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- Leseprobe -
Durchbruchinnovationen gezielt fördern
von Cornelius Herstatt,
Christopher
Lettl
Neben der Optimierung des bestehenden Produkte- und
Leistungsprogramms durch kleine Innovationsschritte (inkrementelle
Innovation) benötigen Unternehmen von Zeit zu Zeit eine radikale
Erneuerung ihrer Produkte und Leistungen, um langfristig zu überleben
oder durch neue Geschäftsmodelle erfolgreich zu wachsen. Da mit solchen
»Durchbruchinnovationen« in marktbezogener wie auch technologischer
Hinsicht meist unbekanntes Terrain betreten wird (hoher Innovationsgrad),
wachsen tendenziell die Risiken, die einer erfolgreichen Realisierung von
Durchbruchinnovationen im Wege stehen können. Hierbei spielen technische,
marktbezogene, zeitliche und kostenmäßige Gesichtspunkte eine zentrale
Rolle. Eine wesentliche Zielsetzung des Innovationsmanagement sollte es
daher sein, die mit Innovationen einhergehenden Risiken transparenter und
besser beherrschbar zu machen. Eine vorgelagerte Zielsetzung ist die
Generierung von möglichst attraktiven Ansatzpunkten für
Durchbruchinnovationen in bekannten oder bisher wenig erschlossenen
Anwendermärkten.
Stichworte: Marktbezogene und technologische
Unsicherheit zu Projektbeginn; Der Entstehungsprozess von
Durchbruchinnovationen; Strategien zur Förderung von
Durchbruchinnovationen; Zusammenarbeit mit Lead Usern;
Innovationswettbewerbe; Kooperationen; Bereitstellen von Seed-Capital;
Zusammenfassung.
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In diesem Beitrag erfahren
Sie:
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was Unternehmen tun können, um
Durchbruchinnovationen trotz möglicher Innovationsbehinderungen
gezielt zu fördern und
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wie eine koordinierte und sinnvolle Kombination
der Strategien Durchbruchinnovationen in der Praxis fördern
kann.
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Wann spricht man von einer Durchbruchinnovation?
Innovationen lassen sich grundsätzlich anhand der
Dimensionen Mittel und Zweck hinsichtlich ihres Neuheitsgrades grob
einteilen (siehe Abbildung 1).
Abb. 1: Innovationen unterschiedlicher
Neuheitsgrade [1]
Von Durchbruchinnovationen sprechen wir bei Produkten, bei
denen ein neues Bedürfnis durch eine neue, bisher noch nicht in dieser
Form angewandte Technologie befriedigt wird. Dies war zum Beispiel bei der
Polaroid-Kamera der Fall. Weitere, immer wieder hervorgehobene Beispiele
für Durchbruchinnovationen sind:
Diese wie zahlreiche weitere Beispiele zeigen, dass
Durchbruchinnovationen in praktisch allen Branchen entstehen und relevant
sind. Ferner zeichnen sie sich meist dadurch aus, dass sowohl die
marktbezogene wie auch die technologische Unsicherheit zu Projektbeginn
maximal ist [7].
Beispiele für Durchbruchinnovationen
In den nachfolgend zusammengestellten Fallstudien wollen
wir den Entstehungsprozess von Durchbruchinnovationen beispielhaft
betrachten. Die gewählten Beispiele entstammen unterschiedlichen
Industrien und Anwendungszusammenhängen, weisen aber im Hinblick auf
deren Genese einige Gemeinsamkeiten auf.
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Fallbeispiel 1: NIKE SHOX -
Revolution des Laufschuhes
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Der innovative Laufschuh des
Sportartikel-Herstellers Nike, »NIKE SHOX«, entstand aus dem
Bedürfnis von Sportlern, durch eine Ausgewogenheit zwischen
ansprechender Dämpfung, einem Optimum an Stabilität sowie
seitlichem Halt das Laufgefühl zu optimieren. Auf der Suche nach
innovativen Lösungen wurde die Nike Forschung inspiriert von einem
Harvard-Professor, Thomas McMahon, der in den 70er Jahren daran
ging, eine speziell abgestimmte, federnde Indoor-Laufbahn für das
Laufteam in Harvard zu entwickeln. Die Bahn, welche die Leistung der
Läufer verbessern sollte, optimierte die Federung nach dem Aufprall
eines Fußes auf die Planken. 1984 wurde MacMahon für drei Monate
von Harvard freigestellt, um mit dem Nike Sports Research Lab (NSRL)
an den frühen Prototypen des NIKE SHOX-Konzepts zu arbeiten. Damit
wurde ein 16-jähriger Entwicklungsprozess eingeleitet. Um den hohen
Anforderungen der Kunden gerecht zu werden und Lösungshinweise zu
identifizieren, welche eine radikale Abkehr von konventionellen
Mustern der Laufschuh-Stoßdämpfung bedeuten, ging das
Nike-Entwicklungsteam auf die Suche nach analogen Suchfeldern.
Hierbei ließ sich das Entwicklungsteam von folgenden Fragen
leiten:
(1) In welchen Bereichen spielt die Funktion »Stoßdämpfung« eine
Rolle (analoge Felder)?
