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- Volltext -
Marktforschung für technologie-getriebene
Entwicklungsprojekte
von Cornelius
Herstatt
Zahlreiche Unternehmen sehen sich in rasch verändernden und
verschärften Wettbewerbsstrukturen einem wachsenden Druck ausgesetzt, in
immer kürzeren Entwicklungszyklen innovative Qualitätsprodukte und
Dienstleistungen entwickeln zu müssen. Als wirksames Instrument, diese
zum Teil widersprüchlich erscheinenden Anforderungen realisieren zu
können, wird sowohl in der wissenschaftlichen Diskussion als auch in der
Unternehmenspraxis ein zielorientiert konzipiertes Projektmanagement
angesehen. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass die Erfolgswirkung eines
innovationsorientierten Projektmanagements insbesondere davon abhängig
ist, inwieweit seine konkrete Ausgestaltung an den jeweiligen situativen
Kontext, in den das Innovationsprojekt eingebettet ist, ausgerichtet
werden kann. Ein wesentlicher Kontextfaktor ist darin zu sehen, ob die
anvisierte Innovation primär durch einen »Technology Push« oder einen
»Market Pull« initialisiert wird.
Stichworte: »Technology
Push« versus »Market Pull«, Marktbezogene Besonderheiten und Probleme,
»Probe and Learn«, Aktuelle Methoden und Instrumente der qualitativen Marktforschung,
Aspekte des Managements,
Zusammenfassung.
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In diesem Beitrag
erfahren Sie:
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ob erfolgreiche Innovationen eher
durch einen »Technology Push« oder durch einen »Market Pull«
induziert werden,
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wie nützlich aktuelle Methoden und
Instrumente der qualitativen Marktforschung tatsächlich sind und
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wie eine Technologie-Entwicklung
unterstützt werden kann, die an den potenziellen
Applikationsfeldern und deren Marktbedürfnissen ausgerichtet ist.
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"Technology Push" versus
"Market Pull" als Innovationstreiber
Eine zentrale Frage hinsichtlich der strategischen Ausrichtung eines
Unternehmens an der Schnittstelle von F&E und Marketing besteht darin,
ob erfolgreiche Innovationen eher durch einen »Technology Push« oder
durch einen »Market Pull« induziert werden. Dabei wird unter einem
»Technology Push« eine Situation verstanden, in der eine emergierende
Technologie beziehungsweise eine neue Kombination von bestehenden
Technologien die Triebfeder innovativer Produkte und Problemlösungen auf
dem Markt darstellt. Dabei können sich die neuen Technologiekonzepte im
Extremfall sogar ihre eigenen Märkte schaffen, wenn sie in radikale
Produkt- oder Prozessinnovationen transformiert werden. Diese neuen
Technologien oder Technologiekombinationen können sowohl in einer
zentralen Forschung und Entwicklung, einer eher applikations-
beziehungsweise anwendungorientierten Entwicklung, einer Kombination aus
beiden oder einer unternehmensübergreifenden Kooperation verteilter
Forschungs- und Entwicklungseinheiten entstehen.
Im Gegensatz dazu geht das »Market Pull«-Konzept davon aus, dass
Produkt- wie Prozessinnovationen ihren Ursprung in latent unbefriedigten
Kundenbedürfnissen auf dem Markt haben und erst die Identifikation
derartiger Bedürfnisse entsprechende Entwicklungsaktivitäten nach sich
zieht [3].
Während diese einfache Kennzeichnung den Unterschied beider Argumente
auf den »Auslösungsort« von Innovationen (F&E versus Markt)
reduziert, zeigt eine genauere Betrachtung, dass mit dieser
grundsätzlichen Differenzierung eine Reihe weiterer Unterschiede
einhergehen:
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So sind bei einer »Technology Push«-Strategie potenzielle
Markt-Applikationen noch weitestgehend unbekannt, während eine »Market
Pull«-Strategie das Wissen über potenziell neue Bedarfsfelder gerade
als Ausgangspunkt nimmt [20].
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Bei technologie-getriebenen Innovationsprojekten liegt in der Regel
eine höhere Marktunsicherheit zugrunde. Dieser Unterschied in der
Marktunsicherheit bedingt, dass beide Ansätze völlig andere Methoden
zur Informationsgewinnung heranziehen müssen.
-
Eine »Technologie Push«-Situation impliziert eher antizipative,
explorierende Marktforschungsmethoden (z.B. Szenarios, Delphi-Studien,
Roadmapping), während ein »Market Pull« vorwiegend auf Informationen
aus konventionellen Marktforschungskonzepten zurückgreift [12].
Ein weiteres bedeutendes Unterscheidungsmerkmal beider Perspektiven ist
im angestrebten Innovationsgrad zu sehen: »Technology Push«-Strategien
zielen durch ihre massiven F&E-Investitionen, die zum Teil auch in
Grundlagenforschung fließen, auf »Breakthrough«-Innovationen [24]. Im
Gegensatz dazu führt ein »Market Pull« eher zu inkrementalen, an
bestehenden Produktwelten orientierten Innovationen. Damit weichen auch
die Zeithorizonte beider Strategien deutlich voneinander ab. So kann eine
»Technology Push«-Konstellation einen Zeitrahmen von mehr als zehn
Jahren umfassen, während »Market Pull«-Projekte aufgrund des
unmittelbaren Marktfokus eher kurzfristig angelegt sind.
Aufgrund der bisher angestellten Überlegungen zeigt sich ferner, dass
»Technology Push«- induzierte Innovationsprojekte zusätzlich oft einer
weit höheren technologischen Unsicherheit ausgesetzt sind als »Market
Pull«-Projekte. Diese erhöhte Unsicherheit kann wiederum Implikationen
für prädestinierte Organisationsformen (z.B. Kooperationen zur Risiko-
und Ressourcenteilung beim »Technologie Push«) beider Strategien haben.
Den Zusammenhang zwischen Innovationsgrad, F&E-Aufwendungen,
Zeithorizont sowie Markt- und Technologieunsicherheit bei »Market Pull«-
gegenüber »Technology Push«-Projekten soll Abbildung 1 verdeutlichen.
Abb. 1: F&E-Aufwendungen, Innovationsgrad und
Zeithorizont von "Technology Push"- und "Market Pull"-
Projekten
Beide Grundorientierungen stellen Extrempositionen auf einem Kontinuum
dar und bergen in der Innovationspraxis in dieser Reinform angewendet
natürlich immanente Gefahren:
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So führt der »Technology Push«-Ansatz nicht selten zu einem »lab
in the woods approach«, bei dem die Forschung und Entwicklung räumlich
und organisatorisch abgeschottet wird und somit den Marktbezug verlieren
kann.
