Wertschöpfende Innovation kann nur dann entstehen,
wenn sich der Kundennutzen, der durch neue Produkte oder Leistungen
geschaffen wird, in einem rentablen Geschäft niederschlägt und wenn
längerfristig eine differenzierte Abgrenzung gegenüber den Wettbewerbern
gelingt. Die vielen Internet- und dot.com-Unternehmen, die Ende der 90er
Jahre zunächst für Begeisterung sorgten, erfüllten diese Bedingungen
nicht. Beim Zusammenhang zwischen Innovationsleistung und Unternehmenswert
geht es immer um Potenziale und um die zukünftige Geschäftsentwicklung.
Entscheidend ist also weniger die Frage, welche Ergebnisse ein Unternehmen
heute erzielt, sondern welche aufgrund seiner Innovationsleistung in
Zukunft erwartet werden können und nach welchen Kriterien sich das
Innovationspotenzial und seine Auswirkungen auf den Unternehmenswert
abschätzen lässt.
Stichworte: Innovationsstrategie;
Innovationsprozesse; Innovativer Ressourceneinsatz; Innovationsfreundliche
Strukturen; Innovationskultur; Befragung und Ergebnisse »Innovation
Scorecard«; Zusammenfassung.
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In diesem Beitrag erfahren
Sie:
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Wie ein Unternehmen mit Hilfe der Innovation
Scorecard die noch nicht vollständig sichtbaren Indizien für
zukünftige Innovationserfolge erkennen kann,
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wie innovative Unternehmen den
Kundennutzen-Optimierungsprozess zum wichtigsten
Geschäftsprozess des Unternehmens machen und
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wie eine Unternehmenskultur angelegt sein
sollte, damit das Unternehmen zu einer »lernenden
Organisation« wird.
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Was macht Innovationsfähigkeit aus?
Als Ende der 90er Jahre in der New-Economy-Euphorie junge
Internet- und sogenannte dot.com-Unternehmen an der Nasdaq und am Neuen
Markt astronomische Kurssteigerungen erzielten, schien bewiesen zu sein,
dass Innovation, tollkühn angegangen, zu schnellem Reichtum führt. Die
traditionellen Unternehmen der »Old Economy«, der »Brick-and-Mortar«-Zeit
(die noch in kapitalintensives Anlagevermögen investiert hatten, eben in
Mauersteine und Mörtel) sahen alt aus. Dann kam, wie bei des Kaisers
neuen Kleidern, die Stunde der Erkenntnis, dass wertschöpfende Innovation
erst dann entsteht, wenn der durch neue Produkte oder Leistungen
geschaffene Kundennutzen sich in einem rentablen Geschäft niederschlägt
und wenn eine nachhaltige Differenzierung gegenüber Wettbewerbern über
Zeit aufrecht erhalten werden kann.
Diese Bedingungen erfüllten aber viele der Internet- und
dot.com-Unternehmen nicht: Sie basierten auf einer einzigen
Geschäftsidee, deren Attraktivität für die Kunden häufig dadurch
erreicht werden sollte, dass eine bisher konventionell erbrachte Leistung
auf neuen Wegen billiger angeboten wurde. Sie hatten häufig nur windige
Vorstellungen, wie in absehbarer Zeit daraus ein rentables Geschäft
werden sollte und wie durch weitere Innovationen eine nachhaltige
Differenzierung gesichert werden konnte.
Dass in der Euphoriephase auch die Mehrheit der Börsenanalysten zum
Einstieg in die hochgejubelten Internet- und dot.com-Unternehmen rieten
und dabei sehr spekulative Argumente bezüglich der Innovationsleistung
dieser Unternehmen benutzten, deckte auf, dass auch bei ihnen die
Bewertung von Innovationsleistung und -potenzialen noch unterentwickelt
ist.
Insgesamt wurde deutlich, dass Investoren, Analysten und
Unternehmensführern gleichermaßen eine solide Vorstellung fehlt, was
eigentlich Innovationsfähigkeit eines Unternehmens ausmacht und nach
welchen Kriterien das Innovationspotenzial und seine Auswirkungen auf den
Unternehmenswert abgeschätzt werden können.
