|
- Volltext -
Wettbewerbsanalyse
von Wilhelm Lerner
Stichworte: Kategorien der Wettbewerbsanalyse:
Produkt- und Leistungsstrategie,
Produktbewertung, Positionierung,
Know-how-Vergleiche, Kundenfeedback,
Szenariotechniken,
Auswertung der Daten: Orientierung am Besten,
Orientierung am Ideal-Unternehmen,
Zusammenfassung.
|
In
diesem Beitrag erfahren Sie:
|
-
welche internen und externen Quellen einem Unternehmen für
die Beobachtung der Produkt- und Leistungsstrategien des Marktes zur Verfügung stehen,
-
wie sich Wissensmanagement, Kundenfeedback sowie
Szenariotechniken für eine Wettbewerbsanalyse nutzen lassen,
-
wie man die Daten über den Wettbewerb durch Bechmarking
beziehungsweise eine Orientierung am Idealunternehmen in gezielte Strategien umsetzen
kann.
|
Ausgangssituation
Viele Unternehmen begegnen dem zunehmenden Druck in enger werdenden Märkten durch eine
zu starke Beschäftigung mit sich selbst im Sinne von Kosten und Prozeßoptimierung. Als
Quelle für Ideen bei dieser Nabelschau müssen zunehmend Kunden beziehungsweise am Markt
verfügbare Technologien herhalten. Der Aspekt der kreativen Analyse und Bewertung von
Wettbewerberaktivitäten wird zunehmend vernachlässigt. Dabei müssen die Wettbewerber in
Zeiten starker Marktdynamik unbedingt ein wesentlicher Fokus erfolgreicher Unternehmen
sein:
-
Die Strategien der wirklich starken Wettbewerber bestimmen wesentlich den
Handlungsfreiraum von Unternehmen.
-
Wettbewerberprodukte und -services beeinflussen maßgeblich das Anspruchsniveau von
Kunden.
-
Die nationale und internationale Marktpenetration ist ohne das Kalkulieren von
Wettbewerbsaktivitäten sehr risikoreich.
-
Bestehende Kundenbeziehungen gelten unter aggressiven Wettbewerbern gegenseitig als
nicht ausgeschöpftes Potential.
Dieser Beitrag möchte das Bewußtsein für eine kreative Beobachtung und Analyse des
Wettbewerbs wieder wecken und einige methodische Anregungen geben. Zudem soll der
Schwerpunkt nicht auf lange Checklisten oder ähnliches gelegt werden, da diese nach
Ansicht des Autors in ausreichendem Maße in jedem Lehrbuch verfügbar sind.
Kategorien der Wettbewerbsanalyse
Die Logik der Wettbewerberanalyse liegt darin, daß es keine stringente Logik gibt. Die
Informationen und insbesondere die Quellen sind dermaßen vielfältig, daß in jedem
Einzelfall ein spezifisches Vorgehen und die dazu passende Struktur definiert werden muß
- quasi so, als betrachte man einen Gegenstand mit einem Prisma aus verschiedenen
Perspektiven. Nur die Überlagerung der verschiedenen Perspektiven ergibt ein
vollständiges Bild. Dennoch gibt es einige Grundeinstellungen des Prismas, die fast immer
aufschlußreiche Informationen liefern können.
Betrachtung der
Produkt- und Leistungsstrategie
Es ist immer wertvoll, einen umfassenden Überblick über die Produkte und Services von
Wettbewerbern zu gewinnen und deren strategische Einbettung zu erfahren oder zu erahnen:
Welches Ziel wird mit welchem Produkt und welcher Leistung in welchem Markt verfolgt?
Die Quellen für entsprechende Informationen sind erstaunlich vielfältig: Intern sind
dies Mitarbeiter aus den marktbezogenen Bereichen wie Marketing und Vertrieb, aber auch
die F & E oder andere eher intern orientierte Funktionen (so kann manchmal der
Personalchef über Mitarbeiterinformationen aus Wettbewerbsunternehmen Schlüsse ziehen).
