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- Leseprobe -
Innovation, Marke und Design
Teil 1: Die Marke
von Alex
Buck, Christoph Herrmann
Stichworte: Markendefinition:
rechtlich, ökonomisch,
sozialwissenschaftlich,
Eigenschaften, Funktionen und Ziele,
Markenrecht, Markenformen,
Entwicklung, Herausforderungen:
Hyperdifferenzierung, Dynamisierung,
Ästhetisierung, Konsumkultur,
Zusammenfassung.
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In diesem Beitrag
erfahren Sie:
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wie ein Markenführungssystem organisiert sein sollte,
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welche praktischen Schritte die Einführung einer Marke
erfordert,
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welche Formen der Markendifferenzierung nach innen und nach
außen erfolgversprechend sind,
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warum Produktprofilierung entscheidend für den Erfolg der
Marke ist,
-
wie zuverlässig verschiedene Methoden der Markenanalyse
sind,
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in welchen Schritten eine Markenkonzeption gestaltet sein
sollte,
-
welche Faktoren den ästhetischen Auftritt einer Marke
beeinflussen,
-
worauf es bei der Wahl des Markennamens, des Produktdesigns
und des Logos ankommt.
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Wie können Unternehmen sich in einem Markt etablieren und behaupten, der von
Dymamisierung und einer verstärkten Austauschbarkeit der Produkte gekennzeichnet ist? In
dieser Situation wird die Marke zu einer bedeutenden Orientierungsgröße und stellt
mitunter das wichtigste Kapital eines Unternehmens dar. Der Beitrag analysiert das
aktuelle ökonomische, rechtliche und kulturelle Umfeld der Marke und zeigt Strategien und
Probleme der Markenführung auf. Er stellt verschiedene Modelle der Markenanalyse auf den
Prüfstand. Und er nennt schließlich Kriterien für eine erfolgreiche Markengestaltung.
Die Marke zählt zu den »heiligen Kühen der modernen Betriebswirtschaftslehre« [10].
Jedenfalls gibt es im Bereich der Betriebswirtschaftslehre derzeit kaum ein Thema, welches
so heiß und kontrovers diskutiert wird, wie eben die Zukunft der Marke [34]. Das
geschieht nicht ohne Grund: In Zeiten starker Marktdynamik und einer hohen Austauschbarkeit
der Produkte stellen Marken die vielleicht wichtigste und verlässlichste
Orientierungsgröße am Markt dar. Kapferer [39] bezeichnet Marken entsprechend als
»wichtigstes Kapital des Unternehmens«.
Ähnlich kommt Coenen [20] zu dem Schluß, »große, bekannte und durchgesetzte Marken«
seien »die wertvollsten Güter, die ein Unternehmen heute besitzen kann. Wollte
man Markenpersönlichkeiten wie Teekanne, Henkel trocken, Knorr, Mars oder Whiskas in
dieser Zeit aufbauen, müßte man drei- bis vierstellige Millionenbeträge rechnen.
Zweifelhaft, ob überhaupt noch in dieser Form möglich«. Kotler und Bliemel [45] stellen
folgerichtig fest, eine der bedeutendsten Leistungen von Unternehmen bestünde darin,
bedeutende Marken einzuführen und zu erhalten, um damit seine Zukunft zu sichern. Genau
diese Aufgabe aber gestaltet sich immer schwieriger: Die zunehmende Globalisierung, der
gestiegene Wettbewerbs- und Innovationsdruck, das Differenzierungsbestreben vieler
Unternehmen, die hohe Sprunghaftigkeit im Konsumentenverhalten - all dies sind Faktoren,
welche die Marke vor große Herausforderungen stellen und nach einer zeitgemäßen
Betrachtung des Markenphänomens verlangen. Eine solche wird in den folgenden Kapiteln
vorgenommen. Dabei werden sowohl zentrale Grundaspekte der Führung von Marken aufgezeigt,
als auch kritisch hinterfragt.
