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- Leseprobe -
Strategische Auswahl von Innovationstypen
von Alexander Gerybadze
Stichworte: Innovation als Kombination von
Produkten, Prozessen und Dienstleistungen, Richtige Positionierung,
Spezifischer Wert für den Kunden,
Änderungen durch Innovation aus Herstellersicht,
Systemische Innovation und Charakteristik der Innovationsarchitektur,
Zusammenfassung, Literatur
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In diesem Beitrag
erfahren Sie:
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wie aus der Kombination von neuen Produkten, Prozessen und
Dienstleistungen eine Innovation entsteht,
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wie ein Unternehmen mit Hilfe einer strategischen Auswahl
von Innovationstypen seinen Platz auf dem Spielfeld der Innovation finden kann,
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wo der spezifische Wert einer Innovation für den Kunden
liegt und
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wie Zielrichtung und Ausmaß der durch Innovation
angestrebten Änderung aus Herstellersicht aussehen.
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Ganz entscheidend für den Erfolg eines Unternehmens im
Innovationswettbewerb ist die frühzeitige Festlegung, welcher Typus von
Innovation eigentlich verfolgt werden soll. Zu diesem Zweck muss ein
Unternehmen abstecken, welche Schachzüge im Innovationsfeld möglich
sind, welche innovativen Leistungen der prospektive Kunde besonders
honoriert und welche der angestrebten Felder überhaupt zu dem zulässigen
Terrain für die betreffende Firma zählen. Die meisten Manager
strukturieren diesen Auswahlprozess nicht sorgfältig genug. Sie setzen
sich Scheuklappen auf und übersehen oft, welche Steuerungsparameter sie
eigentlich in der Hand haben. Verbreitete Fehler sind:
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Innovationen werden überwiegend mit neuen Produkten gleichgesetzt,
und man vergisst darüber, die anderen Register zu ziehen (neue
Serviceleistungen, Produktionsverfahren und Geschäftsprozesse).
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Man liebäugelt mit technischen Raffinessen, glaubt, neue
Technologien seien der einzige Schlüssel zum Erfolg und pflegt
mitunter weniger ergiebige F&E-Steckenpferde.
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Die Herstellersicht dominiert die Projektauswahl, und es wird nicht
konsequent genug bedacht, welchen Nutzen der Kunde aus Innovationen
zieht.
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Sehr häufig wird nur ein einzelner Baustein des
Innovationsprozesses hervorgehoben (ein F&E-Projekt, ein Patent);
die Komplexität und der Aufwand für weitere Änderungs- und
Anpassungsmaßnahmen werden unterschätzt.
Dabei sind die zulässigen Schachzüge im Innovationsfeld für jeden
Unternehmer vergleichsweise gut überschaubar, wenn er sich nur die
entscheidenden Parameter bewusst macht, an denen eine wirksame Veränderung
ansetzen kann. Bestimmte Felder sind für ihn von vornherein nicht zugänglich,
und die kleinen Fenster, durch die er genau zum richtigen Zeitpunkt schlüpfen
muss, sind zumeist nur vorübergehend geöffnet.
Innovationen als Kombination
von neuen Produkten, Prozessen und Dienstleistungen
Zuallererst müssen wir die verbreitete Vorstellung über Bord werfen,
Innovation hätte immer etwas mit einem tangiblen neuen Produkt zu tun.
Selbstverständlich können Firmen mit einem herausragenden neuen Produkt
einen Treffer landen, und auch weniger herausragende technische Gadgets
sind mitunter außerordentlich erfolgreich, wie das Beispiel Tamagotchi
zeigt. Doch selbst bei letzterem entfällt vermutlich nur ein Bruchteil
der Wertschöpfung auf die Hardware, der wesentliche Teil dagegen auf die
zielgrupppenspezifische Aufbereitung von Sehnsüchten, tendenziell also
eher auf intangible Serviceleistungen.
