|
- Volltext -
Interne Innovationshindernisse Verhaltensprobleme und
ungeschriebene Spielregeln
von Tom Sommerlatte
Stichworte: Fehlender
Kooperationsgeist, Die ungeschriebenen Gesetze,
Die drei Kräfte: motivierend,
machtausübend, handlungsauslösend,
Verhaltensänderungen.
|
In
diesem Beitrag erfahren Sie:
|
-
warum in innovativen Unternehmen häufig trotz bester
Absichten nicht der nötige Kooperationsgeist aufkommen will,
-
wie sich neben offiziellen Vorgaben von der
Geschäftsleistung ungeschriebene Spielregeln entwickeln und wie diese wirken,
-
welche unterschiedlichen Kräfte auf das Verhalten der
Mitarbeiter einwirken und
-
wie diese Kräfte erkannt und genutzt werden können.
|
Wenn der
Kooperationsgeist fehlt
Unternehmen, die erkannt haben, dass Innovationsideen und Vorschläge
von Produkt- und Leistungsentwicklungsprojekten durch interdisziplinäre
Innovations-Teams bearbeitet werden sollten, wundern sich oft, warum diese
Teams den erhofften Effekt nicht zustande bringen. Obwohl in diesen Teams
die verschiedenen Verantwortungsbereiche zusammenwirken sollen, die einen
Beitrag zum Innovationsprozess leisten müssen, entsteht häufig nicht der
Kooperationsgeist, der zu einer Erhöhung der Innovationsleistung des
Unternehmens führen könnte.
Stattdessen verwickeln sich diese Teams unerwarteterweise in interne
Auseinandersetzungen über unterschiedliche Positionen ihrer Mitglieder,
so dass dann doch immer wieder die Unternehmensleitung eingreifen muss.
Es scheinen also Verhaltensprobleme zu bestehen, die einer höheren
Innovationsfähigkeit des Unternehmens im Wege stehen, auch wenn
Innovation zum erklärten Ziel erhoben wurde und wenn die
Unternehmensleitung dafür Innovations-Teams aus Vertretern der
betroffenen Bereiche, also insbesondere Forschung und Entwicklung,
Konstruktion, Produktion, Marketing und Vertrieb, ernannt hat.
Woran liegt das?
Sind die Mitarbeiter einfach unbelehrbar oder nicht wandlungsfähig?
Erfahrene Unternehmensberater haben sich in vielen Beratungsprojekten zum
Thema Innovation mit diesem Verhaltensproblem auseinandergesetzt und sind
zu einer entscheidenden Erkenntnis gekommen:
Es gibt in den Unternehmen neben den offiziellen Vorgaben und Praktiken
noch ungeschriebene Spielregeln, die im Untergrund wirken und bei
den meisten Maßnahmen daher nicht berücksichtigt werden. Im Gegenteil,
sobald eine neue formale Anweisung oder Regelung geschaffen wird, beginnen
eine Reihe von unterschwelligen Einflüssen sich darauf einzuschießen -
die Unternehmenskultur, die Ziele und Ängste der einzelnen Mitarbeiter,
das Machtgefüge der Führungskräfte und vieles andere mehr. Alle diese
Einflüsse führen zu Verhaltenskonsequenzen im Kontext des vorhandenen
Gefüges von Regeln, Praktiken und Anreizen, bis neben der offiziellen
eine ungeschriebene Version entstanden ist, nach der sich die Mitarbeiter
wirklich richten.
Die offizielle Version wird per Lippenbekenntnis anerkannt, aber
die davon abgeleitete ungeschriebene Spielregel wird gelebt. In dem
Maß, in dem ein Unternehmen durch Neugestaltung der Leistungsprozesse und
durch Neuformulierung der Strategie innovativer werden will, muss es sich
um diese ungeschriebenen Spielregeln kümmern, damit die Mitarbeiter
mitziehen.
