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- Leseprobe -
Entwicklung von Innovationsstrategien für
forschungsgetriebene Startups
von Cornelius Herstatt,
Christian Müller
Für ein nachhaltiges Wachstum von Startup-Unternehmen ist
es von großer Bedeutung, dass sie den Wert einer klaren strategischen
Ausrichtung erkennen und daraus konkrete Handlungsaktivitäten ableiten.
Die Autoren dieses Beitrags diskutieren und bewerten aus dieser
Perspektive traditionelle Konzepte und Instrumente der strategischen
Unternehmensführung entlang des Planungsprozesses. Dabei skizzieren sie
die wichtigsten Methoden zur Unternehmens- und Umweltanalyse sowie
Möglichkeiten der Strategieentwicklung und -bewertung.
Stichworte: Strategische Optionen; Zweck der
Unternehmensplanung; Planungsprozess; langfristige Zielsetzung;
Situationsanalyse; Zielformulierung und Strategieentwicklung;
Strategiebewertung; Implementierung strategischer Entscheidungen;
Zusammenfassung.
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In diesem Beitrag erfahren
Sie:
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wie sich ein strategischer Planungsprozess für
Startup-Unternehmen gestalten lässt,
-
wie das Management durch eine frühzeitige,
gründliche Analyse der Unternehmensziele Verunsicherungen von
Investoren und Mitarbeitern vermeiden kann,
-
welche Analyseverfahren zu einem vertieften
Verständnis der Stärken und Schwächen des Unternehmens
führen,
-
wie man anhand der strategischen Ziele die
Effizienz der realisierten Strategien kontrollieren und
-
mit welchen Methoden eine Bewertung der
Handlungsoptionen vorgenommen werden kann.
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Das Erkennen von strategischen Optionen
In den letzten Jahren ist die Anzahl der
Unternehmensgründungen in technologieintensiven Industrien stark
gestiegen (z.B. in der Wachstumsbranche Biotechnologie). Für die
Absicherung und das nachhaltige Unternehmenswachstum dieser jungen,
innovativen Unternehmen ist es von großer Bedeutung, frühzeitig
strategische Optionen zu erkennen und zu realisieren. Allerdings wird von
Unternehmensgründern der Bedeutung einer klaren strategischen Ausrichtung
häufig nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt. Die möglichen Folgen
einer fehlenden klaren strategischen Ausrichtung und Positionierung im
Wettbewerb sind aber meist Verzettelung, Verschwendung von Ressourcen und
das Verkennen von Marktchancen, welche insgesamt existenzbedrohend für
das Unternehmen sein können.
Dieser Mangel an strategischer Ausrichtung ist darin begründet, dass
aufgrund der hohen Arbeitsbelastung der Unternehmensleitung gerade in der
Gründungs- und Aufbauphase meist einfach die Zeit fehlt, sich mit
strategischen Fragen ausreichend auseinander zu setzen. Außerdem fehlt
den zumeist natur- oder ingenieurswissenschaftlich ausgebildeten
Unternehmensgründern oft die notwendige betriebswirtschaftliche Erfahrung
im Umgang mit Methoden des strategischen Management (Managementwissen).
Ausgehend von dieser Problemlage ist es das primäre Ziel dieses Artikels,
Ansätze einer strategischen Unternehmensplanung für Startup-Unternehmen
aufzuzeigen. Hierbei werden traditionelle Instrumente und Konzepte der
strategischen Unternehmensführung entlang des Planungsprozesses
einsortiert und diskutiert.
Der strategische Planungsprozess
Der Zweck jeder Unternehmensplanung ist grundsätzlich die
Absicherung der Unternehmenszukunft durch Erreichung der
Unternehmensziele. Die Unternehmensplanung erfüllt diesen Zweck, indem
sie
-
Koordinationsmängel vermindert beziehungsweise
verhindert,
-
beiträgt, Fehlentscheidungen durch eine ausreichende
Entscheidungsvorbereitung zu reduzieren und damit Kosten zu sparen,
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durch Zielorientiertheit die Leistungen der einzelnen
Unternehmensbereiche erhöht,
-
durch laufende Marktbeobachtung und Anpassung an die
sich dynamisch verändernden Umweltbedingungen (z.B. Wettbewerb,
Verbrauchergewohnheiten etc.) die Ertragssituation der Unternehmung zu
stabilisieren und zu verbessern hilft und
-
Kontrollmöglichkeiten schafft.