(2) In welchen Bereichen sind extreme Anforderungen an die
Stoßdämpfung zu stellen (Felder mit extremen
Anwendungsbedingungen)? Als Bereich, der beide obigen Kriterien
erfüllt, identifizierte das Entwicklungsteam die Formel-1 mit ihren
speziellen Rennwagen. Durch Analogieschlüsse aus den
Stoßdämpfungssystemen der Formel-1-Rennwagen wurde ein völlig
neuartiges Dämpfungssystem für Laufschuhe entwickelt. So hat der
heute im Fachhandel erhältliche NIKE SHOX nicht nur
Stoßdämpfungssäulen, wie man sie nur von Formel-1-Rennwagen
kennt. Auch der hochelastische Schaum im Inneren der Säulen hat
ähnliche technische Eigenschaf- ten wie jene, die bei
Formel-1-Rennwagen zur Anwendung kommen. NIKE SHOX ist das
meisterforschte Produkt in der Geschichte der Firma Nike. Mit Hilfe
von Geräten wie Fußscannern, 3D-Hochgeschwindigkeitsvideos und
Kraft-/Druckplattformen wurden in den Forschungslabors die
entsprechenden Leistungsdaten optimiert. Durch intensive Einbindung
potenzieller Kunden in den Entwicklungsprozess erfolgte eine frühe
Integration der Kundenwahrnehmungen in das Produkt- design. Am Ende
stand ein Laufschuh, der heute eine radikale Neuheit auf dem
Sportschuhmarkt markiert.
Quelle: Nike Dokumentations- und
Präsentationsmaterial, zusammengestellt für einen Vortrag an der
Technischen Universität Hamburg-Harburg, Oktober 2001 |
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Fallbeispiel 2: ROBODOC -
Revolution der Hüftchirurgie
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Im November 1992 erlebte die Chirurgie im Sutter
General Hospital, Sacramento (Kalifornien), einen revolutionären
Einschnitt: Zum ersten Mal assistierte ein chirurgischer Roboter
namens ROBODOC bei dem Einsatz einer Hüftprothese. ROBODOC nutzt
hierbei die Daten einer präoperativen Planungsstation, um die
Präzision der Ausfräsung des Femurschaftes, die der Roboter
selbstständig durchführt, zu optimieren. Entwickelt wurde dieser
roboterhafte OP-Assistent von der Firma Integrated Surgical Systems
(ISS), deren Existenz mit der Entwicklung des ROBODOC einhergeht.
ISS wurde im Oktober 1990 gegründet. Der Gründung von ISS gingen
vier Jahre gemeinschaftliche Forschungsbemühungen zwischen dem IBM
Thomas J. Watson Research Center, IBM’s Scientific Center in Palo
Alto (Kalifornien) und der University of California voraus. Die
Idee, die Präzision eines Robotiksystems für die Zwecke der
Hüftchirurgie zu nutzen, entstand durch zwei Ärzte: Dr. Howard
Paul, ein Veterinärmediziner, und Dr. William Bargar, ein
orthopädischer Chirurg mit einer Privatpraxis im Sutter General
Hospital. Zusammen experimentierten die beiden Ärzte mit
Anwendungsmöglichkeiten der Robotertechnologie in der Chirurgie.
Technische Unterstützung erhielten die beiden Mediziner hierbei von
Bela Musits, dem damaligen technischen Assistenten des Präsidenten
von IBM’s Forschungsdivision. Im May 1990 führte Dr. Paul
erfolgreich die erste roboterunterstützte Hüftersatz-OP bei einem
Hund durch. Die Firma ISS formierte sich, um das Robotiksystem
weiterzuentwickeln und zu vermarkten. Es entstand das chirurgische
Robotiksystem ROBODOC, welches eine Präzision von
Zehntel-Millimetern erreicht. Im Jahre 1992 erhielt ISS von der
Federal Drug Administration (FDA) die Erlaubnis, in begrenztem
Ausmaß Machbarkeitsstudien durchzuführen: ISS durfte in
Zusammenarbeit mit führenden Chirurgen bis zu 10
Hüftersatz-Operationen am Menschen durchführen, um das System und
die Designparameter weiter zu verfeinern. Die Firma nutzte hierbei
bewusst die Einbindung von fortschrittlichen Anwendern, um
frühzeitig die Anforderungen der Chirurgen in das Robotiksystem zu
integrieren. Ende 1992 war die Firma bereit, ROBODOC breit in den
Markt einzuführen. Dabei verfolgte ISS eine für
US-Medizintechnik-Firmen traditionelle Marktexpansionsstrategie:
Zuerst sollte der US-Markt bedient werden. Erst nachdem man auf dem
heimischen Markt erste Erfahrungen gesammelt hatte, wollte man
weitere Märkte in Europa und Asien erschließen. Doch dann stellten
sich unvorhersehbare Ereignisse gegen die Strategie von ISS. Ein
neuer FDA-Vorsitzender wurde benannt und einige, hohe
Medienaufmerksamkeit auf sich ziehende Probleme mit
medizintechnischen Geräten in den USA führten dazu, dass sich der
Zeitraum des FDA-Prüfungsprozesses von bisher etwa durchschnittlich
drei Jahren dramatisch verlängerte. Das ISS-Management rechnete zu
diesem Zeitpunkt mit einem Zeitraum von bis zu sechs Jahren. ISS
reagierte und änderte seine Marktexpansionsstrategie: Nun wurde
zuerst der Europäische Markt bedient, bevor ROBODOC auch in
asiatischen Operationssälen Einzug hielt. Als letzter Markt wurde
der heimische US-Markt erschlossen.
Quelle: ISS Dokumentationsmaterial [8] |
Was kann man von den Fallstudien lernen?