Wenn die offizielle Lesart besagt, dass jeder Mitarbeiter, um die
Karriereleiter höher zu klettern, ein möglichst breites Spektrum von
Erfahrung in mehreren Verantwortungsbereichen des Unternehmens sammeln
sollte, dann ist in den Augen der Mitarbeiter dauerhafte Aufbauleistung
nicht von hoher Priorität.
Wenn die leistungsfähigsten Mitarbeiter nach zwei oder drei Jahren befördert
werden, dann bringt Teamverhalten in den Augen der Mitarbeiter nicht viel.
Und wenn obendrein als Maß für Leistungsfähigkeit das Ergebnis des
Bereichs zählt, zu dem ein Mitarbeiter gehört, dann kann
Interdisziplinarität in den Augen der Mitarbeiter nur schaden.
Die ungeschriebenen Spielregeln, die in einem solchen Umfeld mit aller
Wahrscheinlichkeit virulent sind, besagen dann:
-
Übernimm so schnell und häufig wie möglich neue Aufgaben und
verbeiß Dich nicht an der Lösung einer bestehenden Aufgabe.
-
Vermeide, mit Fehlschlägen identifiziert zu werden und falle Deinem
Vorgesetzten positiv auf, indem Du eine klare eigene Position
beziehst.
-
Lasse das Ergebnis und die Rolle Deines Bereichs positiv erscheinen,
selbst wenn es zu Lasten anderer Bereiche und vielleicht zum Schaden
des Unternehmens insgesamt sein könnte.
So sind kurzfristige und abteilungsegoistische Orientierung oft trotz
aller guten Absichten vorprogrammiert. Teamarbeit kommt nicht zustande,
selbst wenn sie vorgetäuscht wird, um der offiziellen Unternehmenslinie
zu entsprechen. Das Verhalten der Team-Mitglieder wird immer wieder
dadurch geprägt sein, dass sie ihren Beitrag und Erfolg einzeln
ausgewiesen und gewürdigt wissen wollen.
An diesem Widerspruch zwischen offiziellen Absichten und
ungeschriebenen, gewachsenen Verhaltensregeln scheitern viele gutgemeinte
Vorhaben, insbesondere wenn sie mit Innovation zu tun haben.
Was fehlt, ist ein Verständnis dafür, wie das Unternehmen wirklich
funktioniert.
Die Verhaltensprobleme entstehen aus dem nicht ohne weiteres sichtbaren
Widerspruch zwischen den Absichten der Unternehmensführung und der
Gesamtheit der ungeschriebenen Spielregeln.
Um diese Probleme zu überwinden, müssen die Führungskräfte das mentale
Modell der Spielregeln ihrer Mitarbeiter verstehen lernen, nicht nur um
unnötige Widerstände zu vermeiden, sondern auch um die Ursachen hoher
Leistung zu erkennen und Erfolge reproduzierbar zu machen. Es ist nämlich
möglich, die ungeschriebenen Spielregeln zu erforschen und sie dann
explizit anzuerkennen oder, wenn sie auf Fehlverhalten der Unternehmensführung
in der Vergangenheit beruhen, sie positiv zu beeinflussen, um Barrieren
abzubauen. Zunächst einmal muss das Innovationsvorhaben, um das es geht,
klar und überzeugend formuliert sein, und die Umsetzungsproblematik muss
erkannt und anerkannt sein. Der Übergang zu echter Teamarbeit bei der Erhöhung
der Innovationsleistung muss als Voraussetzung dafür herausgearbeitet
werden, dass Innovationsideen umfassend zusammengetragen, strategisch
richtig selektiert, mit hoher Marktorientierung verfolgt und schnell
umgesetzt werden.
Was hindert die betroffenen Mitarbeiter daran, die nötige
Teambereitschaft aufzubringen? Die Antwort geben die Betroffenen selber,
wenn man offen mit ihnen darüber spricht und ein Grundmodell einbringt,
das die Wirkung von drei unterschiedlichen Kräften beschreibt, die auf
das Verhalten der Mitarbeiter einwirken:
Motivierende Kräfte
Das sind nicht nur die Anreizsysteme des Unternehmens, die
Gehaltspolitik, die Nebenleistungen oder die Sicherheit des
Arbeitsplatzes, vielmehr zählt darüber hinaus dazu, was den Mitarbeitern
des Unternehmens wichtig erscheint, wofür sie sich einzusetzen bereit
sind.