-
»Market Pull«-Strategien führen oft zu einem »Face Lifting«
bestehender Produkte, ohne dabei substanziell den technologischen Kern
des Produktprogrammes bezüglich neuer Entwicklungen zu hinterfragen.
Die hier angedeutete scharfe Trennung zwischen »Technology Push« und
»Market Pull« findet man heute in dieser Reinform aber wohl kaum mehr in
der Innovationspraxis vor. Vielmehr bestehen meist hybride Typen beider
Konzepte (Forschung und Entwicklung, Marketing/Vertrieb, Fertigung und
Service arbeiten arbeitsteilig an Innovationsprojekten), wobei es jedoch
je nach betrachteter Phase im Innovationsprozess dann nach wie vor zu
einer schwerpunktmäßigen Aufgabenwahrnehmung durch einzelne funktionale
Arbeitsgruppen kommt. Letzteres liegt natürlich auch ein wenig in der
Natur arbeitsteiliger Innovationsprozesse bei technologisch
anspruchsvollen Produkten und Dienstleistungen begründet.
Neben den durch die jeweiligen Aufgabenstellungen der
Innovationsprozessphasen heraus begründeten Mischformen zwischen
»Technology Push«- und »Market Pull«-Aktivitäten, lassen sich
Innovationsprojekte auch aufgrund weiterer Phänomene oft nicht eindeutig
klar der einen wie der anderen Typologie zuordnen:
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Innovationsprojekte werden in der Praxis oft durch Einzelpersonen
oder Gruppen in verschiedenen Funktionsbereichen der Unternehmen
angestoßen, werden dann aber von anderen Bereichen schwerpunktmäßig
bearbeitet. So kann beispielsweise eine permanent wiederkehrende
Kundenreklamation dazu führen, dass durch die Marketing-/Vetriebsabteilung
ein entsprechendes Projekt initialisiert wird. Dies wird in der Regel
dazu führen, dass das entsprechende Produkt durch die
Anwendungsentwicklung/Konstruktion optimiert wird (»Market
Pull«-ausgelöste Produktinnovation). Sollte jedoch auf Basis der dem
Produkt zugundeliegenden Technologie keine (weitere) Produktoptimierung
möglich sein, gelangen die involvierten Funktionsbereiche oft schnell
an ihre Grenzen. Dies kann wiederum ein Entwicklungsprojekt im
Unternehmen anstoßen, an dessen Ende möglicherweise ein vollständig
neuartiges Produkt steht, welches auch den bisherigen Anwendungskontext
bei den Nutzern im Markt erheblich verändert. Dieser Prozess wird wohl
in der Regel einige Jahre in Anspruch nehmen, und es dürfte im
Nachhinein wohl kaum noch möglich sein, die entstehende Innovation
eindeutig in den Kategorien »Market Pull« oder »Technology Push«
einzuordnen. Oder anders ausgedrückt: »Technology Push«- Projekte
initialisieren »Market Pull«-Projekte et vice versa.
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»Technology Push« versus »Market Pull« sind auch
Wahrnehmungskonstrukte, die durch Personen oft unterschiedlich ausgelegt
werden. Da wir oft nur über Teilwissen verfügen, entstehen manchmal
»Innovationslegenden«, die einer kritischen Betrachtung nicht
standhalten.
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Hierzu ein Beispiel: Wohl kaum ein anderes Produkt ist in den letzten
Jahren in so vielen Veröffentlichungen und Fallstudien als
»Musterfall« einer Innovation beschrieben worden wie der »Post-it«
von 3M [17] . Der »Post-it« von 3M wird teilweise als Ergebnis eines
»Technology Push«-Prozesses dargestellt, in anderen Fällen als
Reaktion auf ein Marktbedürfnis. Dieses in den frühen 1980er Jahren am
Markt eingeführte Produkt ist mittlerweile in unzähligen Varianten (Grössen,
Formen, Farben, Einsatzgebieten) weiterentwi-ckelt worden. Wer kann hier
noch klar zuordnen, wo die jeweiligen Innovationsquellen lagen und wer
die Einzelinnovationen initiiert und erfolgreich am Markt eingeführt
hat?
Trotz der hier skizzierten Schwierigkeiten, im Einzelfall ex-post
nachzuweisen, ob eine Innovation klar der einen oder anderen Typologie
(»Technology Push« versus »Market Pull«) zugeordnet werden kann,
bleibt jedoch das ex-anteProblem für die Innovationspraxis, das heißt
der Fall, dass ein Unternehmen gezielt beabsichtigt, eine Produkt-
und/oder Prozess-innovation auf der Basis einer technologischen
Entwicklung zu initialisieren. Besonders relevant dürfte diese
Problemstellung für solche Unternehmen sein, die Innovationen gezielt auf
ihrer technologischen Basis-(entwicklung) aufbauen, zum Beispiel
Biotechnologieunternehmen.
Im folgenden Abschnitt wollen wir uns auf solche Konstellationen
konzentrieren, in denen Unternehmen bewusst aus ihrer Forschung und
Entwicklung heraus (»Technology Push«) Innovationen initialisieren. Da
wir ein genaues Verständnis der marktseitigen Besonderheiten und Probleme
solcher technologie-induzierter Entwicklungen als wesentliche
Voraussetzung für eine erfolgversprechende Ausgestaltung des damit
einhergehenden Projektmanagement betrachten, beleuchten wir zunächst
marktbezogene Aspekte. Hierbei diskutieren wir auch »State-of-the-Art«-Techniken
und -Instrumente der qualitativen Marktforschung, die insbesondere in den
frühen Phasen der Technologieentwicklung dazu beitragen sollen,
zukünftige Applikationsgebiete dieser Technologien zu identifizieren und
hinsichtlich ihres Potenzials genauer einzuschätzen.
