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- Leseprobe -
Kundenorientierte Produktentwicklung
von Christian Lüthje
Stichworte: Produktentwicklung;
Kundenorientierung; Ideengenerierung: Positionierungsmodelle,
Fokusmodelle, Empathic Design, Lead-User-Methode; Konzeptentwicklung:
Conjoint-Analyse, House-of-Quality-Konzept; Zusammenfassung
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In diesem Beitrag
erfahren Sie:
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welche Modelle zur realistischen Abschätzung der
künftigen Marktposition eines neuen Produktes geeignet sind,
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wie Gruppendiskussionen, Eizelgespräche und
Anwenderbeobachtung zur Generieung neuer Ideen beitagen können,
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wie man mit Hilfe besonders qualifizierter Kunden (Lead
User) die Produktentwicklung opitimiert,
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wie man Conjoint-Analyse zur Ermittlung des
Kundennutzens einzelner Produktmerkmale einsetzt,
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wie es mit dem Konzept des Hoese of Quality gelingt,
die Stimme des Kunden in die Sprache des Ingenieurs zu übersetzen
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Erfolgsbeitrag der Kundenorientierung
Die Ausrichtung neuer Produkte auf die Bedürfnisse der
Kunden erhöht die Wahrscheinlichkeit für einen Markterfolg. Dieser
Aussage wird weder in der Forschung noch in der Unternehmenspraxis
widersprochen. Zahlreiche empirische Studien zeigen, dass erfolgreichere
Innovationen bei Firmen zu beobachten sind, die sich intensiv mit
Kundenbedürfnissen auseinandersetzen [1]. Fasst man die Erkenntnisse
dieser sogenannten Erfolgsfaktorenforschung zusammen, lassen sich zwei
wesentliche Erkenntnisse ableiten (siehe Abb. 1).
Abb. 1: Bedeutung der Kundenorientierung in der
Produktentwicklung
Zunächst wird deutlich, dass erfolgreiche Neuprodukte zum
Zeitpunkt ihrer Markteinführung einen zusätzlichen Kundennutzen
erbringen. Der Zusatznutzen kann zum einen in neuartigen Funktionen und
Leistungsmerkmalen bestehen. Wenn dem Kunden also die bessere Erfüllung
bekannter oder gar die Durchführung ganz neuer Aufgaben ermöglicht wird,
steigt die Erfolgswahrscheinlichkeit. Der Computertomograph ist ein
Beispiel für eine Innovation, die zu einer wesentlichen Erweiterung des
Leistungsspektrums geführt und damit in vielen Anwendungen das
traditionelle Röntgen ersetzt hat. Der Computertomograph ermöglicht
beispielsweise die elektronische Bearbeitung der Aufnahmen (z.B.
räumliche Darstellungen, farbliche Unterscheidung, Veränderung der
Auflösung) und hat damit die Diagnose in vielen medizinischen Feldern
revolutioniert.
Der Zusatznutzen kann auch in einer Verringerung des finanziellen
Aufwandes für die Nutzung des Neuproduktes bestehen. Durch die Innovation
werden also ähnliche Leistungen in kürzerer Zeit beziehungsweise zu
geringeren Kosten ermöglicht. Die Entwicklung chirurgischer Roboter, die
insbesondere bei Hüft-, Herz- oder Gehirnoperationen Teile des Eingriffs
übernehmen, können als Beispiel für Innovationen mit
kostenreduzierender Zielsetzung herangezogen werden. Mit diesen Robotern
ist die Hoffnung verbunden, Operationen zukünftig schneller und mit
weniger Personal durchführen zu können.
Die zweite Erkenntnis der Erfolgsfaktorenforschung betrifft die
Notwendigkeit einer frühzeitigen Einbindung von Kunden in den
Entwicklungsprozess. Sind drängende Kundenprobleme oder neu entstehende
Bedürfnisse bereits vor der Entwicklung erster Prototypen bekannt,
steigen die Marktchancen für eine Innovation. In erfolgreichen
Entwicklungsprojekten werden im Vergleich zu Misserfolgsprojekten sehr
früh im Prozess qualitative Befragungen und Beobachtungen der Kunden
durchgeführt. Diese Erkenntnis lässt es riskant erscheinen, Kunden in
den ersten Phasen der Produktentwicklung nur eine passive Rolle zuzuweisen
und sie erst nach Ende der Entwicklungsphase intensiv einzubinden. Zu
diesem Zeitpunkt liegt bereits ein vollständig entwickeltes Produkt vor,
so dass selbst kleine, nachträgliche Konstruktionsänderungen hohe Kosten
verursachen.