Denn es geht bei dem Zusammenhang zwischen Innovationsleistung und
Unternehmenswert naturgemäß immer um die zukünftige
Geschäftsentwicklung, um Potenziale, um Erwartungswerte. Daher ist es
nicht entscheidend, welche Ergebnisse ein Unternehmen heute erzielt,
sondern welche wir aufgrund seiner Innovationsleistung in Zukunft erwarten
können. Nur fragt sich, auf Grundlage welcher heutigen Leistungen eines
Unternehmens wir eine ausreichende Sicherheit gewinnen können, dass
dieses Unternehmen in absehbarer Zukunft überdurchschnittlich wachsende
Erträge erwirtschaften wird. Natürlich gibt es meistens die
Vergangenheit, aus der man die bisherige Leistungsfähigkeit ableiten und
sie dann mit einiger Berechtigung in die Zukunft projizieren kann.
Die Sache hat nur zwei Haken:
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Erstens sind Unternehmen mit einem hervorragenden
»Track Record« in der Regel schon so teuer, das heißt, ihr
Kurs-Gewinn-Verhältnis ist schon so hoch, dass es für einen Investor
nicht viel bringt, noch »einzusteigen« - im Gegenteil, solche
Unternehmen müssen sich enorm anstrengen, um ihren Unternehmenswert,
ihre Börsenkapitalisierung überhaupt auf dem erreichten Niveau zu
halten.
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Zweitens ist selbst jahrelanger Erfolg in der
Vergangenheit keine Garantie, dass die Erfolgsstory in Zukunft
weitergeht. Denn die Zeiten ändern sich, neue Technologien, neue
Wettbewerbsanforderungen, neue Marktbedingungen kommen auf, und
erfolgsgewohnte Unternehmen tendieren häufig dazu, den alten Stiefel
weiterzumachen und sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen.
Paradebeispiele sind IBM, das beim Übergang von Main-frame-Computern
zu Personal Computers einen gewaltigen Einbruch erlebte, oder
Motorola, einst dominant im Bereich der Funktelefonie, das beim
Aufkommen der »Handies« von Neulingen wie Nokia völlig überrumpelt
wurde; oder Xerox, lange Zeit unangefochtener Marktbeherrscher bei
Kopiergeräten, der von innovativeren Konkurrenten wie Canon in arge
Bedrängnis gebracht wurde.
Aus der Sicht kluger Investoren ist es daher viel
wichtiger und interessanter, die noch nicht für alle sichtbaren Indizien
der zukünftigen Innovationserfolge von Unternehmen zu erkennen, sozusagen
bevor die Saat aufgeht, aber eben ohne in Unkraut oder tote Keime zu
investieren, wie es sich im Fall der Internet- und dot.com-Unternehmen
leider häufig herausstellte.
Zu diesem Zweck hat Arthur D. Little in Zusammenarbeit mit der European
Business School eine Innovation Scorecard entwickelt, eine umfassende und
systematische Checkliste, mit der sich auch bei nicht oder nur schwer
identifizierbaren Kriterien ein Leistungsprofil in Bezug auf das
Innovationsgeschehen eines Unternehmens ableiten lässt. Der Innovation
Score ist ein brauchbares Maß für die Entwicklung des
Unternehmenswertes. Die dafür erforderlichen Informationen haben die
Unternehmen selber natürlich zur Verfügung, wenn sie ernsthaft über
ihre Innovationsleistung nachdenken. Sie könnten ihren Innovation Score
publizieren und insbesondere bei ihren Präsentationen vor
Börsenanalysten mit konkreten Maßnahmen und Entwicklungen begründen.
Aber selbst wenn sie die erforderlichen Informationen nicht bereitstellen
oder sie zu ihren Gunsten zu fälschen versuchen, so haben die
Börsenanalysten, die smarteren Investoren und die Banken Mittel und Wege,
um die Innnovation Scorecard anzuwenden und durch entsprechende Fragen an
das betrachtete Unternehmen ein recht zuverlässiges Bild seiner
Innovationsfähigkeit zu erarbeiten.
Welches sind die wichtigsten Aspekte, die mit der Innovation Scorecard
erfasst und bewertet werden? Auf welcher Grundlage wurde die Innovation
Scorecard so gestaltet, wie sie auf den Abbildungen 1 dargestellt ist?
Deckt sie wirklich die entscheidenden Faktoren für den zukünftigen
Innovationserfolg ab?