Marktbezogene
Besonderheiten und Probleme technologie-getriebener
Entwicklungsprojekte
Unbekannte Applikationsfelder
Marktbezogene Besonderheiten und Probleme technologie-getriebener
Entwicklungsprojekte rühren insbesondere daher, dass mit der innovativen
Technologie in aller Regel wohlbekannte Produkt-Markträume, die die Basis
des herkömmlichen Marketing bilden, zu Gunsten völlig neuer
Anwendungsfelder verlassen werden. Dabei sind die potenziellen
Anwendungsfelder der neu entstehenden Technologie in einem explorativen
und kreativen Prozess erst noch zu identifizieren, was für sich alleine
schon grundlegend andere Kompetenzen, Methoden und Informationen erfordert
als Optimierungen in bestehenden Produkt-Markträumen [35, 14, 7]. So
erfordert die Identifikation möglicher Anwendungsfelder ein Denken in
abstrakten Funktionen, welche die emergierende Technologie beziehungsweise
Technologiekombination erfüllen kann. Die am Suchprozess beteiligten
Personen müssen hierbei sowohl die Fähigkeit als auch die Bereitschaft
besitzen, von augenblicklichen Geschäftsfeldern zu abstrahieren und alle
potenziellen Applikationsfelder, in denen die herausgearbeiteten
Technologie-Funktionen eine Rolle spielen können, in die Analyse mit
einzubeziehen. Die praktische Umsetzung dieser Anforderungen stellt das
Innovationsmanagement oft vor erhebliche Probleme. Zur Illustration dieser
Probleme einige Beispiele:
-
Werden neue Technologien beispielsweise in der anwendungsorientierten
Entwicklung einer Produkte-Division eines Unternehmens entwickelt, wird
deren möglicher Einsatz für neue Produkte/Leistungen meist auch nur
aus der Perspektive der durch diese Division bedienten Marktsegmente
(beispielsweise als Ergänzungs- beziehungsweise
Substitutionstechnologie) betrachtet. Eine über die Divisionsgrenzen
hinausgehende Exploration der Technologie für weitere
Unternehmens-/Konzernbereiche oder sogar als Ausgangslage für neue
Geschäftssysteme entfällt dann meist. Die Gründe für ein derartiges
Unterlassen sind vielfältiger Natur und reichen von fehlendem
Zuständigkeitsempfinden oder mangelnden Anreizsystemen bis zum Mangel
an Techniken oder operativen Problemen wie Zeitdruck oder fehlende
Ressourcen.
-
Die Suche nach möglichen wirtschaftlich attraktiven
Anwendungsfeldern für neue Technologien in ihrer Entstehung ist in
methodischer Hinsicht kein triviales Problem. Häufig mangelt es in den
Unternehmen an Ideen und Wissen über solche Einsatzgebiete. Selbst wenn
diese grob beschrieben werden können, erfordert die Abschätzung der
Relevanz der eigenen Technologie für diese Felder meist eine intensive
und kaum delegierbare Beschäftigung mit diesen Einsatzgebieten. Solange
es sich um ein Feld oder nur wenige Felder handelt, kann diese
Analyseleistung teilweise noch von den an der Technologieentwicklung
Beteiligten geleistet werden. Oftmals kommen jedoch für eine neuartige
Technologie zumindest theoretisch sehr viele Applikationsfelder in
Frage. Diese alle detailliert im Hinblick auf ihre Relevanz für den
Einsatz der jeweiligen Technologie zu hinterfragen, überfordert oftmals
solche Teams. Selbst wenn diese Leistung einmal erbracht werden kann,
ist es aufgrund der Veränderungsdynamik in den unterschiedlichen
Industrien kaum möglich, die Erkenntnisse permanent zu aktualisieren.
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Die Analyse der Einsatzrelevanz neuartiger Technologien in
existierenden Produkt-/Marktkombinationen setzt meist an der
qualitativen wie quantitativen Beschreibung der Funktionen dieser
Technologien an. Diese werden dann oft vor dem Hintergrund der
»Kritischen Erfolgsfaktoren« in den abgefragten Einsatzgebieten
analysiert. Leisten eine oder mehrere Funktionen der Technologie einen
maßgeblichen Beitrag zur Erfüllung dieser kaufentscheidenden Faktoren,
wird dies dann als ein Indikator für eine wahrscheinliche, spätere
Marktakzeptanz gewertet. Diese statische Betrachtungsweise wird jedoch
insbesondere bei länger andauernden Entwicklungsprojekten, schwer
abschätzbaren Leistungsfunktionen von Technologien und der schon
angedeuteten Marktdynamik oft unmöglich. Ein weiterer Aspekt ist, dass
diese Betrachtungsweise eher einer tes-tenden Marktanalyse nahekommt, da
sie von bekannten Einsatzgebieten und Produkten ausgeht. Aber durch neue
Technologien oder Technologiekombinationen können auch völlig neue
Produkt-/Marktkombinationen geschaffen werden, für die es praktisch
kaum möglich ist, im Vorfeld die kaufentscheidenden Faktoren zu
ermitteln, weil es ja noch gar keine referenzbasierten Erfahrungen im
Markt gibt.
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Hierzu ein Beispiel: Durch Kombination unterschiedlicher Technologien
im Hause Siemens wurde es erst möglich, ein satellitengestütztes
Navigationssystem am Markt anzubieten. Die Abfrage der verschiedenen
Funktionen der einzelnen hierbei involvierten Technologien vor dem
Hintergrund der kaufentscheidenden Faktoren in diesem Geschäftssystem
wäre praktisch nicht möglich gewesen, weil letzteres eben noch gar
nicht existierte.
Kundenbezogene Besonderheiten und
Probleme
Die aus dem fehlenden Marktwissen resultierende große
Marktunsicherheit technologie-getriebener Entwicklungsprojekte durch eine
verstärkte Einbindung von Kunden abzubauen, erweist sich oftmals als
problematisch. So ist im Falle technologie-induzierter
Entwicklungsprojekte noch nicht eindeutig klar, wer überhaupt die
prospektiven Kunden sein werden. Haben die Marketing-Verantwortlichen im
Falle von »Market-Pull«-Innovationen oft ein sehr spezifisches Wissen
über das Profil ihrer Kunden und deren Bedürfnisse, so ist bei
technologie-induzierten Innovationsprojekten die in Frage kommende
Zielgruppe sowie deren Präferenzen meist erst noch zu ermitteln.
Hat das mit der Entwicklung beauftragte (Projekt-)Team eine erste
Vorstellung von den potenziellen Kunden entwickelt, so sind diese häufig
auch nicht in der Lage, Präferenzen im Hinblick auf ein noch sehr
abstraktes Technologie-Konzept zu artikulieren, fehlt ihnen doch das
Erfahrungswissen der unmittelbaren Produktanwendung (Barriere des
Nicht-Könnens). Aber selbst wenn Kunden über die hierfür erforderlichen
Kompetenzen verfügten, so können psychologische Barrieren (Barriere des
Nicht-Wollens) bestehen, sich mit komplett andersartigen Problemlösungen,
für die gegenwärtig aus Kundensicht keine Notwendigkeit besteht,
auseinanderzusetzen [29, 19, 2].
Hinzu kommt, dass mit technologischen Innovationen häufig auch die
Notwendigkeit einer Verhaltensänderung des Kunden einhergeht, welche von
diesem als eher »unbequem« wahrgenommen wird und intensive
Schulungsmaßnahmen beim Kunden unentbehrlich macht [16, 26]. Aufgrund der
genannten kognitiven und verhaltensbezogenen Barrieren würde eine
alleinige Ausrichtung auf die »Stimme« des Kunden in vielen Fällen den
Abbruch des anvisierten technologie-getriebenen Innovationsprojektes
bedeuten.