Ausgangsbasis des strategischen Planungsprozesses sollte
die langfristige Zielsetzung der Unternehmensleitung sein. Die eigentliche
Planungsarbeit beginnt mit einer Analysephase, in der eine Umwelt- und
Unternehmensanalyse erfolgt. Diese bieten erste Anhaltspunkte für die
Formulierung strategischer Ziele.
Nachdem die Ziele formuliert sind, werden in einem nächsten Schritt die
eigentlichen Strategien entwickelt, die geeignet sind, die Ziele zu
erreichen und die im Rahmen der Analysephase aufgezeigten Probleme und
Entwicklungsstörungen zu beseitigen. Die ausgearbeiteten Strategien
stellen Optionen dar, die anhand verschiedener Kriterien anschließend
bewertet werden müssen. In der Implementierungsphase geht es schließlich
um die konkrete Umsetzung der Strategien auf Projektebene. Abbildung 1
fasst den idealtypischen Ablauf des strategischen Planungsprozesses
zusammen.

Abb. 1: Strategischer Planungsprozess
Die langfristige Zielsetzung als Grundlage des
Planungsprozesses
Der Weg von der Forschung bis zu einem marktfähigen
Produkt ist insbesondere bei technologiegetriebenen Innovationen ein mit
einem hohen Risiko verbundener zeit- und kapitalintensiver Prozess. Unter
Berücksichtigung der Industrie-inhärenten Gegebenheiten erweist sich die
visionäre Kraft einer klaren Zukunftsvorstellung als besonders wichtig.
Die in einer Unternehmensvision niedergelegten langfristigen Ziele der
Unternehmensleitung können dabei helfen, Entscheidungen im Rahmen der
Unternehmensentwicklung in einem größeren Zusammenhang zu sehen und so
das übergeordnete Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Neben dieser
Orientierungsfunktion besitzt eine Unternehmensvision auch
Motivationsfunktion, die den Mitarbeitern zum Beispiel auch die richtige
Einordnung von Rückschlägen im Tagesgeschäft ermöglichen kann. Die
Vision darf selbstverständlich nicht nur ein Lippenbekenntnis sein,
sondern muss von der Unternehmensleitung (vor-)gelebt werden.
Im Falle eines Startup-Unternehmens ist die Vision üblicherweise stark
durch den Gründer beziehungsweise das Gründerteam geprägt. Aufgrund
mangelnder Erfahrung können Gründer aber oft nicht auf Erfahrungen
zurückgreifen, die ihnen bei der realistischen Hinterfragung ihrer
Visionen helfen würden. Daher werden Visionen bei Startup-Unternehmen
häufig geändert beziehungsweise angepasst, was zu Irritationen bei
Mitarbeitern, aber auch bei Kapitalgebern führen kann. Um dies möglichst
zu vermeiden, ist eine ausgiebige Analyse der Vision, insbesondere
hinsichtlich ihrer Realisierbarkeit, erforderlich. Dies setzt analytische
Fähigkeiten voraus, die Fähigkeit der Selbstwahrnehmung und
-einschätzung sowie Beharrlichkeit. In diesem Prozess können ein
erfahrener Beirat beziehungsweise Aufsichtsrat, aber auch erfahrene
Venture Capitalisten oder Business Angels eine hilfreiche Rolle spielen.
Situationsanalyse
Mit der Entwicklung der Vision und hieraus abgeleiteter
Gesamtziele (z.B. bedienter Markt, angestrebtes Geschäftsmodell und
hieraus abgeleitete Umsätze, Kosten und Gewinne, Marktanteile etc.) geht
üblicherweise eine eingehende Umwelt- und Unternehmensanalyse einher.
Hierbei sollten zum einen die Chancen und Risiken und zum anderen die
eigenen Stärken und Schwächen differenziert herausgearbeitet und
gegenübergestellt werden.
Die Ergebnisse der Umweltanalyse und -prognose sind Informationen über
relevante Entwicklungen in der Umwelt des Unternehmens. Ausgangspunkt dazu
ist die Abgrenzung der zu untersuchenden Umweltfaktoren und ihre
gedankliche Aufgliederung in einzelne, zu betrachtende Teilbereiche. Im
Rahmen der Unternehmensplanung können die politischen, gesellschaftlichen
und technisch/technologischen Entwicklungen Bestandteil einer
Umweltanalyse sein. Hierbei werden Fakten untersucht, die üblicherweise
außerhalb des direkten Einflussbereichs eines Unternehmens stehen
(Situationsvariablen).