Die eigentliche Produktinnovation kann eine wichtige Rolle spielen, wenn -
ausgehend von einem erfolgreichen Kernprodukt - eine Sequenz von
verbesserten oder völlig neu konzipierten Produkten im Markt lanciert
wird (vertikale Bewegung in Abb. 1). Aber in vielen Fällen ist kein neues
Produkt angesagt, sondern der wesentliche innovative Beitrag liegt bei der
Prozessinnovation und/oder im Bereich der Serviceinnovation. Die
Serviceinnovation erweitert die Wertschöpfung zusätzlich zu einem
Kernprodukt als Bewegung hin zum Kunden (Pfeil rechts in Abb. 1). Produkte
werden zudem auch durch Prozess- und Verfahrensinnovationen
preislich, qualitativ und logistisch aufgewertet (Pfeil links in Abb. 1).
Sehr häufig ist es auch nicht das eine oder das andere, sondern
der Kern der Veränderung liegt in einer geschickten und vorteilhaften
Verknüpfung von Produkten und Dienstleistungen beziehungsweise von
Produkt und Prozesstechnologien.
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In vielen herstellenden Bereichen (z.B. in der Automobil- und
Zulieferindustrie und im Maschinenbau) gehen Produktinnovationen und
Prozessinnovationen fast immer Hand in Hand, und gerade die geschickt
gewählte Kombination von beidem sichert erst nachhaltig
Wettbewerbsvorsprünge ab.
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In sehr vielen Fällen sind es gerade neuartige
Dienstleistungsattribute, die einer Innovation zum Durchbruch
verhelfen. Serviceinnovationen werden mit Produkt- oder Prozessinnovationen
kombiniert. Die neuartige Serviceleistung ist es vor allem, die der
Kunde registriert, und diese, verknüpft mit besonderen
Produktattributen, verschafft erst den Vorteil im
Innovationswettbewerb.
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Produktinnovation
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Prozess-Innovation (für
Kunden oft nicht sichtbar)
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Kernprodukt
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Service-Innovation
(hin zum Kunden)
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Abb. 1: Zusammenspiel von Produkt-, Prozess- und
Serviceinnovation
Die
richtige Positionierung im Spielfeld der Innovation
Die Systematisierung möglicher Veränderungsstrategien in Abbildung 2
spannt ein Feld um die Dimensionen Produkt, Bedarfsfeld, Prozess
und Systemlevel auf.
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Produktverbesserungen um ein Kernprodukt herum (dunkel
schraffiert);
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wesentliche Neuprodukte (hell schraffiert);
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radikal neue Produktkonzepte (weißes Feld).
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Der Aktionsparameter Bedarfsfeld beschreibt, wie weit ich in
kundenseitige Wertschöpfungsprozesse und neue, bislang noch
unerschlossene Bedarfsfelder vordringe (auch hier sind drei Intensitäten
der Veränderung möglich).
-
Das Aktionsfeld Prozess beschreibt Ausmaß und Intensität
der Erschließung neuartiger Fertigungstechnologien und Geschäftsprozesse.
-
Schließlich wird durch das Aktionsfeld Systemlevel
beschrieben, ob eine Firma sich als Komponentenanbieter (Ebene 1),
Modullieferant (Ebene 2) oder Systemintegrator (Ebene 3) versteht.
Die frühzeitige Überprüfung der besonders werthaltigen
Innovationsleistung legt offen, auf welche Felder man sich verstärkt
konzentrieren sollte, und lenkt davon ab, dass man sich zu einseitig auf
technische Details und auf nicht wirklich werthaltige Produktattribute
festlegt. Fragen, die sich dabei stellen:
-
Worauf sollte der größte Teil der Wertschöpfung entfallen: auf
die Produkt-, Prozess- oder Serviceinnovation?
-
Wie bewertet der prospektive Kunde jeweils veränderte Produkte,
Prozesse und Serviceleistungen, und wofür ist er besonders bereit zu
zahlen?
-
Welches ist für unsere Firma die geeignete Kombination von
Produkt-, Prozess und Serviceinnovationen, und wie bündeln wir diese
zu einer einzigartigen Leistung?
-
Auf welches Systemlevel zielen wir jeweils ab, und welches ist dafür
die geeignete strategische Leistungstiefe?