Hierzu zwei Beispiele: Führende US- Radiologen rieten vor Jahren
General Electric vehement davon ab, die Computer Axial Tomographie
weiterzuentwickeln, eine Technologie, die sich später und bis zum
heutigen Tag als Durchbruchsinnovation herausstellen sollte [16]. Wieso?
Die befragten Ärzte sahen für den Ersatz der bis dahin schon fast
traditionell genutzten Röntgentechnologie keine Notwendigkeit. GE war mit
seiner neuen Technologie nicht nur gegen eine etablierte Technologie,
sondern auch gegen etablierte und seit Jahrzehnten tradierte
Verhaltensmuster und -abläufe angetreten. So lern(t)en angehende Ärzte
bereits auf der Universität mit Röntgengeräten zu arbeiten, und diese
begleit(et)en Ärzte über ihren gesamten Berufsweg in ihrer praktischen
Arbeit wie auch in der Forschung. Auch dem US-Unternehmen Corning gelang
mit der erfolgreichen Entwicklung der »Optical Fiber« eine
Breakthrough-Innovation nur deshalb, weil es die negative Einschätzung
seines bedeutendsten Einzelkunden AT&T ignorierte und an dieser
Technologie weiterarbeitete [16]. Da schwer abzusehen ist, wann Kunden
für die technologische Innovation »reif« sind beziehungsweise wann die
Probleme auf Technologieseite beseitigt sind, ist ferner der Zeitpunkt der
Markteinführung nur schwer abschätzbar.
Hieraus könnte man die Schlussfolgerung ziehen, dass Vorfeldgespräche
mit den Zielkunden einer technologie-getriebenen Innovation zur Abklärung
der (späteren) Kauf- und Einsatzbereitschaft meistens zu Abbrüchen
derartiger Projekte führen müssten. Diese These geht unseres Erachtens
jedoch zu weit; in diesem Zusammenhang halten wir insbesondere die
folgenden zwei Fragen für äußerst relevant:
-
Welchen Beitrag können Kunden im eigentlichen Sinne (das heißt
Personen, die Produkte kaufen und nutzen) im Rahmen
entwicklungs-getriebener Projekte zu welchen Zeitpunkten im Gesamtablauf
des Entwicklungsprozesses leisten?
-
Können Unternehmen möglicherweise durch Einbindung von Kunden
beziehungsweise Anwendern aus analogen Applikationsfeldern deutlich mehr
profitieren?
Von Hippel hat bereits in den frühen 1980er Jahren auf die Existenz
von sogenannten Lead Usern hingewiesen, die sich im Vergleich zu
durchschnittlichen Kunden/Anwendern im Hinblick auf ihr
Innovationspotenzial deutlich unterscheiden (lesen Sie dazu auch das
Kapitel 03.04). So hat von Hippel beispielsweise anhand der Entwicklung
integrierter Schaltkreise belegt, dass solche Lead User Herstellern neben
reinen Bedarfsdaten auch vollständig neue Produktkonzeptionen und Designs
liefern können. Von Hippel charakterisiert diese Anwender durch folgende
zwei Merkmale [32]:
-
»Lead users face needs that will be general in marketplace-but face
them months or years before the bulk of that marketplace encounters them,
and
-
lead users are positioned to benefit significantly by obtaining a
solution to, those needs.«
Das erste Eigenschaftsmerkmal bringt zum Ausdruck, dass Lead User über
die notwendige «real-world experience» bezüglich zukünftiger
Bedürfnisse verfügen. Lead User sind mit Bedingungen vertraut, die für
die Mehrheit der Produktanwender noch weitgehend in der Zukunft liegen;
sie sind somit trendführend in ihrer Branche und können als Experten
für unterschiedliche produkt- oder prozessbezogene Fragestellungen
betrachtet werden. Das zweite Eigenschaftsmerkmal knüpft an der
Vorstellung an, dass Anwender, die sich von einer Problemlösung einen
besonders hohen (ökonomischen) Nutzen versprechen, auch eher an einer
aktiven Lösung dieses Problems interessiert sind als solche, denen diese
keinen hohen Nutzen bringt.
Hierbei ist wichtig zu beachten, dass Lead User nicht nur oder
notwendigerweise in der Zielgruppe der (späteren) Produktkunden zu finden
sind. Grundsätzlich lassen sich drei unterschiedliche Kategorien von Lead
Usern erkennen:
-
Lead User in der Zielgruppe für (spätere) Produkte und Anwendungen;
-
Lead User in analogen Märkten für ähnliche Produkte und
Anwendungen;
-
Lead User hinsichtlich bestimmter relevanter Problemattribute
beziehungsweise Merkmale mit Relevanz für den Zielmarkt.
Hierzu ein Beispiel, wiederum aus dem Bereich der Röntgentechnologie
[32]: Ein bedeutender Hersteller von Röntgengeräten hatte sich
entschlossen, eine Lead User Gruppe zur Formulierung neuartiger
Produkte-Konzepte zu formieren. Ein in dem Unternehmen zusammengestelltes
Team identifizierte zwei wesentliche Trends für Röntgengeräte: erstens
höhere Bildauflösung und zweitens bessere Verfahren zur Identifizierung
von »schwachen« Mustern wie Tumoren in frühen Stadien. Auf der Suche
nach geeigneten Lead Usern stieß das Unternehmen auf Lead User aus den
drei genannten Kategorien:
-
Lead User als Teil der Zielgruppe für Röntgengeräte; hierbei
handelt es sich um Röntgenärzte, welche sich aufgrund ihrer intensiven
Arbeit und Auseinandersetzung mit Röntgengeräten als besonders
qualifiziert und anspruchsvoll herausstellen.
-
Lead User aus analogen Produktbereichen; hierbei handelte es sich um
Entwicklungsingenieure, die sich speziell mit der Bildumsetzung von
elektronischen Mikroskopen, beispielsweise aus der Halbleiterindustrie,
beschäftigen.
-
Lead User hinsichtlich spezieller, relevanter Probleme oder
Produktattribute; solche Lead User wurden beispielsweise unter
Spezialisten gefunden, die sich mit Problemen der akustischen
Mustererkennung auseinandersetzen.
Die Frage bleibt offen, ob sich mit dieser Gruppe von Lead Usern auch
die Grund-lagen für die CTM-Technologie hätte finden lassen können. Wir
können hier nur spekulieren, doch die Wahrscheinlichkeit wäre wohl eher
gering gewesen, weil bereits die Ausgangsfragestellung in beiden
Beispielen eine ganz andere gewesen ist.
