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- Leseprobe -
Erfolgsfaktor Innovation
Innovative Leistungsangebote gemeinsam mit Kunden entwickeln
von Anja Förster,
Peter Kreuz
Kundeneinbindung in den Innovationsprozess kann
entscheidende Wettbewerbsvorteile mit sich bringen. Bevor man sich für
einen bestimmten Weg entscheidet, sollte man jedoch alle Methoden der
Kundeneinbindung und deren jeweilige Vor- und Nachteile kennen. Ein
wichtiger Erfolgsfaktor ist die richtige Auswahl der Kunden. Das
Autorenteam entwickelt anhand zahlreicher Praxisbeispiele Kriterien für
eine gezielte Kundenauswahl und erläutert, wie sich eine solche
Zusammenarbeit gestalten lässt.
Stichworte: Kundeneinbindung; Methoden;
Kundentypen; Charakteristika geeigneter Kunden; Feedback durch Mitarbeiter;
Auswertung von Beschwerden und Kundenideen; Kundenbefragung; Foren; Panel;
Fokusgruppen, Lead User
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In diesem Beitrag erfahren Sie:
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-
Welche Kunden in den Innovationsprozess
eingebunden werden sollten,
-
mit welchen Methoden Sie Kunden einbinden können,
-
wie hoch der Erfolgsbeitrag der verschiedenen
Kundentypen ist,
-
wie Sie Anregungen, Beschwerden oder Ideen von
Kunden für das Innovationsmanagement nutzen können,
-
was Daten aus Kundenbefragungen, Foren, Panels
oder Fokusgruppen zur Produktentwicklung beitragen können,
-
wie Unternehmen diese Methoden erfolgreich
einsetzen.
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Einleitung
Innovation ist heute, da in den meisten
Branchen die Wachstumsraten niedrig und der Konkurrenzdruck hoch ist, für
Unternehmen ein Muss. Auf gesättigten Märkten ist über den
Preiswettbewerb allein nichts mehr zu gewinnen. Innerhalb vieler Branchen
werden sich die Unternehmen immer ähnlicher: Sie alle bieten
vergleichbare Produkte oder Dienstleistungen zu ähnlichen Preisen an und
bedienen sich dabei derselben Vertriebswege. Um in diesem Umfeld dennoch
Wettbewerbsvorteile realisieren zu können, brauchen Unternehmen unbedingt
innovative Produkte und Services: solche, die einen unvergleichbaren
Kundenutzen liefern und sich damit von der Konkurrenz sehr deutlich
differenzieren.
Die Einbindung von Kunden in den
Innovationsprozess wird dabei vielfach als Erfolgsgarant für die
Entwicklung marktorientierter Produkte gesehen. Diese Tendenz lässt sich
seit Jahren beobachten und ist durch zahlreiche Studien belegt [1, 8, 10].
Auch Best-Practice-Beispiele von Unternehmen, die ihre Kunden sehr eng in
den Innovationsprozess einbinden, gibt es zur Genüge. Auf der anderen
Seite gibt es aber auch viele Kritiker, die nicht viel von
Kundeneinbindung in die Innovationsanstrengungen halten. Von dieser
Fraktion sind dann Aussagen zu hören wie »Das bringt sowieso nichts«
oder »Kunden orientieren sich zu sehr an Gegenwart und Vergangenheit«.
Die Kritik ist insofern berechtigt, als dass eine unreflektierte und
methodisch unsaubere Integration tatsächlich zu wenig führt. Deshalb
gilt es, die Fehler bereits im Vorfeld entsprechend zu vermeiden und so
das Optimum aus der Integration von Kunden herauszuholen >siehe hierzu
auch Kap. 03.18<.
Generell untersucht der vorliegende Artikel
deshalb auch nicht, ob Kunden in den Innovationsprozess integriert
werden sollten. Vielmehr geht es um das Wie also um Methoden
und Instrumente zur erfolgreichen Integration von Kunden und Anwendern in
den Innovationsprozess, die Art von Kunden, die einen wertvollen Beitrag
leisten können und die Erfolgsfaktoren, die sich aus praktischen
Erfahrungen ableiten lassen.