Die skizzierten Beispiele verdeutlichen einige
Besonderheiten im Entstehungsprozess von Durchbruchinnovationen. So werden
Ideen für Durchbruchinnovationen häufig weit außerhalb des eigentlichen
Zielmarktes geboren. Gerade der Blick in entfernte Bereiche ermöglicht
ein Abstrahieren von konventionellen Lösungsparadigmen hin zu radikal
neuen Ansätzen. Attraktive Suchfelder sind hierbei insbesondere Bereiche,
die hinsichtlich der Problemstruktur Analogien zum anvisierten Zielmarkt
aufweisen (siehe Fallbeispiel NIKE SHOX sowie Fallbeispiel NECAR). Die
ersten Impulse können dabei auch von Anwendern kommen, obwohl Anwendern
in Theorie und Praxis häufig die Fähigkeit abgesprochen wird, bedeutende
Beiträge für radikale Innovationen liefern zu können [5]. Ist dies der
Fall, handelt es sich meist um solche Anwender, die ihrer Zeit voraus
sind, das heißt bereits heute Bedürfnisse verspüren, die für einen
Großteil des Marktes erst in Monaten oder Jahren Relevanz entwickeln
(sogenannte Lead User [3]). Aber selbst wenn eine Durchbruchinnovation
ihren Nachweis zur Problemlösung in Teststudien schon erbracht hat,
können Auflagen von Behörden die Markteinführung nachhaltig verzögern
(siehe Fallbeispiel ROBODOC). Zudem entstehen radikale Innovationen
weniger in wohldefinierten, aufeinanderfolgenden Phasenschritten, sondern
sind eher Ergebnis eines langwierigen »Trial and Error«-Prozesses. Dabei
können konventionelle Marktforschungsstudien den Weg in die falsche
Richtung weisen, sind sie doch an den artikulierbaren Bedürfnissen
gegenwärtiger Durchschnittskunden orientiert. Durchbruchinnovationen
dagegen haben ihre Wurzeln zumeist in latenten und zukünftigen
Bedürfnisstrukturen (siehe Fallbeispiel MOTOROLA). Technologische und
marktbezogene Unsicherheiten von Durchbruchinnovationen und die damit
verbundenen finanziellen Risiken fördern eine Strategie des »Risk-sharing«
in Form unternehmensübergreifender Kooperationen (siehe Fallbeispiel
NECAR). Und schließlich scheinen sekundäre Organisationsformen (z.B.
Projektmanagement) oder sogenannte »Off-line Strukturen (Ausgründungen,
Joint-Ventures, etc.) für die Durchführung anspruchsvoller
Durchbruchsvorhaben geeigneter zu sein als bestehende Primärstrukturen in
den Unternehmen (alle Fallstudien).
Die skizzierten Besonderheiten der hier dargestellten Beispiele für
Durchbruchinnovationen deuten an, in welchem Kontext beziehungsweise
Umfeld derartige Neuheiten am besten gedeihen können. Diesen Aspekt
wollen wir im folgenden Abschnitt genauer betrachten.
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Fallbeispiel 3: Das Mobile
Telefon von Motorola - Revolution der Kommunikation
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Die ersten Mobiltelefone wurden 1946 von Bell
Laboratories eingeführt. Diese erste Version des tragbaren Telefons
benutzte Frequenzen, über die auch Radiosendungen ausgestrahlt
werden. Daher hießen diese frühen Vorreiter der heutigen Handys
auch Radiotelefone. Motorola, einer der führenden Radiohersteller
jener Zeit, sah sich 1950 gezwungen, in den Markt der leitungslosen
Telefone einzutreten, weil sich unmittelbare Synergien zum
Radiomarkt ergaben: Für Motorola war das Radiotelefon eine Art »Two-Way-Radio«.
Diese Radiotelefone waren aber hinsichtlich ihrer Anwendungs- und
Bedienungsfreundlichkeit noch starken Limitationen unterworfen.
Anfang der 70er Jahre erkannte Motorola, dass substantielle
Investitionen erforderlich waren, um im Markt für mobile Telefone
erfolgreich zu sein. Deshalb führte das Unternehmen 1971 und 1972
eine breit angelegte Studie zur Einschätzung des Marktpotenzials
durch. In der Retrospektive zeigte sich allerdings, dass die Befunde
dieser Marktforschungsbemühungen Motorola eher auf die falsche
Fährte brachten. So wurden bei einer Conjoint-Analyse mehrere
vielversprechende Kundengruppen identifiziert - so etwa
Bauunternehmer, Personen ohne Fahrzeug und Personen mit mehreren
Autos. Heute weiß Motorola aber, dass diese Zielgruppen
verschwindend klein gegenüber jenen waren, die sich später als
wirklich attraktiv herauskristallisierten, wie etwa Vertreter.
Ferner nahm Motorola demo- und psychographische Segmentierungen vor,
um den Markt nach Kundenmerkmalen zu differenzieren. Auch hier
zeigte sich, dass Segmente, die zunächst als unattraktiv eingestuft
wurden, später die wichtigsten Käufersegmente für Motorola
wurden. 1973 führte Motorola sein erstes Mobiltelefon auf
ausgewählten Testmärkten (Chicago, New York und Washington) ein,
zehn Jahre bevor die ersten zugelassenen Geräte verkauft wurden.
Noch waren die Telefone sperrig, wogen zuviel und waren zu
kostspielig, um Interesse bei einer breiten Käuferschicht zu
wecken. Durch die Einführung dieser frühen Prototypen in
Testmärkte konnte Motorola jedoch wichtige Informationen über die
Bedürfnisse potenzieller Kunden sammeln. 1975 ließ Motorola seinen
ersten Erprobungen ein handlicheres Mobiltelefon der zweiten
Generation folgen. Es wurden Feldversuche sowohl mit Mitarbeitern
als auch externen Nutzern unternommen. Diese Tests erwiesen sich als
besonders hilfreich für die Entwicklung eines besseren
Verständnisses der Marktanforderungen und -potenziale. 1979 stellte
das Unternehmen seinen dritten Prototypen vor, 1981 den vierten.