Während sich aus der Analyse der politischen und gesellschaftlichen
Entwicklungen in erster Linie globale Planungsprämissen erarbeiten
lassen, können Startup-Unternehmen aus einer Branchenanalyse erste
Schlussfolgerungen für die Formulierung von möglichen Strategien
ableiten, wie zum Beispiel Chancen im Wettbewerb mit den Hauptkonkurrenten
sowie Hinweise auf Erfolgsfaktoren in der Branche.
Basierend auf dieser Branchenanalyse werden in einer weiteren Analyse die
zentralen Faktoren aus Sicht des Unternehmens beurteilt. Der Zweck der
Unternehmensanalyse besteht darin, aus der bisherigen Entwicklung des
Unternehmens und den Charakteristika ihres derzeitigen Verhaltens im Markt
zu einer Beurteilung des Unternehmens als Gesamtheit sowie im Wettbewerb
bedeutender (Kern-) Kompetenzen zu gelangen. Ergebnis dieser Analysen ist
ein vertieftes Verständnis der Stärken und Schwächen des Unternehmens
in Bezug auf relevante Umweltbedingungen und (relative) Stellung innerhalb
der Branche.
Allgemeine Aussagen über das angemessene Vorgehen bei der
Unternehmensanalyse sind nicht möglich. Hier kann nur situativ
entschieden werden. Generell gültig sind allerdings die folgenden
Arbeitsschritte [1]:
-
Ermittlung der kritischen Ressourcen und Potenziale
unter Berücksichtigung der für das Unternehmen relevanten
Umwelttrends.
-
Beurteilung der Ausprägung kritischer Erfolgsfaktoren
im Unternehmen durch den möglichst unmittelbaren Vergleich mit der
Konkurrenz (Benchmarking).
-
Darstellung der Vergleichsergebnisse in einem
Stärken-Schwächen-Profil (siehe Abbildung 2).

Abb. 2: Beispiel für ein
Stärken-Schwächen-Profil
Besondere Aufmerksamkeit sind hierbei dem
Management-Know-how, dem Marketing und den Vertriebskompetenzen zu widmen,
da diese insbesondere bei forschungsorientierten Startup-Unternehmen in
Hightech-Branchen wie der Informationstechnologie und Biotechnologie meist
eher schwach ausgeprägt sind.
Die aus der Umwelt- und Unternehmensanalyse herausgearbeiteten Chancen und
Risiken (»Blick nach außen«) beziehungsweise Stärken und Schwächen
(»Blick nach innen«) lassen sich in einer so genannten TOWS-Matrix (Threats,
Opportunities, Weaknesses, Strenghts) übersichtlich darstellen. Daraus
kann man erste, meist noch generische Strategien ableiten (siehe Abbildung
3).

Abb. 3: TOWS-Matrix nach David [2]
SO-Strategien (Strengths/Opportunities) nutzen die
internen Stärken, um externe Chancen zu realisieren. Diese offensive
Vorgehensweise stellt einen Idealzustand dar, der aber in den seltensten
Fällen von Startups eingesetzt werden kann. Demgegenüber versuchen
WO-Strategien (Weaknesses/Opportunities) externe Chancen zu realisieren,
um den Abbau von internen Schwächen voranzutreiben. Beispiele solcher
Strategien sind das Eingehen von Kooperationen zwischen
Startup-Unternehmen und Großunternehmen zur Realisierung von
Synergieeffekten durch komplementäre Kompetenzen.
ST-Strategien (Strengths/Threats) sollen das Schadenspotenzial von
externen Bedrohungen durch den Ausbau der eigenen Stärke kompensieren.
Die Verfolgung von WT-Strategien stellt wiederum eine Defensivvariante
dar, um interne Schwächen zu mindern und gleichzeitig Bedrohungen
abzuwehren. Die Einleitung von Turnaround-Programmen bei existenziellen
Bedrohungen kann als eine derartige Strategie angesehen werden. Die
jüngsten Erfahrungen mit Hightech-Unternehmen am Neuen Markt zeigen, dass
derartige Maßnahmen (leider) oft bereits bei jungen Unternehmen kurze
Zeit nach ihrem Markteintritt erforderlich werden. In der Biotechnologie
spricht man in diesem Zusammenhang auch von hohen »Burnrate-Raten«;
hiermit ist der quasi auf Tagesbasis beobachtbare Kapitalverzehr im
Zusammenhang mit der Forschungsarbeit dieser Unternehmen angesprochen, dem
keine kompensierenden Umsätze gegenüberstehen.