Eine aktuelle Studie von Advanced Innovation,
für die rund 450 Manager in Deutschland, Österreich und der Schweiz
befragt wurden, kommt zu dem Schluss, dass Innovation ein wichtiger
Erfolgsfaktor für Unternehmen ist [7]. 73 Prozent der Befragten halten
sie für sehr wichtig. Auch in punkto Kundeneinbindung bestätigt die
Studie grundsätzlich den bekannten Trend: Gemeinsam mit Kunden lassen
sich sehr erfolgreiche Innovationen entwickeln. Nur bei der tatsächlichen
Umsetzung dieses Erfolgsprinzips läuft in der Praxis einiges schief. Zu
sehr verlassen sich Manager in diesem Bereich auf ihr Bauchgefühl, was
die Auswahl und Anwendung der Methoden zur Kundenintegration und die
Auswahl der Kunden betrifft. Mögen intuitive Entscheidungen zwar manchmal
durchaus richtig sein, so zeigt sich bei der Kundeneinbindung in den
Innovationsprozess, dass sich Verstöße gegen einige strategische
Spielregeln schnell zum Eigentor entwickeln. Nachfolgend daher die drei
häufigsten Fehlerquellen.
Reaktive Methoden als Alibi
Wie sich in der Studie von Advanced Innovation gezeigt hat, setzen bereits
sehr viele Unternehmen unterschiedliche Methoden ein, mit denen sie ihre
Kunden in den Innovationsprozess einbinden. Vom Ansatz her völlig
richtig, zeigt sich der Fehler jedoch in der Auswahl der eingesetzten
Methoden: Dabei handelt es sich hauptsächlich um solche, bei denen der
Grad der Einbindung der Kunden relativ gering ist, reaktive Methoden also.
Nur wenige Unternehmen lassen ihre Kunden aktiv am Innovationsprozess
mitarbeiten. Komplexe Methoden wie das Lead-User-Konzept, welches in
diesem Beitrag ebenfalls noch genauer erläutert wird, werden eher selten
genutzt. Abbildung 1 zeigt die Verteilung unter den Befragten der
aktuellen Studie von Advanced Innovation [7].
Abb. 1: Die bedeutendsten Methoden der Kundeneinbindung bei Innovation heute und zukünftig
Problematisch an der ganzen Sache ist, dass
der Beitrag reaktiver Methoden zum Innovationserfolg begrenzt ist. Gerade
für bahnbrechende Innovationen eignen sich aktive Methoden der
Kundeneinbindung weitaus mehr, um wirklich Neues zu entwickeln.
Im Zusammenhang mit der Unterscheidung aktiv
versus reaktiv zeigt sich ein zweites Problem: Die eingesetzten
reaktiven Methoden haben nicht nur den Nachteil einer nur sehr geringen
Kundeneinbindung in den Innovationsprozess, hinzu kommt, dass sie in ihrem
Ursprung gar nicht für die Entwicklung von Innovationen gedacht waren.
Die beliebtesten Möglichkeiten der Kundeneinbindung unter den befragten
Managern sind nämlich die Verwendung von Information, die Mitarbeiter mit
Kundenkontakt aufnehmen sowie die Auswertung von Beschwerden. Beides
Methoden, die originär einem ganz anderen Zweck dienen, und deren Inhalt
für die Innovation in vielen Fällen schlicht zweitverwertet wird.
Langfristig erfolgreich können Innovationen aber nur dann sein, wenn die
Kundeneinbindung konsequent und strategisch erfolgt.
Mangelndes Wissen
Eine zweite Fehlerquelle liegt darin, dass viele Manager nicht die gesamte
Palette an Möglichkeiten kennen, wie sie von ihren Kunden Anregungen für
Innovationen bekommen können. Sie setzen bereits vorhandene
Informationsquellen wie Beschwerden auch für die Entwicklung von neuen
Produkten ein, ohne zu hinterfragen, ob und welche Bedeutung diese
Informationen überhaupt für die Innovation haben. Das ist zwar bequem,
da keine neuen Methoden implementiert werden müssen, weite Sprünge
lassen sich aber so nicht machen. Ein großer Teil des
Innovationspotenzials bleibt nämlich ungenutzt vorhandene Quellen
werden mangels Wissens um die richtigen Methoden nicht ausgeschöpft.
Kundenauswahl nach dem Zufallsprinzip
Neben dem Einsatz einiger weniger überwiegend reaktiver Methoden zeigt
sich ein drittes hausgemachtes Problemfeld, das Unternehmen häufig um den
Innovationserfolg bringt. In der Einleitung wurde bereits darauf
hingewiesen, dass es neben der allgemeinen Einsicht, dass Kundeneinbindung
wichtig ist, auch Stimmen gibt, die davon wenig begeistert sind. Der
Fehler liegt hier aber nicht darin, dass Kundeneinbindung grundsätzlich
falsch ist, wie dies manchmal behauptet wird. Vielmehr liegt das Problem
in der Art, wie Kunden eingebunden werden, oder genauer, welche Kunden
eingebunden werden. Denn nicht nur die Auswahl der Methoden ist
entscheidend für den Innovationsprozess, auch die Auswahl der Kunden
spielt eine wesentliche Rolle. Ein Unternehmen kann die besten Techniken
einsetzen und methodisch alles richtig machen; geschieht das mit den
falschen Kunden, wird sich der Erfolg dennoch in Grenzen halten.
