|
- Volltext -
Identifikation und Bewertung neuer Dienstleistungen mit der
Service-Start-up-Analyse
von Tilmann
Barth, Andreas Hertweck
Stichworte:
Dienstleistungsentwicklung,
Service-Engineering, Service-Start-up, Empirische Untersuchung,
Vorgehensmodell,
Zusammenfassung, Literatur.
|
In diesem Beitrag
erfahren Sie:
|
-
welche Bedeutung einer systematischen Entwicklung von
Dienstleistungen zukommt,
-
wo die wichtigsten Handlungsfelder der
Dienstleistungsentwicklung liegen und
-
welche Schritte für eine systematische Bewertung und
Identifikation neuer Dienstleistungen notwendig sind.
|
Industrieunternehmen entdecken in zunehmendem Maße die Chancen, die sich durch
Verbesserung, Erweiterung oder Neupositionierung ihres Dienstleistungsangebotes eröffnen.
Wurden Dienstleistungen bisher hauptsächlich als Nebenleistungen im Verbund mit Produkten
angeboten sogenannte produktorientierte hybride Leistungen entwickeln sie
sich heute immer stärker zu eigenständigen Leistungen, wobei sich die
Tätigkeitsschwerpunkte der Unternehmen teilweise sogar vom Produkt- zum
Dienstleistungsbereich verschieben. Diese Veränderung der Wertschöpfung ist zum einen
die Folge einer immer stärker werdenden funktionalen und preislichen Angleichung von
Produkten und der damit einhergehenden Verschärfung des Wettbewerbs im Produktbereich.
Zum anderen trägt hierzu aber auch das große, bisher ungenutzte Potential von
Dienstleistungen bei der Differenzierung im Wettbewerb und der Erschließung neuer
Wachstums- und Ertragspotentiale bei.
Vor allem für Industrieunternehmen stellt sich heute die zentrale Frage, welche
Dienstleistungen in welchen Bereichen anzubieten sind. Ideen für mögliche
Dienstleistungen sind dabei zumeist vorhanden. Die Schwierigkeit liegt vielmehr im
Erkennen, ob eine Idee vom Markt akzeptiert werden wird, ob sie vom Unternehmen realisiert werden kann sowie in
ihrer systematischen Umsetzung in eine konkrete, marktfähige Leistung. Erst wenn
Unternehmen die Möglichkeit gegeben wird, fundierte Antworten auf diese Fragen zu
bekommen, werden gute Ideen nicht mehr nur gedanklich durchgespielt, sondern können auch
wirklich umgesetzt werden. Der folgende Beitrag zeigt einen systematischen Weg von der
Idee für eine neue Dienstleistung über deren Einschätzung - beispielsweise hinsichtlich
ihres Marktpotentials - bis zur konkreten Entscheidung, ob eine solche neue Dienstleistung
vom Unternehmen entwickelt und angeboten werden soll.
Dienstleistungsentwicklung
in Forschung und betrieblicher Praxis
Die Entwicklung und Planung neuer Produkte wird von vielen Unternehmen als ein
zentraler Erfolgsfaktor für ein nachhaltiges Wachstum und die Steigerung ihrer
Wettbewerbsfähigkeit betrachtet. Häufig ist diese Einsicht jedoch nur in bezug auf
Sachgüter vorhanden. Viele neue Dienstleistungen entstehen jedoch immer noch als mehr
oder weniger zufälliges »Beiprodukt«, während ein systematisches Innovations- und
Entwicklungsmanagement, was die Voraussetzung für eine effiziente und erfolgreiche
Einführung neuer Dienstleistungen am Markt ist, weitgehend fehlt [1].
Dabei ist die Thematik der Dienstleistungsentwicklung keineswegs nur allein für
Dienstleistungsunternehmen von Interesse. Gerade im Produktbereich wird von Unternehmen
zunehmend eine Differenzierungsstrategie, das heißt die Differenzierung von Produkten
durch Dienstleistungen oder eine Diversifikationsstrategie, also die Erschließung neuer
Geschäftsfelder im Dienstleistungsbereich, verfolgt. Es besteht daher auch im
Produktbereich ein vermehrter Bedarf an Methoden und Instrumenten zur gezielten Planung
und Umsetzung von Dienstleistungen.