Bei der Analyse des Wettbewerbs sowie der Unternehmensanalyse sollten
externe Experten (Branchenexperten, spezialisierte Berater) hinzugezogen
werden. Zum einen sind hier erhebliche Analysearbeiten erforderlich, für
deren Bearbeitung Mitarbeiter in den Forschungsbetrieben meist die
erforderliche Zeit nicht aufbringen können. Zum anderen neigen
hochspezialisierte Wissenschaftler manchmal dazu, ihre Forschungsarbeiten
hinsichtlich der (späteren) marktlichen Verwertbarkeit falsch
einzuschätzen. Schließlich fehlt auch hier oft die Erfahrung im Umgang
mit geeigneten Planungsmethoden.
Zielformulierung und Strategieentwicklung
Nachdem eine eingehende Analyse der Umwelt beziehungsweise
des Unternehmens durchgeführt worden ist, kann darauf aufbauend die
eigentliche Formulierung strategischer Ziele erfolgen. Strategische Ziele
sind das Ergebnis des strategischen Planungsprozesses. Mit ihnen wird die
Voraussetzung geschaffen, die Effizienz der realisierten Strategien zu
messen beziehungsweise zu kontrollieren. Diese strategischen Ziele sollten
SMART sein, das heißt, sie sollten spezifisch (Specific), messbar (Measurable),
erreichbar (Achievable), realistisch (Realistic) und zeitlich terminiert
sein (Time frame).
Es bietet sich an, strategische Ziele anhand von Gewinn- oder
Umsatzgrößen zu definieren. Dies steht außerdem im Einklang mit den
zumeist rendite-orientierten Kapitalgebern, für die der prognostizierte
Umsatz/Gewinn neben weiteren finanzwirtschaftlichen Kenngrößen eine
große Bedeutung besitzt.
Eine Methode, die Umsatzentwicklung, wie sie ohne Strategieänderung aus
dem bestehenden Geschäft zu erwarten wäre, und die strategischen Ziele
des Managements gegenüberzustellen, ist die so genannte GAP-Analyse
(siehe Abbildung 4).

Abb. 4: GAP-Analyse
Die GAP-Analyse ist die Basis für eine frühzeitige
Identifikation einer »Lücke« zwischen der gegenwärtigen
Unternehmensentwicklung und der strategischen Zielsetzung. Durch eine
differenzierte Betrachtung der identifizierten strategischen Lücke
können Wachstumsstrategien entwickelt werden, die helfen sollen, die
strategischen Ziele (doch noch) zu erreichen.
Bei der Analyse der Business-Pläne insbesondere von Startup-Unternehmen
fällt leider immer wieder auf, dass vor allem Umsatz-, Rendite- und
Wachstumsziele oft unrealistisch hoch angesetzt werden. Eine auf
realistischen Erwartungen aufbauende Gap-Analyse kann hier frühzeitig
helfen, die eigenen Zielsetzungen anzupassen bevor »das Kind in den
Brunnen gefallen ist« beziehungsweise Kapitalgeber und Investoren
enttäuscht sind und sich von dem Unternehmen abwenden.
Sollte die Gap-Analyse eklatante Planabweichungen aufzeigen, sind folgende
Maßnahmen zu prüfen: Die Durchdringung der gegenwärtigen Märkte mit
den bestehenden Produkten kann durch eine Intensivierung der Marketing-
und Vertriebsmaßnahmen erreicht werden. Von einer Strategie der
Marktentwicklung spricht man beispielsweise bei der Erschließung
geographisch neuer Märkte. Die Basis für die Strategie der
Produktentwicklung sind Innovationen, die in bestehenden Märkten
eingeführt werden sollen.
Der Eintritt in neue Geschäfte lässt sich durch eine
Diversifikationsstrategie erreichen. Unter Diversifikation verstehen wir
hier den Eintritt in neue Märkte mit Hilfe vollständig neuer
Produkte/Technologien. Um eine Diversifikationsstrategie umzusetzen,
bieten sich unterschiedliche Handlungsoptionen an: organisches Wachstum,
Kooperationen, Akquisitionen oder Fusionen. Jede dieser Vorgehensweisen
hat bestimmte Vor- und Nachteile, die nachfolgend diskutiert werden
sollen.