Die Einbindung von Kunden in technologie-getriebene Innovationsprojekte
kann daher unseres Erachtens weder pauschal abgelehnt noch befürwortet
werden. Die empirische Innovationsforschung hat jedoch die Existenz und
Relevanz von Lead Usern zumindest in zahlreichen Industrien nachgewiesen
[23, 13, 32, 8].
Begrenzte Eignung konventioneller
Marktforschungsmethoden
Neben den geschilderten kundenbezogenen Problemen erweisen sich oft
auch konventionelle Marktforschungsmethoden als wenig hilfreich, die
technologie-getriebenen Innovationen inhärente Marktunsicherheit
abzubauen. Konventionelle Marktforschungsmethoden wie Kundenbefragungen
und Fokusgruppen-Diskussionen sind ihrer Natur nach auf eher kurzfristige
Fragestellungen (Orientierung an den Kunden von heute) angelegt und
führen mit ihrer Ausrichtung auf bestehende Produktprogramme eher zur
Entwicklung inkrementaler Neuheiten. Der marktorientierte
Informationsbedarf technologie-getriebener Innovationsprojekte ist aber im
Gegensatz dazu in die Zukunft gerichtet (Orientierung an Kunden und
Märkten von morgen) und hat tendenziell radikale Neuheiten zum
Gegenstand. Technologie-getriebene Innovationsprojekte erfordern somit
verstärkt explorative und antizipative Marktforschungsmethoden, die sich
von der Orientierung an augenblickliche Kundenbedürfnisse lösen können
[5, 12].
So stellt beispielsweise das Roadmapping ein Verfahren dar, bei dem mit
Hilfe von Expertenworkshops die zukünftige Entwicklung (bis zu 15 Jahre)
von Technologien und Produkten systematisch antizipiert und anhand von
Zeitpfaden (den Roadmaps) visualisiert wird [30]. Derartige Roadmaps
können dabei von der Gegenwart ausgehend in die Zukunft projiziert oder
aber aufbauend auf vorher entworfenen Szenarios retrograd entwickelt
werden. Als besonders aussagekräftig erweist sich diese Methode, wenn die
Technologie-Roadmap mit der Produkt-Roadmap über sogenannte
Technologie-Bäume abgeglichen wird [6]. Hierbei erfolgt eine Analyse,
welche Technologien zur Entwicklung einer bestimmten zukünftigen
Produktgeneration erforderlich sind. Ergeben sich »weiße Flecken« in
der eigenen Technologie-Roadmap, so sind diese durch das Eingehen von
F&E-Kooperationen, Technologie-Akquisitionen oder Eigenentwicklung
aufzufüllen. Somit unterstützt Roadmapping den Entscheidungsprozess
hinsichtlich strategischer F&E-Prioritäten und sensibilisiert die an
der Entwicklung der Zukunftspfade beteiligten Personen aus F&E,
Produktion und Marketing für technologische Diskontinuitäten, welche
häufig das Entstehen einer neuen Produktgeneration einläuten. In der
Literatur bekannt gewordene Anwendungen finden sich insbesondere bei der
Siemens AG, die Technologie- und Produkt-Roadmaps in unterschiedlichen
Geschäftsbereichen erstellt und strategisch nutzt [33, 34]. Abbildung 2
veranschaulicht die Integration von Technologie- und Produktroadmap an
einem Beispiel aus der Siemens-Automobiltechnik.
Abb. 2: Kombinierte Technologie- und Produkt-Roadmap
Eine weitere, relativ junge Marktforschungsmethode, welche im Hinblick
auf die marktseitigen Besonderheiten technologie-induzierter
Entwicklungsprojekte konzipiert wurde, ist das sogenannte »Information
Acceleration« [27]. Auf Prototypen-Ebene ansetzend, bedient sich
»Information Acceleration« konsequent der Potenziale von Virtual Reality
und weiterer Multimedia-Anwendungen, um Kunden möglichst authentisch in
den anvisierten Zukunfts-Kontext versetzen zu können. Solche Simulationen
ermöglichen dem Test-Kunden, virtuelle Erfahrungen mit der auf
innovativen Technologie-Konzepten basierenden radikalen Neuheit zu machen.
Zusätzlich wird die zukünftige Kaufentscheidungssituation durch das
Bereitstellen von Informationsquellen (Zeitungen, Magazine, andere Kunden,
Verkaufspersonal usw.) auf einem Multi-Media PC simuliert. Nachdem sich
die Kunden – gegebenenfalls durch das Ausprobieren eines realen
Prototypen – ein Bild von der Innovation gemacht haben, werden deren
Wahrnehmungen, Präferenzen und Kaufabsichten erhoben. Neben dem
Generieren von Kunden-Feed-Back ist es das Ziel von »Information
Acceleration«, möglichst valide das Kaufverhalten der Konsumenten in der
Zukunft abzubilden, um Voraussagen hinsichtlich des Absatzverlaufes der
technologie-induzierten Innovation treffen zu können [22]. »Information
Acceleration« eignet sich insbesondere für technologie-induzierte
Durchbruchsinnovationen, weil es den durch die neuen Technologien
aufgespannten Zukunftskontext und das Zukunftsprodukt simuliert und
dadurch dem Kunden den Aufbau eines zumindest virtuellen Erfahrungswissens
ermöglicht. Zudem erlaubt »Information Acceleration«, den Kunden schon
in sehr frühen Phasen des technologie-induzierten Entwicklungsprojektes
aktiv mit einzubeziehen. Dadurch können zum einen wertvolle Informationen
für eine stärker kunden- und marktorientierte Technologieentwicklung
generiert werden. Zum anderen trägt »Information Acceleration« zur
Verkürzung der Entwicklungszeit bei, weil das »Virtual Prototyping« die
aufwendige und langwierige Konstruktion realer Protoypen sowie darauf
aufsetzende Marktforschungszyklen teilweise entbehrlich macht.
»Information Acceleration« steht somit auch im Einklang mit dem
empirischen Befund, dass erfolgreiche technologie-getriebene
Entwicklungsprojekte sich durch ein frühzeitiges Prototyping auszeichnen,
welches die Basis für Kunden-Feed-Back liefert. Praktische
Anwendungerfahrungen mit »Information Acceleration« sind in der
Literatur kaum beschrieben. Solche Anwendungen existieren beispielsweise
im Zusammenhang mit der Fahrzeugentwicklung bei General Motors [27].
