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Ein Vergleich der Voraussetzung und
Erfolgsfaktoren
Innovationsmanagement
in Deutschland und in den Vereinigten Staaten
von Alexander Pohl und
Juan
F. Rivera
Stichworte: Keine Unterschiede in der
Grundidee, Unterschiede im Innovationsmanagement:
Unterschiedliches
Finanzierungsumfeld, Ausgewählte
Erfolgsfaktoren amerikanischer Unternehmen, US-Vorsprung im
Vermarktungsknowhow, Implikationen für deutsche Unternehmen
Das gegenwärtige Wirtschafts- und Sozialgefüge in Deutschland und in den Vereinigten
Staaten ist durch zahlreiche Innovationen geprägt. So erfand zum Beispiel der Deutsche
Johann Gutenberg erstmals eine Möglichkeit zum Druck von Texten und revolutionierte damit
die Verbreitung von Wissen in der Gesellschaft. Gegenwärtig gewinnt das Medium Internet
zunehmende Bedeutung für die Wissensdiffusion, was unter anderem auf technologische
Innovationen der amerikanischen Firmen AOL, Netscape und Yahoo! zurückzuführen ist.
Dieses Beispiel zeigt, daß sowohl von deutschen als auch von amerikanischen Firmen
radikale Innovationen ausgehen. Zweifelsohne haben deutsche und amerikanische Firmen
jeweils spezifische Stärken im Innovationsmanagement. In dem vorliegenden Beitrag wird
insbesondere der Frage nachgegangen, welche Lehren deutsche Unternehmen aus dem
Innovationsmanagement amerikanischer Unternehmen ziehen können.
1. Keine Unterschiede in der
Grundidee des Innovationsmanagements in Deutschland und den USA
Bei der Grundüberlegung des Innovationsmanagements von Unternehmen in den beiden
Ländern bestehen keine gravierenden Unterschiede. Sowohl von deutschen als auch
amerikanischen Unternehmen wird angestrebt, frühzeitig innovative Produkte zu entwickeln,
die Bestandteil des zukünftigen Produktportfolios sind. Damit wird die zukünftige
Wettbewerbsfähigkeit und letztlich das langfristige Überleben des Unternehmens im
Wettbewerb gesichert. Bei genauerer Betrachtung sind allerdings Unterschiede in den
einzelnen Aufgabenbereichen des Innovationsmanagements, von der Idee bis hin zu einem
vermarktbaren Produkt, festzustellen. Zu den Aufgaben des Innovationsmanagements zählt
zum einen die Überwachung des Innovationsprozesses. Dies ist der Weg von der Produktidee
über die Entwicklung, Tests, Aufstellen von Businessplänen bis hin zur Realisierung und
Markteinführung. Zum anderen müssen Innovationsprozesse sämtlicher Produktbereiche des
Portfolios koordiniert und strategisch geplant werden.
Um die Unterschiede im Innovationsmanagement deutscher und amerikanischer Unternehmen
herauszuarbeiten, sollte folgendes Spannungsfeld betrachtet werden: Ein Hauptziel von
Unternehmern besteht in der Sicherung eines positiven Cash Flows, durch den auf das
eingesetzte Kapital eine zufriedenstellende Rendite erwirtschaftet wird. Vor dem
Hintergrund dieses Ziels ergibt sich die konfliktäre Haltung zum Innovationsmanagement.
Verfügt ein Unternehmen über ein aktuell erfolgreiches Angebotsspektrum, so kann der
Gewinn insbesondere durch Kostenreduktionen und durch die Vermeidung von Risiken erhöht
werden. In dieser Situation ist es was die meisten Unternehmen auch tun
erforderlich, in die Entwicklung neuer Produkte oder Dienstleistungen zu investieren. Dies
schmälert einerseits den laufenden Gewinn, andererseits wird dadurch sichergestellt, daß
das Unternehmen auch in Zukunft über Produkte verfügt, welche den Kunden einen Nutzen
stiften.
Allerdings ist nicht bei jeder Entwicklung sicher, daß die getätigten
Entwicklungskosten tatsächlich zu erfolgreichen Produkten oder Dienstleistungen führen.