Dieser Prototyp war schon für die Massenfertigung konzipiert. Jede
Prototyp-Generation brachte eine weitere Leistungsverbesserung. Nach
über zehn Jahren der Entwicklung und etlichen Produkt- und
Markterprobungen erteilte die US-Fernmeldebehörde schließlich im
Oktober 1983 die erste Lizenz für ein landesweit kommerzielles
Mobiltelephon-System. Binnen eines einzigen Jahres führte das
Unternehmen eine komplette Gruppe von Handys ein und hatte sich
damit als Marktführer fest etabliert.
Quelle: [6] |
In welchem Umfeld entstehen Durchbruchinnovationen?
In der Theorie und Praxis wird seit langem intensiv
diskutiert, ob Durchbruchinnovationen eher in kleinen oder in großen,
etablierten Unternehmen entstehen. Letztere schneiden bei dieser
Diskussion meistens schlecht ab. Eine Studie der Harvard Universität
über 20 Industrien in den USA zeigt, dass mit Venture Capital
ausgestattete Kleinunternehmen sechsmal mehr patentierte Entwicklungen
hervorbrachten als F&E-Einheiten von Großunternehmen [11]. Warum?
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Fallbeispiel 4: NECAR -
Revolution des Automobils
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Als 1988 der U.S. Bundesstaat Kalifornien ein Gesetz
erließ, demzufolge im Jahre 2003 ein Zehntel aller verkauften
Fahrzeuge keine Emissionen mehr produzieren dürfen, sah sich die
gesamte Automobilindustrie der Herausforderung ausgesetzt, intensiv
nach Alternativen zum Verbrennungsmotor zu suchen. Dieser Zugzwang
nach innovativen Lösungen war um so höher, als Kalifornien eine
Lead-Markt-Rolle für die gesamte USA sowie Europa eingeräumt
wurde. Als technologische Lösung für das Emissionsproblem
erschienen zunächst Elektromotoren mit Batteriebetrieb attraktiv.
Dieses System war leise, abgasfrei und effizient. Da Batterien
jedoch eine geringe Leistungs- und Energiedichte haben, verfügten
die Fahrzeuge nur über eine sehr eingeschränkte Reichweite. Zudem
verursachte das Aufladen der Batterien einen hohen Zeit- und
Energieaufwand. Die Daimler-Benz AG sah aufgrund dieser Defizite
keine Ansatzpunkte, ein Antriebssys-tem auf Batteriebasis
aufzubauen, welches dem hohen Komfortanspruch ihrer Kunden gerecht
werden würde. Als eine alternative Technologie identifizierte das
Unternehmen die Brennstoffzelle. In einer Brennstoffzelle wird mit
Wasserstoff und Luft Elektrizität erzeugt, die ihrerseits einen
Elektromotor antreibt. Dieser Prozess verläuft emissionsfrei, da
lediglich Wasserdampf freigesetzt wird. Die Brennstoffzelle wurde
aufgrund ihrer hohen Energiedichte bisher überwiegend in der
Raumfahrt eingesetzt. Ihre hohen Kosten verhinderten bis dato eine
Kommerzialisierung in anderen Applikationsfeldern. Die ersten
Konzeptuntersuchungen bei Daimler-Benz verliefen vielversprechend.
Da das technologische Know-How für Brennstoffzellensysteme bei
Daimler-Benz jedoch nicht in ausreichendem Maße vorhanden war,
suchte das Unternehmen nach einem geeigneten Kooperationspartner.
Fündig wurde man bei der Kanadischen Firma Ballard Power Systems,
die bereits Brennstoffzellensysteme für die Raumfahrt entwickelt
hatte. Beide Firmen begannen 1991 eine Kooperation und stellten 1994
das weltweit erste Brennstoffzellenfahrzeug vor, den NECAR1 (New
Electric Car). Die Konzepttauglichkeit war damit bewiesen. 1996
wurde ein weiteres Konzeptfahrzeug vorgestellt, der NECAR 2. Ferner
wurde die Sparte der Brennstoffzellenentwicklung von Daimler-Benz in
einem Forschungszentrum bei Nabern in Deutschland konzentriert. Ein
Jahr später gründeten Daimler-Benz und Ballard ein Joint Venture,
die dbb (daimler-benz ballard) fuel cell engines. In ihr aufgenommen
wurde die bereits nach Nabern umgezogene Entwicklungsabteilung von
Daimler-Benz und ein Team aus Vancouver, dem Hauptsitz von Ballard.
Die 150 Mitarbeiter zählende Firma startete mit dem Ziel, die
Entwicklung, Herstellung und Kommerzialisierung der Brennstoffzelle
für Busse, Autos und LKW´s voranzutreiben. 1998 trat die Ford
Motor Company dieser Allianz bei und brachte ihr Know-how über
Elektromotoren ein. Im Jahr 2000 wurde die Firma dbb in Xcellsis
umgenannt, sie umfasst heute zirka 500 Mitarbeiter. Das Ziel ist es,
im Jahr 2004 die Serienreife für brennstoffzellengetriebene PKW’s
zu erreichen.