Definition
Beschäftigt man sich mit Marken, so gilt es, diese zunächst einmal begrifflich zu
fassen. Das ist einfacher gesagt als getan, denn um kaum einen Begriff in der
Betriebswirtschaftslehre herrscht eine solch »babylonische Sprachverwirrung« [60] wie um
den der Marke. Etymologisch kann der Begriff Marke aus dem mittelhochdeutschen
»marc«
(Grenze, Grenzlinie, Grenzland) und dem französischen Handelsbegriff »marque«
(Warenzeichen) abgeleitet werden [19]. Wie im angloamerikanischen Sprachraum (brand,
branding) trägt der Begriff ursprünglich die Bedeutung eines Herkunftsnachweises
in sich. Heute ist der Markenbegriff jedoch viel weiter zu fassen. Er findet zur
Bezeichnung eines geschützten Rechtsgutes genauso Verwendung wie zur Charakterisierung
eines bestimmten Warentyps, umfaßt emotionale Leitbilder genauso wie rationale
Erwartungshaltungen. So unterschiedlich die Zugangsweisen zu Markenphänomen sind, so
unterschiedlich sind auch die jeweils gewählten Definitionen. Grob lassen sich dabei drei Sorten von
Markendefinitionen unterscheiden: rechtliche, ökonomische und sozialwissenschaftliche.
Rechtliche
Markendefinition
Unter einer Marke ist nach bundesdeutschem Recht zweierlei zu verstehen: Zum einen ein
geschütztes Zeichen, durch welches eine Ware beziehungsweise Dienstleistung von
denjenigen anderer Unternehmen unterschieden werden kann und welches diesen Schutz durch
Eintragung in das Markenregister beim Patentamt oder durch eine hinreichende Nutzung im
geschäftlichen Verkehr erlangt hat (vgl. §§ 3 u. 4 MarkenG); zum anderen aber auch die
Erzeugnisse
selber, die mit einem solchen kennzeichnenden Merkmal versehen und mit einer
entsprechenden Güte am Markt abgesetzt werden (§ 38a, Abs. 2 GWB).
Ökonomische
Markendefinition
Im ökonomischen Markenverständnis dominieren in Anlehnung an Mellerowicz [51] nach wie
vor merkmalsbezogene Ansätze [19]. Bei Marken handelt es sich danach um Waren
beziehungsweise Dienstleistungen, die sich durch bestimmte Kernmerkmale von Nichtmarken
unterscheiden. Zu diesen Merkmalen zählen neben dem rechtlichen Schutz (Eintragung ins
Markenregister) vor allem der Herkunftsnachweis, die Qualitätsgarantie, die besondere
Verkehrsgeltung, ein hinreichend großer Verbreitungsgrad der Marke (Ubiquität) und ein
entsprechend ausgeprägtes Image [10; 22].
Sozialwissenschaftliche Markendefinitionen
Betonen rechtliche wie ökonomische Markendefinitionen vor allem die objektive
Eigenschaftsdimension von Marken, so konzentrieren sich sozialwissenschaftliche
Markendefinitionen vor allem auf die sozialen Wirkungsweisen von Marken. Marken
werden danach als »Teil eines Kommunikationsprozesses« zwischen Hersteller und
Konsumenten [2], als »Erzeugnisse der Massenpsyche« [26], als »vergegenständlichte
Sozialbeziehungen« [49] und als »Mediationen zwischen dem Unbewußten und der realen
Welt« [36] bezeichnet.
Die Vielschichtigkeit der Markendefinitionen zeigt, daß es sich bei der Marke
um ein komplexes Wesen handelt. Will man die Marke zu fassen kriegen, so muß man
sich ihr also von verschiedenen Seiten nähern, sprich neben ihren Eigenschaften, Formen
und Funktionen auch aktuelle Entwicklungen und Probleme berücksichtigen.
Eigenschaften,
Funktionen und Ziele
Wie bei der ökonomischen Definition von Marken schon angedeutet, verfügt diese über
eine Vielzahl von Eigenschaften, die sie von Nicht-Marken abgrenzt. Neben klassischen
Merkmalen, wie etwa einem bestimmten Qualitätsniveau und der besonderen
Rechtsstellung, zählen dazu auch emotionale und soziale Qualitäten. So
ordnen große Marken Verbrauchermassen zu Interessengruppen [17] und nehmen über Werbung
und Image Einfluß auf das Gefühlsleben ihrer Käufer [65]. Aus idealtypischer Sicht
bergen Marken dabei für Käufer wie Hersteller eine Vielzahl von Vorteilen in
sich: Sie ermöglichen es dem Hersteller, sich am Markt zu profilieren und vom Wettbewerb
zu differenzieren, erleichtern die Einführung von Neuprodukten und machen die
Marketingarbeit in vielen Fällen überhaupt erst plan- und gestaltbar. Darüber
hinaus bringen starke Marken auch finanzwirtschaftliche Vorteile mit sich. Sie sind
zwar nicht direkt aktivierbar, erhöhen aber bei erfolgreicher Führung nicht nur die
Ertragspotentiale eines Unternehmens, sondern auch deren Wert am Kapitalmarkt [1; 11; 35;
38; 39; 40]. Dem Konsumenten wiederum bieten Marken Orientierungsvorteile im zunehmenden
Marktchaos, vor allem aber auch die Möglichkeit, in seinem Kaufverhalten andere als nur
ökonomische Bedürfnisse (etwa die nach Symbolisierung, Kommunikation, Identitätsfindung
etc.) zu befriedigen [vgl. hierzu ausführlicher 44; 59; 61]. Von der Bekanntheit und
Ausstrahlung der Herstellermarken profitiert auch der Handel, der mit der Schaffung von
Handelsmarken zunehmend selber Markierungsvorteile für sich zu nutzen sucht.