So wird beispielsweise das französische Flugzeug Concorde die Entwicklungskosten
innerhalb des Lebenszyklus nicht einfliegen können. Besonders deutlich wird dies auch in
der Pharmabranche. Die Entwicklungskosten für ein neues Medikament sind relativ hoch; die
Erfolgsaussichten, daß ein Produkt entwickelt wird, mit dem die entsprechende Indikation
erfolgreich behandelt werden kann, sind jedoch mit einem großen Risiko verbunden. Aufgabe
des Innovationsmanagements ist es somit, den Konflikt zwischen Reduktion des
gegenwärtigen Gewinns und Sicherstellung des zukünftigen Produktangebotes optimal zu
lösen.
2. Unterschiede im
Innovationsmanagement deutscher und amerikanischer Unternehmen
2.1 Unterschiedliches
Finanzierungsumfeld
Besonders junge Unternehmen, die durch innovative Produktideen gekennzeichnet sind,
jedoch über ein nur geringes Eigenkapital verfügen, haben in den Vereinigten Staaten
derzeit bessere Entwicklungsmöglichkeiten als in Deutschland. Dies liegt unter anderem an
der hohen Menge zur Verfügung stehenden Wagniskapitals, dem sogenannten "Venture
Capital". Junge Unternehmen benötigen oftmals viele Jahre, um profitabel zu werden.
Bis zum Beispiel ein neues Medikament in einem Markt plaziert ist und Umsätze
erzielt werden, vergeht eine durchschnittliche Vorlaufzeit von 13 Jahren, und es sind
Entwicklungskosten von durchschnittlich 300 Millionen Dollar zu veranschlagen. In anderen
Branchen sind zwar kürzere Vorlaufzeiten zu verzeichnen, dennoch verhindern sie vielfach
- trotz hoher nachfolgender Gewinnchancen - die Gründung neuer Unternehmen.
Wagnisfinanzierer, dies sind Organisationen oder Personen, die in kleine
erfolgversprechende Unternehmen investieren, sind in den Vereinigten Staaten
Schlüsselfiguren für die Entwicklung und Vermarktung von Innovationen geworden. Sie
verfolgen eine langfristige Investitionsstrategie und stellen Eigenkapital zum
Unternehmensaufbau zur Verfügung. Kapitalbedarf ergibt sich in Abhängigkeit vom
Unternehmenstyp insbesondere für Forschung und Entwicklung (Personal, Forschungs- und
Labortechnik, Prototypenbau, Tests, Patentanmeldungen), Fertigungsinvestitionen,
Markteinführung (Strategieentwicklung, Kommunikationsmaßnahmen, Preisoptimierung,
Vertriebsaufbau) und Know-how-Erweiterung (Beratungsleistungen, Mitarbeiterqualifikation).
Ebenso bieten Venture Capitalists nicht-finanzielle Unterstützung an. Viele waren selbst
Unternehmer und verfügen über wertvolles Wissen und Erfahrung. Beispielsweise ist Vinod
Khosla, ursprünglich Gründer von Sun Microsystems, jetzt Miteigentümer der Venture
Capital-Organisation Kleiner Perkins Caufield & Byers. 1997 flossen in den Vereinigten
Staaten knapp 10 Milliarden Dollar Venture Capital in kleine Unternehmen. In Europa waren
es 8,8 Milliarden Dollar. Mehr als die Hälfte erhielten junge US-Unternehmen mit Sitz in
den für Venture Capital berühmten Regionen Silicon Valley und New England. Dabei ist
natürlich zu berücksichtigen, daß auch zahlreiche Projekte scheitern. Wagnisfinanzierer
streuen daher ihre Mittel über viele Unternehmen. Außerdem werden die Jungmanager mit
Aktienoptionen am Unternehmenserfolg beteiligt, was zu einer entsprechend
Arbeitsmotivation führt.
In Deutschland sind junge Unternehmen oftmals auf die externe Finanzierung über
Bankdarlehen angewiesen. Hier ergeben sich allerdings häufig Probleme aufgrund der
geringen Risikoneigung der Kreditinstitute und der teilweise schwierigen Bewertbarkeit von
innovativen Projekten durch externe Kapitalgeber. Allerdings steht eine Vielzahl von
öffentlich geförderten Darlehen und Förderprogrammen mit Zuschüssen zur Verfügung.