Dass gerade in diesem Bereich aber häufig
Fehler gemacht werden, zeigt die Studie von Advanced Innovation. Denn
unter den Befragten herrscht zwar einerseits große Einigkeit darüber,
dass das Erfolgspotenzial durch Kundeneinbindung steigt. Andererseits wird
deutlich, dass Unternehmen trotz der hohen Bedeutung, die sie den Kunden
beimessen, bei der Auswahl relativ unstrukturiert vorgehen. Viele
Unternehmen begehen den Fehler, bei der Auswahl einer sehr subjektiven
Einschätzung der Manager zu folgen. Frei nach dem Motto »was gerade so
kommt« werden jene Kunden eingebunden, die gerade verfügbar sind. Oder
es handelt sich um solche Kunden, mit denen besonders gute
Geschäftsbeziehungen bestehen. Nach dem Zufallsprinzip wird ohne
besonderen Hintergrund auf den einen oder anderen Kundentyp gesetzt und
gehofft, dass dabei etwas Positives herauskommt.
Das Dilemma bei der ganzen Sache ist: Nicht
alle Kunden eignen sich gleich gut, um bei Innovationen mitzuarbeiten.
Daher haben die vorher genannten Faktoren bei der Auswahl von Kunden nicht
nur nichts verloren, sie sind schlicht hinderlich.
Charakteristika geeigneter Kunden
Es gibt einige wesentliche Merkmale, die
Kunden, mit denen Innovationen entwickelt werden, unbedingt haben sollten.
Nur wenn diese Charakteristika vorhanden sind, führt eine Zusammenarbeit
auch zum Erfolg. Wichtig sind:
-
Neue Bedürfnisse: Jemand, der
gemeinsam mit einem Unternehmen neue Produkte entwickelt, sollte
Bedürfnisse verspüren, die bisher am Markt noch nicht befriedigt
werden: Kunden, die ihrer Zeit voraus sind, weil sie sich schon heute
in einer Situation befinden, die für andere erst später eintritt,
eignen sich hervorragend als Impulsgeber für Innovationen. Denn sie
sind von Entwicklungen bereits heute betroffen, die sich für andere
Kundengruppen erst in Zukunft ergeben werden [4].
-
Unzufriedenheit: Die
Unzufriedenheit steht in engem Zusammenhang mit den vorher genannten
neuen Bedürfnissen. Weil ein Kunde Bedürfnisse verspürt, die der
Markt noch nicht befriedigt, ist er unzufrieden. Um aus dieser für
ihn nachteiligen Situation herauszukommen, ist er gern bereit, bei der
Entwicklung solcher Produkte mitzuarbeiten, die seine Bedürfnisse
stillen können.
-
Verwendungswissen: Erfahrungen,
die Kunden beim Ge- oder Verbrauch eines Produkts beziehungsweise
einer Dienstleistung machen, sind unter dem Begriff Verwendungswissen
zu subsumieren. Dieses Wissen ist wichtig, weil nur jemand, der weiß
wie etwas funktioniert oder welche Attribute ein Produkt hat, auch
formulieren kann, wie die neuen Anforderungen an dieses Produkt
aussehen sollen.
-
Objektwissen: Dieses Wissen
umfasst Kenntnisse, die nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit der
Anwendung eines Produktes stehen. Etwa die Kenntnis des physischen
Aufbaus eines Produktes oder der Funktionsstruktur sind Beispiele
dafür. Außerdem sind aber genauso Kenntnisse über Material,
Produktionsverfahren und technologisches Know-how gemeint. Nur wenn
dieses Wissen vorhanden ist, sind Kunden auch in der Lage, nicht nur
ihre Bedürfnisse zu formulieren, sondern auch Lösungen
auszuarbeiten.
-
Motivation: Zwar sind Kunden, die
vor unbefriedigten Bedürfnissen stehen, oft schon allein aus diesem
Umstand heraus bereit, an Produktentwicklungen mitzuarbeiten. Dennoch
gehört in den meisten Fällen noch ein gewisses Maß an Motivation
etwa in finanzieller Hinsicht dazu, um sie tatsächlich zum
Mitarbeiten zu bewegen.
Kundentypen und Innovationserfolg
-
Lead User: Die zuvor genannten
Eigenschaften entsprechen dem Bild des Lead Users (Konzepterläuterung
am Ende dieses Beitrages). Er ist trendanführend, hat schon heute
Bedürfnisse, die der Markt erst in einiger Zeit aufgreifen wird
sowohl auf der Nachfrage- als auch auf der Angebotsseite.