Service-Engineering
Für die Entwicklung von Dienstleistungen ist - analog zu modernen Methoden in der
Sachgüterentwicklung - ein ganzheitlicher Ansatz zu verfolgen, der verschiedene
Perspektiven und Fachrichtungen integriert. Aus diesen Erkenntnissen heraus ist in
jüngster Zeit das Service-Engineering entstanden - ein Ansatz zur systematischen
Entwicklung von Dienstleistungen, der den gesamten Lebenszyklus einer Dienstleistung von
der Ideenfindung bis zur Markteinführung und Leistungserbringung in den
Entwicklungsprozeß einbezieht [2]. Das Service-Engineering beschränkt sich dabei
keineswegs nur auf die Problematik der Neuentwicklung von Dienstleistungen. Diese stellt
zwar die klassische Ausgangssituation dar, der dem Service-Engineering zugrunde liegende
umfassende Ansatz schließt aber insbesondere auch
-
die Bündelung bereits bestehender Leistungen im Sinne einer besseren Befriedigung von
Kundenbedürfnissen,
-
die Ergänzung von Sachgütern durch Dienstleistungen zu hybriden Produkten sowie
-
das Reverse-Engineering und das Reengineering von Dienstleistungen, bei denen eine
bereits bestehende Dienstleistung im Hinblick auf veränderte Kundenbedürfnisse oder zur
Optimierung der Leistung neu spezifiziert beziehungsweise entwickelt wird, mit in die
Betrachtungen ein [3].
Eine Übersicht, die alle wesentlichen Sachverhalte darstellt und als Basis für ein
umfassendes Service Management im Unternehmen dienen kann, ist in Abbildung 1 dargestellt.

Abb. 1: Handlungsfelder des Service-Engineering
Die Start-up-Phase bildet den Ausgangspunkt jeder Dienstleistungsentwicklung.
Sie umfaßt den gesamten Bereich der Identifikation und Bewertung neuer Dienstleistungen
und dient vor allem dazu, die Lücke zwischen Idee und Planung einer Dienstleistung zu
überwinden. Bei der Start-up-Analyse wird die Entscheidung über die Realisierung von
Dienstleistungsideen getroffen. Daraufhin beginnt das Engineering und Design der
Dienstleistung, die eigentliche Entwicklungsarbeit im Sinne einer konkreten,
methodengestützten Gestaltung der Dienstleistung mit Hilfe von Funktions- und
Anforderungsanalysen. Schließlich folgt die Implementierung der Dienstleistung.
Dies
beinhaltet zum einen die interne Implementierung, zum Beispiel die organisatorische
Einbindung der neuen Dienstleistung, zum anderen aber auch die externe Implementierung,
beispielsweise die Gestaltung des Marketing-Mixes. Die einzelnen Handlungsfelder, deren
Ablauf zumindest teilweise parallel erfolgen kann, sind durch ein ständiges
Management
des Entwicklungsprozesses (im Sinne eines Projektmanagements) zu steuern und zu
koordinieren. Zentrale Schwerpunkte bilden dabei die permanente Überwachung der
Leistungsplanung und -gestaltung, der Termine und Kosten sowie der Bereitstellung der
benötigten Ressourcen, zum Beispiel der Personal- oder
Informations-/Kommunikationsinfrastruktur.
Empirische Erkenntnisse zum
Service-Engineering
Entscheidende Bedeutung für die Identifikation und Bewertung neuer Dienstleistungen im
Rahmen eines Service-Engineering kommt der Start-up-Analyse zu. Sie stellt den
Schwerpunkte einer Anfang 1999 durchgeführten Studie (siehe Inset) dar.
