Japan). Weitere japanische Hersteller
umfassen Hitachi, Hosiden, Kyocera, Matsushita, Optrex und Sanyo. Neben
den dominierenden japanischen Wettbewerbern gewinnen zunehmend südostasiatische
Hersteller aus Südkorea (Samsung Electronics, LG Electronics und Hyundai
Electronics) und Taiwan (Acer, Nanya, Chunghwa, Picvue, Unipac) an
Gewicht. Die Produktion von einfachen TN-Anzeigesystemen wurde in den
letzten Jahren verstärkt nach China verlagert.
Auf der vorgelagerten Stufe in der Wertschöpfungskette, bei den
Zulieferern der einzelnen Komponenten und Herstellern der Flüssigkristalle,
bestehen oligopolistische Marktstrukturen. Im folgenden Abschnitt wird auf
die Positionierung des Flüssigkristallgeschäfts von Merck im sehr eng
definierten, weltweiten Wettbewerb eingegangen.
Abb. 5: Wertschöpfungskette in der LCD-Industrie
Die Positionierung von Merck im
LCD-Geschäft und Aktivitäten in Asien
Seit Mitte der achtziger Jahre hat das Flüssigkristallgeschäft der
Merck-Gruppe erheblich an Bedeutung gewonnen. Die Zuwachsraten des
Umsatzes mit Flüssigkristallen lagen regelmäßig über den Zuwachsraten
des Gesamtumsatzes. Merck stellt derzeit ungefähr 50 Prozent der weltweit
in LCD-Anzeigen verwendeten Flüssigkristalle her und verfügt damit über
einen größeren Marktanteil als die zweit- und drittgrößten
Wettbewerber, die japanische Chisso Corporation und die japanische Dai
Nippon Ink & Chemicals Co., zusammen. Im Low-End-Bereich stellt die
Merck-Gruppe einfachere Flüssigkristallmischungen für TN-Displays (z.B.
in Armbanduhren, Taschenrechnern, Automobilanzeigen, Computerspielen, Großanzeigetafeln
für Flughäfen, Bahnhöfe, Banken usw.). Im High-End-Bereich, der
zunehmend an Bedeutung gewinnt, bietet die Merck-Gruppe Flüssigkristallmischungen
unter anderem für TFT-Displays in Computeranwendungen (Notebooks,
Desktop-Monitore), Navigationssystemen (für Kraftfahrzeuge und
Luftfahrt), Fernsehmonitoren, Digitalkameras, Video-Camcordern an.
Die Merck-Gruppe hat seit Beginn der neunziger Jahre sukzessive Maßnahmen
zur Verbreiterung der Geschäftsbasis ergriffen. Es erfolgte eine
schrittweise Diversifikation in Herstellung und Vertrieb anderer
Komponenten für LCD-Zellen. Neben Flüssigkristall-Mischungen werden von
Merck beschichtete Glasplatten (ITO-Glas) sowie zusammen mit Nippon
Shokubai Co. Ltd. Abstandhalter für die Display-Zellen angeboten.
ITO-Glas ist mittlerweile zu einem wichtigen Geschäftsfeld geworden:
Zirka ein Viertel des Umsatzes in der Flüssigkristall-Sparte werden durch
die in Taiwan ansässige Tochtergesellschaft Merck Display Technologies
mit ITO-Glas erzielt. Neben den Komponenten für LCD-Zellen bietet das
Unternehmen auch andere Displaymaterialien an wie Flüssigkristalle für
PDLC-Folien, die hauptsächlich in elektrisch schaltbaren Fenstern und
Trennwänden Verwendung finden.
