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- Leseprobe -
Unternehmenskultur und Risiko
von Tom Sommerlatte
Stichworte: Vier unternehmerische Risikofelder,
Vier Arten
von Unternehmenskulturen: »Jeder an seinem Platz«,
»Master mind«,
»Pioniertruppe«,
»Alle für eine
gemeinsame Sache«, Einsatz für ein gemeinsames Ziel:
Selektivität, Koordination,
Planung und Steuerung
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In diesem Beitrag erfahren
Sie:
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-
welche Unternehmenskultur am besten zu welcher Art von Unternehmen
paßt,
-
wie sich Unternehmen durch Feststellung des Produktionsrisikos und der Zeitspanne, die
ihre Produkte von der Entwicklung bis zur Markterprobung benötigen, bestimmten
»Risikofeldern« zuordnen lassen,
-
warum kontraproduktive Effekte innerhalb der Organisation oft durch eine unklare
Definitionen der Unternehmenskultur entstehen,
-
aus welchen Gründen die Unternehmenskultur »Alle für eine gemeinsame Sache« in
vielen Wirtschaftsbereichen an Bedeutung gewinnt,
-
wie man Unternehmensaktivitäten durch Selektion, Koordination, Planung und Steuerung im
Hinblick auf ein gemeinsames Ziel bündelt.
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Vier unternehmerische Risikofelder
Deal und Kennedy schlugen zwei entscheidende Dimensionen vor, nach denen das Verhalten
und die Kultur von Unternehmen bewertet und auch aus-gerichtet werden sollten [1]:
-
Das unternehmerische Risiko, das mit Entscheidungen über die Entwicklung und
Markteinführung neuer Produkte oder Leistungen verbunden ist, und
-
die Zeit, die zwischen der Entscheidung und der Feststellbarkeit des Erfolgs oder
Mißerfolgs vergeht (und in der das Unternehmen dem Risiko ausgesetzt ist).
Wie Abbildung 1 darstellt, können wir vier Grundtypen von Risikosituationen
unterscheiden:
-
Geschäftsfelder, in denen die Entscheidung über die Entwicklung und Einführung neuer
Produkte/Leistungen ein geringes Risiko für das Unternehmen darstellt und der Erfolg oder
Mißerfolg sich schnell einstellt,
-
Geschäftsfelder mit geringem Entscheidungsrisiko, aber langem Zeitbedarf, bis das
Ergebnis der Entscheidungen sichtbar wird,
-
Geschäftsfelder, in denen die Entscheidung über die Entwicklung und Einführung neuer
Produkte/Leistungen ein großes Risiko für ein Unternehmen beinhalten, der Erfolg oder
Mißerfolg aber schnell erkennbar wird, und schließlich
-
Geschäftsfelder mit hohem Entscheidungsrisiko und hohem Zeitbedarf, bis das Ergebnis
der Entscheidungen deutlich wird.
Industrien oder Branchen können einer der vier Risikosituationen zugeordnet werden,
allerdings findet allgemein eine Bewegung zu höherem Entwicklungsaufwand und daher
-risiko und zu längeren Entwicklungszeiten statt.
In der pharmazeutischen Industrie beispielsweise muß ein Unternehmen mit einem
Entwicklungsaufwand von rund 250 Millionen DM pro neuem Wirkstoff und einer
Entwicklungszeit von zehn oder mehr Jahren rechnen. Wenn mehr als ein Entwicklungsprojekt
im Endeffekt fehlschlägt, weil ein Wettbewerber mit einem überlegenen Wirkstoff eher auf
den Markt kommt oder weil sich das Marktvolumen als wesentlich geringer als gedacht
erweist, kann das existentielle Probleme für das Unternehmen zur Folge haben. Auf der
anderen Seite hängt das Schicksal eines größeren pharmazeutischen Unternehmens zu
keinem Zeitpunkt weitgehend von einem einzigen Entwicklungsprojekt ab.
Auch kann immer wieder überprüft werden, ob sich die Annahmen, die zum Engagement in
einem gegebenen Entwicklungsprojekt führten, bei fortschreitender Entwicklungsarbeit
bestätigen. Das Projekt kann im Zweifelsfall abgebrochen werden, ohne daß alle Mittel
verloren sind - im Gegenteil, sie können unter Umständen einem anderen
Entwicklungsprojekt, das parallel läuft, zugute kommen.