Dabei wurden insgesamt 3.500 Unternehmen angeschrieben und zum Stand der
Dienstleistungsentwicklung in Deutschland befragt. 282 Unternehmen antworteten, was einer
Rücklaufquote von 8,1 Prozent entspricht. Ungefähr drei Viertel dieser Unternehmen
lassen sich dem tertiären Sektor zuordnen. Die Verteilung entspricht damit etwa dem
Anteil der Dienstleistungsunternehmen an der Grundgesamtheit aller deutschen Unternehmen
(er liegt gemäß Arbeitsstättenzählung bei 73,8 Prozent, Angabe des Statistischen
Bundesamtes, 1998).
Wichtige Erkenntnisse für die Start-up-Analyse brachte die Untersuchung der sich in
praxi ergebenden Problemfelder. Demnach stellt für viele Unternehmen die Beurteilung der
Marktchancen/-gegebenheiten neuer Dienstleistungen, das heißt, die Bewertung von
Erfolgschancen sowie die Ermittlung potentieller Kunden und ihrer Anforderungen, ein
zentrales Problem dar. Auch hinsichtlich des optimalen Einsatzes vorhandener
Unternehmensfähigkeiten bei der Planung und Umsetzung neuer Dienstleistungen existieren
Defizite. Hier sind vor allem
-
die Ermittlung des Leistungsspektrums im Sinne einer Angebotsstrategie,
-
die Definition potentieller Dienstleistungen sowie
-
ein angemessenes Preismanagement
-
die Bereiche, welche die größten Probleme bereiten (Abb. 2).
Hilfestellung bei der Lösung der identifizierten Problemfelder leistet die
Start-up-Analyse. Sie unterstützt Unternehmen bei der umfassenden Beurteilung von
Dienstleistungsideen und liefert wichtige Anhaltspunkte für Konzeption und Umsetzung der
ausgewählten Dienstleistungsideen. Damit nimmt sie eine zentrale Position innerhalb des
Service-Engineering-Konzepts ein.
Die Studie
Sie entstand innerhalb eines gemeinsamen Projekts des Lehrstuhls für Allgemeine
Betriebswirtschaftslehre und Betriebswirtschaftliche Planung der Universität Stuttgart,
des Instituts für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement der Universität
Stuttgart, des Instituts für Werkzeugmaschinen und Betriebstechnik der Universität
Karlsruhe sowie des Instituts für angewandte Forschung der Fachhochschule Pforzheim. Das
Projekt wird vom Land Baden-Württemberg im Rahmen der »Zukunftsoffensive Junge
Generation« gefördert.
Abb. 2: Zentrale Problemfelder bei der
Dienstleistungsentwicklung
Service-Start-up - Identifikation und Bewertung
neuer Dienstleistungen
Die generelle Schwierigkeit bei der Identifikation und Bewertung möglicher neuer
Dienstleistungen besteht darin, daß es eine Vielzahl von Unternehmens- und Umweltfaktoren
sowie deren potentielle Entwicklung in der Zukunft zu berücksichtigen gilt. Je weiter die
ins Auge gefaßte neue Dienstleistung dabei vom bestehenden Geschäft des Unternehmens
entfernt ist (beispielsweise der Einstieg eines Automobilherstellers in das Werkstatt-
oder Leasinggeschäft), desto größer sind die Unerfahrenheit mit dem potentiellen neuen
Geschäft, der Informationsbedarf und die Notwendigkeit eines systematischen,
nachvollziehbaren Vorgehens.
Diese Problembereiche umreißen das Aufgabenfeld einer Start-up-Analyse. Zum besseren
Verständnis und zur Erleichterung der praktischen Durchführung empfiehlt sich deren
Aufspaltung in mehrere überschaubare (Teil-)Schritte. Ein hierfür entwickeltes
generisches Vorgehensmodell zeigt die Abbildung 3. Dieses Vorgehensmodell konnte im Rahmen
des bereits vorgestellten Projektes in einem Anwenderkreis, bestehend aus mehreren
Dienstleistungsunternehmen, getestet und validiert werden. Zudem wurden bei der
Ausgestaltung der einzelnen Phasen die innerhalb der empirischen Untersuchen gewonnenen
Erkenntnisse einbezogen. Bei der Anwendung des Modells ist zu beachten, daß, abhängig
von den unternehmens- und situationsspezifischen Besonderheiten, Abweichungen vom
Grundkonzept hinsichtlich Inhalt und Reihenfolge der einzelnen Phasen auftreten können.