Problematisch sind in diesem Zusammenhang folgende Punkte:
-
Die Durchführung eines »Information Acceleration«-Projekts
verursacht erhebliche Kosten. Diese liegen bei zirka 100.000 US Dollar
pro Versuchsanordnung;
-
Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung eines »Information
Acceleration«-Projekts erfordern einen erheblichen Vorbereitungsaufwand
(mehrere Wochen bis Monate); Unternehmen fällt es daher oft schwer, die
entsprechenden Ressourcen hierfür bereitzustellen.
Eine weitere, mögliche Alternative zu »Information Acceleration«
bildet die Nutzung von Virtual Reality Technologien zur dreidimensionalen
Darstellung von neuartigen Technologien im Kontext von Einzelprodukten,
Produktsystemen oder Nutzungszusammenhängen [22]. Problematisch hierbei
ist allerdings, dass derartige Versuche heute meist lediglich im Rahmen
der testenden Marktforschung genutzt werden, das heißt zu einem
Zeitpunkt, wo die eigentliche Entwicklungsarbeit oft schon zu einem
großen Teil abgeschlossen ist. Die Nutzung virtueller Technologien und
hierzu erhältlicher Software und Hardwaresys-teme zur kreativen
Gestaltung in den sehr frühen Phasen des Innovationsprozesses ist noch
wenig fortgeschritten [9].
"Probe and Learn" anstelle von
"Stage-gate-Prozessen"
Lynn, Morone und Paulson zeigen anhand von Fallstudien, dass ein
iterativ angelegter »Probe and Learn«-Prozess den Besonderheiten von
»Technology Push«-Projekten am besten Rechnung trägt [16]. »Probing
and Learning« bedeutet hierbei, potenzielle Kunden bereits in sehr
frühen Stadien mit noch nicht notwendigerweise ausgereiften Prototypen zu
konfrontieren, um durch das dadurch erworbene »Markt«-Wissen
Anhaltspunkte für die Entwicklung des nächsten Prototypen zu erhalten.
Die durch das Wiederholen dieses Prozesses erzeugten iterativen
Lernschleifen bauen dabei sukzessive Markt- und Technologie-Unsicherheit
ab und tragen zu einer an den potenziellen Bedürfnissen des Kunden
ausgerichtete Technologie-Entwicklung bei.
Durch seinen experimentellen und iterativen Charakter unterscheidet
sich »Probing and Learning« deutlich von sogenannten »Stage-Gate«-Innovationsprozessen,
welche in sequentieller Weise einzelne Phasen (z.B. Ideengenerierung,
Konzeptentwicklung, Entwicklung, Prototyp/Markttest, Markteinführung)
durchlaufen. Solche »Stage-Gate«-Prozesse haben sich eher für die
Entwicklung von markt-getriebenen, inkrementalen Innovationen als
hilfreich erwiesen [4], während sie für technologie-induzierte
Durchbruchs-Innovationen aufgrund der diesen innewohnenden Unwägbarkeiten
und Risiken kontraproduktiv sein dürften [29, 21, 16].
Ein auf iterative Lernschleifen angelegter, flexibler »Probe and
Learn«-Prozess setzt seinerseits einen sehr früh einsetzenden
Informationsaustausch an der Schnittstelle zwischen F&E und Marketing
voraus. Gerade eine solch frühe Integration von F&E und Marketing
findet sich in der Praxis technologie-getriebener Projekte jedoch nur
selten, vielmehr wird das Marketing-Personal oft erst kurz vor der
Markteinführung involviert (siehe Abb. 3).
Abb. 3: Involvement von technischem Personal und
Vertriebs-/Marketing-Personal im Projektlebenszyklus
Diese Beobachtung mag auch mit dem hohen Konfliktpotenzial, welches
gerade bei technologie-getriebenen Entwicklungsprojekten zwischen beiden
Bereichen besteht, zusammenhängen. So strebt das Marketing in seinem
traditionellen Rollenverständnis nach einer schnellen Vermarktbarkeit,
eine Eigenschaft, die der technologie-induzierten Innovation aber oftmals
fehlt. Somit setzt ein erfolgreicher »Probe and Learn«-Prozess auch ein
verändertes Rollenverständnis des Marketing voraus.
»Probing and Learning« hat aber noch weitreichendere Auswirkungen:
Damit das technologie-getriebene Entwicklungsprojekt nicht nach dem
ersten, spätestens aber nach dem zweiten negativen Kunden-Feed-Back
(welches aufgrund des fehlenden Erfahrungs- und Technologie-Wissens, der
Abkehr vom Konventionellen sowie der Notwendigkeit der eigenen
Verhaltensänderung eine wahrscheinliche Kundenreaktion ist) abgebrochen
wird, muss das Projekt für das Unternehmen eine zentrale strategische
Bedeutung aufweisen und eine entsprechende Abdeckung aus dem
Top-Management erfahren. Gerade das Top-Management hat für eine Kultur
und ein Umfeld Sorge zu tragen, die es dem Entwicklungsteam ermöglicht,
kreativ und unkonventionell zu denken sowie aus Fehlern zu lernen. Das
Entwicklungsteam seinerseits bedarf einer hohen Lernfähigkeit und einer
hohen Lernbereitschaft, um das den Lernschleifen innewohnende Potenzial
ausschöpfen zu können [15].
Abbildung 4 fasst die in diesem Abschnitt diskutierten marktbezogenen
Besonderheiten technologie-induzierter Entwicklungsprojekte nochmals
zusammen und kontrastiert diese mit der Konstellation des »Market Pull«.
Die zum Teil sehr deutlichen Unterschiede, die vor allem in
marktbezogener Perspektive zwischen den beiden Projekt-Typen bestehen,
führen zu der Annahme, dass sich auch die Ausgestaltung des
Projektmanagements je nach Projekt-Typ unterscheiden muss. Im folgenden
Abschnitt stellen wir daher einige Überlegungen an, welche Implikationen
insbesondere aus den skizzierten marktbezogenen Besonderheiten
technologie-getriebener Entwicklungsprojekte für deren konkretes
Management erwachsen.
Abb. 4: Marktbezogene Besonderheiten technologie-induzierter
Entwicklungs-Projekte
Strukturorganisatorische,
strategische sowie gestaltungstechnische Aspekte des Management
Initialisierung und Durchführung
technologie-getriebener Projekte: zentrale versus dezentrale
organisatorische Einbettung
Initialisierung und Durchführung technologie-getriebener Projekte kann
sowohl in einer zentralen, dezentralen, gemischt zentral-dezentralen
F&E oder auch im Verbund mit Forschungs- und Entwicklungspartnern
außerhalb des eigenen Unternehmens erfolgen. Die ideale
Strukturorganisationsform für diesen Innovationstyp dürfte es wohl kaum
geben. Geht es aber insbesondere darum zu gewährleisten, dass die am
Suchprozess Beteiligten von den augenblicklichen Geschäftsfeldern
abstrahieren können und möglichst viele potenzielle Applikationsfelder,
in denen die innovativen Technologien eine Rolle spielen, in die Analyse
mit einzubeziehen, spricht einiges für eine dezentrale
strukturorganisatorische Lösung. Weitere Kennzeichen einer solchen
Organisationsform sind Flexibität, geringe Tiefengliederung und (Teil-)Autonomie
[1].