Anders sieht es in der Luftfahrt-industrie aus. Hier können selbst die größten
Unternehmen nur jeweils in ein Entwicklungsvorhaben investieren, dessen Laufzeit auch in
der Größenordnung eines Jahrzehnts liegt. Ähnlich stellt sich heute die Lage in der
Automobilindustrie dar.
Diese Industrien befinden sich eindeutig in Geschäftsfeldern mit hohem
Entscheidungsrisiko und hohem Zeitbedarf, bis das Ergebnis der Entscheidung deutlich wird.
Sie sind daher in Abbildung 2 im oberen rechten Feld positioniert.
Während die Dauer bis zur Feststellung des Ergebnisses eines einzelnen
Versicherungsvertrags in der Lebensversicherungsbranche ebenfalls jenseits von zehn Jahren
liegt, ist das Geschäftsprinzip so angelegt, daß ein einzelner Mißerfolg (das heißt
ein Fall, bei dem deutlich mehr Prämie ausgezahlt werden muß, als Beiträge eingenommen
wurden) keine nennenswerte Auswirkung auf das Wohl eines Lebensversicherungsunternehmens
hat.
Ein hohes Entscheidungsrisiko, aber schnelles Feedback ist typisch für das Geschäft der
Werbeagenturen: eine fehlgeschlagene Kampagne kann eine Agentur ruinieren. Ähnlich ist es
bei Filmgesellschaften bei der Entscheidung für eine aufwendige Filmproduktion.
Geringes Risiko und schnelles Feedback sind charakteristisch für die Entscheidung von
Kaufhaus- und Supermarktketten, ein neues Produkt oder ein neues Produktprogramm
aufzunehmen.
Es ist klar, daß das unternehmerische Verhalten in den unterschiedlichen Risikofeldern
prinzipiell unterschiedlich sein muß.
Entsprechend können wir vier grundsätzliche Verhaltensweisen unterscheiden, die jeweils
einem der vier Risikofelder angemessen sind:
-
In Geschäftsfeldern hohen Risiko-potentials und langer Feedback-Zeiten ist die
Unternehmenskultur »Alle für eine gemeinsame Sache« die erfolgversprechendste,
-
in Geschäftsfeldern niedrigen Risikopotentials und langer Feedback-Zeiten
»funktioniert« die Unternehmenskultur »Master mind«,
-
in Geschäftsfeldern hohen Risikopotentials, aber kurzer Feedback-Zeiten ist die
Unternehmenskultur »Pioniertruppe« erforderlich und
-
in Geschäftsfeldern niedrigen Risikopotentials bei kurzen Feedback-Zeiten ist die
Unternehmenskultur »Jeder an seinem Platz« die angemessenste.
Wodurch sind diese Unternehmens-kulturen charakterisiert, und wie unterscheiden sie
sich?
Wir haben herausgefunden, daß es vier prinzipielle verhaltensorientierte Indikatoren
sind, die das Wesentliche dieser Unternehmenskulturen charakterisieren:
-
Das Vorhandensein, die Verinner-lichung und die Bedeutung eines gemeinsamen Zieles oder
Zwecks für alle Mitglieder der Organisation,
-
die Selektivität in der Verfolgung von Geschäftsmöglichkeiten und in der
Ressourcenzuordnung,
-
das Vorhandensein und die Striktheit von
Koordinations-mechanismen,
-
das Vorhandensein und die Ausprägung von Planungs- und Steuerungsmechanismen.
Unternehmenskultur: »Jeder an
seinem Platz«
In Unternehmen, die eine Kultur des »Jeder an seinem Platz« besitzen, ist eine mittel
ausgeprägte gemeinsame Planung und Steuerung das wichtigste zusammenhaltende Element: Es
wird geplant, in welchem Tätigkeitsfeld das Unternehmen sich bewegen soll und welche
Identität es aufrechterhalten will, und die Einhaltung dieser Planung wird überprüft
und unterstützt. Darüber hinaus werden finanzielle Kenngrößen geplant und ihre
Erreichung gesteuert.