Suche nach neuen
Dienstleistungsideen
In der Regel kann davon ausgegangen werden, daß Unternehmen stets einen gewissen Pool
an Dienstleistungsideen besitzen. Dieser wird aber meist nicht aktiv genutzt, sondern erst
aufgrund externer (vor allem konjunktureller oder marktbezogener Einflußfaktoren) oder
interner Veränderungen (beispielsweise struktureller oder strategiebezogener Faktoren)
zur Generierung von Innovationen und damit zur strategischen Erneuerung und
Neupositionierung des Unternehmens herangezogen. Ein bewußtes, proaktives Suchen nach
Ideen für neue Dienstleistungen - etwa durch den Einsatz von Kreativitätstechniken - ist
in der Praxis aber eher selten anzutreffen. Diese Aussage wird auch durch die Ergebnisse
der durchgeführten Untersuchung bestätigt.

Abb. 3: Start-up-Analyse für das Service-Engineering
Die Angebotspolitik der großen Mehrheit der befragten Unternehmen sieht demnach
lediglich eine Optimierung beziehungsweise Weiterentwicklung von bereits bestehenden
Dienstleistungen vor (Abb. 4). Deutlich seltener sind Strategien für eine aktive
Dienstleistungs- oder Marktentwicklung geplant. Erst an letzter Stelle ist die neue
Gestaltung der Beziehung zu Kunden oder Geschäftspartnern genannt.
Im Hinblick auf die weiteren Schritte im Analyseprozeß ist es notwendig, die
bestehenden Dienstleistungsideen aufzunehmen und in Abhängigkeit verschiedener
Angebotsstrategien zu strukturieren. In bestimmten Fällen ist auch eine gezielte
Erweiterung des Ideenpools, beispielsweise mit Hilfe einschlägiger
Kreativitätstechniken, erforderlich.

Abb. 4: Geplante Angebotsstrategien
Spezifizierung des Analysemodells
Nachdem man sich einen Überblick über die Dienstleistungsideen im Unternehmen
verschafft hat, gilt es, die Elemente der Start-up-Analyse entsprechend der jeweiligen
Untersuchungssituation zu konfigurieren, etwa hinsichtlich bereits im Unternehmen
vorhandener Informationen. Dabei sollten alle an der Untersuchung beteiligten Mitarbeiter
ein Mitspracherecht haben, um subjektive Vorbewertungen bezüglich der Relevanz einzelner
Bewertungsschritte und -faktoren zu vermeiden.
Strategische Analyse
Die eigentliche Basis für die Auseinandersetzung mit neu zu entwickelnden
Dienstleistungen und deren anschließende Bewertung sind Umwelt- und Unternehmensanalysen.
Sie ermöglichen die Abbildung der strategischen Ausgangslage des jeweiligen Unternehmens.
Im Bereich der Umweltanalyse spielt die Untersuchung der Marktgegebenheiten eine
entscheidende Rolle. Im Mittelpunkt des Service-Engineering stehen dabei Informationen
über die Kundenwünsche und -bedürfnisse. Darüber hinaus sollten weitere Bereiche der
Unternehmensumwelt in eine regelmäßige Analyse eingebunden werden, beispielsweise mit
Hilfe von Wettbewerbs-, Kunden- oder Technologieanalysen. Nur so können frühzeitig
Trends im Sinne von Chancen und Risiken aufgenommen und in die Planung der künftigen
Angebotsstrategien eingebunden werden.