Quelle: EXCELLSIS Dokumentationsmaterial |
Große Unternehmen tendieren oft dazu, den Status Quo zu
erhalten. Es fehlen innovationsförderliche Programme, Strukturen und
Führungsinstrumente, um Ansatzpunkte für Durchbruchinnovationen zu
identifizieren und diese erfolgreich zu kommerzialisieren. Diesen
»genetischen« Konservatismus [11] sowie die damit oft einhergehenden
Lerndefizite beschreibt Clayton Christensen anschaulich in seinem Buch »The
Innova-tor´s Dilemma« anhand zahlreicher Beispiele. Für Christensen
sind es insbesondere ökonomische und strategische Barrieren, die
Großunternehmen daran hindern, die Rolle des Innovationsführers in ihrer
angestammten Industrie langfristig aufrecht zu erhalten. Große
Unternehmen investieren lieber in die Optimierung ihrer Produkte und
Standards. Auch auf Seiten der Kunden ist die Implementierung und Nutzung
von Standards oft mit erheblichen Investitionen (Kapital und
Human-Ressourcen) verbunden. Radikale Investitionen stellen derartige
Investitionen in Frage, oft bereits zu einem Zeitpunkt, zu dem die
Erstinvestitionen in den »alten« Standard sich auf Hersteller- wie
Kundenseite noch nicht amortisiert haben. Dies tritt beispielsweise dann
ein, wenn sich ein Technologiewechsel zu einem Zeitpunkt abzeichnet, zu
dem Unternehmen noch nicht den optimalen Punkt auf der Erfahrungskurve
erreicht haben (das sogenannte »Trendbruchdilemma«, siehe Abbildung 2).
Abb. 2: Das Trendbruchdilemma
Kleine, junge Unternehmen haben nicht derartige
selbstauferlegte Fesseln. Es gibt (noch) keine eingeschliffenen
Strukturen, große F&E-Abteilungen oder aufwendige
Distributionskanäle, die eine radikale Erneuerung des Produkte- und
Leistungsprogramms behindern würden. Im Fall von Start-up-Unternehmen
werden oft sämtliche Unternehmensaktivitäten erst um ein
Durchbruchsprojekt herum aufgebaut. Im Zentrum steht der Gründer, der
meist identisch ist mit dem Entrepreneur/Innovator. Es existieren weder
emotionale noch ökonomische Investitionen in den Status Quo. Ganz im
Gegenteil: Start-ups sehen sich meist in der Rolle des David, der gegen
einen Goliath - in diesem Fall ein oder mehrere etablierte
Technologieunternehmen - antritt, um etablierte Standards in Frage zu
stellen. Hierzu werden oft alle Energien und finanziellen Mittel
eingesetzt, wodurch eine hohe Fokussierung auf die Umsetzung der Projekte
erreicht wird. Eine Fähigkeit, die großen Unternehmen mit einem
umfangreichen F&E-Projektportfolio oft fehlt. Hinzu kommt, dass
Start-up-Unternehmen oft näher und flexibel am Markt operieren; dies
macht sie wiederum sensibler und reagibler für mögliche, aufkommende
Probleme bei der Umsetzung der noch in Entwicklung befindlichen
Technologie. Ist darüber hinaus die Finanzierung eines
Durchbruchprojektes sichergestellt, sind wesentliche Voraussetzungen für
einen späteren Markterfolg gegeben. Das Fallbeispiel der Firma ISS zeigt,
wie ein Start-up die technologischen Paradigmen einer ganzen Branche
(Medizintechnik) in Frage stellen kann.
Bedeutet dies nun, dass große etablierte Unternehmen grundsätzlich nicht
in der Lage sind, Durchbruchinnovationen hervorzubringen? Die oben
dargestellten Beispiele der Unternehmen Nike, Motorola und DaimlerChrysler
verdeutlichen, dass eine solche Gesetzmäßigkeit nicht besteht. Diese
Beispiele verdeutlichen, dass die Unternehmen trotz ihrer Strukturen in
der Lage waren, Wege zu Durchbruchinnovationen zu finden. Aber wie? In dem
sie unter anderem Strategien und Strukturen nutzten, die sich insbesondere
im Umfeld von erfolgreichen Start-ups bewährt hatten. Daher beschäftigt
sich die Innovationsforschung seit geraumer Zeit mit der Frage, ob und wie
die positiven Erfahrungen von Start-up-Unternehmen hinsichtlich
Entwicklung und Umsetzung von Durchbruchinnovationen auf die Welt der
großen, etablierten Unternehmen übertragen werden können. Im folgenden
Abschnitt wollen wir einige strategische und strukturelle Ansatzpunkte in
dieser Richtung diskutieren.
Welche Strategien fördern Durchbruchinnovationen -
auch in großen Unternehmen?
Unternehmen, die an ihrer eigenen Erneuerung arbeiten und
damit einhergehend gezielt Durchbruchinnovationen im Produkte- wie
Servicebereich hervorbringen wollen, können eine Reihe von Strategien
nutzen.
Durchbruchinnovation auf die strategische Agenda setzen
Der erste wesentliche Ansatzpunkt ist,
Durchbruchinnovation ganz weit oben auf die Agenda der strategischen
Willensbildung zu setzen und damit explizit als Zielsetzung in der
Unternehmensstrategie zu verankern. Gerade der für Durchbruchinnovationen
typische »Trial and Error«-Prozess (siehe Fallbeispiel MOTOROLA)
erfordert eine strategische Verankerung des Innovationsprojektes. Nur
durch eine explizite Unterstützung durch das Top Management als
Machtpromotor kann die Weiterführung des Projektes auch in Phasen
gesichert sein, in denen eine an harten ökonomischen Kennzahlen
ausgerichtete Beurteilung eher den Projektabbruch nahe legen würde.