Immer häufiger ist es nicht allein die isolierte Veränderung
einer
Stellschraube, die den Erfolg einer Firma im Innovationswettbewerb
ausmacht, sondern die Herausarbeitung einer einzigartigen Kombinatorik von
Produktattributen, von veränderten internen Prozessen und vor allem auch
von neuartigen Serviceleistungen. Besonders ergiebig wird dies dann, wenn
ein Unternehmen einen einzigartigen Markenwert, das heißt Brand equity für
eine ganz spezifische Innovationsleistung aufbaut. Beispielhaft ist für
eine solche Strategie das Unternehmen Tetrapak, das sich durch eine
ausgereifte Kombination von neuartigen Verpackungsprodukten, durch
firmenspezifische Verarbeitungsprozesse, die weit in die Wertschöpfungskette
des Kunden hineinreichen, und durch gezielte Servicepakete an Unternehmen
in der Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie hervorhebt. Für diese
einzigartige Leistungskonfiguration ist Tetrapak weltweit als das wohl führende
Unternehmen bekannt, obwohl Verpackungen eher etwas sind, was man gern
loswerden möchte.
Die herausragende Kombination und Bündelung von neuen Produkten,
Prozessen und Dienstleistungen kann auch als Systeminnovation
bezeichnet werden. Diese umfasst eine besonders geschickt ausgewählte
Portionierung von veränderten Produkten, Systemmodulen, Prozess- und
Serviceinnovationen. Frühzeitig muss festgelegt werden, welcher Teil der
Wertschöpfung auf welche der jeweiligen Komponenten entfällt. Gute
Systeminnovatoren werden auch besonders ausgefuchst in der Überprüfung
der strategischen Leistungstiefe sein. Sie fragen sich: Für welche der
einzelnen Innovationsschritte übernehmen wir eigentlich selbst die
Oberhoheit und welche Veränderungsleistungen können wir bewusst anderen
Firmen überlassen, die auf diesem Gebiet einfach noch besser sind als
wir?
Zu dem Prozess der Auswahl der erfolgversprechenden Innovationsfelder zählt
untrennbar auch die Frage nach der adäquaten technologischen
Leistungstiefe. Ebenso fatal wie die Gleichsetzung von Innovationen mit
neuen Produkten ist die allzu starke Schwerpunktsetzung auf Technologie
und eigene F&E. Diese ist zwar oft ein wichtiger Schlüssel für die
Differenzierung im Innovationswettbewerb. Nicht immer brillieren
erfolgreiche Innovatoren aber primär durch technische Glanzleistungen.
Technologie ist oft nur Mittel zum Zweck. Sie ist für den Kunden selbst
zumeist nicht direkt vermittelbar und erlangt dann nur in Verbindung mit
besonderen Service- und Marketingleistungen den entscheidenden Zusatzwert.
Bestimmte F&E-Leistungen und Technologien können auch bewusst nach außen
verlagert und von Partnern mit Spezialisierungsvorteilen kontrahiert
werden. Innovation ist zwar oft zu einem erheblichen Teil auch technologische
Innovation; aber es gibt zugleich auch sehr erfolgreiche Innovatoren,
die das technische Terrain von vornherein anderen überlassen.
Entscheidend ist nur, dass man die strategisch wichtigen Felder des
Innovations-Spielfelds besetzt und sich frühzeitig darüber klar wird,
welche weiteren, komplementären Felder so abgesichert werden müssen, dass
man keine Überraschungen erlebt.
Was macht den Typus des
Produkts und der angestrebten innovativen Leistung aus?
In einem ersten Schritt muss ich mir diese Frage stellen und darüber
hinaus festlegen, wo ich mich im Innovations-Spielfeld genau positionieren
will. Auf der erstgenannten Ebene in Abbildung 3 werden dabei primär
folgende Fragen angeschnitten:
-
Welches Aktionsfeld bei meiner Innovationsstrategie steht im
Vordergrund: Produkt, Prozess, Bedarfsfeld oder Systemlevel?
-
Wie weit dringe ich bei dem von mir präferierten Aktionsfeld in
Neuland vor?