Neben den Umweltfaktoren gilt es, auch die internen Potentiale des Unternehmens zu
analysieren (Unternehmensanalyse). Hierzu erfolgt eine systematische Aufarbeitung
der Stärken und Schwächen des Unternehmens. Von zentraler Bedeutung dabei ist die
Bestimmung und Bewertung der Kernkompetenzen des Unternehmens. Es ist zu überlegen,
inwieweit neue Dienstleistungen die Kernkompetenzen unterstützen beziehungsweise
langfristig zu solchen ausgebaut werden können. Die operative Durchführung der
Unternehmensanalyse stellt sich in der Regel als eine Untersuchung und Bewertung der
Ressourcen des Unternehmens im Vergleich mit wichtigen Konkurrenten sowie mit den
Anforderungen des Marktes dar. Die eigentliche Ermittlung der Stärken und Schwächen
findet dann zum einen durch subjektive Schätzung statt, basierend beispielsweise auf
Intuition und Wissen der relevanten Entscheidungsträger, zum anderen anhand objektiv
nachprüfbarer Daten wie etwa konkreten Informationen zur Kostenposition.
Eskalation von Filterstufen
Die Bewertung möglicher neuer Dienstleistungen bindet Ressourcen und verursacht damit
Aufwand für das Unternehmen. Daher ist es erforderlich, möglichst früh die Anzahl der
Dienstleistungsideen zu reduzieren. Hierfür eignet sich ein Vorgehen anhand verschiedener
Filterstufen, wobei Aufwand und Informationsdichte, die für die Durchführung einer
Filterstufe erforderlich sind, jeweils zunehmen [4].
Der Vorsteuerungsfilter hat die Aufgabe, Vorsteuerungsgrößen zu generieren,
welche eine weitgehende Reduktion der Dienstleistungsideen ermöglichen.
Vorsteuerungsgrößen können sich beispielsweise aus den Zielen des Unternehmens ergeben.
Bei ertragsorientierten Unternehmen etwa bilden vorgegebene Zielerträge eine generelle
Bewertungsrichtlinie für mögliche neue Geschäfte. Daneben lassen sich wichtige
Vorsteuerungsgrößen oft auch aus dem Leitbild eines Unternehmens ableiten. Dieses faßt
die normativen Richtlinien des Unternehmens zusammen und stellt die wesentlichen
Charakteristika in expliziter - zumeist schriftlicher - Form dar. Bei der Bewertung von
Dienstleistungsideen kommt dem Leitbild eine Orientierungsfunktion zu. Beispielhaft seien
hier generelle Einstellungen des Unternehmens zur Rüstungsindustrie oder zur
Gentechnologie angeführt.
Beim Einsatz von Unternehmensfiltern geht es darum, neue Geschäfte unter
Einbeziehung der bestehenden Geschäfte zu bewerten. Ein klassisches Instrument hierfür
ist die Marktwachstums-Marktanteils-Matrix der Boston Consulting Group. Mittels dieser
Matrix ist eine Darstellung der strategischen Ausgangsposition des Unternehmens möglich.
Durch Positionierung der neuen Geschäfte in dieser Matrix läßt sich deren Einfluß auf
die Portfolio-Balance des Unternehmens - im Sinne der Ausgewogenheit
finanzmittelfreisetzender und -verbrauchender Geschäftseinheiten - erkennen.
Im Bereich der problembezogenen Filterstufe kommen zumeist einzelfallspezifisch
ausgerichtete Matrizen oder Checklisten zum Einsatz, die die Bewertung und Auswahl
identifizierter neuer Geschäfte unterstützen. Als Beispiel sei hier auf die Vielzahl
unterschiedlicher Portfolien zur Abgrenzung einer Technologie, zur Bestimmung ihres
aktuellen und künftigen Leistungspotentials sowie zur Ableitung adäquater
Technologiestrategien verwiesen. Die Bewertung von Dienstleistungen kann jedoch selten
ohne Anpassungen dieser Instrumente vorgenommen werden. Vor allem der oftmals geringe
Informationsstand macht es schwierig, formalisierte Bewertungs- und Prognoseverfahren,
insbesondere im Hinblick auf zukunftsorientierte Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen,
einzusetzen.
Der beschriebene Filterprozeß stellt einen Ansatz zur Bewertung neuer
Dienstleistungsideen dar. Er darf aber nicht als rein sequentiell zu durchlaufender
Prozeß interpretiert werden, der alle denkbaren unternehmensspezifischen
Evaluationsaspekte berücksichtigt. Die Filtersystematik ist vielmehr als Ordnungs- und
Orientierungsrahmen für die Bewertung neuer Dienstleistungen zu verstehen. Sie gibt den
Personen, die sich im Unternehmen mit der Bewertung von Dienstleistungsideen
beschäftigen, Hilfestellung für ein systematisches Angehen der Aufgabe.