Abb. 1: Merkmale und Funktionen von Marken
Zentraler Aspekt des Erfolges von Marken und damit auch wichtigste Zielsetzung
jeglicher Markenarbeit ist der Aufbau von Vertrauen [26; 69]. Geht man davon aus,
daß Vertrauen eine zentrale Rolle bei der Stabilisierung von Gemeinschaften spielt, so
kann man mit Brandmeyer [15] dem Markenwesen gar einen »kultivierenden Sinn« zusprechen.
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Tabelle 1: Erscheinungsformen von Marken [19]
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Merkmalkategorien für
Marken
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Erscheinungsformen
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Beispiele
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Institutionelle Stellung
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Herstellermarke
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Jacobs Krönung
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Handelsmarke
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Albrecht-Kaffee
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Dienstleistungsmarke
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TUI
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Geographische Reichweite
der Marke
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Regionale Marken
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Südmilch, KdW
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Nationale Marken
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Ernte 23, Mark Astor
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Internationale Marken
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Opel, EC-Karte
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Weltmarke
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Coca-Cola, Amex
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Vertikale Reichweite
der Marke im Warenweg
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Verschwindende
Vorproduktmarke
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Kugelfischer Kugellager,
Sonnenschein-Batterien
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Begleitende Vorproduktmarke
|
Sympatex, Intel
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Fertigproduktmarke
|
Boss-Anzug
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Anzahl der Markeneigner
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Individualmarke
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Rosenthal
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Kollektivmarke
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Gruppe 21
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Zahl der markierten Güter
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Einzelmarke
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Odol
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Produktgruppenmarke
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Nivea
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Dachmarke
|
Siemens
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Bearbeitete Marktebenen
(Marktschichten)
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Erstmarke
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Henkel Trocken
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Zweitmarke
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Carstens SC
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Drittmarke
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Rütgers Club
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Inhaltlicher Bezug
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Firmenmarke
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Bahlsen-Keks
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Phantasiemarke
|
Merci-Schokolade
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Verwendung wahrnehmungs-
bezogener Markierungsmittel
|
Akustische Marke
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Dallas (Melodie)
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Optische Marke
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Mohr v. Sarotti
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Olfaktorische Marke
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4711
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Taktile Marke
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Nylon
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Art der Markierung
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Wortmarke
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Daimler-Benz
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Bildmarke
|
Mercedes-Stern
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Herstellerbekenntnis
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Eigenmarke
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Bahlsen Schoko Leibniz
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Fremdmarke
|
Palazzo (Schoko-Keks)
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Markenrecht
Durch das am 1. Januar 1995 in Kraft getretene Markengesetz, welches das alte
Warenzeichengesetz abgelöst hat und einer Richtlinie der EU zur Vereinheitlichung
nationaler Markengesetze folgt, ist das Markenrecht in Deutschland deutlich modifiziert
und erweitert worden. Zu den Veränderungen gehören etwa der Wegfall der Trennung von
Warenzeichen und Warenausstattung, die erweiterten - auch auf Zeichen wie Zahlen, Farben,
Verpackungen, Bilder oder Hörzeichen (Jingles) übertragbaren - Schutzrechte, die freie
Handelbarkeit von Marken und die Schutzfähigkeit einer Marke ohne Vorliegen eines eigenen
Geschäftsbetriebs. Der Erwerb der Schutzrechte einer Marke erfolgt in der Regel durch
Eintragung
in das Markenregister beim Patentamt in München. Die Kosten für eine Eintragung betragen
derzeit 500 DM (3 Waren-/Dienstleistungsklassen), je nach Zahl der zusätzlich
geschützten Klassen jedoch mehr [28]. Wer seine Marke auf internationalem Gebiet
schützen lassen will, dem stehen dafür verschiedene Möglichkeiten offen. So können die
jeweiligen Schutzrechte getrennt durch Eintragung in die nationalen Markenregister
erworben werden. Innerhalb der EU wiederum ist eine Eintragung als Europäische Marke beim
Gemeinschaftsamt in Alicante, Spanien, möglich. Denkbar ist auch eine Registrierung bei
der »Organisation mondiale de la propriété industrielle« in Genf, die geistiges
Eigentum auf der Grundlage des »Madrider Abkommens von 1891 über die internationale
Registrierung von Fabrik- und Handelsmarken« schützt. Weitere Schutz- und Sonderrechte
von Marken werden durch die Rechtsprechung internationaler Gerichte sowie in Deutschland
durch das Gebrauchs- und Geschmacksmusterrecht, das Gesetz gegen
Wettbewerbsbeschränkungen (GWB) und die Rechtsprechung des BGH begründet [vgl. hierzu
ausführlicher: 3; 4; 5; 9; 30; 68; 71].