Die Selektivität und Koordination in der Ausübung der Aktivitäten und in der
Entwicklung des Geschäfts ist minimal. Es gibt eine global definierte gemeinsame
unternehmerische Zielsetzung, aber »Jeder an seinem Platz« heißt, daß es weitgehend
der Initiative der einzelnen Verantwortungsträger überlassen bleibt, den Weg und die
Mittel der Zielerreichung zu bestimmen. Diese Kultur ist typisch für Konglomerate und
viele Holding-Gruppen. Sie ist angemessen für Kettenunternehmen im Kaufhaus- und
Supermarktbereich, obwohl hier aus ökonomischen Gründen ein zentral erstellter und
ausgehandelter Katalog von Bezugsquellen vorgegeben wird, von dem die einzelnen Standorte
nur in Sonderfällen abweichen können.
Wesentlich ist, daß keines der Profit Center durch eine auf sich selbst bezogene
Geschäftsentscheidung das Gesamtunternehmen gefährden oder die Leistungsfähigkeit der
anderen Profit Center schmälern kann, daß aber die möglichst wenig eingeschränkte
Bewegungsfreiheit des einzelnen Profit Center vor Ort die höchste Gewähr für einen
erfolgreichen Verbund bietet.
Unternehmenskultur: »Master
mind«
Wenn bei gleicher Risikosituation das Feedback über Erfolg oder Mißerfolg langsamer
ist, dann reicht eine mittel ausgeprägte gemeinsame Planung und Steuerung nicht mehr aus,
dann müssen Planung und Steuerung wesentlich gründlicher und detaillierter angelegt
sein, und die Teilaktivitäten müssen besser koordiniert werden. Das einzelne Profit
Center braucht nicht stärker auf ein gemeinsames Ziel und auf Selektivität eingeschworen
zu werden, aber das Handlungsfeld muß eingegrenzt, die Handlungsrichtlinien müssen
vorgegeben werden, wenn die Kumulation von begrenzten Einzelrisiken zu einem gefährlichen
Gesamtrisiko für den Unternehmensverbund vermieden werden soll.
Um diese Art der Führung zu realisieren, benötigt der Unternehmensverbund eine starke
zentrale Kompetenz, die die Handlungsfelder und richtlinien vergibt und ihre Einhaltung
überwacht. Dazu benötigt sie einen ständigen genauen Überblick über alle
Risikosituationen - nicht im einzelnen (dazu wären es in der Regel zu viele mit jeweils
zu geringer unternehmerischer Relevanz), sondern statistisch zusammengefaßt zu einem
Gesamtbild. Die Unternehmenskultur, bei der ein solcher Unternehmensverbund funktioniert,
nennen wir »Master mind« - sie ist beispielsweise bei Versicherungsgesellschaften und
Banken angemessen. Die Niederlassungen und Filialen gehen zwar mit viel Eigeninitiative
den für ihren Zuständigkeitsbereich erfolgversprechendsten Geschäftsmöglichkeiten
nach, aber sie halten eine vorgegebene Palette von Leistungen und Bedingungen ein und
berichten im Detail an die Zentrale, die ein leistungsbezogenes Gesamtimage sicherstellt,
oft geprägt durch ein äußerst einheitliches Erscheinungsbild.
Soweit die Unternehmenskulturen, die bei geringer Risikohöhe der einzelnen Geschäfts-
oder Entwicklungsentscheidung die erfolgversprechendsten sind : »Jeder an seinem Platz«
und »Master mind«.
Unternehmenskultur: »Pioniertruppe«
Bei hohem Risikogehalt der einzelnen unternehmerischen Entscheidung gewinnt die
Einstimmung auf ein gemeinsames Ziel, nämlich den Erfolg der unternehmerischen
Entscheidung, zu dem alle beitragen müssen, an Bedeutung, verbunden mit einem
sorgfältigen Selektionsverfahren, an dem alle Veranwortungsträger beteiligt sein
müssen, um ihr dauerhaftes Engagement zu sichern.