-
Bewege ich mich schwerpunktmäßig entlang einer Achse, oder stelle
ich Kombinationen von zwei oder mehreren Aktionsfeldern her?
-
Wie bekomme ich die bei der von mir angestrebten Kombination
resultierende Komplexität in den Griff?
Innovationen können manchmal leicht zerlegt und modularisiert werden,
sind aber in vielen Fällen ausgesprochen systemisch: Die Änderung an
einem Teil zieht schwierige Änderungen an anderen Komponenten nach sich
und so weiter; wenn ich nicht aufpasse, verfange ich mich in einem Netz.
Nicht immer sieht man einer zunächst einfach strukturierten Neuerung auf
den ersten Blick ihren systemischen Charakter an. Bietet eine Firma ein
einfach strukturiertes Werkstück an (zum Beispiel einen neuartigen Dübel
oder einen Sensor für die Aufnahme eines ganz bestimmten Messwerts), so
kann eine Innovation mitunter sehr viel leichter angegangen werden, als
wenn komplexe neue Systeme bereitgestellt werden sollen, die sehr erklärungsbedürftig
sind und eine hohe Nutzungskomplexität aufweisen. Zumeist übersieht
jedoch der technisch ausgerichtete Innovator die »Folgekosten« und
Integrationserfordernisse, die er anderen (Unternehmen, Handwerkern,
Endkunden) aufbürdet. Dies ist insbesondere der Fall, je größer das
Ausmaß der Produkt- und Systemkomplexität ist und je stärker eine
Komponente oder ein Produkt in umfassendere Wertschöpfungs- und
Nutzungsketten eingebunden ist.
Ein Automobil ist ein Extremfall eines ausgesprochen komplexen Systems mit
extrem hoher Anzahl an Bauteilen und ausgeprägter Variantenvielfalt. Der
Innovationsprozess in der Automobilindustrie ist entsprechend ein
komplexer Systemintegrationsprozess, der einen effektiven Wertschöpfungsverbund
mit innovativen Zulieferern und Dienstleistern voraussetzt. Geradezu naiv
erscheinen in dieser Branche immer wieder Versuche von Einzelerfindern und
Neugründern, einen neuartigen Fahrzeugtypus oder eine Schlüsselkomponente
in den Markt drücken zu wollen. Dies kann nur Aufgabe des sogenannten
OEM, des Systemintegrators sein, der dafür die erforderlichen Ressourcen,
organisatorische Voraussetzungen und Erfahrungen mitbringt.
Für komplexe Produkte und Systeme wie beispielsweise in der
Automobilindustrie oder im Maschinen- und Anlagenbau ist zudem auch
entscheidend, welche Produkt- beziehungsweise Systemarchitektur vorliegt.
Hierbei ist danach zu fragen, ob das vorliegende System eher integralen
Charakter hat oder ob eine Modularisierung in Teilleistungen und
Komponenten möglich ist. Modularisierbarkeit heißt vor allem
auch: Es können leicht Änderungen an einzelnen Teilen und Baugruppen
vorgenommen werden, die relativ unabhängig von der Funktions- und
Wirkungsweise des Gesamtsystems sind. Innovation für leicht
modularisierbare Komponenten und Subsysteme ist eher eine Sache für
kleinere, unabhängige Firmen. Komplexe integrale Produkte und Systeme
erfordern demgegenüber zumeist große Systemfirmen, die es verstehen,
Innovationen in verschiedenen Teilsystemen aufeinander abzustimmen und das
Gesamtsystem zu optimieren [9;10].
Was macht den spezifischen
Wert einer Innovation für den Kunden aus?
Neue Produkte und Dienstleistungen können auf Anwendungen und
Bedarfsfelder abzielen, die vergleichsweise gut bekannt sind und für die
die Marktumgebung vertraut ist. Viele Firmen verfügen über eine profunde
Kenntnis ihrer Kunden und über gut ausgebaute Informations- und
Distributionskanäle, um diese mit leicht verbesserten Produkten und zusätzlichen
Serviceleistungen zu versorgen. Allerdings können sich allzu vertraute
Beziehungen zu Kunden auch als Innovationsbremse erweisen, wenn die
Umstellung auf grundlegend neue Produkte und Technologien von Schlüsselkunden
nicht mitgetragen wird [2].