Extern sind dies Kunden, Lieferanten und neutrale Experten (Universitäten, Berater,
Verbände etc.).
Solche Analysen sind von den Unternehmen selbst nicht von heute auf morgen zu
erstellen. Zur Vorbereitung ist der Aufbau eines umfassenden Netzwerkes erforderlich. Dies
ist ein Grund, warum für diese Aufgabe häufig Berater eingesetzt werden, die über
solche Netzwerke oder zumindest den Zugang zu Netzwerken verfügen.
Produktbewertung/Reversed
Engineering
Viele Unternehmen vergessen, daß ihre F & E-Mitarbeiter nicht nur geniale Entwickler
sein können, sondern auch hervorragende »Industriespione«, die Konkurrenzprodukte bis
zum letzten Bit analysieren und beurteilen können - vorausgesetzt man läßt sie. Die
hieraus gewonnenen Informationen reichen von unbekannten Produktfeatures bis hin zu
Informationen über Kostenstrukturen in der Produktion. Ziel kann es sein, auf Basis
dieser Informationen Angebote schnell nachzuahmen oder aber, sie zu übertreffen.
Positionierung
Das Suchen nach differenzierenden Positionierungen treibt in allen Branchen zuweilen
seltsame Blüten - unter anderem ausgelöst durch zweifelhafte Marketingberater. Daß der
Kunde letztendlich seine Entscheidung immer noch nach dem Preis-Leistungs-Verhältnis
trifft, wird häufig vergessen.
Nicht jedes Unternehmen kann eine »Mercedes-Position« auf Dauer halten -
Voraussetzung ist eine auf Jahre/Jahrzehnte ausgelegte Leistungsführerschaft ohne Flops,
was natürlich enorme Kosten impliziert (siehe Beispiele im deutschen Maschinenbau).
Erstaunlich ist, wie viele Firmen nach wie vor mit einer »No«- oder »Dritte
Wahl-Position« in Märkten agieren - häufig ohne sich dessen wirklich bewußt zu sein,
wie beispielsweise einige deutsche Textilunternehmen. »Value for money« hingegen ist das
Stichwort für viele erfolgreiche Firmen, die damit Marktanteile erobern. Das
Erfolgsgeheimnis hier ist Innovation und Kostenkontrolle (an der erfolgreichen Strategie
von VW zu sehen).

Abb. 1: »Value for money« ist nach wie vor entscheidend
Know-how-Vergleiche
Über welches Know-how verfügt der Wettbewerb? Welche Fähigkeiten sind geschützt? Gibt
es Substitutionsmöglichkeiten? Sind Kenntnisse im Haus verfügbar? Solche und ähnliche
Fragen geben Hinweise auf Innovationsfelder, die unbedingt bearbeitet werden müssen. Das
aktuelle Stichwort hierzu lautet »Knowledge Management«. Informationsmedien wie Internet
und Intranet bieten die Möglichkeit, firmeninterne Netzwerke aufzubauen, die auf dem
neusten Informationsstand sind, und - wichtiger noch - diese Kenntnisse intern
auszutauschen und zu vervollkommnen. Jedes manuell orientierte System muß hieran
scheitern.
Kundenfeedback
Die meisten Vertriebsmitarbeiter versuchen, Vergleiche mit der Konkurrenz und deren
Leistungen vor Ort beim Kunden zu vermeiden und konzentrieren sich statt dessen lieber auf
die vermeintliche eigene Leistungsfähigkeit des von ihnen vertretenen Unternehmens. Dies
ist eine allzu menschliche, aber dennoch grundlegend falsche Einstellung. Kundenfeedback
muß deshalb proaktiv verfolgt werden. Das bedeutet, daß zum einen die organisatorischen
Mittel bereitgestellt werden müssen (Fragebogen etc.), andererseits aber auch die
entsprechenden Steuerungsprozesse vorhanden sein müssen (z. B. kein
Außendienst-Besuchsbericht ohne Informationen über Konkurrenzaktivitäten). Dies gilt
insbesondere für Kundenbeschwerden, die immer eine Ideenquelle sind, vorausgesetzt man
sieht diesen positiven Aspekt. Eines ist sicher: Ein geschickter Wettbewerber wird
versuchen, diese Kundenunzufriedenheit für seine Zwecke zu nutzen.