Bei Geschäften mit schnellem Feedback über die Richtigkeit der unternehmerischen
Entscheidung sind das gemeinsame Zielverständnis und die kritische Auswahl der Vorhaben
weit wichtiger als Planung, Steuerung und Koordination. Denn das Vorhaben läuft in diesen
Geschäften meistens so schnell ab und führt in so viel Neuland mit unerwarteten
Problemstellungen und Opportunitäten, daß eine eingehende Planung unnötige
Verzögerungen oder Rigidität bedingen würde. Die angemessenste Unternehmenskultur für
solche Geschäftsfelder ist die der »Pioniertruppe«, die mit klarem Ziel und Auftrag in
unbekanntes Gelände vorstößt, im Bewußtsein, daß das Vorhaben von entscheidender
Bedeutung ist, daß alle Beteiligten zusammenhalten müssen,
daß aber im Verlauf des Vorhabens Umsetzungsentscheidungen vor Ort getroffen werden
müssen, die nicht im voraus geplant werden konnten und die nur in Bezug auf ihre
Übereinstimmung mit dem Ziel koordinierbar sind. Das Ziel muß bewirken, daß die
Einzelaktionen zusammenpassen.
Große Werbeagenturen und Filmgesellschaften bewegen sich in dieser Art von Geschäftsfeld
ebenso wie Explorationsgesellschaften verschiedenster Art. Sie haben etwas
lebensgefährlich Abenteuerliches an sich.
Unternehmenskultur:
»Alle für eine gemeinsame Sache«
Wenn zusätzlich zum hohen Risikogehalt der einzelnen Vorhaben eine lange Dauer bis zum
Deutlichwerden des Erfolgs oder Mißerfolgs zu erwarten ist, dann muß zur kritischen
Auswahl der Vorhaben und zum klaren gemeinsamen Zielverständnis eine eingehende Planung
und Steuerung und eine enge Koordination der laufenden Vorhaben kommen. Denn dann muß der
Unternehmensverbund in der Lage sein, einzelne Vorhaben auf der Basis von
Zwischenergebnissen, Umfeldveränderungen oder Zielkorrekturen zu stoppen oder zu
reorientieren - zugunsten von anderen Vorhaben oder um das Risiko insgesamt zu reduzieren.
Jedes einzelne Vorhaben - beispielsweise die Entwicklung und Markteinführung eines neuen
Wirkstoffes in einem Pharma-Unternehmen oder die Entwicklung eines neuen Modells in der
Automobilindustrie oder bei einem Flugzeughersteller - muß von allen
Verantwortungsträgern des Unternehmensverbundes, seien es die einzelnen
Funktionsbereichsleiter, die Verantwortlichen der Profit Center oder der
Tochtergesellschaften, voll getragen und vertreten werden, und die Organisation des
Vorhabens muß sicherstellen, daß alle Gesichtspunkte eingebracht und alle Anforderungen
berücksichtigt werden. Daher bedarf es der Unternehmenskultur »Alle für eine gemeinsame
Sache«, die die am höchsten entwickelte (aber auch aufwendigste) Form des Verhaltens in
einem Unternehmensverbund darstellt.
In Geschäftsfeldern dieser Art kann die Unternehmenskultur des »Master mind« nicht
erfolgreich sein, denn die zentrale Führung kann weder ausreichend wissen, welche
Bedingungen für einen umfassenden Erfolg erfüllt werden müssen, noch kann sie die
Kompetenz besitzen, um die verschiedenen funktionalen Beiträge einzubringen oder auch nur
zu bewerten, noch kann sie - und das ist der Kern - die unternehmensweite Motivation
schaffen, um eine uneingeschränkte Einsatzbereitschaft für den Erfolg des Vorhabens zu
stimulieren. Es geht nur durch die Einbeziehung aller Verantwortungsträger in den
Zielbestimmungs- und Selektionsprozeß, in das Management der Vorhaben und in den
Entscheidungsprozeß während der gesamten Laufzeit der Vorhaben.
Wenn sich Risikohöhe und/oder Feedback-Geschwindigkeit ändern, so kann eine bestehende
Unternehmenskultur dysfunktional werden. Dieses Phänomen beobachten wir heute in vielen
Branchen und bei vielen Unternehmen, besonders in der Bundesrepublik Deutschland.
Unternehmen mit dysfunktional gewordener Unternehmenskultur, die sich dessen und damit der
Ursache ihrer Probleme nicht bewußt werden, nehmen häufig eine defensive oder sogar
arrogante Haltung an, das heißt sie betrachten Wandel als unfair oder irrig.