Speziell für die neuen Bundesländer wurden Innovations-Förderprogramme aufgelegt mit
dem Ziel, die technologische Wettbewerbsfähigkeit, den Aufbau eines innovativen
Mittelstandes und Existenzgründungen auf innovativer Basis zu forcieren. Wagniskapital
steht zu einem geringeren Anteil als in den USA zu Verfügung. Allerdings ist eine
ansteigende Tendenz zu konstatieren. So stellen beispielsweise Daimler-Benz oder die
Deutsche Telekom hohe Beträge für die Gründung junger innovativer Unternehmen zur
Verfügung.
Aber auch in etablierten Unternehmen ist ein ausgeprägtes Innovationsmanagement der
entscheidender Faktor für das langfristige Überleben im Wettbewerb. Die in Massachusetts
ansässige Digital Equipment Corporation (DEC) war mit dem Minicomputer zunächst
Marktführer in der Computerindustrie. Allerdings mußten Marktanteilseinbußen
hingenommen werden, als das Unternehmensmanagement zu lange an dem etablierten Produkt
festhielt. Firmen wie Compaq oder Dell stießen in den Markt. Diese Gefahren sind
allerdings den meisten Unternehmen bewußt, und so steht die Bedeutung des
Innovationsmanagement außer Frage.
2.2 Ausgewählte
Erfolgsfaktoren amerikanischer Unternehmen
In den Vereinigten Staaten können einige Erfolgsfaktoren für ein erfolgreiches
Innovationsmanagement ausgemacht werden:
-
Risiko und Mißerfolg werden toleriert: William McKnight, lange Zeit der Chairman von
3M, bringt es auf den Punkt: Fehler werden gemacht. Ein falscher Umgang mit Fehlern durch
das Management kann jedoch dazu führen, daß Mitarbeiter die Initiative für weitere
Ideen verlieren. 3M strebt seit 1997 an, 30 Prozent des Umsatzes mit Produkten zu
erwirtschaften, die jünger als vier Jahre sind.
-
Nutzung des Total Quality Managements zur Ideengenerierung: Neuproduktideen oder
Verbesserungsvorschläge werden honoriert. Dies geschieht nicht durch eine Stabsstelle,
sondern von direkten Vorgesetzten. Belohnung erfahren dabei auch Arbeitsgruppen und nicht
nur einzelne Personen.
-
Perfektes Markttiming: Ziel vieler US-Unternehmen ist es, das Timing zu optimieren, mit
dem neue Produkte auf den Markt gebracht werden. So hat es Gillette zum Beispiel
geschafft, eigene Rasierer durch verbesserte Innovationen abzulösen, bevor Wettbewerber
mit überlegenen Produkten am Markt agierten. Voraussetzung hierfür ist die
Innovationsführerschaft, die dann wie im Falle Gillette auch ein Preis-Premium erlaubt.
-
Schaffung eines innovationsfreundlichen Umfeldes durch Einrichtung sogenannter
"Industry Clusters": Dies sind Regionen, in denen sich Firmen mit bestimmten
Schwerpunkten ansiedeln. In den USA sind dies hauptsächlich Silicon Valley für
Informations- und Biotechnologie, Hollywood für Unterhaltung, New Jersey für Pharma,
Boston für Fonds und High Technology sowie New York für Finanzdienstleistungen und Mode.
Solche regionalen Unternehmensansiedlungen liefern ein ideales Umfeld für Innovationen.
Innovative Unternehmen müssen Zugang zu entsprechend qualifizierten Personal haben, was
durch die räumliche Nähe zu Universitäten wie im Falle des Silicon Valley zu Berkley
und Palo Alto erreicht wird. Nicht selten wird ein solches Umfeld daher auch als
"Magnet für helle Köpfe" bezeichnet. Außerdem induziert die räumliche Nähe
zwischen Wettbewerbern zusätzlichen Innovationsdruck.
2.3 Amerikanische Unternehmen
sind Vermarktungsspezialisten
Beim Vergleich zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten fällt insbesondere
auf, daß die Bezeichnung Vermarktungsspezialisten für Innovationen weitaus eher auf
Amerikaner zutrifft. Ein Vergleich der Patentanmeldungen im Jahr 1997 zeigt, daß mit
75.000 neuen Patenten in Deutschland etwa halb so viele Patente wie in den USA angemeldet
wurden. In 1998 wird in Deutschland sogar mit ca. 84.000 Patentanmeldungen gerechnet.