Wie kann man nun diese Fülle an Informationen auswerten und nutzen? Zum einen
natürlich mit bewährten, traditionellen Mitteln wie Konkurrenzkarteien (hoffentlich in
elektronischer Form als für alle Mitarbeiter verfügbare Dateien), Konkurrenzprofilen und
-berichtssystemen. Diese Werkzeuge dienen zuallererst der Dokumentation.
Szenariotechniken
Zur Ableitung konkreter Strategien und entsprechender Maßnahmen muß man weitergehen.
Gerade bei sehr aktiven Wettbewerbern empfiehlt sich die Anwendung von Szenariotechniken,
um Wenn-dann-Optionen bei bestimmten Aktivitäten der Konkurrenz zu entwickeln und
vorzubereiten. (siehe hierzu auch Kap. 02.03).
Im Konsumgüterbereich ist beispielsweise Procter & Gamble ein überaus aktives
Unternehmen, insbesondere was Innovationen und aggressive Marktbearbeitung angeht. Einige
Wettbewerber von Procter & Gamble erarbeiten und überprüfen laufend Szenarien über
die zu erwartenden Aktivitäten ihres Konkurrenten und stellen sich so gegen diesen
Goliath auf.
Zu betrachten ist hierbei sowohl die Auswirkungsstärke der Wettbewerberaktivität auf
das eigene Unternehmen als auch die Prognosesicherheit in der Vorhersage dieser
Maßnahmen. Je weiter eine zu erwartende Aktion bei dem in Abbildung 2 skizzierten
Szenario Richtung »Nord-Ost« tendiert, desto mehr Aufmerksamkeit ist notwendig, da (Re-)
Aktionszeit und Kosten/Investments eine enorme Rolle spielen.

Abb. 2: Szenarien: Wer weiß, was auf ihn zukommen kann, ist
besser gerüstet
Verdichtung von Daten zu Informationen und
Schlußfolgerungen
Wettbewerberanalyse ist zu oft gleichbedeutend mit Datenfriedhöfen. Die Kernfrage ist,
wie aus Wettbewerbsdaten strategisch und operativ relevante Schlußfolgerungen als Basis
für Maßnahmen generiert werden. Hierzu gibt es drei grundsätzliche Möglichkeiten, die
beispielhaft erläutert werden sollen.
Traditionelle
Darstellung, Auswertung und Schlußfolgerung aus Wettbewerbsinformationen
Diese Form der Wettbewerbsanalyse stellt gewissermaßen die Pflicht dar (wobei Unternehmen
häufig die Kür vergessen). Die Grundrichtung ist eher von existierenden Bedingungen im
Markt getrieben und versucht, Unterschiede in der Position zu Konkurrenten an
verschiedensten meßbaren Kriterien festzumachen. Beschrieben wird überwiegend die
heutige Situation und selten eine erwartete zukünftige Entwicklung (siehe Abb. 3, 4, 5).
Um nicht mißverstanden zu werden: Diese Art der Wettbewerberanalyse bildet die Basis für
jede strategische Betrachtung, aber es ist eben der Pflichtteil und nicht mehr.

Abb. 3: Wie werden sich Wettbewerber strategisch aufstellen?

Abb. 4: Wo findet der Wettbewerb statt?

Abb. 5: Wo sind die Stärken und Schwächen der
Hauptwettbewerber?
Orientierung am
Besten (Benchmarking)
Aufbauend auf den gezeigten Basisauswertungen ist es enorm hilfreich und auch
inspirierend, sich nicht nur an konkreten Wettbewerbern in ihrer Gesamtheit zu
orientieren, sondern einzelne Leistungsaspekte zu vergleichen, die beispielsweise
bestimmte Fähigkeiten, Zeitbedarf, Kosten und Investitionen umfassen. Hierbei wird quasi
ein »Hyper«-Wettbewerber aus den besten aller im Umfeld aktiven Unternehmen
zusammengebaut und als Vergleichsmaßstab gewählt (siehe dazu auch Kap. 03.05). Das Anforderungsniveau dieser Betrachtung erhält noch eine
Steigerung, wenn die Besten nicht nur innerhalb der eigenen Branche gesucht werden,
sondern auch außerhalb: Wo werden die kürzesten Entwicklungszeiten realisiert, wo sind
die Kosten pro Einheit am niedrigsten, wer hat die höchste Innovationsrate? Und warum?