-
Kunde, der (potenzieller)
Großabnehmer ist: Er ist deshalb an einer Mitarbeit interessiert,
weil er einen großen Bedarf an der Problemlösung hat.
-
Kunde, der hohe Vertrauenswürdigkeit
genießt: Er kommuniziert häufig mit dem Unternehmen und steht
meist schon lange in einer Geschäftsbeziehung zu ihm. Die
Vertrauenswürdigkeit der beteiligten Personen spielt insbesondere im
Innovationsprozess eine sehr wichtige Rolle.
-
Kunde mit hoher technischer Kompetenz:
Dieser Kundentyp besitzt hohes technisches Know-how und kann deshalb
interessantes Wissen um diverse Lösungsmöglichkeiten im
Problemlösungsprozess beisteueren.
Abbildung 2 zeigt, wie in der Studie von
Advanced Innovation der Erfolgsbeitrag dieser vier Kundentypen
eingeschätzt wird, und welcher Typ von Unternehmen am häufigsten
eingebunden wird.
Abb. 2: Integration und Erfolgsbeitrag verschiedener Kundentypen (von 1 - unwichtig - bis 7 sehr wichtig)
Aus Abbildung 2 geht hervor, dass alle vier
Kundentypen in etwa gleich häufig eingebunden werden. Dieses Ergebnis
zeigt, dass Unternehmen bei der Auswahl der Kunden wenig selektiv
vorgehen. Problematisch ist das, weil nicht alle vier Typen gleich gut
geeignet sind, um am Innovationsprozess teilzunehmen.
Am besten geeignet sind Lead User wegen ihrer
hohen Problemlösungskompetenz, ihrer Trendführerschaft und ihrer
Motivation. Problematisch kann die Einbindung von Kunden mit technischer
Kompetenz werden. Dann nämlich, wenn ein Unternehmen versucht, durch die
Einbindung eines technisch versierten Kunden fehlendes Know-how
zuzukaufen. Häufig enden solche Zusammenschlüsse damit, dass der Kunde
seine eigenen Probleme bearbeitet, diese aber für einen breiten Markt
nicht geeignet sind.
Die Auswahl der richtigen Kunden spielt also
eine wesentliche Rolle, um erfolgreiche Innovationen zu entwickeln.
Unternehmen sollten daher nicht undifferenziert die Kunden um
Zusammenarbeit bitten, die gerade verfügbar sind oder die man für gute
Geschäftsbeziehungen belohnen will. Vielmehr sind für den
Innovationserfolg die Merkmale wichtig, die oben angeführt wurden.
Sind einmal die Kunden identifiziert, mit
denen ein Innovationsprojekt gestartet werden soll, bleibt noch die Frage,
wie stark und mit welchen Methoden sie eingebunden werden. Auch in dieser
Frage steckt großes Fehlerpotenzial, vor allem weil bei vielen Managern
die Anwendung der einzelnen Techniken unklar ist.
Nachfolgend sollen deshalb die wichtigsten
Methoden der Kundeneinbindung in den Innovationsprozess erläutert und
deren Anwendung anhand von Praxisbeispielen illustriert werden. Vom Aufbau
her werden zunächst die häufig genutzten, reaktiven Methoden
vorgestellt. Jene also, bei denen die Kundeneinbindung relativ gering ist.
Nach diesen vergleichsweise einfachen Methoden folgt eine Beschreibung
komplexerer Möglichkeiten, bei denen Kunden sehr stark und vor allem
aktiv eingebunden sind. Der Unterschied in diesen Methoden liegt vor allem
im Bild, das sich Unternehmen von ihren Kunden machen. Während bei
reaktiven Methoden der Kunde schlicht als Bedürfnisträger gesehen wird,
gilt er bei Unternehmen, die ihn stark einbinden, als Innovator.
Korrespondierend mit den Methoden ist der Innovator mit dem Lead User
gleichzusetzen, während Unternehmen, die Kunden nur als Bedürfnisträger
sehen, eher die Auswertung von Beschwerden einsetzen. Abbildung 3
verdeutlicht diese Entwicklung.
Abb. 3: Rolle der Kunden bei der Entstehung von Innovation [11]
Für die Auswahl der geeigneten Methoden zur
Kundeneinbindung gilt es zu bedenken, dass es immer vom konkreten Fall
abhängt, welche Methode passend ist nicht alle eignen sich in allen
Situationen gleich gut. Eine Entscheidung darüber, welche davon
tatsächlich zum Erfolg führt, kann aber nur treffen, wer über die Vor-
und Nachteile der einzelnen Methoden Bescheid weiß.
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