Markenformen
Die Markentheorie kennt eine Vielzahl von Markenformen [vgl. 6; 19; 22; 55; 71].
Typische Differenzierungen sind etwa die zwischen Hersteller-, Handels- und
Dienstleistungsmarken beziehungsweise die zwischen Einzel-, Familien- und Dachmarke. Je
nach Grad der Distribution werden auch regionale, nationale, internationale Marken und
Weltmarken voneinander unterschieden. Das Markenrecht wiederum kennt die Unterscheidung
zwischen Marken im engeren Sinne, Unternehmenskennzeichen und Kollektivmarken [71].
Je nachdem, ob eine Marke eher preisliche Argumente in den Vordergrund stellt oder aber
Leistungsvorteile, lassen sich weitere Markenformen voneinander unterscheiden (vgl. Abb.
2). Allerdings können derartige Extrempositionen von Markenartikeln nur noch selten
besetzt werden. Häufig müssen sie beides bieten: Hohe Qualität und Leitung zu einem
kompetitiven Preis!
Entwicklung
Die Marke als solche ist ein altes Phänomen. Schon in der Antike, im Mittelalter und
in der Renaissance gab es Frühformen der Marke, etwa in Form von Herkunftsnachweisen,
Handwerker- und Gildezeichen sowie landesspezifischen Differenzmerkmalen. Voraussetzung
für die Entfaltung des modernen Markenwesens waren jedoch vier entscheidende
Veränderungen: zum einen die Einführung entsprechener Schutzrechte für Patente,
Geschmacks- und Gebrauchsmuster im 19. Jahrhundert, zum zweiten die Entwicklung und
Etablierung industrieller Verpackungstechniken, zum dritten das Aufkommen großer
Konzerne
wie Ford oder General Electric zu Beginn dieses Jahrhunderts und schließlich der
steigende Wohlstand und das höhere Freizeitaufkommen der Bevölkerung mit der
Folge einer verstärkten Konsumorientierung [vgl. 48]. Die Marke hat dabei einen
deutlichen Wandel vollzogen. War sie urprünglich vor allem eine in klassischen Gebrauchs-
und Verbrauchsgütermärkten anzutreffende Herstellermarke, so hat sich das Markenwesen
inzwischen deutlich diversifiziert. Zu ihm gehören neben Produkt- und
Dienstleistungsmarken auch Pharmamarken, Medienmarken, Investitionsgütermarken sowie
Marken von Non-Profit-Organisationen, öffentlichen Institutionen und Privatpersonen.
![Grundpositionierung von Marken [7]](images/100201a2.gif)
Abb. 2: Grundpositionierung von Marken [7]
Herausforderungen
Marken sehen sich heute einer Vielzahl von Herausforderungen gegenüber: verschärfter
Wettbewerb, Konzentrationswelle, Innovationsdruck, Internationalisierung, Preiskampf,
Streuverluste, Informationsflut, gestiegene Werbereaktanzen und die hohe Austauschbarkeit
(brand parity) einzelner Marken.
![Die Marke im Zeitablauf [19]](images/100201a3.gif)
Abb. 3: Die Marke im Zeitablauf [19]

Abb. 4: Herausforderungen für Markenartikel [19]
Über diese marktspezifischen Herausforderungen hinaus gibt es jedoch einige
Entwicklungen, die in engem Zusammenhang zu gesamtgesellschaftlichen Veränderungen
stehen, von der klassichen Markenliteratur jedoch meist nur stiefmütterlich behandelt
werden. Hierzu zählen vor allem die zunehmende Hyperdifferenzierung, Dynamisierung und
Ästhetisierung von Markt und Gesellschaft, wie auch die deutliche Fusion konsumptorischer
und kultureller Prozesse.