Ein anschauliches Beispiel für eine derartige Strukturorganisation
bildet die Mannesmann Pilotentwicklung (mpe), die 1992 gegründet wurde.
In Zusammenarbeit mit den Vodafone/Mannesmann Unternehmen liegt ihre
Hauptaufgabe darin, die neuesten Konzern-Technologien im Hinblick auf ihr
Applikationspotenzial zu analysieren. Im Gegensatz zu anderen Konzernen
verfügt Mannesmann über keine zentrale F&E, und die
Innovationsvorhaben der einzelnen Teilkonzerne werden von den zugehörigen
Entwicklungsabteilungen initiiert. Um Innovationen über diese
Teilkonzerne hinaus sicher zu stellen, schafft die mpe eine Art Ideenraum,
in dem Innovationen für eine Markteinführung in drei bis sieben Jahren
reifen. Die mpe ist eine hundertprozentige Tochter der Vodafone/Mannesmann
AG und untersteht direkt dem Vorstand Technik der Konzernzentrale. Sie
setzt sich aus einem hochqualifizierten Team von zirka 70 Personen
zusammen: Ingenieure, Naturwissenschaftler, Informatiker und Betriebswirte
arbeiten in unterschiedlichen Projektteams zusammen. Ein permanentes
intern wie extern ausgerichtetes Technologie-Monitoring bildet die
Grundlage. Zu den praktizierten Vorgehensweisen gehören eine
hochmotivierte Zusammenarbeit und unternehmensübergreifende Kooperationen
in interdisziplinär operierenden Teams. Mit der mpe wurden seit ihrem
Bestehen zahlreiche positive Erfahrungen gesammelt. Dies beweisen
zahlreiche Patente, Prototypen und schließlich neue Geschäftsfelder bis
hin zur Neugründung von Gesellschaften. Als Erfolgsfaktoren für
teilkonzernübergreifende Innovationsteams, die mit der Exploration von
neuen Technologien beauftragt sind, haben sich folgende Rahmenbedingungen
herauskristallisiert [11]:
-
Interdisziplinäre Teamzusammensetzung
-
Einbindung von Lead Usern in den Entwicklungsprozess
-
Zeitlichen und gedanklichen Freiraum sicherstellen, aber gleichzeitig
durch eine konsequente Projektplanung Meilensteine und Endtermine setzen
-
Unterstützung zur Evaluation der Planungen durch schnelle
Informationszugänge wie Internet und Datenbanken
-
Räumliche und zeitliche Konzentration der Teams zur Förderung der
direkten informellen Kommunikation und Beschleunigung
-
Unterstützung der Teams durch hochrangige Promotoren wie Vorstände
oder Geschäftsführer
Die mpe stellt aus unserer Sicht eine besonders erfolgversprechende
Organisationsform dar, mit der die Exploration möglicher innovativer
Einsatzgebiete neuer Technologien gezielt gefördert werden kann.
Ähnliche Wege hat mittlerweile auch der Daimler-Chrysler Konzern wie
auch die Hüls AG beschritten. In diesen Aktivitäten lassen sich dann
auch durchaus positive Effekte beim Zusammengehen von Konzernen (»Megamerger«)
erkennen. So hat sich beispielsweise die Hoffmann-La-Roche Gruppe (Therapeutika)
durch Übernahme von Böhringer Mannheim (Diagnostika) den Zugang zu einem
ganz neuen Geschäftsfeld mit erheblichem Innovationspotenzial (Kombiertes
Diagnostika-/Therapeutika-Geschäft) sichergestellt. Zur Zeit werden in
diesem neuen Unternehmen Produkte entwickelt, die es Patienten
ermöglichen werden, bestimmte Krankheitsbilder selbstständig zu
diagnostizieren und zu therapieren.
Etablieren technologie-getriebener
Projekte im Rahmen eines neuen Portofolio-Verständnisses
Die Zusammensetzung und dynamische Anpassungsfähigkeit des
Projektportfolios nach den Gesichtspunkten Risiken und Zeithorizont ist in
technologie-getriebenen Unternehmen von zentraler Bedeutung. Hierbei ist
die Projektdefinition (Inputvariable) natürlich besonders kritisch, da
aufgrund der hohen technologischen und marktlichen Unsicherheiten bei
»Technology Push«-Projekten die Ausfallraten von Projekten gerade in den
frühen Phasen der Produkt- und Prozessentwicklung extrem hoch sein
können; so rechnet man beispielsweise in der pharmazeutischen Industrie
mit einer Realisierungsrate von 1:1000.
Die Definition der Projekte kann als ein multidimensionales
Entscheidungsproblem unter Bedingungen hoher Unsicherheit betrachtet
werden. Dabei muss die Attraktivität des Projektes bereits zum
frühestmöglichen Zeitpunkt, idealerweise zum Zeitpunkt der Initiierung
geschätzt werden. In der Praxis werden hierzu heute unterschiedliche
entscheidungstheoretische Ansätze genutzt, um die Projektattraktivität
anhand verschiedener Attraktivitäts- wie Risikodimensionen zu einer
Gesamtattraktivität zu vereinigen (beispielsweise Renditeerwartungen
abgeleitet aus erwartetem Marktanteil, Umsatz und Kosten; Risiken
abgeleitet aus Verwertungsrisiko, technisches Risiko oder
Substituitionsrisiko). Diese Ansätze sind aus mehrerlei Gründen,
insbesondere im Zusammenhang mit »Technology Push«-Projekten
unbefriedigend:
-
Die Entscheidungsdimensionen sind meist nicht wirklich unabhängig;
Portfolien und die aus solchen abgeleiteten Entscheidungen basieren
jedoch alle auf der Orthogonalitätsprämisse.
-
Die entscheidungstheoretischen Verfahren sind ergebnisorientiert
angelegt und sagen nichts über den eigentlichen Prozess der
Entscheidungsfindung aus; gerade aber dieser spielt in der frühen Phase
einer Entwicklung eine zentrale Rolle.