In der Mehrzahl der Fälle geht es um die Interessantheit der Tätigkeit,
um die Sichtbarkeit und den Wert dessen, an dem der Einzelne mitwirkt, um
Entwicklungs- und Entfaltungschancen, um Anerkennung durch andere sowie um
Einfluss auf die eigene Tätigkeit.
Ebenso motivierend wirkt, was der Einzelne vermeiden oder verhindern will,
was er als Strafe oder Verlust betrachtet.
Welche der motivierenden Kräfte im Vordergrund stehen, kann von
Unternehmen zu Unternehmen und je nach Situation und Umfeld sehr
unterschiedlich sein. Häufig sind aber die Entwicklungs- und
Entfaltungschancen die stärkste motivierende Kraft. Die Mitarbeiter möchten
vorankommen, selbst wenn sie dafür kontraproduktive Verhaltensweisen für
das Unternehmen einschlagen müssen. Selbstentfaltungsdrang macht oft
blind für die negativen Effekte, wenn er nicht kanalisiert wird und wenn
keine Beziehung zum eigenen Einsatz hergestellt werden kann.
Flache Hierarchien, so vorteilhaft sie objektiv gesehen auch sind, haben
den großen Nachteil, dass sie Unsicherheit bezüglich des Entwicklungs-
und Entfaltungspotentials mit sich bringen. Es wurde bisher zu wenig darüber
nachgedacht, welche anderen Lösungen der Mitarbeiterentwicklung und
Anerkennung von Leistung und Einsatz angeboten werden könnten. Die enttäuschenden
und am wenigsten ausfüllenden Lösungen sind die finanziellen.
Die machtausübenden Kräfte
In sehr starkem Zusammenhang mit dem, was den Mitarbeitern wichtig
erscheint, stehen diejenigen im Unternehmen, die ihnen wichtig erscheinen.
Wer sind die Menschen, die den Einzelnen in die Lage versetzen können,
das zu erreichen, was sie erreichen wollen?
Wer eröffnet ihnen Entfaltungschancen, wer verschafft ihnen Respekt, wer
kann strafen? Aus der Sicht der Mitarbeiter kann die Machtstruktur des
Unternehmens ein völlig anderes Aussehen haben, als es das offizielle
Organigramm vermuten lässt. Neben den ungeschriebenen Spielregeln gibt es
so eine geheime Organisation im Unternehmen, die oft durch
Reorganisationsmaßnahmen gar nicht verändert wird, so dass sich nichts
ändert.
Häufig sind natürlich die Linienvorgesetzten die wichtigsten machtausübenden
Kräfte, aber nicht unbedingt der direkte Vorgesetzte, sondern vielleicht
erst der auf der übernächsten Hierarchieebene. Wenn man ihn nicht näher
kennt, so entstehen Phantomkräfte, in die alles mögliche
hineininterpretiert wird.
Um die machtausübenden Kräfte für sich zu gewinnen, sind viele, allzu
viele Mitarbeiter bereit, sich zu kompromittieren, ihr Ehrgefühl
hintanzustellen, ihre Werte wie die Fahne nach dem Wind zu hängen, und
sogar den Unternehmenserfolg aufs Spiel zu setzen.
Um diesen machtausübenden Kräften gegenüber positiv aufzufallen,
ereifern sie sich häufig in vorauseilendem Gehorsam.
Daher ist es schlimm, wenn sie die Wünsche und Ziele der Machtfiguren im
Unternehmen nur erahnen können. Denn sie täuschen sich häufig.
Egoismen, Machtkampf, Abteilungsegoismen auf den unteren Ebenen
resultieren meistens aus der Interpretation (richtig oder falsch) dessen,
was die entscheidenden Machtpromotoren persönlich wollen. Da sich diese
Verhältnisse auf allen Ebenen finden, entstehen oft Seilschaften des
Verderbens.