Firmen verfügen über recht unterschiedliche Informationskanäle zu
Kunden, und sie weisen zudem deutliche Unterschiede auf, was die Erfassung
latenter Bedürfnisse und die Erschließung neuer Bedarfsfelder
anbetrifft. Stärken auf einem Gebiet können sich durchaus als Defizite
auf einem anderem Gebiet erweisen. Manche Firmen sind ausgesprochen
erfolgreich beim Erschließen der weißen Felder in neuen Marktumgebungen.
Viele andere sind hingegen besonders stark im Anpassen und Verbessern von
Leistungen in bekannten Märkten. Ich muss mir als Unternehmer bewusst
sein, für welche Felder und Innovationstypen ich über bessere Sensorien
und Suchroutinen verfüge, und mich verstärkt auf diese konzentrieren.
Dabei kann ich zwischen folgenden drei Feldern beziehungsweise drei Typen
der Produktinnovation aus Kundensicht unterscheiden [7]:
-
Substitutive Innovationen können weitgehend als
kontinuierliche Verbesserungen von Leistungsmerkmalen für bestehende
Funktionen und Anwendungen in einer bekannten Marktumgebung
beschrieben werden. Beispiel hierfür ist die Bedienung derselben
Gruppe von PC-Herstellern mit verbesserten Prozessoren oder
Speicherplattenlaufwerken (vgl. dazu das linke untere Feld in Abb. 4).
-
Wertschöpfungs-Innovationen zielen auf eine ähnliche
Marktumgebung und mehr oder weniger gut bekannte Kunden und
Zielgruppen ab. In diesen wird ein erhöhter Wertschöpfungsbeitrag
durch Produkte mit erweiterten Funktionen und möglicherweise neuen
Anwendungen angestrebt (mittleres Feld entlang der horizontalen Achse
in Abb. 4). Beispiel hierfür wäre die Schaffung eines neuartigen
Fahrzeugsegments (All Activity Vehicle) durch Daimler Benz, das
gleichermaßen Charakteristiken von Geländefahrzeugen und auch
Limousinen abdeckt.
-
Innovationen für völlig neue Märkte und Bedarfsfelder
finden sich in dem äußersten rechten, weiß schraffierten Bereich in
Abbildung 4. Firmen erschließen bislang weitgehend ungenutzte Markt-
und Umsatzpotentiale und bauen sukzessive neue Markt- und
Branchenstrukturen auf. Dies ist beispielsweise im Bereich des
Internet und der elektronischen Märkte der Fall, die seit Beginn der
90er Jahre völlig neue Bedarfsfelder erschlossen haben. Zwar wirken
diese, beispielsweise in bestimmten Bereichen des Handels, stark
subjektiv. Ein erheblicher Teil der neu entstandenen Geschäftstätigkeit
entfällt jedoch auf völlig neuartige Anwendungen und
Marktumgebungen.
Die Graphik (siehe Abb. 4) stellt drei generische Innovationsstrategien
gegenüber, für die die empfohlenen Wege zur Erschließung in Kapitel
3.01 vertieft werden: Inkrementale Innovationen substituieren
bereits verbreitete Produkte mit weitgehend gleichen Funktionen, zeichnen
sich aber durch verbesserte Leistungsmerkmale (technische
Leistungskennziffern, Qualität, Preis) aus. Strategische Innovationen
zielen auf neue Produktgenerationen mit deutlich verbesserten Funktionen
ab und bieten dem Kunden einen deutlich erhöhten Anwendungsnutzen. Durchbruch-Innovationen
sind völlig neue Produkte, die in neue Bedarfsfelder und unerschlossene
Marktumgebungen vordringen.