Zusammenfassend ist festzustellen, dass die frühzeitige und konsequente
Sicherstellung von Kundenorientierung hohe Anforderungen an das Management
von Entwicklungsprozessen stellt. Im folgenden sollen methodische Ansätze
aufgegriffen werden, die Verantwortliche des Marketing und der F&E
früh in der Produktentwicklung unterstützen. Der Schwerpunkt der
weiteren Ausführungen liegt auf der Ideengenerierung und
Konzeptformulierung. In diesen Phasen werden die grundsätzlichen
Entscheidungen für das Neuprodukt getroffen. Ein großer Teil der
Entwicklungs- und Produktionskosten sind damit bereits vor Beginn der
eigentlichen Entwicklungsphase determiniert.
Methoden zur Ideengenerierung
Positionierungsmodelle
Zur Entwicklung erster Ideen für neue Produkte können
Positionierungsmodelle eingesetzt werden. Mit Hilfe dieser Verfahren
werden die auf dem Markt angebotenen Produkte in sogenannte
Produktwahrnehmungsräume eingeordnet. Die Achsen dieser Räume stehen
dabei für Produktmerkmale, welche die Kaufentscheidung der Kunden
wesentlich beeinflussen. In Abbildung 2 ist das Beispiel eines
zweidimensionalen Produktmarktraums für den PKW-Markt aufgezeichnet.
Bekannte Automarken sind entlang der beiden Produktmerkmale
»Sportlichkeit« und »Luxus« angeordnet. Aus der Stellung der
verschiedenen Marktangebote können erste Hinweise für mögliche
Innovationsfelder abgeleitet werden. Insbesondere noch nicht besetzte
Bereiche im Wahrnehmungsraum zeigen Ansatzpunkte für zukünftige
Innovationsaktivitäten auf. Weiterhin können Unternehmen, die mit der
Stellung ihrer Produkte unzufrieden sind, Bewegungen im Wahrnehmungsraum
als Ziel für kommende Entwicklungsprojekte definieren (siehe Beispiel VW
in Abb. 2).
Abb. 2: Produktwahrnehmungsraum für PKW-Marken
Für die Bestimmung von Produktwahrnehmungsräumen stehen
mit der Faktorenanalyse und der Multidimensionalen Skalierung zwei
alternative Vorgehensweisen zur Verfügung.
In der Faktorenanalyse werden zunächst bestehende Marktangebote
hinsichtlich einer Vielzahl an Produktmerkmalen von Kunden bewertet. Auf
der Grundlage dieser Bewertung wird dann versucht, Merkmale, die in der
Wahrnehmung der Kunden korrelieren, zu wenigen Faktoren zu bündeln.
Resultieren aus dieser Reduktion zwei bis drei Faktoren, ist es möglich
die existierenden Marktangebote in einem zwei- beziehungsweise
dreidimensionalen Raum einzuzeichnen. Die Faktorenwerte, die für die
Marktangebote errechnet werden, sind die Koordinaten der Produkte im
Wahrnehmungsraum.
Die Multidimensionale Skalierung führt ebenfalls zu einer Abbildung von
Produkten in einem Wahrnehmungsraum. Im Unterschied zur Faktorenanalyse
gehen jedoch keine Bewertungen von Produktmerkmalen in die Analyse ein.
Die Kunden werden vielmehr dazu aufgefordert, die Ähnlichkeit
verschiedener Produkte zu beurteilen. In der MDS werden diese
Ähnlichkeitsurteile der Kunden in Distanzen im Produktwahrnehmungsraum
übersetzt. Je ähnlicher (unähnlicher) sich zwei Produkte sind, desto
näher (weiter) sind sie im Wahrnehmungsraum voneinander entfernt. Die
Achsen des zwei- oder dreidimensionalen Raumes sind zunächst nicht
bezeichnet. Es obliegt den Entscheidern im Unternehmen zu beurteilen,
welche Produktmerkmale durch die Achsen repräsentiert werden.