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Beispiel: Fehlplanungen
eines jungen Unternehmens
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Ein noch junges Biotech-Unternehmen hat sich im
Bereich der Bioprozessanalytik positioniert. Da in dem Unternehmen
ausgewiesene Wissenschaftler tätig waren, fiel es diesem
Unternehmen nicht schwer im Zuge des »Biotech-Booms« einen
Risikokapitalgeber zu finden, der in den Ausbau der Aktivitäten
investierte. Bereits nach zwei Jahren wurde das Unternehmen an der
Börse platziert; Basis hierfür war unter anderem eine Umsatz- und
Renditeplanung. Bereits nach einem weiteren Jahr stand aber fest,
dass die Planung unrealistisch hoch war. Eine durchgeführte
Gap-Analyse zeigt, dass die Unternehmensleitung bei ihrer
Umsatzplanung im Bereich von 100 Prozent »daneben« lag. Ferner
zeigte sich, dass der eigentliche Markt für die Produkte und
Leistungen dieses Unternehmens weniger Chemie- und
Pharma-Unternehmen in Deutschland, sondern in insbesondere in den
USA und Japan waren. Im Anschluss an diese Analysen wurden dann
gezielte Maßnahmen zum Aufbau dieser Märkte sowie der Einstieg in
Diversifikationsfelder geprüft. Hätte man bereits im Zuge der
strategischen Planung derartige Betrachtungen angestellt, wären dem
Unternehmen, aber insbesondere auch allen Investoren erhebliche
Sorgen erspart geblieben. |
Die geschilderten generischen Strategien bedürfen
natürlich in der Praxis entsprechender Konkretisierung. Aufgrund ihrer
meist nur begrenzten Ressourcen tun sich Startup-Unternehmen natürlich
grundsätzlich schwer damit, diese Konkretisierung im Detail vorzunehmen
und durch geeignete Maßnahmen zu realisieren. Umso wichtiger ist das
frühzeitige Erkennen der strategischen Lücken bei diesen Unternehmen, um
etwaige Korrekturmaßnahmen möglichst zu vermeiden.
Der eigene Aufbau der notwendigen Kompetenzen durch organisches Wachstum
stellt sich für Startup-Unternehmen als schwierig dar, weil sowohl die
finanziellen Ressourcen als auch das Know-how meist nicht bereitgestellt
werden können. Für Nischenmärkte, die beispielweise durch eine kleinere
Vertriebsmannschaft bedient werden können, kann diese Option aber mit
vergleichsweise geringeren Mitteln realisiert werden. Als wesentlichen
Vorteil des organischen Wachstums kann die Beibehaltung der
unternehmerischen Kontrolle angesehen werden.
Aufgrund der hohen Eintrittsbarrieren bieten sich partnerorientierte
Strategien an, zum Beispiel die Etablierung eines Netzwerkes aus
Kooperationspartnern, die sich auf einer anderen Stufe der
Wertschöpfungskette spezialisiert haben. Kooperationen können in der
frühen Entwicklungsphase auch eine wichtige Einnahmequelle darstellen.
Das Eingehen von Forschungs- und Entwicklungskooperationen mit großen
Industrieunternehmen wird außerdem als eine Art Gütesigel (Good
Housekeeping, Seal of Approval) für Startup-Unternehmen angesehen. Man
geht davon aus, dass ein Due-diligence-Prozess stattgefunden hat, indem
die technologische Basis gründlich validiert worden ist. Eine oder zwei
bedeutende Kooperationen mit Großunternehmen sind daher beispielsweise
für einen geplanten Börsengang außerordentlich wichtig. Auch bei
bereits börsennotierten Unternehmen zeigt sich häufig ein steigender
Aktienkurs nach der Bekanntgabe bedeutender Allianzen.
Es verwundert daher nicht, dass unternehmerische Zusammenarbeit weit
verbreitet ist. Diese zumeist bilateralen Kooperationen haben aber immer
noch ihren Schwerpunkt in der Auftragsforschung. In Zukunft werden diese
Kooperationen vermehrt für die eigene Produktentwicklung genutzt.
Weiterhin wird das Konzept des virtuellen Unternehmens, bei dem mehrere
spezialisierte Unternehmen entlang der Wertschöpfungsstufe koordiniert
zusammenarbeiten, an Bedeutung gewinnen. Selbst große, multinationale
Unternehmen bedienen sich auf sämtlichen Stufen der Wertschöpfungskette
derartiger Kooperationen. Eine stärkere strategische Ausrichtung des
gesamten »Kooperationsportfolios«, bei dem nicht nur die Kooperationen
einzeln betrachtet werden, ist dazu eine notwendige Voraussetzung.