Hyperdifferenzierung
In der starken Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Grundstrukturen ist ein wesentliches
Kennzeichen postmoderner Gesellschaften zu sehen [21]. Diese Entwicklung läßt sich
sowohl auf der Ebene des Sozialen (Auflösung fester sozialer Strukturen,
Multiplizierung gesellschaftlicher Austauchbeziehungen) als auch auf individueller
Ebene (multiple Identitäten, Rollenambiguitäten etc.) feststellen. Auch am Markt
gibt es ähnliche Tendenzen. Wer heute im Supermarkt ans Kühlregal geht, sich in der
Drogerie eine Tube Zahnpasta oder morgens beim Bäcker ein Paar Brötchen kaufen will,
sieht sich einem überbordenden Angebot gleichermaßen attraktiver Angebote gegenüber.
Theoretisch hilft die Marke dem Konsumenten dabei, sich durch diesen
Möglichkeitsraum hindurchzumanövrieren. Dies gelingt ihr jedoch nur, solange sie dabei
Unterscheidungen zuläßt, die im Rahmen des gesellschaftlichen wie marktlichen Wandels tatsächlich noch
»einen Unterschied machen« [12]. Häufig jedoch hat sie sich selbst schon zu stark
ausdifferenziert, als daß ihr dies noch möglich wäre. Auf eine starke Unterstützung
durch den Konsumenten dürfen Marken und ihre Manager bei der Bewältigung dieser
Aufgabe nicht hoffen. So verhält sich der Konsument inzwischen selber immer
differenzierter [vgl. 14; 31; 64]. Marken müssen dieser Differenzierung eher
entgegenarbeiten, als sie noch zu fördern.
Allerdings dürfen sie dabei die vielfältigen Zugangsmotivationen nicht übersehen, die
Konsumenten dazu bringen, sich eben für sie und keine andere Marke zu entscheiden.
Dynamisierung
Neben der Hyperdifferenzierung stellt auch die zunehmende Dynamisierung von Markt und
Gesellschaft ein zentrales Problem für die Marke dar. Die Lebenszyklen der unter ihr
geführten Produkte und die Laufzeiten ihrer Kampagnen werden immer kürzer. Gleichzeitig
verhalten sich auch die Konsumenten immer sprunghafter. So hat zwar das Markenbewußtsein
im deutschsprachigen Raum insgesamt kaum nachgelassen [41; 67]. Dennoch besteht eine
deutliche Tendenz zur Mehrmarkenverwendung und zum Markenwechsel [24; 25; 54].
Darüber hinaus sind die Innovationsansprüche der Konsumenten gestiegen [8; 40; 46]. Die
Marke muß diese Entwicklung aufgreifen und in Einklang mit ihren angestammten Merkmalen
(Kontinuität, Stabilität etc.) bringen. Wie sie das macht, ist eine Frage der jeweiligen
Markenführung. Tatsache jedoch ist, daß der Konsument von seiner Marke beides
erwartet: Dynamik wie Beständigkeit.

Abb. 5: Erwartungen an die Marke [67]
Ästhetisierung
Wir leben in zunehmend ästhetisierten Umfeldern. Die Macht des »Schönen« hat dabei
nicht nur die Kunst, die Medien oder die Werbung erfaßt, sondern längst schon das
Supermarktregal. Die Ästhetisierung verläuft dabei auf zwei Ebenen: Zum einen an der
Oberfläche,
wo sie sich etwa in einer zunehmenden Bedeutung des »Designs« und einer hohen
Zeichenhaftigkeit gesellschaftlicher wie marktlicher Austauschprozesse [32] äußert, wie
auch im Bewußtsein der Menschen, wo sie vor allem in einem erhöhten
»Erlebniswunsch« zum Ausdruck kommt [62]. Diese Entwicklung hat nicht nur die Welt der
Marke erfaßt [2; 57; 73; 74]. Leider gilt dasselbe auch für die Grenzen und
Friktionen dieser Phänomene. So hat etwa die zunehmende Bilderflut und die beliebige
Adaption und Verfremdung von Zeichen durch die Werbung zu Prozessen der
Zeichenneutralisierung geführt, unter denen auch die Markenwerbung selber zu leiden hat
[56; 76]. Gleichermaßen ist in der marktlichen »Kolonialisierung« der Erlebniswelten
der Konsumenten einer der Gründe für die Abschwächung des Erlebnistrends zu sehen [63].
Wer heute Marken führt, muß dieser paradoxalen Situation gerecht werden. Er muß
sich um den Aufbau attraktiver Markenwelten bemühen und darf gleichzeitig die Grenzen
eines solchen Unterfangens nicht übersehen.
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