Abb. 1: Befragung
Arthur D. Little untersuchte in den USA und in Europa eine
große Zahl von innovativen Unternehmen, die über fünf bis zehn Jahre
hinweg eine hohe Innovationsleistung unter Beweis gestellt haben und deren
Unternehmenswert weit überdurchschnittlich gewachsen ist. Es stellte sich
heraus, dass diese Unternehmen alle mehrere Elemente eines
Innovationsmodells aufweisen, das in seiner Gesamtheit tatsächlich die
Ansätze abdeckt, mit denen Innovationserfolg gewährleistet werden kann.
Auf diese Weise ließ sich die Innovation Scorecard ableiten, die durch
gezielte Forschung und Beratung ständig verifiziert und weiter verfeinert
wird.
Die Aspekte der Innovationsfähigkeit, die nach dieser Innovation
Scorecard entscheidend sind, lassen sich unter fünf Kategorien
zusammenfassen:

Abb. 2: Ermittlung des Gesamt-Score
Innovationsstrategie
Innovative Unternehmen orientieren sich an klar erkannten
und gezielt entwickelten Stärken und Kernkompetenzen. Sie verfügen über
eine Innovations-Plattform von eigenen und, wenn nötig, über
Partnerschaften zugänglichen Kompetenzen, die sie schnell und in
neuartigen Kombinationen zu Produkten und Leistungen verbinden können, um
ungewöhnlichen Kundennutzen zu realisieren.
Innovation ist bei ihnen »Chefsache«, sie wird »von oben« vorgelebt.
Canon beispielsweise bereitete seine auf hoher Innovationsdynamik
beruhende Penetration des Kopierer-, Drucker- und Telefaxmarktes dadurch
vor, dass es zusätzlich zu seiner eigenen Kompetenz in der Optik und
Optoelektronik Kompetenzen in der Sensortechnik, bei CCDs, in der
Lasertechnik und in anderen Drucktechniken, in der Software und bei den
Anforderungen und Prozessen im Büro erwarb, zum Teil durch Kooperationen
mit anderen Herstellern und Forschungsinstituten, zum Teil durch Lizenzen,
zum Teil durch eigene Fokusgruppen. Auf dieser Basis konnte Canon dann
nicht nur die führenden Konkurrenten im Kopierer-, Drucker- und
Telefaxgeschäft mit einer nicht endenden Kaskade von Innovationen
überrumpeln, es wurde vielmehr zum Innovationsführer bei der Integration
dieser Einzelbereiche zum kopier- und telefaxfähigen Drucker, der
wiederum zum Element eines umfassenden Dokument- und
Wissensmanagementsystems zu werden verspricht (siehe Abb. 3).
Innovationsprozess
Innovative Unternehmen beschränken sich nicht auf
Durchlaufverkürzung in der Forschung und Entwicklung, sondern sie haben
den Kundennutzen-Optimierungsprozess zum wichtigsten Geschäftsprozess des
Unternehmens gemacht, zu dem alle Funktionsbereiche proaktiv beitragen.
F&E, Produktion, Marketing und Vertrieb und andere Bereiche arbeiten
bei ihnen vertrauensvoll und kooperativ zusammen. Das schließt auch
externe Partner ein - vom Zulieferer über die Entwicklungspartner bis hin
zu den Kunden. Gemeinsam haben sie das Ziel, möglichst alle
Innovationsideen zu erfassen, sie strategisch zu bewerten und selektieren,
sie mit der Innovations-Plattform in Übereinstimmung zu bringen, sie dann
so zügig wie möglich in neue Produkte und Leistungen oder Prozesse
umzusetzen, das heißt gewinnbringend und mit hohen Wachstumsraten zu
vermarkten.
Der Innovationsprozess kann bei den innovativen Unternehmen mit einem
Venturi-Rohr verglichen werden: An seinem Anfang ist er weit geöffnet
für die Vielzahl möglicher Innovationsquellen, danach verengt er sich,
um alle Energien auf das Wesentliche und auf die Beschleunigung der
Entwicklung zu fokussieren, am Ende öffnet er sich aber wieder, um Raum
für eine möglichst vielseitige Nutzung der Entwicklungsergebnisse und
Kompetenzen zu schaffen (siehe Abb. 4).