Durchbruchinnovationen sichern Unternehmen zumindest eine temporäre
Monopolstellung. Damit haben sie das Potenzial, ein Unternehmen auf einen
sprunghaften Wachstumskurs zu bringen. Die Formulierung und Kommunizierung
anspruchsvoller Wachstumsziele ist eine notwendige Voraussetzung, damit
dieser Prozess eingeleitet wird. Mit der Gap-Analyse steht der
Unternehmensleitung ein Instrument zur Verfügung, mit dem strategisches
Wachstumspotenzial auf einfache Weise visualisiert werden kann [4].
Anspruchsvolle Wachstumsziele, die sich auf der Basis der heutigen
Produkte und Leistungen nicht realisieren lassen, sollen gezieltes
Suchverhalten nach andersartigen Produkten und Leistungen auslösen.
Eine wesentliche Rolle spielt natürlich die Ernsthaftigkeit der
Geschäftsführung, mit der diese Wachstumsziele vorgibt und verfolgt;
davon ist auch deren Glaubwürdigkeit tangiert. Gelingt es beispielsweise,
interne oder externe Führungskräfte mit nachweislicher Erfahrung in der
erfolgreichen Realisierung von Durchbruchinnovationen für die Mitarbeit
an der Formulierung einer Innovationsstrategie und deren Umsetzung zu
begeistern, wird dies die angesprochene Glaubwürdigkeit der
Geschäftsleitung im Unternehmen positiv beeinflussen.
Abteilungsgrenzen sprengen, kreative Personen einbinden
Durchbruchinnovationen innerhalb bestehender
Unternehmensstrukturen durchzuführen, ist in vielen Fällen unmöglich.
Hierzu ein Beispiel: Ein weltweit tätiges Unternehmen in der
Kosmetikbranche will die Division »Haarpflege« durch radikale
Innovationen erneuern. Die anspruchsvollen Wachstumsziele (20 Prozent
Umsatzwachstum/Jahr) werden an die Spartenleiter »Shampoo«, »Pflege«,
»Styling« und »Tönung/Farben« delegiert. Innerhalb der Sparten werden
Suchfeldteams zusammengestellt, die Ideen für Innovationen entwi-ckeln
sollen. Wie groß ist aber die Wahrscheinlichkeit, dass bei dieser
Vorgehensweise etwas anderes als ein neues Shampoo, ein Pflegeprodukt,
eine Tönung oder ein Haarspray entsteht? Wohl doch eher gering. Warum?
Solange man innerhalb der Bereichsgrenzen eines Unternehmens mit
Mitarbeitern dieser Bereiche an Innovationen arbeitet, ist die
Wahrscheinlichkeit, radikale Ansatzpunkte für ganz neuartige Produkte zu
identifizieren, gering. Daher sollten Abteilungsgrenzen geöffnet
beziehungsweise »gesprengt« werden.
Abteilungsgrenzen sprengen bedeutet aber nicht, das ganze Unternehmen neu
zu organisieren, sondern beispielsweise eine Projektorganisation parallel
zur Primärorganisation aufzubauen. Solche Innovationsteams sollten mit
Mitarbeitern besetzt werden, die nicht nur notwendiges fachliches Know-how
und Erfahrung mitbringen, sondern sich mit dem Innovationsvorhaben
identifizieren und für die Bearbeitung der Projekte ausreichend Zeit
einbringen. Sind diese Personen im Unternehmen nicht vorhanden, müssen
sie von außen eingebracht werden.
Innovative und kreative Personen mit ausgeprägten
Projektleiterqualitäten werden sich für eine Mitarbeit in einem
derartigen Umfeld aber nur begeistern lassen, wenn entsprechende
Rahmenbedingen erfüllt sind, beispielsweise:
-
hohe Autonomie bei der inhaltlichen Ausgestaltung des
Innovationsprojektes (Technologie, angewandte Methoden, etc.);
-
möglichst direkter Zugang zur Geschäftsleitung,
idealerweise kombiniert mit einem Machtpromotor im Vorstand;
-
zugesicherter Zugang zu finanziellen Mitteln (Budget),
internen wie externen Experten, Kooperationspartnern sowie
Kunden/Anwendern.
Aber auch außerhalb des eigenen Unternehmens sind
kreative Kräfte zu identifizieren. Die Fallbeispiele NIKE SHOX und NECAR
zeigen, dass diese Kräfte auch weit entfernt von dem eigentlichen
Kerngeschäft zu suchen sind. So unterliegen Experten in entfernten, aber
analogen Bereichen nicht den Denk- und Kreativitätsbarrieren, die
Fachleute im eigentlichen Zielmarkt häufig ausbilden. Gerade in
entfernten Bereichen mit analoger Problemstruktur können somit Ideen
entstehen, die sich von konventionellen Mustern lösen und damit
Durchbruchspotenzial besitzen.
Durchbruchsprojekte gezielt fördern
Eine weitere Strategie besteht darin, Teams aufzubauen,
die sich aus freiwilligen Mitarbeitern mit Entrepreneur-Qualitäten
zusammensetzen. Diese sollten nicht aus dem bestehenden F&E-Budget
finanziert, sondern »Off-line« geführt werden. Solche Teams können aus
bestehenden Organisationseinheiten rekrutiert oder vorstandsnah in einer
separaten Einheit eingesetzt werden. Ein erfolgreiches Modell war die
Mannesmann Pilotentwicklung GmbH; hier erarbeiteten zirka 70
interdisziplinäre Mitarbeiter mit Arbeitsverträgen von ein bis zwei
Jahren über Konzernbereiche des Mannesmann-Konzerns Ansätze für
Durchbruchinnovationen (Querschnittsinnovationen). Aus
Konzernleitungssicht förderungswürdige Projekte wurden zur Umsetzung
dann mit Projektmanagement sowie finanziellen Ressourcen ausgestattet und
entweder in bestehenden Divisionen oder »Off-line« weiterbearbeitet. Das
Konzept war so erfolgreich, dass es sich nach der Übernahme von
Mannesmann durch Vodafone bis zum heutigen Tag gehalten hat (heute
firmiert diese Einheit unter dem Namen Vodafone Pilotentwicklung, VPE).