Weitere kombinierte Innovationsstrategien sind denkbar: Völlig neue
Produkte können beispielsweise zuerst in Zusammenarbeit mit bisher gut
bekannten Kunden erschlossen werden. In bestimmten Fällen können auch
bewährte Produkte durch intelligente Modifizierung Geschäftspotentiale
in weitgehend unerschlossenen Bedarfsfeldern eröffnen. Wer auf welchen
der in Abbildung 4 dargestellten Feldern jeweils besonders gut ist, hängt
insbesondere auch von früheren Investitionen und Commitments und von
engen Kommunikationsflüssen mit bestimmten Abnehmergruppen ab. Deutsche
Firmen konzentrieren sich in hohem Grad auf die Optimierung von Produkten
und Prozessabläufen und auf substitutive Innovationen, vereinzelt auch
auf Wertschöpfungs-Innovationen. Firmen und Kapitalmärkte in den USA
sind dagegen weiter entwickelt, was die Umstrukturierung und die Erschließung
von strategischen Innovationen und Durchbruch-Innovationen anbetrifft.
Möchte ich mich als erfolgreicher Spieler beim Vordringen in neue
Marktumgebungen und Bedarfsfelder profilieren, so
muß ich fähig sein, visionär ausgerichtete Investitionen zu tätigen
und Risiken zu absorbieren. Firmen müssen über Explorationsfähigkeiten
für latente Bedarfsträger und gute Kommunikationsbeziehungen zu vorwärtsweisenden
Kundengruppen verfügen. Zudem muss das Marketing- und F&E-System auf
der Ebene latenter Bedürfnisse und ungelöster Problem- beziehungsweise
Bedarfsfelder bei hinlänglich bekannten Kunden ansetzen (vgl. dazu auch
Kapitel 3.01 und 3.04).
Firmen, die sich eher auf substitutive Innovationen konzentrieren, können
ein sehr genaues Value-Engineering zur Bestimmung des Werts von
Funktionserweiterungen ihrer Produkte für den Kunden durchführen. Mit
Hilfe von Methoden des Quality Function Deployment (QFD) kann sehr
detailliert bestimmt werden, welche Leistungsmerkmale und Funktionen sich
nachhaltig in höheren Qualitätsbeurteilungen und höherer
Zahlungsbereitschaft beim Kunden niederschlagen. Die ausgereiftesten
Methoden stehen allerdings für eher substitutive, inkrementale
Innovationen zur Verfügung. Hier lassen sich Leistungsverbesserungen für
einzelne Funktionen sehr genau berechnen. Die neuere Entwicklung des
Innovationsmanagements hat das methodische Rüstzeug sukzessive auf
strategische Innovationen und partiell auch auf Durchbruch-Innovationen
ausgeweitet.
Zielrichtung und Ausmaß der
durch Innovation angestrebten Änderung aus Herstellersicht
Bislang wurde vorwiegend aus Kundensicht untersucht, welche Anwendungen
und Funktionen verändert werden und welchen Zusatznutzen diese Veränderungen
stiften. Entscheidend ist parallel dazu aber auch: Wie wird das Ausmaß
der Veränderung aus Anbietersicht beurteilt, und welche strategischen
Grundrichtungen können dabei im einzelnen eingeschlagen werden? Welche
Prioritäten werden gesetzt, wie beeinflussen diese die zu erwartenden
Kosten und Risiken, und welche Hindernisse stellen sich unterschiedlichen
Klassen von Innovationen in den Weg?
In der Innovationsliteratur wird dabei differenziert nach:
unterschiedlichen Intensitäten der angestrebten Veränderung in einem
Kontinuum von inkrementalen bis hin zu radikalen Innovationen
beziehungsweise kontinuierlichen bis hin zu diskontinuierlichen Veränderungen.
-
Firmen können unterschiedliche Kombinationen von Produkt- und
Prozeßinnovationen wählen.
-
Dies wird insbesondere durch die Priorisierung zwischen
Leistungsführerschaft
und Kostenführerschaft beeinflusst.
-
Schließlich kann noch unterschieden werden zwischen kompetenzverstärkenden
und kompetenzzerstörenden Innovationen.