Fokusgruppen
Fokusgruppen beziehen moderierte, relativ offen gestaltete
Diskussionen von bis zu zwei Stunden Dauer mit ein, an denen je nach
Problemstellung sechs bis zwölf Kunden beteiligt werden. In der Regel
werden mit dieser Methode qualitative Ergebnisse bei Fragestellungen
angestrebt, die schlecht strukturierbar und daher einer standardisierten
Befragung kaum zugänglich sind. Die Gestaltungsaspekte, die im
Zusammenhang mit der Anwendung von Fokusgruppen festzulegen sind, können
der Abb. 3 entnommen werden. Sie reichen von der Festlegung der
Gruppengröße bis zur Auswertung und Interpretation der
Gruppendiskussionen.
Man erhofft sich mit dem Einsatz von Gruppendiskussionen, zu mehr und
qualitativ hochwertigeren Ideen zu gelangen als dies mit Einzelinterviews
möglich ist. Die Grundannahme dabei ist, dass die Teilnehmer einer
Gruppendiskussion eine größere Vielfalt an Anregungen einbringen und
sich so wechselseitig stimulieren.
Häufig sind die Ergebnisse von Fokusgruppen jedoch enttäuschend. In
direkten Vergleichen von Gruppendiskussionen und Einzelinterviews
erbringen erstere, entgegen der Grundannahme, weniger und qualitativ
schlechtere Ideen. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass Fokusgruppen
nicht für alle Fragestellungen sinnvoll sind. So ist bei sehr komplexen
Problemen denkbar, dass Kunden in einem Einzelinterview mehr Zeit und
Konzentration zum Nachdenken finden als dies in einer Gruppensituation der
Fall ist. Weiterhin kann insbesondere in homogenen Gruppen eine Tendenz zu
Konformität festgestellt werden, wodurch die Ideenvielfalt sinkt. Dieses
Phänomen tritt verstärkt bei sensiblen Themen auf.
In jüngster Zeit werden verstärkt »virtuelle« Kundengruppen genutzt.
Erfolgreiche Unternehmen wie Motorola, Coca Cola oder General Mills gehen
dazu über, Kundengruppen über das Internet zu befragen und diskutieren
zu lassen. Die Ausgaben für diese Art der Online-Marktforschung sind in
den USA von US $ 258 Mio. im Jahr 2000 auf US $ 349 Mio. im Jahr 2001
gestiegen. Im Jahr 2000 wurde damit bereits jeder zehnte
»Marktforschungsdollar« in Online-Methoden investiert [2]. Diese neuen
Verfahren führen zu geringeren Kosten und einem schnelleren Feedback. So
liegen die Kosten für eine reale Fokusgruppenstudie mit 200 Personen bei
über US $ 100.000. Mit virtuellen Gruppendiskussionen können die Kosten
auf etwa US $ 25.000 reduziert werden. Auf der anderen Seite ergeben sich
bei virtuellen Gruppendiskussionen größere Probleme hinsichtlich der
Sicherstellung repräsentativer Ergebnisse. In zahlreichen Märkten
dürfte der Einsatz des Internet zu Marktforschungszwecken gänzlich
ausgeschlossen sein (z.B. Seniorenmärkte).

Abb. 3: Gestaltungsaspekte beim Einsatz von
Fokusgruppen
Empathic Design
Kunden sind sich nicht immer ihrer Bedürfnisse bewusst. Häufig haben
sich Kunden derart an die Nutzung der aktuellen Produkte gewöhnt, dass
ihnen Verwendungsprobleme nicht mehr auffallen. Sie entwickeln oft
implizite Strategien, um die Probleme zu lösen. Die eigentliche
Problemursache dringt damit nicht mehr ins Bewußtsein. So kann häufig
festgestellt werden, dass Software-Nutzer auf Anfrage keine besonderen
Verwendungsprobleme nennen können. Dieses ändert sich schlagartig, wenn
die Kunden beim Arbeiten mit dem Programm beobachtet werden. In der Regel
fallen dann sehr viele Nutzungsfehler und »handgestrickte«
Lösungsstrategien auf, die Hinweise auf Produktverbesserungen geben
können.