Die rasante Marktentwicklung in Japan und in Südostasien hat die
Merck-Gruppe aktiv begleitet. Bereits Ende der siebziger Jahre gab es
Anzeichen, dass sich bei den Standorten der Kunden in der LCD-Industrie
ein regionaler Bedeutungswandel vollziehen wird. Dominierten Anfang/Mitte
der siebziger Jahre noch europäische beziehungsweise amerikanische Kunden
bei LCD-Anzeigesystemen, so setzte sich mit dem Auftreten der Unternehmen
Sharp, Toshiba, Seiko-Epson und Hitachi die japanische Konkurrenz
zunehmend durch. Die Sparte Flüssigkristalle von Merck hat sich frühzeitig
in Japan etabliert. Dem Bedeutungszuwachs japanischer Kunden Rechnung
tragend, wurde - wie bereits oben erwähnt - im Jahre 1984 in Atsugi in
der Nähe von Tokyo ein anwendungstechnisches Labor errichtet. Das
F&E-Labor wurde in den Folgejahren im Zuge der Entwicklung von
TFT-Displays kontinuierlich erweitert. Innerhalb der Flüssigkristall-Sparte
ist das japanische Labor außerhalb Europas das größte. In Japan werden
Flüssigkristall-mischungen für neue Anwendungen auf dem Gebiet der
TFT-Displays sowie STN-LCDs - speziell für Notebooks - entwickelt. Neben
den F&E-Einrichtungen verfügt das Unternehmen in Japan auch über
eigene Produktionskapazitäten. Nach der Schließung des Werkes in Poole
(England) ist die Produktion der Flüssigkristallmischungen somit in
Darmstadt und in Atsugi konzentriert.
Seit Anfang der neunziger Jahre treten neben den japanischen Unternehmen
auch LCD-Hersteller aus den südostasiatischen Ländern Taiwan, Südkorea
und Hongkong auf den Markt. Zunächst noch ausschließlich im TN-Segment tätig,
haben diese Unternehmen ihre Aktivitäten mittlerweile auch auf
TFT-Displaytypen ausgeweitet. Für das Jahr 2005 wird erwartet, dass die
TFT LCD Produktionskapazität in Taiwan und Korea derjenigen in Japan
entspricht [2]. Merck hat auf diese Entwicklung mit der Errichtung eigener
Niederlassungen in Südkorea und Taiwan reagiert. Im folgenden Abschnitt
wird näher erläutert, welche Motive aus dem Innovationsprozess heraus
Merck dazu veranlasst haben, in Produktions- und Entwicklungskapazitäten
in Asien zu investieren.
Abb. 6: Organisation der Merck-Gruppe
Zusammenarbeit mit den
Kunden in Japan und Südostasien
Betrachtet man die geringen Mengen, die im Geschäft für Flüssigkristalle
umgesetzt werden, so ist auf den ersten Blick eine unmittelbare Präsenz
vor Ort bei den Kunden nicht als conditio sine qua non (lat.: unerlässliche
Bedingung) anzusehen. Die Kunden in Asien könnten auch durch die
zentralen Entwicklungs- und Produktionskapazitäten in Darmstadt bedient
werden. Angesichts des sehr hohen Value-to-Weight-Verhältnisses wäre
eine Global Sourcing-Strategie eine zunächst vertretbare Lösung. Auch können
Lohnkostenvorteile nur bedingt als Argument für die Produktion von Flüssigkristallen
in Asien angeführt werden. Zum einen werden in der Entwicklungsphase höher
qualifizierte Arbeitskräfte eingesetzt, und zum anderen ist der
Produktionsprozess wenig arbeitsintensiv organisiert.
Die strategische Relevanz der lokalen Präsenz ergibt sich aus der
Besonderheit des Flüssigkristallgeschäfts - die Produkte sind kaum
standardisiert und individuell an die spezifischen Anwendungen des Kunden
angepasst. Sowohl während des Entwicklungs- als auch während des
Produktionsprozesses der Flüssigkristalle besteht deshalb ein hoher
Interaktionsbedarf zwischen Merck und seinen Kunden. Die von Merck für
die LCD-Hersteller produzierten Flüssigkristallmischungen bestehen
typischerweise aus einer Mischung von 10 bis 20 Einzelsubstanzen. Die
spezifischen Anforderungen der Kunden erfordern dabei jeweils individuelle
Lösungen bei den Mischungen. Der Kunde gibt die anwendungsrelevanten
Eigenschaften für das Display vor, welche von Merck in die Anforderungen
an die Flüssigkristallmischungen übersetzt werden müssen. Zusammen mit
dem Hersteller des LCDs wird aus der Fülle der technisch relevanten
Daten, basierend auf einem Produktportfolio von über 200 Flüssigkristallen,
eine individuelle Lösung zu den spezifischen Vorgaben erarbeitet.
An der Entwicklung der Flüssigkristallmischungen mit gänzlich neuen
Eigenschaften sind bei Merck sowohl Chemiker als auch Physiker beteiligt.
Chemiker sind verantwortlich für die Synthese neuer Flüssigkristallmoleküle.