Die Führungskräfte täuschen sich in vielen Fällen über die Linie der
Machtausübung. Da sie selber selten befehlen, strafen oder in kämpferische
Erscheinung treten, werden sie von den Mitarbeitern unter Umständen nicht
als die machtausübenden Kräfte angesehen. Statt dessen spielt sich die für
die ungeschriebenen Spielregeln entscheidende Machtausübung in der
geheimen Organisation auf unteren Ebenen ab.
Kein Wunder, dass die Wünsche und Entscheidungen, die Visionen und Überzeugungen
der Unternehmensführung insgeheim nicht ernst genommen werden.
Die handlungsauslösenden
Kräfte
Sie entstehen aus dem Zusammenwirken der motivierenden und der machtausübenden
Kräfte in spezifischen Situationen.
Zum Beispiel bewirken Erfolgssituationen oder Wettbewerbsspannungen, dass
die Mitarbeiter zu Verhalten und Handlungen bewegt werden, mit denen sie
den Beweis ihrer Qualifikation gegenüber den von ihnen als entscheidend
eingestuften Machtpromotoren erbringen können in der Erwartung, dass sie
dann ihr Ziel, eine weitere Entwicklungsstufe im Unternehmen, erreichen können.
In der Tendenz, stark zu vereinfachen, sind die finanziellen Ergebnisse
des Verantwortungsbereichs des jeweils betroffenen Mitarbeiters häufig
zur wichtigsten handlungsauslösenden Kraft geworden. Das gesamte Streben
und Wertegefüge reduziert sich dann häufig in extremer Weise auf das
kurzfristige finanzielle Ergebnis, manchmal selbst unter Inkaufnahme von
Manipulation und Suboptimierung, Feindschaften und Übervorteilung.
Wie wir mit den Kräften der
geheimen
Organisation umgehen müssen
Alle diese Kräfte, die zur Herausbildung der ungeschriebenen
Spielregeln im Unternehmen führen, sind in sich logisch. Sie entstehen
dadurch, dass die Mitarbeiter des Unternehmens ein eigenes Verständnis
davon entwickeln, was ihnen wichtig ist, wer ihnen wichtig
erscheint, um ihr Ziel zu erreichen und wie sie in dieser
Konstellation ihr Ziel erreichen können.
Um Teamfähigkeit und interdisziplinäre Kooperation zu steigern, sollte
die Verweilzeit auf den einzelnen Karrierestufen und in den
unterschiedlichen Funktionsbereichen erhöht werden, vorausgesetzt, dass
dadurch nicht die Entwicklungs- und Entfaltungsgeschwindigkeit beeinträchtigt
wird. Entscheidungen über Beförderung und Gehalt können, anstatt vom
direkten Vorgesetzten allein gefällt zu werden, von einer zuvor
definierten Gruppe von involvierten Bereichsvertretern mitbestimmt werden.
Als wichtigstes Beurteilungskriterium kann der Erfolg des Teams
herangezogen werden, dem der einzelne Mitarbeiter angehört.
Auf diese Weise ändern sich die ungeschriebenen Spielregeln und schließlich
auch das Verhalten der Mitarbeiter.
Zusammenfassung
Innovative Unternehmen müssen häufig erkennen, dass der für den
Innovationsprozess notwendige Kooperationsgeist einfach nicht aufkommen
will. Neben offiziellen Vorgaben entwickeln sich ungeschriebene
Spielregeln, die im Untergrund wirken und deshalb kaum berücksichtigt
werden können.
Führungskräfte sollten das mentale Modell der Spielregeln ihrer
Mitarbeiter verstehen lernen. Meist sind es drei Kräfte, die auf das
Verhalten einwirken: motivierende, machtausübende und handlungsauslösende
Kräfte. Nur wenn die geltenden geheimen Regeln erforscht sind, können
sie genutzt und umgewandelt werden und im Unternehmen zur Erhöhung der
Innovationsleistung führen. |