Weiterhin bieten sich für ein nachhaltiges Unternehmenswachstum offensive
Vorgehensweisen über Akquisitionen oder Fusionen an. Diese haben den
Vorteil des relativ schnellen Aufbaus von Kompetenzen und der Erlangung
einer kritischen Masse, bergen allerdings gleichzeitig den Nachteil
erhöhter Risiken und Komplexität. Sowohl bei Akquisitionen als auch
besonders bei Fusionen tritt das Problem der Integration des Partners auf,
bei dem (unternehmens-) kulturelle Unterschiede überwunden werden
müssen. In der Abbildung 5 sind diese vier Handlungsoptionen mit den
wesentlichen Vor- und Nachteilen zusammenfassend skizziert.

Abb. 5: Handlungsoptionen für die weitere
Unternehmensentwicklung
Strategiebewertung
Nachdem Vision und Ziele des Unternehmens festgelegt und
die ersten Wachstumsstrategien identifiziert sind, geht es anschließend
darum, die eigentlichen Handlungsoptionen zu bewerten. Häufig besteht
eine Entscheidungssituation zwischen mehreren Optionen, mit deren Hilfe
die strategischen Ziele erreicht werden können.
Eine klassische Methode für die Bewertung und Priorisierung von
Produkten, Projekten und Strategien stellt die Portfolio-Analyse dar.
Hierbei werden in einer Matrix umweltbezogene und unternehmensbezogene
Dimensionen aufgetragen, die sich aus der Verdichtung und Selektion
relevanter interner und externer Erfolgsfaktoren ergeben (siehe Abbildung
6).

Abb. 6: Portofolioanalyse zur Bewertung von
strategischen Handlungsoptionen
In der Umweltdimension kommen die Chancen und Risiken
(Bedrohungen) zum Ausdruck, die Unternehmensdimension weist auf die
Stärken und Schwächen der betrachteten Erfolgsprojekte im Vergleich zur
Konkurrenz hin. Für jede strategische Handlungsoption wird die Position
innerhalb des Portfolios ermittelt. Nachdem alle Handlungsoptionen
evaluiert und eingeordnet wurden, lässt sich die Position der einzelnen
Optionen hinsichtlich der Attraktivität und des Risikos ganzheitlich
beurteilen.
Insgesamt ermöglicht die klassische Methode der Portfolio-Analyse eine
recht differenzierte Einordnung und Weiterentwicklung der
unternehmensstrategischen Positionen unter Berücksichtigung der jeweils
relevanten internen und externen Strukturen. Nachteilig erweist sich aber
der eher statische Charakter, der die dynamischen Änderungen, wie sie
insbesondere in Hightech-Branchen vorherrschen, nur sehr begrenzt
berücksichtigen kann. Auf der Basis dieser Portfolio-Analyse lassen sich
dann die Entscheidungen für oder gegen eine strategische Handlungsoption
treffen.
Implementierung von strategischen Entscheidungen
Die Resultate der strategischen Planung – strategische
Ziele und Strategien – sind, wie schon ausgeführt, in der Regel
längerfristig ausgelegt. Zu ihrer Realisierung bedarf es konkreter
Maßnahmen und Aktionen in den einzelnen Perioden, in die sich der
strategische Planungsraum gliedern lässt. Es bedarf der operativen
Planung des Unternehmensgeschehens.
Hierbei werden in der Regel noch hochaggregierte Größen in sachlich
(quantitativ und qualitativ) und zeitlich differenzierte Aufgaben
aufgespalten, die dann das Arbeitsfeld der mit ihnen beauftragten
Entscheidungsträger auf den unterschiedlichen Management-Ebenen bilden.
An dieser Stelle geht die Frage der Effektivität (»die richtigen Dinge
tun«) in die Frage der Effizienz (»die Dinge richtig tun«) über. Als
Basis einer effizienten operativen Planung kann das Projektmanagement
angesehen werden.
Bei der Betreuung von mehreren Startup-Unternehmen, insbesondere in der
Biotechnologie, haben wir mit der Anwendung der skizzierten Methoden recht
gute Erfahrungen gemacht. Für die Erarbeitung eines Busines Plans sind
sie aus unserer Sicht unerlässlich. Es muss gelingen, die
Forschungsvorhaben in der Sprache potenzieller Kapitalgeber, Investoren
oder Kooperationspartner zu vermitteln. Letztere sind oft Nicht-Experten,
was die Märkte und Technologien des Startup-Unternehmens betrifft.
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