Ein mögliches Motivationsproblem ergibt sich dann in Unternehmen, wenn
Projektteams formiert werden, die ausschließlich für die Generierung von
Durchbruchinnovationen zuständig sind und parallel zu Projektteams
geführt werden, die sich ausschließlich um die Produktoptimierung
kümmern. Zur Lösung der hiermit verbundenen Konflikte und Frustrationen
ist zu überlegen, Mitarbeiter zwischen den Teams zu rotieren. Gegen ein
solches Modell sprechen allerdings Untersuchungen von Tushman und
O´Reilly [12]. Wenn es darum geht, Ansatzpunkte für radikale
Innovationen zu identifizieren, raten beide Autoren »keep the radical
innovators completely separate from traditionalists who run the core
business«. Diese Forderung dürfte aber in der Praxis oft nur schwer
durchgehalten werden können, da erfahrene Projektleiter und Fachexperten
meist einen zentralen Engpass darstellen und daher zwangsläufig in
mehreren Projekten eingebunden sind. Große Unternehmen mit erheblichen
Ressourcen haben aber solche Möglichkeiten, wie das oben dargestellte
Beispiel Excelsis verdeutlicht. Hierin liegt gerade eine besondere Chance
kapitalkräftiger Großunternehmen.
Zusammenarbeit mit Lead Usern
Lead User sind für innovative Fragestellungen besonders
qualifizierte Anwender und zeichnen sich im Wesentlichen durch zwei
Merkmale aus [13]:
-
«Lead users face needs that will be general in
marketplace-but face them months or years before the bulk of that
marketplace encounters them, and
-
Lead users are positioned to benefit significantly by
obtaining a solution to, those needs.»
Das erste Eigenschaftsmerkmal bringt zum Ausdruck, dass
Lead User über die notwendige «real-world experience» bezüglich
zukünftiger Bedürfnisse verfügen. Lead User sind mit Bedingungen
vertraut, die für die Mehrheit der Produktanwender noch weitgehend in der
Zukunft liegen; sie sind somit trendführend in ihrer Branche und können
als Experten für unterschiedliche produkt- oder prozessbezogene
Fragestellungen betrachtet werden. Das zweite Eigenschaftsmerkmal knüpft
an der Vorstellung an, dass Anwender, die sich von einer Problemlösung
einen besonders hohen (ökonomischen) Nutzen versprechen, auch eher an
einer aktiven Lösung dieses Problems interessiert sind als solche, denen
diese keinen hohen Nutzen bringt.
Das oben dargestellte Beispiel des NIKE-SHOX verdeutlicht gut, dass Lead
User auch in analogen Anwendermärkten (hier Formel 1) und damit nicht nur
im eigentlichen Zielmarkt existieren und dass man durch aktive Einbindung
dieser zu radikalen Innovationen gelangen kann [5].
Durchführung von Innovationswettbewerben
Um zu vermeiden, dass radikale Innovationsprojekte von
oben »aufgesetzt« werden, sollten Unternehmen nach Wegen suchen, das
kreative Potenzial ihrer Mitarbeiter auf freiwilliger Basis
auszuschöpfen. Institutionalisierte Prozesse wie beispielsweise die
»Interne Ideenabteilung« oder Vorschriften, wie sie sich aus dem
Arbeitnehmererfindungsgesetz ableiten, bringen nur selten Ansatzpunkte
für Durchbruchinnovationen.
Die Siemens AG veranstaltet regelmäßig einen unternehmensweiten
Innovationswettbewerb. Dieser wird von der Geschäftsleitung initialisiert
und begleitet. Im Rahmen eines Call for Papers werden Mitarbeiter
aufgefordert, Ideen für Durchbruchinnovationen einzureichen. Über ein
mehrstufiges Auswahlverfahren werden schließlich Ideen mit dem höchsten
Breakthrough Potenzial ausgewählt und prämiert. Die Prämierung erfolgt
durch Bereitstellung von Seed-Capital und der Einsetzung eines Teams zur
Umsetzung der Idee.
Die Siemens AG, aber auch weitere Unternehmen haben mit der Durchführung
solcher Wettbewerbe gute Erfahrungen gemacht und zahlreiche Ansatzpunkte
für Durchbruchinnovationen gesammelt [9].
Kooperationen für Durchbruchinnovationen
Eine weitere Strategie ist die gemeinsame Entwicklung von
Durchbruchinnovationen in Form von unternehmensübergreifenden
Kooperationen (beispielsweise in Form eines Joint Ventures). Motivation
und Auslöser für kooperative Entwicklungsprojekte sind vielfältig,
beispielsweise weil sich Unternehmen mit jeweils asymmetrisch verteilten
Kernkompetenzen zusammen tun, um gemeinsam eine Durchbruchinnovation
schneller zu verwirklichen als im Alleingang. Ein recht anschauliches
Beispiel liefert die Vibrakustik AG, die aus einer Zusammenarbeit der
Phönix AG und der Freudenberg AG entstanden ist und Systemlösungen für
das »Noise-Management« im Fahrzeugbau anbietet (siehe Abbildung 3).