Während man in der Vergangenheit eine Art Dichotomie zwischen Produkt-
und Prozessinnovation herausstellte, zeigen neue Untersuchungen, dass
Unternehmen Produkt- und Prozessinnovationen immer stärker simultan
angehen. (Dies wurde zunächst am Beispiel der japanischen
Automobilindustrie durch Clark und Fujimoto [3] gezeigt und systematisch
in dem Buch von Wheelwright und Clark vertieft [11].) In Abbildung 5 sind
entlang der horizontalen Achse die Intensitäten der Prozessinnovation,
entlang der vertikalen Achse das Ausmaß der Produktinnovation abgetragen.
Clark und Wheelwright unterscheiden dabei drei Klassen von simultanen
Produkt- und Prozessentwicklungsprojekten:
-
Derivative Projekte beziehungsweise Innovationen zielen auf
inkrementale Veränderungen von Produkten und Verfahren ab,
typischerweise für dieselbe Produktgeneration.
-
Plattform-Projekte werden oft unternehmens- und bereichsübergreifend
angegangen und resultieren in generischen Produktkonzepten und neuen
Produktionsverfahren für eine Familie von Folgeprodukten.
-
Eine dritte, eher langfristig angelegte Strategie zielt auf
Durchbruch-Projekte
für eine künftige Familie von Kernprodukten und -prozessen.
Die Innovationsstrategie kann auf ein ausgewogenes Portefeuille von
diesen drei Klassen von Projekten setzen, sie kann aber auch alternativ
dazu eher Bewegungen entlang der einen oder anderen Achse in Abbildung 5
betonen. Wie Tom Sommerlatte in seinem Kapitel über Innovationsstrategien
zeigt (siehe Kap. 1.03), können Firmen schwerpunktmäßig die Strategie
der Kostenführerschaft verfolgen: Bei nur geringfügig veränderten
Produkten werden überwiegend neue Produktionsverfahren mit hohem
Kostensenkungspotential entwickelt (linksgerichteter Pfeil in Abb. 5).
Firmen, die demgegenüber die Strategie der Leistungsführerschaft
verfolgen, setzen stärker auf radikal neue Produkte und eine hohe
Differenzierung durch verbesserte Leistungsmerkmale (nach oben gerichteter
Pfeil in Abb. 5).
In der Regel tendieren Firmen dazu, ihre Suche in der Nähe der
vorhandenen Produkt- und Technologiebasis zu betreiben. Dies führt zu
einer Häufung in dem dunkel schraffierten Feld der inkrementalen
Innovation mit Schwerpunktsetzung auf kontinuierliche Veränderungen (z.B.
Modellpflege in der Automobilindustrie). Kosten und Risiken sind
typischerweise um so höher, je weiter man sich von der vorhandenen
Produkt- und Kompetenzbasis weg bewegt, und dies führt tendenziell zu
einer Vermeidung allzu radikaler Ausreißversuche.
Auf der anderen Seite sind die Möglichkeiten zur wettbewerblichen
Differenzierung und zur Realisierung von dauerhaften Wettbewerbsvorteilen
nur dann gegeben, wenn bewusst Neuland beschritten wird und wenn radikale
Innovationen und diskontinuierliche Veränderungen angegangen werden.
Radikale und diskontinuierliche Innovationen bedeuten nicht automatisch
auch eine Entwertung der Kompetenzbasis für alle beteiligten Firmen. Es
gibt bestimmte Bestandteile von Kompetenzen, die im Zuge radikaler
Innovationen entwertet werden (kompetenzzerstörende Innovation). Diese
sind zu unterscheiden von kompetenzverstärkenden Innovationen. Bei
letzteren können Unternehmen auf Know-how-Bereichen aufbauen und sich in
besonders vorteilhafter Weise auf Trajektorien bewegen. Was aber, wenn es
zu technologischen Sprüngen kommt? Bestimmte Firmen sind flexibler, einen
Kompetenzshift für radikale Veränderungen in die Wege zu leiten als
andere. Dies hängt unter anderem auch damit zusammen, wie stark die
Position einer Firma in einem etablierten Produktfeld bereits ist, und in
welchem Umfang sie hier bereits Ressourcen gebunden hat, die sie
unbeweglich machen.