Wesentlich für den Erfolg dieser sehr anspruchsvollen Betrachtung ist es, daß die
zugrundeliegenden Benchmarks zum einen genügend detailliert und zum anderen vergleichbar
mit dem eigenen Geschäft sind.
Hier können wertvolle Hinweise auf Verbesserungsmöglichkeiten in Prozessen und
Strukturen, aber auch im Bereich der Unternehmenskultur gewonnen werden. Insbesondere für
Bereiche, die sich klassischerweise nur ungern an externen Faktoren (außer dem Umsatz)
messen lassen, wie Außendienstorganisationen, ergeben sich wertvolle Anregungen für
Effizienzsteigerungen.
Orientierung
am Idealunternehmen
Eine weitere Steigerungsform des Wettbewerbsvergleichs wird dadurch erreicht, daß sich
Unternehmen nicht nur an bereits existierenden Leistungsausprägungen orientieren, sondern
sich ambitionsgetrieben an einer idealen Unternehmung messen, die quasi ohne die Bürde
der Vergangenheit operieren kann - und damit vollkommen unabhängig von tatsächlichen
Gegebenheiten ist.
Hier wird aus der eher trockenen Übung Wettbewerbsvergleich plötzlich eine
hochkreative und spannende Angelegenheit. Um nicht in unrealistische Theoriegebäude zu
entschweben, ist es allerdings notwendig, das Idealunternehmen möglichst konkret zu
beschreiben. Aus dem Abgleich zwischen dem Ideal und der aktuellen Situation ergibt sich
zwangsläufig eine wirklich herausfordernde Ambition, die auf echte Wettbewerbsvorteile
gerichtet ist.
Zur Erarbeitung des Idealunternehmens haben sich Kreativitätstechniken wie
Szenariobildung, Brainstorming (siehe dazu auch Kap. 04.04) und
-writing, Zero-Base-Ansätze und ähnliches bewährt. In Zusammenarbeit mit dem eigenen
Controlling werden zudem die Datengerüste für diesen idealen Anbieter entwickelt.
Zusammenfassung
Die intensive Betrachtung von Wettbewerbern ist und bleibt eines der wesentlichen
analytischen Instrumente, um Wettbewerbsstrategien zu gestalten. Je dynamischer die
Märkte werden, um so mehr sind auch hier Ideenreichtum und Kreativität gefragt.
Überraschungsmomente im Wettbewerb sind nur möglich, wenn Unternehmen ambitionsgetrieben
ihre eigenen (oft vermeintlichen) Grenzen überwinden.
Eine detaillierte Analyse der Ausgangsituation muß am Anfang des Prozesses stehen.
Dazu ist es wichtig, etwas über die Produkt- und Leistungsstrategien der Wettbewerber zu
erfahren. Als Quellen bieten sich intern etwa die Bereiche Marketing, Vertrieb sowie F
& E an. Extern lassen sich über Kunden, Lieferanten und neutrale Experten
Informationen akquirieren. Darüber hinaus bieten sich Szenariotechniken zur Gestaltung
zukünftiger Märkte an. Der Autor empfielt den Aufbau eines Wissens-Netzwerkes, das
ebenso Aufschluß über das Know-how der Wettbewerber und über entsprechende Schutzrechte
gibt wie auch über Substitutionsmöglichkeiten und Kenntnisse im eigenen Unternehmen.
Diese Infor-mationen und Daten sind aber nur die Grundlage für eine Strategie, die sich
vor allem durch Benchmarking und die Orientierung am Idealunternehmen entwickeln
läßt.
|