Für die Identifikation latenter Bedürfnisse bieten sich also in erster
Linie Beobachtungen von Kunden bei der Verwendung der Produkte an. Dieser
Gedanke ist grundsätzlich nicht neu und hat breiten Eingang in die
Marktforschung gefunden. Jedoch überwiegen bis heute Methoden, die den
Kunden in unnatürlichen Verwendungssituationen beobachten. In der Regel
werden die Versuchspersonen im Rahmen von Produktkliniken oder
Laborexperimenten in eine für sie künstliche Umgebung gebracht. Viele
Informationen bleiben bei dieser Vorgehensweise unentdeckt. Beispielsweise
ist es nicht möglich, alternative Produktverwendungen der Kunden zu
ermitteln. Als ein Produktmanager für Speiseöl in Sprühflaschen seinen
Nachbarn beobachtete, wie er Speiseöl auf die Unterseite seines
Rasenmähers sprühte, entdeckte er ein neues Anwendungsfeld für sein
Produkt. Das Speiseöl verhinderte auf schonende Weise, dass der
geschnittene Rasen auf der Unterseite des Rasenmähers haften bleibt.
Diese Anwendung des Sprühöls wäre nicht entdeckt worden, wären Kunden
in einer Testküche beobachtet worden.
Weiterhin können in künstlichen Beobachtungssituationen keine
Interaktionen des betreffenden Produktes mit der Nutzungsumwelt des Kunden
ermittelt werden. Intuit, ein Unternehmen von Finanzsoftware für
Privatkunden, versuchte durch die Beobachtung von Kunden an deren eigenen
Computern zu besseren Ergebnissen zu gelangen. Auf diese Weise konnte
festgestellt werden, welche weiteren Programme gleichzeitig mit der
Finanzsoftware genutzt und welche Dokumente, sei es in elektronischer oder
in Papierform, bei der Verwendung der Software herangezogen wurden. Daraus
ergaben sich zahlreiche Hinweise für die Gestaltung von Importfunktionen
und Schnittstellen zu anderen Programmen.
Der beim Empathic Design zu durchlaufende Prozess kann in vier Phasen -
von der Vorbereitung über die Beobachtung bis zur Entwicklung erster
Problemlösungen für neue Produkte - aufgeteilt werden. Die
Vorgehensweise ist in Abb. 4 zusammenfassend dargestellt [3].
Abb. 4: Ablauf einer systematischen
Kundenbeobachtung
Lead-User-Methode
Trotz des Einsatzes innovativer Marktforschungsinstrumente,
resultieren aus Studien in den frühen Phasen der Produktentwicklung
häufig enttäuschende Ergebnisse. Es kann vermutet werden, dass dies
unter anderem in der Auswahl ungeeigneter Kunden begründet liegt. Der
»repräsentative« Kunde scheint nicht in der Lage zu sein, sich von den
aktuellen Angeboten der Hersteller zu lösen und Bedürfnisse zu
formulieren, welche die zukünftige Entwicklung des Marktes vorzeichnen
(»functional fixedness«). Aus Studien mit repräsentativen
Kundenstichproben resultieren somit nur selten Anregungen für sehr
neuartige Produkte.
Einige Unternehmen (z.B. 3M, HILTI, Nortel Networks oder Kellog’s) haben
daher begonnen, gezielt nach Kunden zu suchen, welche besonders
qualifiziert und motiviert sind, bedeutende Beiträge zur Entwicklung
neuer Produkte zu leisten. Diese Kunden werden als Lead User >vgl.
hierzu Kapitel 03.04< bezeichnet und können durch zwei Merkmale
charakterisiert werden [4]:
-
Zum einen verspüren sie Bedürfnisse, die sich
zukünftig auf dem Markt durchsetzen werden, und sie tun dies
wesentlich früher als die Masse der Kunden. Sie können damit zur
»Bedürfnisvorhersage« für den Markt von morgen genutzt werden.
Anders als der durchschnittliche Kunde müssen sie sich dazu nicht
erst in eine zukünftige Verwendungssituation hineinversetzen. Sie
spüren die Probleme von morgen bereits heute.
-
Zum zweiten profitieren sie in starkem Maße von
Innovationen, die ihre Probleme lösen beziehungsweise ihre neuen
Bedürfnisse befriedigen. Der erwartete Nutzen kann derart groß sein,
dass Lead User in Ermangelung entsprechender Herstellerangebote selber
innovativ tätig werden (»Not macht erfinderisch«). Dieser Zwang zur
Selbsthilfe tritt in der Realität häufig auf, da Hersteller neu
entstehende Bedürfnisse kleiner Kundengruppen (noch) nicht richtig
einschätzen.