Ranking möglicher neuer
Dienstleistungen
In dieser Phase der Start-up-Analyse ist die Zahl der möglichen neuen Dienstleistungen
bereits erheblich eingeschränkt, und das Unternehmen besitzt eine relativ konkrete
Vorstellung bezüglich der jeweiligen Leistungsinhalte. Im nächsten Schritt ist es daher
notwendig, mittels einer aggregierten Betrachtung der einzelnen Analyseergebnisse ein
Ranking der verbliebenen Dienstleistungsideen zu erstellen, um so eine Auswahl der für
das Unternehmen erfolgversprechendsten Vorschläge treffen zu können. Adäquate
methodische Unterstützung hierfür bietet eine Nutzwertanalyse. Sie erlaubt es, auch
Kriterien, die nicht quantitativ meßbar sind, zu berücksichtigen.
Entscheidung: Stop or go
Je nach Differenziertheit und Ausführlichkeit der durchgeführten Start-up-Analyse
sollte es den Entscheidungsträgern im Unternehmen nun möglich sein, ein Urteil für oder
gegen die Realisierung einer neuen Dienstleistungsidee zu fällen. In manchen Fällen
können - je nach Investitionsvolumen und Nähe zum bisherigen Kerngeschäft - noch
weitere Feinanalysen notwendig sein, bevor schließlich eine endgültige
Investitionsentscheidung getroffen wird. Diese Feinanalysen sind situations- und
unternehmensspezifisch entsprechend auszugestalten. Die empirische Untersuchung hat
darüber hinaus gezeigt, daß in der Praxis hierfür oft Fallstudien oder kleine
Pilotprojekte mit einem potentiellen Schlüsselkunden verwendet werden.
Zusammenfassung
Die Start-up-Analyse stellt für Unternehmen eine sehr gute Möglichkeit dar, das
Problemfeld potentieller neuer Dienstleistungen auf eine strukturierte und
nachvollziehbare Weise anzugehen. Sie hilft Unternehmen
-
bei der Identifikation und Bewertung,
-
bei der marktorientierten Gestaltung und Positionierung,
-
bei der internen Vorstellung, Integration und Promotion (Schaffung von Akzeptanz für
Neuerungen) sowie
-
beim zielorientierten Management von neuen Dienstleistungen im Unternehmen.
Um ein Ausnutzen dieser Potentiale sicherzustellen, sollten Start-up-Analysen nicht ad
hoc aus den momentanen Gegebenheiten heraus zum Einsatz kommen, wie dies die Mehrzahl der
untersuchten Unternehmen auf die Frage nach der Formalisierung des Entwicklungsprozesses
für Dienstleistungen angegeben hat. Entscheidend für eine Steigerung der
Wettbewerbsfähigkeit und ein nachhaltiges Wachstum ist, daß Start-up-Analysen nicht nur
im konkreten Bedarfsfall des Testens bestimmter Dienstleistungsideen, sondern mit einer
gewissen Regelmäßigkeit angewandt werden.
Literatur
[1] Nüttgens, M.; Heckmann, M.; Luzius, M.J. (1998): Service Engineering
Rahmenkonzept, in: Information Management Consulting, 13 (1998), Sonderausgabe Service
Engineering, S. 14f.
[2] DIN Fachbericht Service Engineering - Entwicklungsbegleitende Normung für
Dienstleistungen, Berlin 1998, S. 28
[3] Hofmann, H.R., Klein, L., Meiren, T. (1998): Vorgehensmodelle für das Service
Engineering, in: Information Management & Consulting, 13 (1998), Sonderausgabe Service
Engineering, S. 22
[4] Zum Einsatz von Filtern bei der Suche nach neuen Geschäften vgl. auch
Müller-Stewens, G. (1990), Strategische Suchfeldanalyse, 2. Auflage, Wiesbaden 1990, S.
153ff.
|