So spielten die Hersteller von Großrechnern lange - für viele zu lange - die Bedeutung
von Personal Computern herunter und taten sie als Spielzeug ab, so unterstellen
amerikanische und europäische Hersteller der verschiedensten Branchen immer wieder, daß
ihre japanischen Wettbewerber mit Dumpingpreisen oder ungerechten Kostenvorteilen agieren.
Da wir uns in einem Umfeld zunehmenden Innovationswettbewerbs mit steigendem Aufwand für
Innovationsvorhaben bewegen - und das gilt für nahezu alle Branchen - nimmt generell die
Risikohöhe von Entwicklungsvorhaben zu. Wenn gleichzeitig auch die Entwicklungszeiten
eher länger werden, so verschieben sich die Anforderungen an die Unternehmen in einer
Weise, daß die Unternehmenskultur »Alle für eine gemeinsame Sache« immer mehr an
Bedeutung gewinnt.
Wie können Unternehmen den Wandel in Richtung dieses Typs von Unternehmenskultur
vollziehen?
Betrachten wir die einzelnen Verhaltenskategorien.
Einsatz für ein
gemeinsames Ziel
Wir stellen immer wieder fest, daß in den Unternehmen ein gemeinsames Verständnis der
Herausforderungen, der Chancen und der Gefahren fehlt. Was an Verständnis vorhanden ist,
ist auf unterschiedliche Funktionsbereiche verteilt, die zu wenig miteinander
kommunizieren, so daß kein Gesamtbild entsteht, so daß auch Verzerrungen und Vorurteile
nicht ausdiskutiert werden, sondern unterschwellig Teilentscheidungen und Verhaltensweisen
beeinflussen.
Als Verhaltensindikatoren für die Fähigkeit eines Unternehmens, seine
Verantwortungsträger für den Einsatz für ein gemeinsames Ziel zu gewinnen, haben sich
folgende bewährt:
-
Die Existenz eines gemeinsamen, abgestimmten Verständnisses der Herausforderungen,
Chancen und Gefahren für das Unternehmen,
-
die Qualität des Prozesses der Erarbeitung und Kommunikation von Zielen,
-
die Akzeptanz der Delegation von Teilverantwortungen und des Teilhabens an der
Verantwortung für die Zielerreichung und
-
die Klarheit der Rollen bei der Verfolgung des gemeinsamen Zieles.
Abbildung 3 zeigt ein Bewertungsformat, mit dem der Status quo eines Unternehmens -
bezogen auf den Einsatz aller für ein gemeinsames Ziel - ermittelt und mit dem Profil der
angestrebten Unternehmenskultur verglichen werden kann.
Anhand der festgestellten Diskrepanzen können Maßnahmen definiert werden, um bei
dieser Verhaltenskategorie Veränderungen in der gewünschten Richtung herbeizuführen.
Beispielsweise kann ein gemeinsames, abgestimmtes Zielverständnis durch regelmäßige
Führungskräftegespräche geschaffen werden, können die Ziele durch spezifische Analysen
und Zusammenführen zu einer Gesamtbeurteilung erarbeitet und durch Mitarbeitergespräche
und unternehmensinterne Mitteilungen regelmäßig kommuniziert werden.
Durch Einrichtung eines erweiterten Führungskreises, in dem die
Verantwortungsträger der bestehenden Profit Center und Tochtergesellschaften vertreten
sind, können die Gesamtziele und die Gesamtverantwortung in Teilziele und
Teilverantwortungen heruntergebrochen werden, für die sich die Verantwortungsträger aus
eigener Initiative engagieren und über deren Erfüllung sie in der Folge den anderen
Mitgliedern des Führungskreises Rechenschaft ablegen.
Dadurch entsteht in den Augen aller Verantwortungsträger auch Klarheit über die
Rollenverteilung bei der Verfolgung der gemeinsamen Ziele.