In der Regel ist die Entwicklung von Flüssigkristallen mit neuen
angepassten Eigenschaften bei neuen Anzeigetypen erforderlich. Physiker übernehmen
die Bestimmung der physikalischen Eigenschaften der Flüssigkristalle
sowie die Entwicklung der Mischungen. Zusammen mit dem Kunden
konkretisieren und spezifizieren die Entwickler anhand der technischen
Vorgaben die Anforderungen an die Mischungen. Die Erfahrung der
Merck-Gruppe zeigt, dass neben den technischen Eigenschaften im Rahmen der
Entwicklung der Flüssigkristallmischungen vor allem die prozesstechnische
Realisierbarkeit hinsichtlich Menge, Kosten und Qualität von
entscheidender Bedeutung ist. Merck arbeitet deshalb bei der
Produktentwicklung eng mit den verantwortlichen Mitarbeitern in
Verfahrensentwicklung und Produktion zusammen.
Die Erfordernis der geographischen Nähe zu den Kunden in Asien ergab sich
für Merck aus mehreren Gesichtspunkten: Grundsätzlich ergibt sich die
Notwendigkeit zur Präsenz am Standort der Kunden durch die
Interdependenzen im Entwicklungsprozess bei der Übersetzung der
technischen Spezifikationen an die Anforderungen der Flüssigkristallmischungen.
Der direkte persönliche Kontakt der Mitarbeiter des anwendungstechnischen
Labors mit den Entwicklern der Displayhersteller erleichtert den
Informationsaustausch und die Lösungsfindung. Dieser Aspekt wird zudem
verschärft durch die dramatische Verkürzung der Taktzeiten bei der Einführung
neuer Produkte, gerade im Bereich der Konsumelektronik und
Computeranwendungen. Marktlebenszyklen von weniger als einem Jahr bilden
in diesen Segmenten eher die Regel. Toshiba beispielsweise führt in einem
Abstand von zirka zwei bis vier Wochen neue Notebook-Modelle in die
Produktion ein [7]. Daraus leiten sich auch entsprechende Vorgaben an die
Produktentwicklungszeiten ab. Um als Zulieferer schnell und flexibel mit
der Entwicklung von Flüssigkristallmischungen auf entsprechende
Nachfragen reagieren zu können, ist die Präsenz mit eigenen Entwicklern
vor Ort unerlässlich.
Des Weiteren spielt die Akzeptanz der japanischen Kunden eine
entscheidende Rolle bei der Auftragsvergabe. Um als nicht-japanischer
Anbieter in neue technologische Entwicklungsprojekte eingebunden zu
werden, bedarf es zumindest der lokalen Präsenz, unter anderem auch mit
japanischem beziehungsweise asiatischem Management. Dass es Merck gelungen
ist, in Asien (beziehungsweise Japan) als deutscher Hersteller eine
Reputation aufzubauen, zeigt sich nicht zuletzt auch in der Tatsache, dass
Merck in Japan seit 1996 an einem auf fünf Jahre ausgelegten
Forschungsprojekt des MITI, des japanischen Ministeriums für
internationalen Handel und Industrie, zum Thema Flüssigkristalle
beteiligt ist. In der Regel werden in Japan nur angestammte nationale
Unternehmen in die öffentliche Forschungsförderung eingebunden.
Letztlich ist für Merck die Präsenz am Leadmarkt aber auch angesichts
der hohen Veränderungsdynamik bei den Produkten im LCD-Bereich von
strategischer Bedeutung. Um frühzeitig sich neu entwickelnde und
formierende Anwendungsfelder einschätzen und deren Potenziale beurteilen
zu können, ist der direkte Kontakt mit den führenden Displayherstellern
von entscheidender Bedeutung. Kunden aus Asien dominieren den
Innovationsprozess seit Jahren, und nur über entsprechende informelle
Kontakte vor Ort war Merck in der Lage, frühzeitig neue Trends erkennen
und entsprechend reagieren zu können. Bei der Entwicklung von
TFT-Displays beispielsweise war Merck durch die Präsenz am Leadmarkt befähigt,
das Potenzial der neuen Technologie frühzeitig abzusehen und schneller
als die Wettbewerber Forschungsergebnisse durch eine breit angelegte
Patentstrategie abzusichern.