-
Die Entscheidungsdimensionen lassen sich meist nur vage beschreiben
und die hieraus abgeleiteten Portfolien stellen daher nur eine meist
sehr begrenzte Entscheidungshilfe dar. Schätzungen und Gewichtungen der
Dimensionen sind mit hohen Unsicherheiten behaftet, und Interessen- und
Ressourcenkonflikte prägen das Bild.
-
Die Einsatzgebiete für die Technologien sind ja meistens noch gar
nicht bekannt; daher können auch Marktpotenziale sowie alle sich
hieraus ableitenden quantitativen Größen nicht hergeleitet werden.
Neben den beschriebenen methodischen und anwendungsbezogenen Problemen
bei der Nutzung von Projektportfolien dominierte lange Zeit eine interne
Optik. Insbesondere im Zusammenhang mit der Diskussion um Kernkompetenzen
[7] hat daher in der Praxis das Interesse an den »klassischen«
Portfolios mittlerweile nachgelassen. Anstatt die gesamte
Wertschöpfungskette, angefangen von Forschung und Entwicklung, Produktion
und (Eigen-)vermarktung, möglichst komplett abzudecken, versuchen
Unternehmen heute eher auf der Basis ihrer spezifischen Kernkompetenzen
entsprechende Kompetenzplattformen aufzubauen. Das frühzeitige
Identifizieren von potenziellen Partnern mit entsprechend asymmetrisch
angelegten Kompetenzstrukturen rückt damit in den Vordergrund des
Interesses.
Zur groben Positionierung und ersten Beurteilung der »Technology
Push«-Projekte bietet sich daher alternativ zu einer klassischen
Portfolio-Analyse die Betrachtung der Projekte im Rahmen eines
Kompetenz-Portfolios an (siehe Abb. 5 ). Bei dieser Optik werden die
»Technology Push«-Projekte anhand der Dimensionen »Beitrag zur
Kompetenzführerschaft« sowie »Beitrag zur Erzielung von Kundennutzen
(Markteffektivität)« analysiert.
Abb. 5: Beurteilung von "Technology Push"-Projekten
anhand der Dimensionen Kompetenzführerschaft und Markteffektivität
Sollte sich bei dieser Betrachtung der Projekte beispielsweise
herausstellen, dass das Unternehmen selber nicht über die erforderlichen
technologischen oder marktlichen (Kern-) Kompetenzen verfügt, um eine
technologie-induzierte Innovation im Markt erfolgreich umzusetzen, bietet
es sich an, diese bei geeigneten strategischen Partnern zu suchen und
Beziehungsplattformen zu etablieren.
Die latente Gefahr, dass neuartige Technologievorhaben bereits in einem
sehr frühen Stadium der Entwicklung wieder aus dem F&E-Portfolio
»verschwinden«, weil es (noch) nicht gelingt, attraktive
Applikationsgebiete zu erkennen und hieraus Aussagen über Marktpotenziale
und zukünftige Umsätze abzuleiten, wird bei dieser Art der
kompetenz-basierten Betrachtung abgeschwächt. Hierauf aufbauend kann dann
ein »Bottom-up« Ansatz etabliert werden, bei dem unterschiedlichste
Einsatzgebiete der in Entwicklung befindlichen Technologien im Hinblick
auf deren Kernkompetenzen-Relevanz ge-screent werden. Gelingt dies über
Bereichsgrenzen und Unternehmensgrenzen hinaus, lassen sich hierdurch oft
ganz neuartige Geschäftstypen schaffen.
Hierzu ein Beispiel: Das Autmobilzulieferunternehmen Phönix
entwickelt, produziert und verteilt traditionell Kautschuk- und
Gummiprodukte für unterschiedliche Anwendungsfelder in Fahrzeugen (z.B.
Reifen, Schläuche, Muffen, Dichtungen, etc.). Die Entwicklungsvorhaben in
den jeweiligen Produktegruppen wurden bisher isoliert analysiert
(F&E-Portfolios der Bereiche). Hierbei wurden Einzelprojekte mit
geringen Volumenbeiträgen oft frühzeitig fallen gelassen,
Kernkompetenzen wurden nicht spezifisch thematisiert. Im Rahmen eines
Strategieprojektes ist man dann dazu übergegangen, die verbindenden
Elemente hinter den Einzelvorhaben in F&E zu suchen und die
spezifischen Kompetenzen des Unternehmens zu identifizieren. Hierbei
stellte sich heraus, dass diese Phönix-Produkte alle im Zusammenhang mit
der Geräuschdämpfung in Fahrzeugen stehen. Hierauf basierend wurde ein
neues Geschäftsfeld »Akkustikmanagement« etabliert, fehlende
Kompetenzen und Schlüsselkomponenten in Form von Kooperationen (z.B. mit
dem Unternehmen Freudenberg) oder Akquisitionen hinzugefügt und im Rahmen
einer neuen Gesellschaft (Vibrakustik AG) weiter ausgebaut. Die
Entwicklung der Innenraumakkustik des SMART war hierbei ein erstes
wesentliches Referenzprojekt (siehe Abb. 6).
Abb. 6: Kernkompetenzbasierte Bottom-up-Planung des neuen
Geschäftfelds Akkustikmanagement bei der Phönix AG (Quelle:
Vorstandspräsentation)
Typische Fragen, die sich Unternehmen bereits in einer frühen Phase
der Technologieentwicklung insbesondere im Zusammenhang mit potenziellen
Entwicklungs-, Produktions- und Vermarktungspartnern stellen, sind
beispielsweise:
-
Haben wir ein gutes Verständnis der relevanten Innovationsquellen in
unserer Industrie?
-
Mit welchen Kompetenzen und Aktivitäten positionieren wir uns in
diesem Innovationsgeschehen?
-
Haben wir Zugang zu maßgeblichen Personen und Unternehmen, die
hinter den Entwicklungsprojekten stehen?
-
Welches sind für uns die optimalen Partner für eine Zusammenarbeit
in den Entwicklungsprojekten sowie sich hieraus ableitenden, weiteren
wertschöpfungsrelevanten Aktivitäten?
-
Was ist die Vision und Strategie dieser potenziellen Partner, wer
sind die maßgebenden Entscheider (Machtpromotoren) sowie weitere
bedeutungsvolle Promotoren (Fach-, Beziehungs-) in diesen
Organisationen?
-
Wie können wir maximal von der Bündelung interner wie externer
Kompetenzen profitieren?
Im Ergebnis führen solche Betrachtungen nicht nur oft zu einer
dynamischen Anpassung der F&E-Portfolios, sondern auch möglicherweise
zu einer stark vom Ist-Zustand abweichenden Architektur der
Technology-make, -buy und -kooperationsstrategie sowie zur Anbahnung der
Zusammenarbeit mit Partnerunternehmen mit asymmetrisch verteilten
Kompetenzfeldern.
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