Abb. 3: Asymmetrisch verteilte Kernkompetenzen
(Quelle: Vorstandspräsentation)
Ein weiterer Antrieb zur Bildung strategischer Allianzen
im Kontext von Durchbruchinnovationen besteht darin, die hohen
Investitionen und Risiken unter mehreren Partnern aufzuteilen. Das
Fallbeispiel NECAR verdeutlicht, dass gerade die zeit- und kostenintensive
Grundlagenforschung im Bereich der Brennstoffzellentechnologie eine solche
»Risksharing«-Strategie nahelegt.
Damit solche Kooperationen erfolgreich ablaufen, sollten bestimmte
Mindestanforderungen durch dies erfüllt werden:
-
Die Partner sollten idealerweise identische
Zielsetzungen mit dem Projekt verfolgen; »Hidden Agendas« oder
unsaubere Zielfestlegungen enden üblicherweise im Streit.
-
Idealerweise wird ein Projektteam für das
Innovationsprojekt gebildet, welches aus beiden Organisationen
hervorgeht und hinsichtlich Teamstärke und Kompetenz möglichst
homogen ist.
-
Eine wesentliche, erste Aufgabe für dieses
Projektteam besteht darin, einen realistischen Vorgehensplan zu
entwerfen und diesen mit der Geschäftsleitung beider Partner
gemeinsam zu verabschieden.
-
Das eingesetzte Team sollte am Projekterfolg, der sich
hoffentlich einstellt, in adäquater Weise beteiligt werden (z.B.
Bonuszahlung).
-
Es sollte auch frühzeitig über die geeignete
Beendigung der Kooperation nachgedacht werden
Bereitstellen von Seed-Capital
Eine Studie der Stanford-Universität belegt, welche
zentrale Rolle Venture Capital für die erfolgreiche Realisierung von
Durchbruchinnovationen hat [2]. Die Autoren belegen, dass 170 Start-ups in
den Jahren 1985-1995, welche Venture Capital von unabhängigen
Kapitalgebern erhielten, radikale Innovationen bedeutend schneller
vermarkten konnten als Unternehmen, denen diese Ressource nicht zur
Verfügung stand.
Hierbei spielte neben der Bereitstellung von Kapital insbesondere auch die
Betreuungsleistung durch Venture-Capital-Geber eine wichtige Rolle,
beispielsweise bei der Bestimmung der Innovationsstrategie oder aktiver
Hilfestellung bei deren Umsetzung. Durch die aktive Mitarbeit in Beiräten
oder Aufsichtsräten der Unternehmen wird diese Beratung ja heute oft
institutionalisiert.
Derartige Erfolge haben große Unternehmen dazu bewogen, analoge Modelle
der internen Finanzierung von Durchbruchinnovationen zu entwickeln. In
diesem Zusammenhang spricht man auch von Corporate venture capital funds.
Große Unternehmen wie Procter & Gamble, Johnson&Johnson oder 3M
haben derartige Fonds bereits vor Jahren eingeführt; über die
gesammelten Erfahrungen in der Praxis ist allerdings nur wenig bekannt.
Ein wesentlicher Vorteil derartiger Fonds ist, dass innovative Projekte
nicht aus dem F&E-Budget finanziert werden müssen, die je nach
Volatilität im laufenden Geschäftsjahr oft angepasst werden - meist zu
Lasten langfristiger, hochinnovativer Projekte. Auch unterliegen Projekte
für Durchbruchinnovationen, die »Off-line« finanziert werden, nicht den
üblicherweise für F&E-Projekte eingesetzten Controlling-Mechanismen.
Insofern sprechen viele Argumente für die Finanzierung insbesondere von
»High-risk-Projekten« mit Venture Capital. Eine weitere, in der Praxis
genutzte Finanzierungsalternative ist die Ausgründung. Im Fall der
Brenstoffzellenentwicklung im Hause DaimlerChrysler wurden gleich beide
Alternativen genutzt.
Fazit
In diesem Beitrag haben wir versucht darzustellen, welche
Strategien etablierte Großunternehmen trotz ihrer möglichen
»Innovationsbehinderung« ergreifen können, um Ansatzpunkte für
Durchbruchinnovationen zu generieren und erfolgreich umzusetzen. Der
hierbei entstandene Katalog an Strategien ist zwar recht umfangreich,
sicherlich aber nicht vollständig. In der Praxis wird aus
Ressourcengründen meist eine Auswahl geeignet erscheinender Strategien
getroffen werden müssen. Der hierbei entstehende Strategiekatalog muss
situativ an die Erfordernisse und Möglichkeiten des Unternehmens
angepasst werden.
In dem abschließenden Überblick (siehe Abbildung 4) haben wir die aus
unserer Sicht wesentlichen Strategien nochmals zusammengestellt und grob
bewertet. Der empirische Test hinsichtlich der Erfolgswirksamkeit im
Branchenkontext steht noch in großen Teilen aus. Aber da
Durchbruchinnovationen per Definition mit hoher marktbezogener und
technologischer Unsicherheit verbunden sind, wird auch bei Anwendung
dieser und weiterer Strategien immer das Restrisiko eines möglichen
Fehlschlags bleiben, welches nicht diversifizierbar ist.

Abb. 4: Strategien zur Förderung von
Durchbruchinnovationen
Die aufgezeigten Strategien sind nicht isoliert zu
betrachten, sondern in koordinierter und widerspruchsfreier Form
einzusetzen. Teilweise bedingen sich die Maßnahmen auch: Ohne eine
strategische Zielformulierung wird es kaum möglich sein, geeignete
Suchfelder für Durchbruchinnovationen abzustecken. Letztere sind von
zentraler Bedeutung für die gezielte Suche nach Ideen für neue
Markt/Technologiekombinationen, Ideenträgern, der Formulierung von
Projektzielen sowie der Festlegung der fachlichen Zusammensetzung von
Innovationsteams.
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