Implikationen für die effiziente
F&E-Organisation in der Sparte Flüssigkristalle
Aufbauend auf den Überlegungen zur Zusammenarbeit mit den Kunden ergab
sich für Merck bereits sehr früh die Frage nach der effizienten
Organisation der F&E im Flüssigkristallgeschäft. Zum einen bestand
die Notwendigkeit, marktnahe Entwicklungstätigkeiten bei den Kunden vor
Ort anzusiedeln. Zum anderen gab es jedoch gerade im Bereich der
chemischen Grundlagenforschung keine zwingende Notwendigkeit zur
Dezentralisierung. Die Synthese ist in der Regel ein komplizierter,
mehrstufiger und kapitalintensiver Prozess. Bei der dafür erforderlichen
Infrastruktur, insbesondere bei Forschungsanalytik und Scale up, führten
Synergien mit anderen Forschungsbereichen am Stammsitz des Unternehmens
zur Realisierung von Skalenvorteilen in Form von Verbundeffekten. Die
Identifikation von Flüssigkristallen mit verbesserten und neuen
anwendungsbezogenen Eigenschaften ist nur im engen Dialog zwischen
chemischer und physikalischer Grundlagenforschung möglich.
Zusammenfassung
In der vorliegenden Fallstudie wird die internationale Organisation der
Flüssigkristallforschung und Entwicklung der Firma Merck beschrieben und
analysiert. Das Unternehmen ist Weltmarktführer bei der Herstellung von
Flüssigkristallen, die in zahlreichen Produkten mit Flachbildschirmen
(beispielsweise Notebooks, Uhren, Taschenrechner, Videokameras u.a.) zur
Anwendung kommen. Das Bemerkenswerte an der Marktposition ist, dass sich
das deutsche Unternehmen auf einem von japanischen Herstellern dominierten
Markt als führender Zulieferer behaupten konnte. Dies erforderte neben
dem Aufbau entsprechender Entwicklungseinrichtungen in Asien - und zwar in
unmittelbarer Nähe zum Kunden, der die anwendungsrelevanten Eigenschaften
vorgibt - eine effiziente Gestaltung des F&E-Prozesses, da die
Forschung nach wie vor zentralisiert in Darmstadt durchgeführt wird.
Literatur
[1] Carbone, J. (1997): Buyers look for LCD price war as market
grows, in: Purchasing, Vol. 123, Nr. 7, November 6, 1997, S. 64-68.
[2] Denpa Shinbun (1999): May 24, 1999, Japan.
[3] Erdmann, D. (1988): Twenty Years of Liquid Crystal Research at
Merck, in: Kontakte, 1988/2, Darmstadt, S. 3-5.
[4] Finkenzeller, U. (1988): Physical Properties of Liquid Crystals,
in: Kontakte, 1988/2, Darmstadt, S. 6-14.
[5] Geelhaar, T./Pauluth, D. (1997): Flüssigkristalle, in: Nachr.
Chem. Tech. Lab. 45, Nr. 1, 1997, S. 9-15.
[6] Gerybadze, A./Meyer-Krahmer, F./Reger, G. (1997): Globales
Management von Forschung und Innovation, Stuttgart 1997.
[7] Kuemmerle, W. (1997): Building Effective R&D Capabilities
Abroad, in: Harvard Business Review, März-April 1997, S. 61-70.
[8] Liu, S-J./Shyu, J. (1997): Strategic Planning for Technology
Development With Patent Analysis, in: International Journal of Technology
Management, Vol. 13, Nr. 5/6, 1997, S. 661-680.
[9] Liu, S.-J./Lee, J.-F. (1997): Liquid Crystal Display Industry in
Taiwan, in: International Journal of Technology Management, Vol. 13, Nr.
3, 1997, S. 308-325.
[10] Stanford Resources Inc. (1998): Liquid Crystal Displays, San
Jose 1998.
[11] Zedtwitz, M. V./Brauchlin, M./Schadt, M. (1996): Überwindung
nationaler Grenzen dargestellt am Beispiel der Liquid Crystal Display
(LCD)
|
Dieses Kapitel...
|
|
... können Sie vollständig per
PDF-Download beziehen:
Alle Seiten mit Abbildungen in optimaler Qualität, hervorragend geeignet
zum Ausdruck auf Papier.
Zusätzlich bietet Ihnen das PDF-Format praktische Suchmöglichkeiten.
Schon in wenigen Minuten sind die Kapitel auf Ihrem Computer gespeichert,
zu einem günstigen Preis: 30 Cent pro Seite.
Zum Download |
|