Innovativer Ressourceneinsatz
Wenn innovative Unternehmen an die ihnen zur Verfügung
stehenden Ressourcen denken, so gehen sie weit über die personellen und
finanziellen Ressourcen ihrer eigenen Organisation hinaus. Sie betrachten
und behandeln ihre Zulieferer und Kunden als Partner, sie gehen
Partnerschaften mit Forschungsinstituten und relevanten
Technologieunternehmen ein und machen daraus ein »Extended Enterprise«,
das insgesamt eine viel breitere Innovations-Plattform und ein viel
größeres Ressourcenpotenzial besitzt als das Unternehmen im engeren
Sinn. Kein Wunder, dass sie schneller und vielseitiger neue Produkte und
Leistungen auf die Beine stellen können, dass sie eine bessere Kenntnis
von Kundenbedürfnissen und Marktchancen entwickeln und dass sie die
höhere Treffsicherheit entfalten.
Sun Microsystems beispielsweise hätte nie zum Innovationsführer bei
Workstation-Systemen werden können, wenn es sich nicht mit einem Kranz
von Partnern umgeben hätte, mit denen zusammen jeweils ein gemeinsames
Entwicklungsteam für die nächste Systemgeneration gebildet wird: Sun
Microsystems bringt die Systemkonzeption und das Gesamtdesign ein, die aus
der ständigen Auseinandersetzung mit spezifischen Anwendergruppen
hervorgehen, aber für die Entwicklung der Computer Boards, der
Netzsoftware, der Server und so weiter arbeitet das Unternehmen von
vornherein mit Partnern und späteren Zulieferern wie Zytec, Seagate,
Sollectron, Novell, Sony, Samsung und KBM zusammen (siehe Abb. 5).
Innovationsfreundliche Strukturen
Bei innovativen Unternehmen werden die funktionalen und
hierarchischen Organisationsstrukturen durch Innovationsnetzwerke
überlagert. Sie versuchen nicht, durch eine Reorganisation nach der
anderen die optimale Organisationsstruktur zu finden, die es ohnehin nicht
gibt. Denn jede Organisationsstruktur hat ihre spezifischen Vor- und
Nachteile. Die wichtigsten Vorteile sind: Stabilität, klare Definition
der Zuständigkeiten, Abläufe und Beziehungen und Routine. Diese werden
aber gerade durch ständige Reorganisationen beeinträchtigt. Ihr
größter Nachteil sind mangelnde Flexibilität und engeres
Bereichsdenken. Dieser Nachteil kann aber durch neue
Organisationsstrukturen nicht entscheidend behoben werden.
Daher schaffen innovative Unternehmen zusätzlich zu der operativ
wichtigen funktionalen und hierarchischen Organisation eine
projektorientierte Overlay-Organisation, mit der Innovationsvorhaben so
weit vorangetrieben werden können, bis sie den Charakter von
Tagesgeschäft annehmen und an die funktional-hierarchische Organisation
übergeben werden können, deren Aufgabe die Erreichung der
höchstmöglichen Effizienz ist.
Das amerikanische Aluminium-Unternehmen Alcoa beispielsweise, das
klassisch nach Produkt-Marktbereichen (Aerospace, Automotive, Packaging,
Construction) und Prozessstufen (Smelting, Refining, Extrusion, Milling,
Chemicals, Customizing) organisiert ist, schuf unter der Leitung eines
bereichs- und stufenübergreifenden »Technology-Board« eine Reihe von
innovations-orientierten, technologiespezifischen »Technology Management
Review Boards«, in denen auf Projektbasis Mitarbeiter und Ideen aller
relevanten Bereiche und Stufen zusammenkommen, um neue Verfahrens- und
Produktinitiativen voranzutreiben, bis sie in die Matrixorganisation
zurückgegeben werden können (siehe Abb. 6). Auf diese Weise werden
interne Barrieren überwunden und kreative Energien der Mitarbeiter
freigesetzt, die nur darauf warten, in diesen Technology Management Review
Boards mitwirken zu können. Ähnliche innovationsfreundliche
Overlay-Strukturen finden wir bei BP Amoco, SAP, Sun Microsystems, Nokia,
Hilti und vielen anderen mehr. Sie verstärken den gesamtunternehmerischen
Teamgeist und verhelfen zu einer Beschleunigung des Innovationsprozesses.
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