Bezogen auf die Einwohnerzahl oder auf andere Kennzahlen zur Charakterisierung der
Volkswirtschaft ergibt sich für Deutschland eine wesentlich bessere Patentquote. So legte
zum Beispiel die Henkel KGaA eine umsatzbezogene Komponente von 2,5 Prozent für die Höhe
der Forschungs- und Entwicklungsausgaben bis ins nächste Jahrtausend fest.
In der Statistik des deutschen Patentamtes liegt das Unternehmen in der
Spitzengruppe der Anmelder. Dennoch schöpfen die Amerikaner ihre Patente im Sinne der
Überführung in marktfähige Produkte besser aus. Ein Grund liegt sicherlich in der
frühzeitigen Erforschung der Absatzmärkte. Dadurch gelingt es, mögliche
Kundenanforderungen bereits in die Designphase von Innovationen einbringen zu können. Nur
auf diese Weise lassen sich erfolgreiche Leistungsangebote kreieren, die über
entsprechende Umsatz- und Renditeerfolge wiederum die Ressourcenausstattung eines
Unternehmens sichern. Schätzung deuten in die Richtung, daß 75 Prozent aller Ideen für
erfolgreiche Neuprodukte aus der Nähe und der Zusammenarbeit mit dem Kunden heraus
entstanden sind. In deutschen Unternehmen ist demgegenüber vielfach noch die
technikgetriebene Produktentwicklung zu beobachten. Es werden technisch optimale Lösungen
erarbeitet, die nicht selten von einem nur kleinen Zielsegment benötigt werden.
Außerdem ist gegenwärtig eine Veränderung des Kundenverhaltens festzustellen,
welches seine Ursprünge im Innovationsmanagement hat. Durch die drastische Verkürzung
von Produktlebenszyklen und den damit einhergehenden Effekt, daß Innovationen in immer
kürzer werdenden Zeitabständen am Markt erscheinen, wird auf Kundenseite ein
Überspringen von Produktgenerationen forciert. Dies gilt insbesondere dann, wenn die
Wartebereitschaft beim Kauf wie zum Beispiel in der Automobilbranche relativ hoch ist.
Dieses Überspringen von Produktgenerationen bedroht jedoch nicht nur die
Automobilbranche, sondern alle Märkte mit technisch anspruchsvollen Produkten. Dieses
Kundenverhalten des Überspringens von Produktgenerationen wird von den Amerikanern als
Leapfrogging-Behavior bezeichnet. In Deutschland steckt die Erforschung dieses Phänomens
noch in den Kinderschuhen, obwohl mit den korrespondierenden zeitlichen Absatzshifts
enorme Umsatzausfälle einhergehen.
3. Implikationen für deutsche
Unternehmen
Aus dem Vergleich können die folgenden Hinweise für das Innovationsmanagement
deutscher Unternehmen gezogen werden:
-
Zunächst ist festzuhalten, daß sich insbesondere junge Unternehmen in Deutschland
stärker um eine entsprechende Finanzierung kümmern müssen, als dies in den USA der Fall
ist.
-
Im Rahmen des Innovationsmanagements gilt es, frühzeitig Kundenanforderungen in die
Phase des Innovationsprozesses einzubringen, um einen optimalen Fit zwischen
realisierbaren und nachgefragten Problemlösungen oder Produktfeatures zu erzielen.
-
Weiterhin ist die Innovationsvermarktung durch gezieltes Prämarketing vorzubereiten und
durch intelligente Konzeptionierung des Marketinginstrumentariums zu unterstützen.
Beispielhaft seien hier moderne Methoden zur Preisoptimieung anstelle der
Kosten-Plus-Kalkulation genannt. (vgl. Kap. 03.06 aus dem
Loseblattwerk "Das innovative Unternehmen")
Schließlich können Unternehmen die interne Innovationskultur verbessern. Dabei
sollten Innovationen und technologischer Fortschritt eher als Chance und weniger als
Bedrohung aufgefaßt werden
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