Die Einbindung dieser fortschrittlichen Kunden in frühen
Phasen der Produktentwicklung erfolgt mit Hilfe der sogenannten
Lead-User-Methode. Die Vorgehensweise teilt sich dabei in drei wesentliche
Schritte auf (für ein fiktives Beispiel einer Lead-User-Identifikation im
Automobilbereich siehe Abb. 5).
Abb. 5: Beispiel einer Lead-User-Identifikation
Prognose der Trends und Entwicklungen im Markt
Lead User sind entsprechend der obigen Charakterisierung von neuen
Entwicklungen im Markt besonders früh betroffen. Insofern müssen, bevor
mit der Identifizierung von Lead Usern begonnen werden kann, die
wichtigsten gesellschaftlichen, ökonomischen, rechtlichen oder
technischen Trends im betreffenden Markt ermittelt werden - zum Beispiel
durch den Einsatz von Delphi-Befragungen oder Szenarioanalysen.
Suche nach trendführenden Kunden
Um nach Usern zu suchen, welche die zuvor ermittelten Trends
anführen, bietet sich eine gezielte Suche innerhalb von Kundennetzwerken
an (Networking-Ansatz). Hierbei werden zunächst nur wenige Kunden in die
Suche einbezogen und dabei stets nach anderen trendführenden Kunden
gefragt. Häufig wird man dabei auch auf Experten in analogen Märkten
verwiesen, in denen ähnliche, aber bereits durch innovative Produkte
erfüllte Kundenanforderungen vorliegen. So ist es denkbar, dass
Problemlösungen, die bei der Halbleiterproduktion zur Vermeidung von
Partikeln in Reinräumen angewendet werden, zur Verbesserung des
Infektionsschutzes innerhalb von Operationssälen genutzt werden können.
Abbildung 6 illustriert die Funktionsweise der Networking-Suche [4].
Abb. 6: Networking-Suche nach Lead Usern
Entwicklung von neuen Produktideen mit Lead Usern
Eine Gruppe von bis zu zwölf der zuvor identifizierten Lead User
werden zur Erarbeitung neuer Produktkonzepte in einem zweitägigen
Workshop eingebunden. In diesem Workshop diskutieren die Kunden gemeinsam
mit unternehmensinternen Marketing- und Entwicklungsmitarbeitern
Anforderungen für Innovationen und versuchen, diese Anforderungen in
erste Ideen und Konzepte zu übersetzen. Zur Unterstützung dieses
Prozesses können Kreativitäts- und Metaplantechniken eingesetzt werden.
Die Wirksamkeit der Lead-User-Methode wurde in zahlreichen
Methodenanwendungen unter Beweis gestellt. Eine aktuelle Untersuchung
innerhalb der Firma 3M kann dies eindrucksvoll untermauern. Wenn Lead User
identifiziert und in die Produktentwicklung eingebunden werden,
resultieren daraus Innovationen, die hinsichtlich Innovationsgrad, Umsatz,
Marktanteil, Realisierbarkeit und strategischer Bedeutung wesentlich
besser eingeschätzt werden. So wird den durch Lead User entwickelten
Konzepten im Durchschnitt ein achtfach höheres Umsatzpotential zugeordnet
als den aus traditionellen Produktentwicklungsprojekten hervorgegangenen
Produkten [5].
Methoden zur Konzeptentwicklung
Conjoint-Analyse
Wenn die Bedürfnisse und Anforderungen der Kunden vorliegen, müssen
die ersten Innovationsideen zu detaillierten Produktkonzepten
weiterentwickelt werden. Unter anderem geht es darum, die Wichtigkeit
neuer Produktmerkmale, Qualitätsanforderungen und Funktionen aus der
Sicht der Kunden zu bewerten. Die wohl am weitesten verbreitete Methode
zur quantitativen Bewertung von Kundenbedürfnissen ist die
Conjoint-Analyse >vgl. hierzu Kapitel 03.06<. Mit diesem Verfahren
kann ermittelt werden, wieviel einzelne Merkmale des Produktes wert sind.
Damit wird es möglich, beim Produktkonzept nur diejenigen neuen
Funktionen zu verwirklichen, die aus der Sicht der Kunden einen hohen
Nutzen stiften.