Es ist immer wieder erstaunlich festzustellen, daß diese einfach klingenden Maßnahmen
bei kaum einem Unternehmen ergriffen werden. In der ersten Sitzung des von uns initiierten
erweiterten Führungskreises hören wir des öfteren, daß einige der Teilnehmer seit
Jahren nicht mehr miteinander gesprochen haben. So kommt es immer wieder vor, daß bei den
gemeinsamen Sitzungen zunächst einmal eine Fülle von Vorurteilen und
Fehleinschätzungen, von alten Vorwürfen und Ressentiments aufgedeckt und überwunden
werden müssen. Nicht in die Entscheidungsprozesse involviert gewesen zu sein, sich von
zentralen Stäben bevormundet und gegängelt gefühlt zu haben, ist - wie sich
herausstellt - häufig die Ursache für Widerstände gegen Unternehmensziele.
Ungenauigkeiten im Rollenverständnis führen zu Zuständigkeitskonflikten, so daß die
Versteifung auf funktionale Interessen und die Starrheit im Verteten dieser Interessen oft
zum Surrogat für echtes unternehmerisches Engagement geworden sind. Erstaunlicherweise
wird Intoleranz in dieser Haltung häufig glorifiziert als Professionalität oder
kaufmännische Konsequenz - und schließlich verhalten sich alle so, es gilt »Auge um
Auge, Zahn um Zahn«, wobei jeder das nicht genau definierte Unternehmensinteresse und
seinen Beitrag dazu als Rechtfertigung benutzt.
Das gemeinsame Ziel gemeinsam zu erarbeiten und sich auf Teilverantwortungen und Rollen zu
einigen, heißt nicht, wie Ludwig Poullain unterstellt, in die Verantwortungslosigkeit des
Kollektivs zu flüchten. Es heißt vielmehr, die Kompetenz und Einsatzbereitschaft einer
Führungsgruppe mit unterschiedlichen Kenntnissen zu nutzen, eine Gruppenmentalität zu
entwickeln und die Komplexität von Entscheidungssituationen in den Griff zu bekommen. Es
ist der Stil von Heinz Nixdorf gegen den von Max Grundig.
Selektivität
Das Ziel ist eine Sache - die Wahl der Wege und Mittel ist eine andere. Die
Frustration, die hochtrabende Zielbestimmungen und Formulierungen in manchen besonders
wenn die hehren Unternehmen hervorgerufen haben, Ziele dann auch noch in einer
anspruchsvollen unternehmensinternen Broschüre daß die Umsetzung in festgehalten wurden,
resultierten daraus, erfolgreiche Vorhaben nicht klappte und daß dieser Umsetzungsprozeß
dann doch wieder das Ergebnis einsamer Entscheidungen zu sein schien.
Die Unternehmenskultur »Alle für eine gemeinsame Sache« setzt die Erfüllung von
vier Verhaltensindikatoren voraus:
-
Die Anerkennung der Wichtigkeit von Selektivität und strikten Prioritäten,
-
Übereinstimmung bezüglich der angewandten Selektionskriterien,
-
Teilnahme aller Veranwortungsträger am Selektionsprozeß und
-
Akzeptanz der selektierten Vorhaben oder Gebiete.
Die meisten Unternehmen leben, was ihr Forschungs- und Entwicklungsprogramm anbetrifft,
aber auch bezüglich der von ihnen verfolgten Geschäfte, über ihre Verhältnisse. Um
heute im zunehmend internationalen Innovationswettbewerb zu bestehen, um dem Wandel im
Unternehmensumfeld gewachsen zu sein, ist Selektivität erforderlich, müssen strikte
Prioritäten gesetzt und eingehalten werden. Das ganze Unternehmen muß darauf
eingeschworen werden, denn sonst findet auch in Zukunft eine Verzettelung der Ressourcen
statt, die bedingt, daß das Unternehmen da nicht schlagkräftig und schnell genug ist, wo
es die Chance hat, zu den Gewinnern zu zählen.
Abbildung 4 zeigt das Bewertungsformat, mit dem wir den Status quo eines Unternehmens
bezogen auf seine unternehmerische Selektivität ermitteln und mit dem Profil der
angestrebten Unternehmenskultur vergleichen.
Wie bei den Zielen lassen sich aus der festgestellten Diskrepanz Maßnahmen ableiten und
begründen, um eine der angestrebten Unternehmenskultur entsprechende Selektivität
aufzubauen.