Phasen der radikalen Innovation und der diskontinuierlichen Veränderung
bieten immer wieder Chancen für den Quereinstieg dynamischer neuer
Unternehmen, mitunter aber auch für risikoorientierte größere Firmen,
die flexibel Diversifikationen und Kompetenzshifts bewerkstelligen können.
Zu fragen ist in solchen Situationen:
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Wo bieten sich Chancen für wirklich radikale Veränderungen mit
erheblichem Gewinnpotential?
-
Welche Kompetenzen sind hierfür besonders kritisch?
-
Wie kann unser Unternehmen, ausgehend von einer bestimmten
Kompetenzbasis, schnell in diese Lücke vorstoßen und ein
interessantes, noch unbesetztes Feld besser und schneller erschließen
als andere?
Systemische
Innovation und Charakteristik der Innovationsarchitektur
Eine modifizierte Klassifizierung von Innovationstypen, die
insbesondere auch den Systemcharakter von Produkt- und Serviceinnovationen
stärker betont, schlagen Henderson und Clark [5;6] vor. Sie zeigen anhand
empirischer Studien, dass sich Innovationen nicht immer durch das oben
beschriebene Kontinuum, das von inkremental bis radikal reicht,
beschreiben lassen; es gibt bestimmte Formen von Innovationen, die weder
inkremental noch radikal sind. Sie liegen irgendwo dazwischen, sind aber
aufgrund ihrer Komplexität als schwierig zu bezeichnen. Selbst geringe
bis mittlere Veränderungen von technologischen Systemen können dann zu
solch aufwendigen Anpassungs- und Restrukturierungsleistungen zwingen, dass
selbst große, ressourcenstarke Firmen erhebliche Probleme bekommen.
Henderson und Clark schlagen aufgrund ihrer Beobachtungen vor, zwischen
folgenden vier Typen von Innovationen zu unterscheiden:
-
inkrementale,
-
modulare,
-
architekturelle und
-
radikale Innovationen.
Diese Unterscheidung ist hilfreich für alle Produkte und Systeme, die
sich aus Bauteilen, Subsystemen beziehungsweise Kernkomponenten
zusammensetzen, wie dies beispielsweise in der Automobilindustrie aber
auch in der Elektroindustrie oder etwa im Präzisionsgerätebau der Fall
ist. In jedem Industriezweig setzen sich für ein Produkt und für die
wichtigsten Bauteile verbreitete Kernkonzepte durch, die über einen
bestimmten Zeitraum Produktdesign, Technologien und Verfahren bei allen
Firmen einer Branche bestimmen. Man spricht dabei typischerweise von einem
dominanten Design. Henderson und Clark untersuchen am Beispiel der
Entwicklung von Halbleiterzuliefergeräten, wie sich bestimmte
Produktkonzepte im Zeitablauf durchsetzen, und ob führende Wettbewerber
imstande sind, von einer Produktgeneration zur nächsten zu wechseln.
Wichtig für die genaue Zuordnung zu den vier Innovationstypen sind zwei
Kriterien: Welche Wirkung geht von einer Innovation auf die Kernkonzepte
einzelner Komponenten beziehungsweise Baugruppen eines Produkts aus? Eine
Innovation kann entweder eine schwache Wirkung erzeugen, das heißt
Kernkonzepte der Komponenten und Baugruppen bleiben von ihr weitgehend
unverändert, wie dies beispielsweise bei der Einführung einer
verbesserten metallischen Legierung im Motorenbau der Fall ist. Oder die
Innovation kann eine ausgesprochen starke Wirkung erzeugen, durch
die Kernkonzepte für einzelne Baugruppen und Komponenten grundlegend verändert
werden. Dies wäre beispielsweise bei Motorenkeramik der Fall, die zu
grundlegend neuen Konzepten der Motorenauslegung und der Verfahrenstechnik
zwingt und die daher viel stärkere Veränderungen der Kernkonzepte nach
sich zieht. Die Wirkung der Innovation auf einzelne Komponenten und
Baugruppen eines Produkts ist in Abbildung 6 entlang der horizontalen
Achse dargestellt [6].
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