Vereinfacht dargestellt basiert die Conjoint-Analyse auf der Bewertung von
Produktkonzepten, die durch die Kombination von Eigenschaftsausprägungen
verschiedener Produktmerkmale entstehen. Statistikprogramme können aus
diesen Informationen sogenannte Teilnutzenwerte errechnen. Diese geben
Auskunft darüber, welchen Nutzen verschiedene Eigenschaftsausprägungen
für die Befragten aufweisen. Werden die untersuchten Produktkonzepte mit
Preisen versehen, ist es sogar möglich, die Nutzenbeiträge in
Geldeinheiten auszudrü-cken. Für die Produktentwicklung liegen damit
Hinweise vor, welche Eigenschaften für die Akzeptanz von Neuprodukten
entscheidend sind und wie diese Eigenschaften ausgeprägt sein sollten.
Zudem können die Informationen aus der Conjoint-Analyse im Rahmen eines
»Target Costing« in die Kostenplanung von Innovationsprojekten eingehen.
Grundgedanke dabei ist, dass sich die Entwicklungs- und Produktionskosten
einer neuen Produktfunktion an dem Nutzenwert der entsprechenden
Eigenschaftsausprägung orientieren müssen.
Konventionelle Untersuchungsdesigns stoßen bei
zunehmender Komplexität der Produkte an ihre Grenzen. Zum einen reicht es
nicht mehr aus, die zu testenden Produktkonzepte mündlich oder
schriftlich zu beschreiben. Bei komplexen Produkten können sich Kunden
diese Konzepte nicht mehr vorstellen. Zum zweiten nimmt bei einer
zunehmenden Zahl von Eigenschaften und zugeordneten Ausprägungen der
Aufwand für die Befragten stark zu, weil eine sehr große Zahl von
Produktkonzepten bewertet werden muss. Beiden Problemen kann durch den
Einsatz des Internets als Befragungsmedium entgegengewirkt werden [6].
Das Internet bietet im Vergleich zu Beschreibungen auf dem Papier bessere
Visualisierungsmöglichkeiten. Produktkonzepte können in 2-D- oder
3-D-Modellen dargestellt werden. Die Modelle können auf dem Bildschirm
bewegt, Funktionen simuliert und die gesamte Darstellung mit Sound
angereichert werden. Die Entwicklung dieser virtuellen Modelle ist
mittlerweile zu geringen Kosten möglich.
Die Durchführung einer Conjoint-Analyse im Internet ermöglicht zudem
höhere Interaktivität und Befragungsflexibilität. So können weitere
Fragen an einen Kunden von den Antworten auf vorhergehende Fragen
abhängig gemacht werden. Auf diese Weise ist es mit Hilfe neuer
mathematischer Verfahren möglich, die Anzahl der zu testenden
Produktkonzepte auf ein zumutbares Ausmaß zu reduzieren.
Neben der komplexitätsreduzierenden Wirkung führen internetbasierte
Conjoint-Analysen zu wesentlich geringeren Kosten und erbringen schnellere
Ergebnisse. Viele Marktforschungsunternehmen in den USA haben Panels von
mehreren hundert Internetnutzern aufgebaut, auf die sie bei Bedarf
unmittelbar und schnell zugreifen können. Erfolgreiche Anwendungen von
virtuellen Conjoint-Analysen, wie z.B. bei Polaroid (Sofortkamera für
jugendliche Zielgruppe) oder General Motors (Trucks), belegen das
Kostenreduktionspotenzial, das mit Online-Marktforschung verbunden ist.
Jedoch ist bei internetbasierten Analysen, wie bereits bei den virtuellen
Fokusgruppen angesprochen, mit erhöhten Repräsentativitätsproblemen zu
rechnen [6].
House-of-Quality-Konzept
Das House of Quality ist ein zentrales Instrument innerhalb des
Quality Function Deployment (QFD), einem systematischen Ansatz, um die
Stimme des Kunden in die Sprache des Ingenieurs zu übersetzen. Der Kern
dieses Verfahrens besteht darin, die im Lastenheft festgelegten
Kundenanforderungen an ein Neuprodukt (»voice of the customer«) in
technische Spezifikationen beziehungsweise messbare Produkt- und
Prozessparameter eines Pflichtenheftes (»voice of the engineer«) zu
transformieren.