Die Notwendigkeit von Selektivität und Prioritäten leuchtet meistens nach einer gut
strukurierten strategischen Analyse ein - es wird deutlich, wo die kritischen
Erfolgsfaktoren im Markt liegen, welches die entscheidenden Schlüssel- und
Schrittmachertechnologien sind, in welchen Wertschöpfungsstufen die kritischen
Kostenpositionen zu finden sind, und es erweist sich typischerweise im
Wettbewerbsvergleich, daß das Unternehmen nicht alle Vorhaben und Geschäfte mit dem
erforderlichen Ressourceneinsatz verfolgen kann.
Entscheidend ist, wie die Auswahl getroffen und immer wieder überprüft wird.
Solange nicht der Versuch gemacht wird, zunächst Einigkeit über die Selektionskriterien
zu erzielen, besteht zum einen nicht die Sicherheit, daß die für die
Auswahlentscheidungen erforderlichen Informationen eingebracht und berücksichtigt werden
und zum anderen die Gefahr, daß subjektive Präferenzen oder Zufallsinformationen die
Auswahl bestimmen. In solchen Situationen bleibt der Nachgeschmack von Manipulation und
Bevormundung.
Es ist daher wichtig für die Unternehmenskultur »Alle für eine gemeinsame Sache«, daß
alle Verantwortungsträger des Unternehmens an der Festlegung der Selektionskriterien
teilnehmen, das heißt
-
der Faktoren, nach denen Entwicklungsvorhaben als für das Unternehmen geeignet und
erfolgversprechend eingestuft werden können, oder
-
der Bedingungen, unter denen das Unternehmen sein Engagement in einem bestehenden
Geschäft aufrechterhalten und ausbauen oder unter denen es sich in neuen Geschäften
engagieren sollte.
Erst wenn die Selektionskriterien stehen und den Beteiligten sinnvoll erscheinen,
sollten sie systematisch und in gemeinsamen Bewertungssitzungen auf die zur Wahl stehenden
Entwicklungsvorhaben, aber auch immer wieder auf die laufenden Entwicklungsvorhaben
angewandt werden.
Denn wir beobachten immer wieder, daß die Kriterien in Entscheidungssituationen
manipuliert werden, oft unbewußt und implizit, da in der Regel die klare Trennung in
Selektionskriterien und Bewertung von Alternativen gar nicht eingehalten wird.
Wenn vom »Kommando des Vorstandsvorsitzenden« gesprochen wird, dem die anderen
»gehorchen« müssen, wenn Unternehmer ihre einsamen Entscheidungen fällen, wenn »der
Vorstand die Richtung vorgibt«, wenn »an Strategien festgehalten und einmal getroffene
Entscheidungen nicht mehr in Frage gestellt werden«, häufig auch, wenn Prioritäten
»als Ausdruck unternehmerischen Willens« gesetzt werden, dann entpuppt sich das
Verhalten als Indikator einer »Master-mind«-Kultur - aber in einem Risikofeld, in dem
diese Unternehmenskultur an sich schon etwas harakiriartiges an sich hat. Denn in
komplexen Entscheidungssituationen und in Geschäften, die schnellem Wandel ausgesetzt
sind, kann es keinen »Master mind« geben, der alles durchschaut. Aber selbst wenn es ihn
gäbe, er würde sich unnötigerweise von den restlichen Führungskräften seines
Unternehmens abkoppeln und damit enorme Energien und wertvolles Wissen verschwenden.
Was in Wirklichkeit passiert, ist im Gegenteil oft Ausdruck von Unfähigkeit oder
Schlampigkeit: Die Mühe, Selektions- und Entscheidungskriterien explizit zu benennen und
mit ihrer Hilfe einen Konsensus zu erreichen, wird durch Nutzung der Autorität abgekürzt
- bei Max Grundig in autodidaktischem Machtbewußtsein, bei Bodo Liebe nach gelegentlichen
Geheimratssitzungen.
Die Unternehmenskultur »Alle für eine gemeinsame Sache« baut dagegen auf der ständigen
Mühe und Übung auf, explizite Selektionskriterien im Führungskreis zu bestimmen und
anzuwenden und damit einen nachvollziehbaren Konsensus über die zu verfolgenden
Entwicklungsvorhaben und Geschäfte aufrechtzuerhalten.
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