Einer der Gründe für den Erfolg des House-of-Quality-Konzeptes ist seine
Visualisierbarkeit (siehe Abb. 8). Ausgangspunkt für das House of Quality
sind die Produktmerkmale, die aus der Sicht der Kunden von hoher
Wichtigkeit sind (linke Seite des Hauses). Bei einer Autotür könnten
Kunden beispielsweise fordern, dass die Tür die Fahrgeräusche dämpft
und von außen leicht zu schließen ist. Die Produktmerkmale werden
anschließend zur weiteren Verarbeitung hierarchisch gruppiert und
entsprechend ihrer relativen Bedeutung aus der Sicht der Kunden mit
Gewichtungsfaktoren versehen (Treppenhaus des Hauses). Die
Kundenanforderungen werden zusätzlich in Bezug auf den Wettbewerb
bewertet (rechte Seite des Hauses). Die Auskunftspersonen beurteilen
hierzu für alle relevanten Produktmerkmale, wie gut das befragende
Unternehmen die Anforderungen im Vergleich zu den Wettbewerbern erfüllt.
Die Kombination aus Produktmerkmalen, Gewichtungsfaktoren und
Marktpositionierungen bildet im House of Quality die Marktseite - das
heißt die Stimme des Kunden - ab.
Die Stimme des Ingenieurs - das heißt die technische
Seite - wird nun mit Hilfe einer Liste technischer Konstruktionsmerkmale
einbezogen (erster Stock des Hauses). Im Falle einer Autotür gehören
unter anderem die Widerstandskraft der Tür oder die Art der
Türabdichtung zu diesen Konstruktionsmerkmalen. Mögliche positive
beziehungsweise negative Wechselwirkungen zwischen den technischen
Spezifikationen werden in der sogenannten Dachmatrix dargestellt (Dach des
Hauses). So ist zum Beispiel nachvollziehbar, dass eine dickere Dichtung
zu einer Erhöhung der Widerstandskraft der Tür beiträgt.
Die eigentliche Verbindung zwischen Präferenzen der Kunden und
Zielgrößen der Entwickler erfolgt in der Beziehungsmatrix (Hauptteil des
Hauses). Hier wird Richtung und Intensität der Beziehung zwischen
konstruktiven Merkmalen und aus Kundensicht relevanten Eigenschaften des
Produktes eingetragen. Beim Beispiel Autotür führt eine Verringerung der
Widerstandskraft zu einer Verbesserung des Merkmals »von außen leicht zu
schließen«, und die Dicke der Türdichtung kann dazu beitragen, die
Fahrgeräusche zu dämpfen.
Schließlich werden im Haus für die technischen Konstruktionsmerkmale
objektiv messbare, physikalisch-chemisch-technische Maßgrößen angegeben
(Keller des Hauses). Für jede Maßgröße müssen schließlich Zielwerte
festgelegt werden, mit denen die wichtigen Produktmerkmale optimal
erfüllt werden können.
Das QFD und das House-of-Quality-Konzept hat nachweislich zu bedeutenden
Reduktionen von Entwicklungszeiten, Anlaufkosten in der Produktion und
nachträglichen Konstruktionsänderungen geführt. Dies wird vor allem
durch eine bessere funktionsübergreifende Kommunikation im Unternehmen
erreicht, die mit der Umsetzung des QFD-Gedankens häufig einhergeht.
Weiterhin fördert QFD die Strukturierung des Planungsablaufs und stellt
sicher, dass Kundenorientierung bis in die Entwicklung neuer Produkte
vordringt.
Die Kundeninformationen, die zur Entwicklung eines House of Quality
notwendig sind, müssen durch vorgelagerte Analysen gewonnen werden. Zur
Ermittlung relevanter Kundenanforderungen bieten sich beispielsweise die
im vorherigen Abschnitt behandelten Fokusgruppen an. Die Conjoint-Analyse
ist geeignet, die Bedeutungsgewichte beziehungsweise die Teilnutzenwerte
der Produkteigenschaften zu ermitteln. Hier wird bereits deutlich, dass
die in diesem Beitrag behandelten Methoden nicht isoliert voneinander zu
betrachten sind, sondern zeitlich, im Fortschritt des
Entwicklungsprozesses, ineinandergreifen und sich gegenseitig ergänzen.
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Die fehlenden Abbildungen 7 und 8 entnehmen Sie bitte der Digitalen Fachbibliothek "Das innovative Unternehmen".
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